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Interview 26 von 142

:: "Lebendige Städte sind auch Aufgabe jedes Einzelnen"

Städte wandeln sich ständig und können sich zum besseren oder schlechteren verändern. Die Stiftung „Lebendige Stadt“ hat sich der Lebensqualität im komplexen Gebilde Stadt verschrieben. Der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums, Unternehmer Alexander Otto, erläutert im Interview auf

Die Verantwortung für eine lebenswerte und lebendige Stadt sieht Alexander Otto keineswegs nur bei Politik und Verwaltung. Auch jeder Einzelne sei dafür zuständig, dass seine Stadt ein guter Ort ist, bleibt oder wird. Viele fühlen sich bei Fragen zum urbanen Grün im öffentlichen Raum zum bürgerlichen Engagement motiviert:

Parks, Straßenbäume, bepflanzte Baumscheiben, überwachsene Brachen – grüne Flecken im Häusermeer erfreuen, lassen die Seele baumeln und verbessern spürbar das Klima in der Stadt. Sogar Wildtiere arrangieren sich notgedrungen mit dem städtischen Lebensraum – wenn man sie denn lässt: Momentan sucht die Stiftung „Lebendige Stadt“ gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe die Bundeshauptstadt der Biodiversität. Den Wettbewerb treten Städte und Kommunen mit ihren Konzepten für den Schutz von Artenvielfalt an. Im Interview erklärt Alexander Otto, was sich die Stiftung davon verspricht.

 

Die Stiftung „Lebendige Stadt“ engagiert sich für urbane Vielfalt, die entsteht, wenn Arbeiten, Wohnen, Handel und Kultur geschickt miteinander verknüpft werden: Städte sollen lebenswert sein. Vor allem setzt die Stiftung mit der Förderung von Projekten Impulse, die so vorbildlich sind, dass sie eine Leuchtturmfunktion einnehmen. Unter anderem sucht sie derzeit in einem Wettbewerb die Bundeshauptstadt der Biodiversität. Unternehmer Alexander Otto sitzt dem namhaft besetzten Stiftungskuratorium vor.

 

Menschengewimmel, Verkehrstrubel, Baustellen. In einer Stadt kann ziemlich viel in Bewegung sein. Was meinen Sie, wenn Sie von einer lebendigen Stadt sprechen?

Die urbane Vielfalt aus Arbeiten, Wohnen, Kommunikation, Kultur und Handel kennzeichnet eine lebendige Stadt. Städte müssen durch individuelle Gestaltung und differenzierte Angebote alle Menschen gleichermaßen ansprechen. Dabei sind diese äußeren Rahmenbedingungen Gradmesser für die Lebensqualität und damit auch für die Lebendigkeit einer Stadt. Jedoch unterliegen diese Rahmenbedingungen angesichts von Klima-, Demografie-, Wirtschafts- und Wertewandel Veränderungen.

 

Die Städte müssen frühzeitig Lösungen für diese Veränderungen entwickeln, um ihre Lebensqualität zu erhalten und zu verbessern. Die Stiftung „Lebendige Stadt“ unterstützt Städte seit nunmehr zehn Jahren bei der Erarbeitung und dem Austausch von Lösungen überwiegend in den Bereichen Licht, so beispielsweise Illuminationen, Grün und bebauter Raum im Sinne von „Best-Practice“.Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: In Essen hat die Stiftung jüngst die Gestaltung des innerstädtischen Krupp-Parks auf einer früheren Industriebrache gefördert. Dieses Projekt beinhaltet drei zukunftsweisende Lösungsansätze: Die neue Parklandschaft mit Gewässern und Pflanzungen beeinflusst Luft und Klima positiv und bietet neuen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Aus stadtplanerischer Sicht stellt der Park die Verbindung zwischen dem eher benachteiligten Stadtteil Altendorf und der Essener Innenstadt her. Und zudem bietet der Park mit Liegewiesen, Kinderspielplätzen, Grillmöglichkeiten sowie Sport- und Aktionsflächen generationenübergreifend alles, was man zur Erholung benötigt. Nicht zuletzt ist es der Stadt auch noch gelungen, für die Realisierung intelligente Finanzierungskonzepte zu entwickeln.

 

Zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe sucht die Stiftung „Lebendige Stadt“ gerade die Bundeshauptstadt der Biodiversität. Was erhoffen Sie sich von dem Wettbewerb?

Die Vielfalt der Natur ist unverzichtbar für Gesundheit, Lebensqualität, das Stadtklima, Freizeit und Erholung. Wir rufen mit dem Wettbewerb alle Städte und Kommunen auf, sich mit den von ihnen bereits erarbeiteten Konzepten zum Erhalt von Artenvielfalt zu bewerben. Mit dem Fragebogen des Wettbewerbs werden dazu in Deutschland entsprechend Standards gesetzt, an denen sich Kommunen orientieren können. In Kooperation mit den renommierten internationalen Umweltorganisationen ICLEI und IUCN werden zu allen Aspekten der Biodiversität Workshops angeboten. Somit ist eine Teilnahme an dem Wettbewerb nicht nur mit einer Auszeichnung, die von großer öffentlicher Wahrnehmung ist, sondern auch mit einem kommunalen Biodiversitätsaudit verbunden.

 

Der nationale Wettbewerb ist eingebunden in das europäische Projekt „Capitals of Biodiversity“. Mit Deutschland, Frankreich, Spanien, Ungarn und der Slowakei wird der Wettbewerb zeitgleich in insgesamt fünf Ländern ausgetragen. Dadurch reicht der Blick über den nationalen Horizont hinaus, was gerade beim Thema Biodiversität unverzichtbar ist. Um eine europaweite Struktur aufzubauen und weitere Länder zur Teilnahme zu gewinnen, finden zahlreiche Informationsmaßnahmen auf europäischer Ebene und ein intensiver Austausch mit den zuständigen Ministerien statt. Parallel wird ein europäisches Monitoring-System für Biodiversität in urbanen Räumen aufgebaut. Die Wettbewerbsergebnisse und „Best-Practice“-Beispiele werden dokumentiert und den Städten und Gemeinden zur Verfügung gestellt.

 

Abweisende Stahl-Glas-Zweckarchitektur, betonierte Parkplätze, Einkaufscenter. Lange hatte man den Eindruck, dass städtebaulich eher Gleichmacherei und Verdrängung als Vielfalt und Lebensraum Trumpf waren. Setzt bei den Planern inzwischen en Umdenken ein?

An der wachsenden öffentlichen Diskussion um die Gestaltung urbaner Räume ist zu erkennen, dass viele Bürger großen Anteil an der Entwicklung ihrer Stadt nehmen. Dieser Partizipationsprozess hat Politiker, Planer und Entwickler sensibilisiert. Jede Stadt hat eine individuelle Geschichte, Entwicklung und Prägung. Stadtplanung und Architektur sollten dies bei der Planung neuer Projekte immer berücksichtigen. Gleichwohl ist Architektur natürlich auch immer streitbar, weil es dazu immer verschiedene Meinungen gibt und geben muss – denn auch das gehört zu einer lebendigen Stadt. Auch wird man unter funktionalen Aspekten immer wieder zu Kontroversen gelangen, weil notwendige Versorgungseinrichtungen für die Bevölkerung in Konkurrenz zu alternativen Nutzungsarten um städtische Flächen stehen. Ein Ausgleich zwischen den Interessen ist erforderlich, der selten zu hundertprozentiger Zufriedenheit ausfallen wird. Entscheidend ist, dass die letztendliche Entscheidung eine verträgliche Entwicklung der Stadt begünstigt und am Ende mehr statt weniger Lebensqualität erzielt wird.

 

Was braucht eine Stadt, damit urbane Artenvielfalt eine Chance hat?

Unzweifelhaft ist Artenvielfalt wichtig für die Lebensqualität in unseren Städten. Es besteht aber ein Spannungsverhältnis bei der Koexistenz von Mensch, Tier und Natur auf begrenztem Raum. So stehen zum Beispiel die Ausweisung von neuen Natur- oder Landschaftsschutzgebieten im Gegensatz zur Schaffung neuen Wohnraums. Beides ist aber existenziell für eine nachhaltige Entwicklung der Städte. Während wir auf der einen Seite zu Recht den Verlust von biologischen Arten beklagen, wird gleichzeitig der Mangel an bezahlbaren Wohnungen kritisiert.

 

Diesen Konflikt gilt es zu lösen. Dies kann nur durch Erarbeitung individueller Maßnahmen und Strategien vor Ort geschehen. Dabei gilt es die Folgen der Entscheidungen abzuwägen. Ein Instrumentarium, um auch in unseren Städten Artenvielfalt zu bewahren, ist die Entwicklung von individuellen Grünmasterplänen. Auf Initiative der Stiftung „Lebendige Stadt“ wurde 2004 auf Basis eines bundesweiten Wettbewerbs erstmals in Deutschland für die Stadt Heilbronn ein solcher Grünmasterplan erarbeitet, der eine Leitplanung für öffentliches Grün in der Stadt darstellt. Dieser Masterplan wurde unter Beteiligung der Bürger Heilbronns erstellt und soll die Stadt zukünftig noch attraktiver und lebenswerter machen. Hierbei besteht die Möglichkeit, auch Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen bzw. zu schützen.

 

Was kann der Einzelne tun, damit seine Stadt in grüner Hinsicht lebendiger wird?

Wichtig ist, dass wir alle die Entwicklung unserer Städte aktiv und mit Interesse verfolgen und nicht meinen, das sei allein Aufgabe von Politik und Verwaltung. Es gibt viele Grünprojekte in den Städten, die von der Mitarbeit jedes einzelnen Bürgers leben. Ich habe bereits beispielhaft den Essener Krupp-Park genannt, bei dessen Gestaltung unter anderen zahlreiche Schüler Hand angelegt haben, oder den Grünmasterplan für Heilbronn, bei dessen Erstellung sich viele Bürger im Partizipationsverfahren mit ihren Ideen eingebracht haben. Viele Kommunalpolitiker sind dankbar für Tipps und Ratschläge aus der Bevölkerung bei der Grüngestaltung der Städte. Somit gibt es verschiedene Ansätze, was jeder Einzelne zur Lebendigkeit unserer Städte beitragen kann.

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