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Interview 79 von 142

:: Mitten im Leben

Warum können wir die Erde noch retten, Herr Alt? Persönliches Interview im SENIOREN-Ratgeber.
Gibt es Francesco Altini noch, Ihr Alter Ego als Zauberkünstler?
Gelegentlich. Meine letzte Abendshow habe ich in Südafrika gemacht. Dort habe ich auf einer Kreuzfahrt Vorträ­ge gehalten - und gezaubert. Ab und zu sollte man ja auch was Anständiges machen. Wahrscheinlich kompensie­re ich einiges durch die Zauberei.
 
 
Was müssen Sie denn ausgleichen?
Arger über viel zu langsame politische und ökonomische Veränderungen. Technisch ist Deutschland noch im­mer in vielen Entwicklungen führend. Aber das Umsetzen dauert zu lange.
 
 
Man kann Sie zu 28 Vortragsthemen buchen - von „Mobil ohne Auto" bis zu „Gesunde Lebensmittel für alle". Wol­len Sie im Alleingang die Erde retten?
Dann wäre ich sicher größenwahnsin­nig. Aber ich bin jetzt 40 Jahre Journa­list und habe mich in der Zeit auf ein paar Themen spezialisiert. Nur als Beispiel: Eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trink­wasser, in zehn Jahren werden es zwei Milliarden sein. Täglich produ­zieren wir 30.000 HektarWüste, rotten 100 Tier- und Pflanzenarten aus und blasen 100 Millionen Tonnen Treib­hausgase in die Luft.
 
 
Warum genießen Sie nach so vielen Jahren Engagement nicht einfach Ihren Ruhestand?
Ich lebe gerne, und ich arbeite ger­ne. Alles, was ich mache, mache ich mit Lust und Freude. Am liebsten mit meiner Frau zusammen. Ich will Lust auf Zukunft machen und in den Chor der Problemlöser einstimmen. In Chi­na, Korea, Japan und Thailand ist das Schriftzeichen für Krise dasselbe wie für Chance. Nur- in Deutschland den­ken wir zu viel über Krisen und zu we­nig über Chancen nach.
 
 
Woher kommt diese Unlust, sich mit den Chancen zu beschäftigen?
Als reiches Land haben wir zu wenige Visionen für eine bessere Zukunft und zu wenig Mitgefühl für die Ärmsten. Dass täglich 26.000 Menschen ver­hungern, lässt uns relativ gleichgültig. Schon die Bibel wusste: Ein Volk ohne Visionen hat keine Zukunft. Ich füge hinzu: und bekommt immer weniger Kinder. Kinderarmut ist der deutlichste Hinweis auf Hoffnungslosigkeit in einer Gesellschaft.
 
 
Von dem ehemaligen Tagesthemen­-Moderator Hajo Friedrichs stammt der Satz: „Ein Journalist darf sich nie mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten." Journalistische Neutralität war nie Ihr Ding ...
Hajo Friedrichs war ein ganz großer Kollege Aber in dieser Frage war ich immer anderer Meinung. Vor allem, wenn es um Menschenleben geht. Die Medien sind zu sehr gegenwartsver­sessen und zukunftsvergessen. Jour­nalisten müssen auch die Lösungen beschreiben, mit den Wissenschaft­lern zusammen Erkenntnisse in die Gesellschaft hineintragen.
 
 
„Eine bessere Welt ist möglich" heißt eines Ihrer Bücher. Warum, glauben Sie, ist die Erde noch zu retten?
Einstein hat am Schluss seines Le­bens gesagt: „Wir nutzen nur zehn Prozent der in uns angelegten Intel­ligenz." Wenn wir elf Prozent errei­chen können, dann haben wir es ge­schafft. Bildung, Wasser, erneuerbare Energien, das sind die wichtigsten Punkte auf der Agenda. Was wir brau­chen, ist eine Art Marshall-Plan. Wenn die Industriestaaten mit der Dritten Welt das Gleiche machen würden wie die Amerikaner mit uns nach dem Zweiten Weltkrieg, müsste in 20 Jah­ren kein Kind mehr verhungern.
 
 
Das meiste von dem, was Sie propagieren, ist längst bekannt. Warum ändert sich nichts? Werden Sie nicht ungeduldig?
Ungeduldig sind wir alle. Aber ich bin Realist, nicht Fundamentalist. Ich war in den Neunzigern zehn Jahre unglücklich, weil alles so lan­ge dauerte. Man wird bescheiden.
 
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz beispielsweise trat im Jahr 2000 in Deutschland in Kraft und gilt inzwi­schen in 46 Ländern, darunter auch China.
 
 
Was hat Ihnen dabei geholfen, sich in Geduld zu üben? Auch das Alter?
Hauptsächlich meine Frau und unse­re Töchter.
 
 
Welches Ereignis hat Sie zum Mahner und Weltverbesserer gemacht? Gab es einen bestimmten Auslöser?
Das Beschäftigen mit dem Neuen Testament und die Erfahrung von Tschernobyl. Das elfte Gebot unserer Zeit sollte heißen: Du sollst den Kern nicht spalten - weder den Atomkern noch den Zellkern.
 
 
Was antworten Sie Senioren, die sagen „Die Natur ist mir egal. Nach mir die Sinnflut"?
Nach meiner Lebenserfahrung ist der Sinn unseres Hierseins, sich für die nachfolgenden Generationen zu en­gagieren. Der Da­lai Lama sagte in ei­ner meiner Sendun­gen: „Religiös ist, wer mitarbeitet an der Bewahrung der Schöpfung."
 
 
Umweltbewusstsein verlangt eine frühe Schule. Wie haben Sie bei Ihren Kindern versucht, die Liebe zur Natur zu wecken?
Einfach vormachen. Unsere Kinder sind begeistert, dass wir unser Haus mit erneuerbaren Energien versorgen, Strom und Wärme mithilfe der Sonne organisieren, wenig Auto fahren und uns gesund ernähren.
 
Eine Frage noch an Francesco Altini: Nehmen wir an, Sie hätten zwei Wünsche frei - was würden Sie herbei­zaubern?
Die schnellere Einführung von erneu­erbaren Energien und ein gesundes, langes Leben mit meiner Frau. Da­zu braucht man keinen Zauberstab. Daran arbeiten wir beide.                   
Quelle:
Erstveröffentlichung im
SENIOREN-Ratgeber Dezember 2007
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