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:: Professoren als Parteisoldaten
Nicht überrascht zeigt sich der Präsident der Gesellschaft für StrahlenÂschutz, Sebastian Pflugbeil (63), vom mangelhaften KriÂsenmanagement in Japan nach dem schweren Atom- Unfall. „Wir beschäftigen uns schon lange damit, wie das in Deutschland aussehen würde. Mehrere Übungen haben geÂzeigt: Das Ausmaß der AhÂnungslosigkeit ist erschreÂckend", sagte Pflugbeil im InÂterview. Strahlenschutzpräsident Pflugbeil kritisiert Atomkraft-Befürworter in einem Interview im Badischen Tagblatt. Mit dem Physiker haÂben Andre Bochow und GunÂther Hartwig gesprochen.
BT: Herr Pflugbeil, sind wir in Fukushima noch mal mit dem blauen Auge davongeÂkommen?
Sebastian Pflugbeil: Das ist im Moment sehr schwer zu saÂgen. Aber die Fakten, die wir kennen, lassen nichts Gutes ahnen. Vier Reaktoren zersetÂzen sich allmählich, und man weiß nicht, wann wie viel RaÂdioaktivität austreten wird. Im Vergleich zu Tschernobyl ist ein Vielfaches an radioaktivem Potenzial in den Anlagen.
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Hochproblematisch ist auch, dass systematisch radioaktive Substanzen in den Pazifik geÂspült werden. Das ist natürlich eine wahnsinnige Sauerei, deÂren Folgen man noch gar nicht absehen kann. Und niemand weiß, wann das alles endet. Hinzu kommt die hohe BevölÂkerungsdichte in Japan. Das lässt Schlimmes für mögliche Folgeerkrankungen befürchÂten. Wenn demnächst der Wind Richtung Land weht und die Niederschläge zunehmen, dann könnte radioaktiver NieÂderschlag niedergehen.
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BT: Hat Sie das schlechte Krisenmanagement in Japan überrascht?
Pflugbeil: Nein. Wir beschäfÂtigen uns schon lange damit, wie das in Deutschland ausseÂhen würde. Mehrere Übungen haben gezeigt: Das Ausmaß der Ahnungslosigkeit ist erÂschreckend. Das ist in Japan nicht anders als bei uns. FachÂleuten ist das seit langem klar.
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BT: Kann man eine höhere Transparenz bei den VorgänÂgen in Japan erzwingen?
Pflugbeil: Diejenigen, die das machen müssten, haben gar kein Interesse daran. DenÂken Sie mal an die AtomenerÂgiebehörde der UNO. Deren Satzungsziel ist die WeiterverÂbreitung der friedlichen KernÂenergienutzung. Da sind EreigÂnisse wie in Tschernobyl und Fukushima natürlich imageÂschädigend. Immerhin hat die IAEA deutliche Worte über die Strahlenbelastung in Japan geÂfunden, die weit über das hinÂaus geht, was die japanischen Behörden veröffentlicht haben. Auch die rasche und harte ReÂaktion der Bundeskanzlerin hat mich überrascht.
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BT: Halten Sie diese ReaktiÂon für Wahlkampftaktik ?
Pflugbeil: Ja, das gehört siÂcher dazu. Aber hinter beÂstimmte Erklärungen wird AnÂgela Merkel nicht so ohne weiÂteres zurück können. AndererÂseits hat sie nach der KatastroÂphe von Fukushima gesagt, sie hätte nicht gewusst, wie gefährÂlich die Kernenergie tatsächlich ist. Wie kann man so etwas saÂgen? Und wenn die BundesreÂgierung den Ausstieg wirklich will, dann kann sie der KernÂenergie ganz schnell das Licht ausblasen.
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BT: Wie denn?
Pflugbeil: Es gibt das kern‑technische Regelwerk. Das ist 30 Jahre alt. Rot-Grün hat den Stand von Wissenschaft und Technik aufgegriffen und ein neues Regelwerk geschaffen. Das ist dann durch den RegieÂrungswechsel erst einmal nicht fertig geworden. Seit drei JahÂren aber ist es komplett und liegt in der Schublade. Es müsste nur noch ein Kurier zur Druckerei geschickt werden.
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Sobald das gedruckt ist, gilt es. Dann gäbe es so viele VerÂpflichtungen für technische Nachrüstungen, dass man wahrscheinlich gleich alle 17 Meiler auf einmal abschalten müsste. Oder denken Sie an das Versicherungsproblem. AlÂle deutschen Kernkraftwerke sind zusammen für 2,5 MilliarÂden Euro versichert. Wen man die möglichen Folgen kalÂkuliert, dann müsste die zu verÂsichernde Summe bei 5 000 Milliarden oder mehr liegen. Niemand würde über KernÂkraft reden, wenn die KraftÂwerksbetreiber sich realistisch versichern müssen.
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„Der Eon-Chef ist doch kein neutraler Experte"
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BT: Was halten Sie denn von der Ethikkommission zur enerÂgetischen Zukunft?
Pflugbeil: Gar nichts. Was macht da zum Beispiel der Eon-Chef? Das ist doch kein neutraler Experte. Natürlich hätte ein klares AusstiegsvoÂtum möglicherweise eine unÂterstützende Wirkung für die gegenwärtige Position der Kanzlerin, die vermutlich hinÂter verschlossenen Türen geraÂde Prügel von den eigenen Leuten bezieht. Aber nach dem, was ich da bei der ersten Anhörung erlebt habe, erwarte ich so eine Positionierung der Kommission nicht.
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BT: Welche Rolle hat Tschernobyl bei der BewusstÂseinsbildung der Deutschen geÂspielt?
Pflugbeil: Bei den Älteren siÂcher eine größere Rolle als bei den Jüngeren. Für die Jungen ist Tschernobyl so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Bei den Politikern hat Tschernobyl in der Regel gar kein UmdenÂken veranlasst, und was noch schlimmer ist: Die Fachleute, vor allem die in den hochange‑sehenen Kommissionen, steÂhen der Kernkraft äußerst unÂkritisch gegenüber. Was mich wirklich empört, ist, wie viele hochdotierte Professoren, die eigentlich unabhängig agieren können, sich in der KernenerÂgiefrage wie Parteisoldaten verÂhalten. Da vertuschen sogar Wissenschaftler, die für die UNO arbeiten, die gesundheitÂlichen Folgen von TschernoÂbyl.
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BT: Worauf stützen denn diese Wissenschaftler ihre AnÂgaben?
Pflugbeil: Im Wesentlichen auf die Angaben von denjeniÂgen, die zu Sowjetzeiten den Auftrag hatten, die Folgen konÂsequent herunter zu spielen.
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BT: Gab es nicht auch in Deutschland Tschernobyl-FolÂgen, die weitgehend unbekannt blieben?
Pflugbeil: So ist es. Es gibt ja nur in Bayern überhaupt ein Register für angeborene FehlÂbildungen. Warum eigentlich nur dort? Jedenfalls wissen wir durch dieses Register, dass es bei Neugeborenen-FehlbildunÂgen einen deutlichen Knick nach Tschernobyl gegeben hat. In West-Berlin ist es aufgefalÂlen, dass im Januar 1987 die Fälle von Down-Syndrom sich vervielfacht hatten. Man fand aber zunächst keine Ursache. Bis man dann zufällig auf eine Veröffentlichung des HahnÂMeitner-Institutes gestoßen ist, die den nuklearen NiederÂschlag anzeigten. Der war neun Monate zuvor niedergeÂgangen.
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BT: Wie viel Menschen sind denn tatsächlich an den Folgen des GAU in Tschernobyl ums Leben gekommen?
Pflugbeil: Die von der UNO sanktionierten Zahlen liegen im dreistelligen Bereich. Wenn man aber allein die Angaben über Rentenzahlungen für die sogenannten Liquidatoren und die Angaben der Liquidatoren- verbände nimmt, dann ist die Zahl der bereits Gestorbenen sechsstellig. Dazu kommen Zehntausende an StrahlenfolÂgen tödlich Erkrankte, die von den Behörden vollständig igÂnoriert werden. Es ist auf jeden Fall viel, viel schlimmer, als es offiziell dargestellt wird. Aber es ist sehr schwer für unabhänÂgige Beobachter, das zu beweiÂsen. Die UNO-Ebene aber will das Thema abschließen. Von dort kommt Druck, man solle doch die Gruppen der mediziÂnisch überwachten Menschen zusammenzustreichen. Das ist für mich kriminell.
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Zweiter Sarkophag „völlig sinnlos"
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BT: Sie legen großen Wert auf die Feststellung, dass in Tschernobyl der größte Teil des nuklearen Materials mit eiÂnem Schlag in Form einer ExÂplosion entwichen ist. Die offiÂzielle Darstellung ist genau umÂgekehrt und geht davon aus, das Material ist noch unter dem Sarkophag. Braucht man Ihrer Meinung keinen zweiÂten?
Pflugbeil: Nein. Das ist völlig sinnlos. Hier geht es nur darÂum, zu beweisen, dass man die Sache irgendwie in den Griff bekommt. Außerdem betrachÂten einige den Bau des zweiten Sarkophags als eine GoldgruÂbe. Ich bin mit einem russiÂschen Wissenschaftler befreunÂdet, der es sich zur LebensaufÂgabe gemacht hat, die ReaktorÂreste zu untersuchen. Ich war mit ihm da unten, wo sich der Kernbrennstoff befand. Da ist nichts mehr. Darüber hinaus gibt es noch jede Menge andeÂre wissenschaftliche Beweise dafür, dass es tatsächlich eine Kernexplosion gegeben hat. Aber eine Kernexplosion nach einem GAU will die EnergieÂwirtschaft auf keinen Fall zugeÂben. Und die meisten Politiker auch nicht.
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