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Sebastian Pflugbeil - ist ein deutscher Physiker und Bürgerrechtler. Er war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums und 1990 Minister ohne Geschäftsbereich in der letzten SED-geführten DDR-Regierung (Regierung Modrow).

Blick auf das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima: „Hochproblematisch ist auch, dass systematisch radioaktive Substanzen in den Pazifik gespült werden", sagt Pflugbeil. © flickr.com | DigitalGlobe-Imagery
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Interview 55 von 178

:: Professoren als Parteisoldaten

Nicht überrascht zeigt sich der Präsident der Gesellschaft für Strahlen­schutz, Sebastian Pflugbeil (63), vom mangelhaften Kri­senmanagement in Japan nach dem schweren Atom- Unfall. „Wir beschäftigen uns schon lange damit, wie das in Deutschland aussehen würde. Mehrere Übungen haben ge­zeigt: Das Ausmaß der Ah­nungslosigkeit ist erschre­ckend", sagte Pflugbeil im In­terview. Strahlenschutzpräsident Pflugbeil kritisiert Atomkraft-Befürworter in einem Interview im Badischen Tagblatt. Mit dem Physiker ha­ben Andre Bochow und Gun­ther Hartwig gesprochen.

BT: Herr Pflugbeil, sind wir in Fukushima noch mal mit dem blauen Auge davonge­kommen?

Sebastian Pflugbeil: Das ist im Moment sehr schwer zu sa­gen. Aber die Fakten, die wir kennen, lassen nichts Gutes ahnen. Vier Reaktoren zerset­zen sich allmählich, und man weiß nicht, wann wie viel Ra­dioaktivität austreten wird. Im Vergleich zu Tschernobyl ist ein Vielfaches an radioaktivem Potenzial in den Anlagen.

 

Hochproblematisch ist auch, dass systematisch radioaktive Substanzen in den Pazifik ge­spült werden. Das ist natürlich eine wahnsinnige Sauerei, de­ren Folgen man noch gar nicht absehen kann. Und niemand weiß, wann das alles endet. Hinzu kommt die hohe Bevöl­kerungsdichte in Japan. Das lässt Schlimmes für mögliche Folgeerkrankungen befürch­ten. Wenn demnächst der Wind Richtung Land weht und die Niederschläge zunehmen, dann könnte radioaktiver Nie­derschlag niedergehen.

 

BT: Hat Sie das schlechte Krisenmanagement in Japan überrascht?

Pflugbeil: Nein. Wir beschäf­tigen uns schon lange damit, wie das in Deutschland ausse­hen würde. Mehrere Übungen haben gezeigt: Das Ausmaß der Ahnungslosigkeit ist er­schreckend. Das ist in Japan nicht anders als bei uns. Fach­leuten ist das seit langem klar.

 

BT: Kann man eine höhere Transparenz bei den Vorgän­gen in Japan erzwingen?

Pflugbeil: Diejenigen, die das machen müssten, haben gar kein Interesse daran. Den­ken Sie mal an die Atomener­giebehörde der UNO. Deren Satzungsziel ist die Weiterver­breitung der friedlichen Kern­energienutzung. Da sind Ereig­nisse wie in Tschernobyl und Fukushima natürlich image­schädigend. Immerhin hat die IAEA deutliche Worte über die Strahlenbelastung in Japan ge­funden, die weit über das hin­aus geht, was die japanischen Behörden veröffentlicht haben. Auch die rasche und harte Re­aktion der Bundeskanzlerin hat mich überrascht.

 

BT: Halten Sie diese Reakti­on für Wahlkampftaktik ?

Pflugbeil: Ja, das gehört si­cher dazu. Aber hinter be­stimmte Erklärungen wird An­gela Merkel nicht so ohne wei­teres zurück können. Anderer­seits hat sie nach der Katastro­phe von Fukushima gesagt, sie hätte nicht gewusst, wie gefähr­lich die Kernenergie tatsächlich ist. Wie kann man so etwas sa­gen? Und wenn die Bundesre­gierung den Ausstieg wirklich will, dann kann sie der Kern­energie ganz schnell das Licht ausblasen.

 

BT: Wie denn?

Pflugbeil: Es gibt das kern‑technische Regelwerk. Das ist 30 Jahre alt. Rot-Grün hat den Stand von Wissenschaft und Technik aufgegriffen und ein neues Regelwerk geschaffen. Das ist dann durch den Regie­rungswechsel erst einmal nicht fertig geworden. Seit drei Jah­ren aber ist es komplett und liegt in der Schublade. Es müsste nur noch ein Kurier zur Druckerei geschickt werden.

 

Sobald das gedruckt ist, gilt es. Dann gäbe es so viele Ver­pflichtungen für technische Nachrüstungen, dass man wahrscheinlich gleich alle 17 Meiler auf einmal abschalten müsste. Oder denken Sie an das Versicherungsproblem. Al­le deutschen Kernkraftwerke sind zusammen für 2,5 Milliar­den Euro versichert. Wen man die möglichen Folgen kal­kuliert, dann müsste die zu ver­sichernde Summe bei 5 000 Milliarden oder mehr liegen. Niemand würde über Kern­kraft reden, wenn die Kraft­werksbetreiber sich realistisch versichern müssen.

 

„Der Eon-Chef ist doch kein neutraler Experte"

 

BT: Was halten Sie denn von der Ethikkommission zur ener­getischen Zukunft?

Pflugbeil: Gar nichts. Was macht da zum Beispiel der Eon-Chef? Das ist doch kein neutraler Experte. Natürlich hätte ein klares Ausstiegsvo­tum möglicherweise eine un­terstützende Wirkung für die gegenwärtige Position der Kanzlerin, die vermutlich hin­ter verschlossenen Türen gera­de Prügel von den eigenen Leuten bezieht. Aber nach dem, was ich da bei der ersten Anhörung erlebt habe, erwarte ich so eine Positionierung der Kommission nicht.

 

BT: Welche Rolle hat Tschernobyl bei der Bewusst­seinsbildung der Deutschen ge­spielt?

Pflugbeil: Bei den Älteren si­cher eine größere Rolle als bei den Jüngeren. Für die Jungen ist Tschernobyl so weit weg wie der 30-jährige Krieg. Bei den Politikern hat Tschernobyl in der Regel gar kein Umden­ken veranlasst, und was noch schlimmer ist: Die Fachleute, vor allem die in den hochange‑sehenen Kommissionen, ste­hen der Kernkraft äußerst un­kritisch gegenüber. Was mich wirklich empört, ist, wie viele hochdotierte Professoren, die eigentlich unabhängig agieren können, sich in der Kernener­giefrage wie Parteisoldaten ver­halten. Da vertuschen sogar Wissenschaftler, die für die UNO arbeiten, die gesundheit­lichen Folgen von Tscherno­byl.

 

BT: Worauf stützen denn diese Wissenschaftler ihre An­gaben?

Pflugbeil: Im Wesentlichen auf die Angaben von denjeni­gen, die zu Sowjetzeiten den Auftrag hatten, die Folgen kon­sequent herunter zu spielen.

 

BT: Gab es nicht auch in Deutschland Tschernobyl-Fol­gen, die weitgehend unbekannt blieben?

Pflugbeil: So ist es. Es gibt ja nur in Bayern überhaupt ein Register für angeborene Fehl­bildungen. Warum eigentlich nur dort? Jedenfalls wissen wir durch dieses Register, dass es bei Neugeborenen-Fehlbildun­gen einen deutlichen Knick nach Tschernobyl gegeben hat. In West-Berlin ist es aufgefal­len, dass im Januar 1987 die Fälle von Down-Syndrom sich vervielfacht hatten. Man fand aber zunächst keine Ursache. Bis man dann zufällig auf eine Veröffentlichung des Hahn­Meitner-Institutes gestoßen ist, die den nuklearen Nieder­schlag anzeigten. Der war neun Monate zuvor niederge­gangen.

 

BT: Wie viel Menschen sind denn tatsächlich an den Folgen des GAU in Tschernobyl ums Leben gekommen?

Pflugbeil: Die von der UNO sanktionierten Zahlen liegen im dreistelligen Bereich. Wenn man aber allein die Angaben über Rentenzahlungen für die sogenannten Liquidatoren und die Angaben der Liquidatoren- verbände nimmt, dann ist die Zahl der bereits Gestorbenen sechsstellig. Dazu kommen Zehntausende an Strahlenfol­gen tödlich Erkrankte, die von den Behörden vollständig ig­noriert werden. Es ist auf jeden Fall viel, viel schlimmer, als es offiziell dargestellt wird. Aber es ist sehr schwer für unabhän­gige Beobachter, das zu bewei­sen. Die UNO-Ebene aber will das Thema abschließen. Von dort kommt Druck, man solle doch die Gruppen der medizi­nisch überwachten Menschen zusammenzustreichen. Das ist für mich kriminell.

 

Zweiter Sarkophag „völlig sinnlos"

 

BT: Sie legen großen Wert auf die Feststellung, dass in Tschernobyl der größte Teil des nuklearen Materials mit ei­nem Schlag in Form einer Ex­plosion entwichen ist. Die offi­zielle Darstellung ist genau um­gekehrt und geht davon aus, das Material ist noch unter dem Sarkophag. Braucht man Ihrer Meinung keinen zwei­ten?

Pflugbeil: Nein. Das ist völlig sinnlos. Hier geht es nur dar­um, zu beweisen, dass man die Sache irgendwie in den Griff bekommt. Außerdem betrach­ten einige den Bau des zweiten Sarkophags als eine Goldgru­be. Ich bin mit einem russi­schen Wissenschaftler befreun­det, der es sich zur Lebensauf­gabe gemacht hat, die Reaktor­reste zu untersuchen. Ich war mit ihm da unten, wo sich der Kernbrennstoff befand. Da ist nichts mehr. Darüber hinaus gibt es noch jede Menge ande­re wissenschaftliche Beweise dafür, dass es tatsächlich eine Kernexplosion gegeben hat. Aber eine Kernexplosion nach einem GAU will die Energie­wirtschaft auf keinen Fall zuge­ben. Und die meisten Politiker auch nicht.

Quelle:

Andre Bochow | Gun­ther Hartwig 2011

Sebastian Pflugbeil 2011

Badisches Tagblatt 2011

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