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:: Stuttgart 21: "Visionäres Tiefgeschoss"
Was macht Großprojekte wie "Stuttgart 21" so problematisch? Fragen an den Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim in PublikForum von Jens Klein
Herr Monheim, Stuttgart 21 soll die Fahrtzeit der Züge verkürzen, den Lärmpegel senken und obendrein viel Platz zur StadtentwickÂlung schaffen. Das klingt doch toll. Weshalb gibt es dennoch so viel Widerstand?
Heiner Monheim: Stuttgart 21 ist eine RadikalÂoperation. Es sprengt den ganzen Geist, den wir sowohl städtebaulich als auch verÂkehrspolitisch in den zwanzig Jahren vorÂher mühsam entwickelt haben: behutsame Stadterneuerung, behutsame VerkehrsinÂvestition, maßgeschneiderte Konzepte und Investitionen, die nach Möglichkeit vielen Standorten zugute kommen sollen.
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Was heißt das für Stuttgart 21?
Monheim: Stuttgart 21 schafft nach dem UmÂbau einen Flaschenhals. Die Verknüpfung von Fernverkehr, Regionalverkehr und Nahverkehr wird schlechter. Die Kapazität ist limitiert. Unter der Erde kann man eben nicht endlos in die Breite gehen. Wegen seiÂner riesigen Kosten ist das Projekt eine InÂnovationsbremse und blockiert auf 15 Jahre den Fortschritt im sonstigen Bahnsystem. Anderswo verlottern die Bahnhöfe, verrotÂten die Gleise, sind Rostlauben unterwegs. Mit der Investitionsmonopolisierung schädigt Stuttgart 21 das System Bahn, statt es zu verbessern.
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Wo wären die Milliarden besser aufgehoben?
Monheim: Allein in Baden-Württemberg kommen über hundert vordringliche ProÂjekte nicht in Gang, weil sich Planung und Finanzierung nur auf Stuttgart konzentrieÂren. Stuttgart sollte von Frankfurt und München lernen. Beide Städte haben sich schnell von den ebenfalls gigantisch teuren Tiefbahnhofsprojekten München 21 und Frankfurt 21 verabschiedet und stattdessen kostengünstige Detailverbesserungen geÂmacht. Das war gut, weil der ImmobilienÂmarkt gar nicht so boomt, wie sich die 21er Planer erhofft hatten. Im Europaviertel Frankfurt auf der Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs gibt es viele freie Flächen. Ähnlich läuft es in München. Viele beÂstandsorientierte Einzelmaßnahmen sind besser als ein gigantisches Großprojekt.
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In Stuttgart hätte es auch so laufen sollen?
Monheim: Ja, schließlich hat es von Anfang an alternative Pläne für kleinteilige VerÂbesserungen gegeben - mit dem Konzept Kopfbahnhof 21. Es will den Bahnhof bauÂlich und technisch modernisieren, erhält den Bahnhof, kostet viel weniger und bringt mehr für die Knotenfunktion. KopfÂbahnhof 21 gibt dem Bahnhof endlich wieÂder eine richtige Halle über den Gleisen. Es ist ein Skandal, dass sich die amtlichen PlaÂner nie in einem fairen Systemvergleich ernsthaft mit der Idee befasst haben.
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Die politischen Entscheidungsträger scheiÂnen das anders zu sehen.
Monheim: Deutsche Finanzminister und Bahnfinanzchefs müssten eigentlich schäumen vor Wut, wenn Projekte dieser Dimension alternativlos geplant werden. Es müsste eine gesetzliche Bremse geben. Wenn Stuttgart in der Schweiz läge, wäre das Projekt längst durch Volksentscheid gestoppt worden. Normalerweise gibt es anfangs eine Problemanalyse und eine AlÂternativenprüfung. All das hat nicht stattÂgefunden. Es ist nach den Ideen von ProÂfessor Heimerl von vier großkopferten Schwaben - dem damaligen Bahnchef Dürr, dem damaligen Verkehrsminister Wissmann, dem damaligen OberbürgerÂmeister Rommel und dem damaligen MiÂnisterpräsidenten Teufel - von jetzt auf gleich aus dem Hubschrauber beschlossen worden, und dann haben die Beamten soÂwie das "Stimmvieh" in den Gremien samt den Amtsnachfolgern in blinder Nibelungentreue die Idee durchgepaukt.
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Wurden die Bürger nicht beteiligt?
Monheim: Nicht ernsthaft. Das ist bei allen Großprojekten gleich. Sie laufen ohne faire Analyse von Gegenargumenten und FachÂkritik. Stattdessen gibt es volksverdumÂmende Hochglanzbroschüren, neckische Animationsfilme und nebulöses Sprücheklopfen von den angeblich segensreichen Wirkungen. Erst jetzt fällt den VerantwortÂlichen der "Runde Tisch" ein, vorher wurÂden Millionen in eine VernebelungskamÂpagne gesteckt.
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Kann es denn überhaupt noch visionären Städtebau geben, wenn viele Bürger GroßÂprojekte offenbar ablehnen?
Monheim: Ja, natürlich. Was der StuttgartÂ21-Architekt Christoph Ingenhoven da in seiner Argumentation macht, finde ich wirklich völlig albern. Das Neue im StädteÂbau ersetzt nicht immer nur das Alte. Ich reiße doch auch nicht den Kölner Dom ab, um neue Kirchenarchitektur zu machen. Wenn du eine neue Kirche baust, dann mach sie so spektakulär, wie du willst, aber lass doch den Kölner Dom dafür stehen.
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Ein Bahnhof ist keine Kirche.
Monheim: Nein. Aber der Stuttgarter HauptÂbahnhof war mal eine Kathedrale des FortÂschritts. Gemessen daran ist es kompletter Quatsch, Stuttgart 21 für einen visionären Bau zu halten. Das ist ein visionäres TiefgeÂschoss. Für eine Tiefgarage mag der EntÂwurf ja angehen, aber für einen bedeutenÂden Bahnknoten kaum. Deshalb finden sich unter den Gegnern ganz viele ArchiÂtekten, die das Projekt nicht gutheißen.
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Vielleicht verkennen die Bürger die InnovaÂtionskraft solcher Großprojekte?
Monheim: Nein, das ist wirklich ärgerlich. Architekten wie Ingenhoven verkennen völlig, was die Leute antreibt. Er stellt sie in die Romantiker- und Heimatecke, die alle nichts Neues wollen. Das ist Unsinn. Ein Großteil der Kritiker will eine neue BahnÂpolitik. Das ist nicht rückwärtsgewandt.
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Gilt das nur für Stuttgart 21?
Monheim: Diese Kritik gilt generell für GroßÂprojekte, weil es immer die gleiche GeÂschichte ist: Ob in Köln die U-Bahn oder in München der Transrapid immer dominiert der Größenwahn von Oberbürgermeistern und Ministerpräsidenten den planerischen Ehrgeiz, und es geht weniger um eine verÂallgemeinerbare Problemlösung. In der Regel haben die Kritiker klare VorstellunÂgen, was stattdessen passieren soll. Sie haÂben innovative Konzepte. Vielleicht gibt es jetzt ein leichtes Einlenken und nicht nur Imagepflege, sondern ProjektverbesserunÂgen. Alles muss auf den Prüfstand, was unÂnötig teuer, kompliziert und vom Scheitern bedroht ist. Alles muss in die Entscheidung eingehen, was Kosten spart, die LeistungsÂfähigkeit steigert, die Bauzeit verkürzt und den Konsens fördert. Noch kann man eine Notbremsung machen.
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Heiner Monheim
Jahrgang 1946, ist Stadt- und Verkehrsplaner. Er hat jahrelang im BundesÂbauministerium und dem Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen geÂarbeitet. Er gehört zu den Kritikern des Projekts "Stuttgart 21" und hat in einem Gutachten den Alternativentwurf "Kopfbahnhof 21" befürwortet. Professor Monheim lehrt Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier.
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