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Interview 29 von 142

:: Stuttgart 21: "Visionäres Tiefgeschoss"

Was macht Großprojekte wie "Stuttgart 21" so problematisch? Fragen an den Verkehrswissenschaftler Heiner Monheim in PublikForum von Jens Klein

Herr Monheim, Stuttgart 21 soll die Fahrtzeit der Züge verkürzen, den Lärmpegel senken und obendrein viel Platz zur Stadtentwick­lung schaffen. Das klingt doch toll. Weshalb gibt es dennoch so viel Widerstand?

Heiner Monheim: Stuttgart 21 ist eine Radikal­operation. Es sprengt den ganzen Geist, den wir sowohl städtebaulich als auch ver­kehrspolitisch in den zwanzig Jahren vor­her mühsam entwickelt haben: behutsame Stadterneuerung, behutsame Verkehrsin­vestition, maßgeschneiderte Konzepte und Investitionen, die nach Möglichkeit vielen Standorten zugute kommen sollen.

 

Was heißt das für Stuttgart 21?

Monheim: Stuttgart 21 schafft nach dem Um­bau einen Flaschenhals. Die Verknüpfung von Fernverkehr, Regionalverkehr und Nahverkehr wird schlechter. Die Kapazität ist limitiert. Unter der Erde kann man eben nicht endlos in die Breite gehen. Wegen sei­ner riesigen Kosten ist das Projekt eine In­novationsbremse und blockiert auf 15 Jahre den Fortschritt im sonstigen Bahnsystem. Anderswo verlottern die Bahnhöfe, verrot­ten die Gleise, sind Rostlauben unterwegs. Mit der Investitionsmonopolisierung schädigt Stuttgart 21 das System Bahn, statt es zu verbessern.

 

Wo wären die Milliarden besser aufgehoben?

Monheim: Allein in Baden-Württemberg kommen über hundert vordringliche Pro­jekte nicht in Gang, weil sich Planung und Finanzierung nur auf Stuttgart konzentrie­ren. Stuttgart sollte von Frankfurt und München lernen. Beide Städte haben sich schnell von den ebenfalls gigantisch teuren Tiefbahnhofsprojekten München 21 und Frankfurt 21 verabschiedet und stattdessen kostengünstige Detailverbesserungen ge­macht. Das war gut, weil der Immobilien­markt gar nicht so boomt, wie sich die 21er Planer erhofft hatten. Im Europaviertel Frankfurt auf der Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs gibt es viele freie Flächen. Ähnlich läuft es in München. Viele be­standsorientierte Einzelmaßnahmen sind besser als ein gigantisches Großprojekt.

 

In Stuttgart hätte es auch so laufen sollen?

Monheim: Ja, schließlich hat es von Anfang an alternative Pläne für kleinteilige Ver­besserungen gegeben - mit dem Konzept Kopfbahnhof 21. Es will den Bahnhof bau­lich und technisch modernisieren, erhält den Bahnhof, kostet viel weniger und bringt mehr für die Knotenfunktion. Kopf­bahnhof 21 gibt dem Bahnhof endlich wie­der eine richtige Halle über den Gleisen. Es ist ein Skandal, dass sich die amtlichen Pla­ner nie in einem fairen Systemvergleich ernsthaft mit der Idee befasst haben.

 

Die politischen Entscheidungsträger schei­nen das anders zu sehen.

Monheim: Deutsche Finanzminister und Bahnfinanzchefs müssten eigentlich schäumen vor Wut, wenn Projekte dieser Dimension alternativlos geplant werden. Es müsste eine gesetzliche Bremse geben. Wenn Stuttgart in der Schweiz läge, wäre das Projekt längst durch Volksentscheid gestoppt worden. Normalerweise gibt es anfangs eine Problemanalyse und eine Al­ternativenprüfung. All das hat nicht statt­gefunden. Es ist nach den Ideen von Pro­fessor Heimerl von vier großkopferten Schwaben - dem damaligen Bahnchef Dürr, dem damaligen Verkehrsminister Wissmann, dem damaligen Oberbürger­meister Rommel und dem damaligen Mi­nisterpräsidenten Teufel - von jetzt auf gleich aus dem Hubschrauber beschlossen worden, und dann haben die Beamten so­wie das "Stimmvieh" in den Gremien samt den Amtsnachfolgern in blinder Nibelungentreue die Idee durchgepaukt.

 

Wurden die Bürger nicht beteiligt?

Monheim: Nicht ernsthaft. Das ist bei allen Großprojekten gleich. Sie laufen ohne faire Analyse von Gegenargumenten und Fach­kritik. Stattdessen gibt es volksverdum­mende Hochglanzbroschüren, neckische Animationsfilme und nebulöses Sprücheklopfen von den angeblich segensreichen Wirkungen. Erst jetzt fällt den Verantwort­lichen der "Runde Tisch" ein, vorher wur­den Millionen in eine Vernebelungskam­pagne gesteckt.

 

Kann es denn überhaupt noch visionären Städtebau geben, wenn viele Bürger Groß­projekte offenbar ablehnen?

Monheim: Ja, natürlich. Was der Stuttgart­21-Architekt Christoph Ingenhoven da in seiner Argumentation macht, finde ich wirklich völlig albern. Das Neue im Städte­bau ersetzt nicht immer nur das Alte. Ich reiße doch auch nicht den Kölner Dom ab, um neue Kirchenarchitektur zu machen. Wenn du eine neue Kirche baust, dann mach sie so spektakulär, wie du willst, aber lass doch den Kölner Dom dafür stehen.

 

Ein Bahnhof ist keine Kirche.

Monheim: Nein. Aber der Stuttgarter Haupt­bahnhof war mal eine Kathedrale des Fort­schritts. Gemessen daran ist es kompletter Quatsch, Stuttgart 21 für einen visionären Bau zu halten. Das ist ein visionäres Tiefge­schoss. Für eine Tiefgarage mag der Ent­wurf ja angehen, aber für einen bedeuten­den Bahnknoten kaum. Deshalb finden sich unter den Gegnern ganz viele Archi­tekten, die das Projekt nicht gutheißen.

 

Vielleicht verkennen die Bürger die Innova­tionskraft solcher Großprojekte?

Monheim: Nein, das ist wirklich ärgerlich. Architekten wie Ingenhoven verkennen völlig, was die Leute antreibt. Er stellt sie in die Romantiker- und Heimatecke, die alle nichts Neues wollen. Das ist Unsinn. Ein Großteil der Kritiker will eine neue Bahn­politik. Das ist nicht rückwärtsgewandt.

 

Gilt das nur für Stuttgart 21?

Monheim: Diese Kritik gilt generell für Groß­projekte, weil es immer die gleiche Ge­schichte ist: Ob in Köln die U-Bahn oder in München der Transrapid immer dominiert der Größenwahn von Oberbürgermeistern und Ministerpräsidenten den planerischen Ehrgeiz, und es geht weniger um eine ver­allgemeinerbare Problemlösung. In der Regel haben die Kritiker klare Vorstellun­gen, was stattdessen passieren soll. Sie ha­ben innovative Konzepte. Vielleicht gibt es jetzt ein leichtes Einlenken und nicht nur Imagepflege, sondern Projektverbesserun­gen. Alles muss auf den Prüfstand, was un­nötig teuer, kompliziert und vom Scheitern bedroht ist. Alles muss in die Entscheidung eingehen, was Kosten spart, die Leistungs­fähigkeit steigert, die Bauzeit verkürzt und den Konsens fördert. Noch kann man eine Notbremsung machen.

 

Heiner Monheim

Jahrgang 1946, ist Stadt- und Verkehrsplaner. Er hat jahrelang im Bundes­bauministerium und dem Verkehrsministerium Nordrhein-Westfalen ge­arbeitet. Er gehört zu den Kritikern des Projekts "Stuttgart 21" und hat in einem Gutachten den Alternativentwurf "Kopfbahnhof 21" befürwortet. Professor Monheim lehrt Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier.

Quelle:

PublikForum Nr. 17/2010 | Jens Klein

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