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Interview 81 von 179

:: "Wir sind beim Uran abhängig"

Die Bundesregierung verschleiere, woher die deutschen AKWs ihre Kernbrennstoffe beziehen, sagt die Politikerin der Grünen Astrid Schneider.

taz: Die Unionsparteien liebäugeln damit, die deutsche Energieversorgung durch Atomstrom zu sichern. Sie sagen, das Wirtschaftsministerium verheimlicht für dieses Ziel systematisch Daten und täuscht die Bürger. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?

 

Astrid Schneider: Auf der Internetseite des Bundeswirtschaftsministeriums wird behauptet, Uran sei aufgrund der hohen Energiedichte und guten Lagerungsfähigkeit de facto ein heimischer Rohstoff. Dies soll die Aussage stützen, die Atomkraft mache uns importunabhängig von Energierohstoffen. In den Statistiken des Wirtschaftsministeriums findet man genaue Angaben über den Import von Gas, Kohle oder Öl.

 

taz: Für Uran aber nicht?

Astrid Schneider: Nein. Der einzige Weg, an die Daten zu kommen, führt über eine parlamentarische Anfrage. Die Regierung behauptete in ihrer Antwort, das Uran käme zu über 50 Prozent aus England und Frankreich. Das ist aber glatt gelogen. In beiden Ländern gibt es überhaupt keine Uranminen. Der Konzern Areva beispielsweise ist zwar in Frankreich zu Hause, betreibt seine Minen aber in Afrika oder Kasachstan. Das verschleiert die Herkunft des Urans. Und das geschieht, um zu behaupten, Uran käme aus politisch stabilen Staaten und es gebe keine Abhängigkeiten. In Wahrheit sind wir beim Uran genauso abhängig wie beim Erdgas.

 

taz: Wie wollen Sie das belegen?

Astrid Schneider: Es gibt nur wenige zuverlässige Quellen. Zum einen die europäische Behörde Euratom Supply Agency, die ein komplettes Monitoring über jedes Gramm spaltbares Material betreibt, das aus der EU raus- oder reingeht. Und die Zahlen belegen, dass seit 2007 Russland der größte Versorger der EU ist.

 

taz: Das heißt aber noch nicht, dass auch Deutschland sein Uran hauptsächlich aus Russland bezieht.

Astrid Schneider: Die Statistik schwankt da erheblich. Uns liegt aber ein internes Papier aus dem Bundeswirtschaftsministerium vor, das zeigt, dass Deutschland Uran auch aus Russland und Kasachstan importiert. Deren Bedeutung steigt Jahr für Jahr.

 

taz: Gibt es eine Verpflichtung, solche Daten offenzulegen?

Astrid Schneider: In anderen Staaten ja, die Energy Information Administration in den USA stellt das beispielsweise klar dar. Davon abgesehen behauptet das Wirtschaftsministerium, es könne genug Uran für mehrere Jahre in Deutschland gelagert werden. Ein weiteres Argument für die vermeintliche Unabhängigkeit. Aber das ist eine glatte Lüge: Die importabhängigen deutschen Konzerne müssen ständig Uran einkaufen, um den aktuellen Bedarf zu decken. In Atomkraftwerken lagern meist nur Brennstäbe für ein Vierteljahr.

 

taz: Ein Teil des Kernbrennstoffes kommt aus den Wiederaufbereitungsanlagen in La Hague und Sellafield.

Astrid Schneider: Deutschland hat die Wiederaufbereitung seines Atommülls mit dem Atomausstieg seit 2005 beendet. Auf europäischer Ebene macht die Wiederaufbereitung laut Euratom-Statistik weniger als fünf Prozent des europäischen Bedarfs aus.

 

taz: Könnte Deutschland sich nicht einfach in politisch stabileren Ländern wie Kanada oder Australien mit Kernbrennstoffen eindecken?

Astrid Schneider: Kanada und Australien schwächeln. Zum Beispiel die kanadische Mine Cigar Lake: Dort liegt das weltweit wichtigste Uranvorkommen. Die Betreiber haben dort massive Probleme mit Wassereinbrüchen. Das führt zu Verschiebungen auf dem Weltmarkt: Areva öffnet eine riesige Mine in Afrika, in Kasachstan entstehen 16 neue Minen.

Quelle:

Genehmigung: Astrid Schneider 2009

Erstveröffentlichung TAZ 26.09.09

Interview: Claus Breuer + Nick Reimer

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