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:: Die neue Macht des Volkes

Sie stürzt Diktatoren, stoppt Atomkraft, bändigt Konzerne. Sie ist zur stärksten Bewegung aller Zeiten geworden, und keiner hat's gemerkt. Woher kommt ihre unbändige Macht? Über ein globales Phänomen namens "Zivilgesellschaft".

Als am 21. Januar diesen Jahres irgendwo in Kairos Altstadt der 30-jährige Wael Ghonim an seinem Computer die Enter-Taste drückt, ist es physisch nur eine minimale Geste, kaum mehr als der Schlag eines Schmetterlingsflügels. Doch aus der Chaosforschung kennen wir die Metapher, dass ein solcher Flügelschlag buchstäblich einen Tornado auslösen kann - und der Tastendruck des ägyptischen "Facebook"-Aktivisten tritt tatsächlich eine Dynamik los, die innerhalb von kaum mehr als zwei Wochen zu einem politischen Sturm wird, das Mubarak-Regime hinwegfegt und seitdem durch Nordafrika tobt.

 

Was längst in den Herzen der Menschen brodelte, hat da ein Ventil gefunden: Am ersten Tag der Proteste kamen 15.000 Menschen zusammen, um dem Polizeistaat die Stirn zu bieten. Fast jeden Tag verdoppelte sich die Zahl der Regimekritiker, bis Millionen auf der Straße waren und die ägyptische Metropole zur jüngsten Bühne einer bis dato weithin unterschätzten Bewegung wurde - der globalen Zivilgesellschaft.

 

Seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist reihenweise Erstaunliches geschehen: 1989 bricht innerhalb von wenigen Wochen eine Mauer quer durch Europa in sich zusammen, nachdem eine zuvor fast unsichtbare Bürgerbewegung zu einer gewaltigen Welle des Protestes gewachsen ist. Zwei Jahre danach hört die Sowjetunion auf zu existieren, und zahllose Satellitenstaaten werden auf Druck ihrer Bevölkerung unabhängig. 1994 bricht in Südafrika das Apartheid-System zusammen - nach Jahren des Widerstands der schwarzen Bevölkerungsmehrheit und weltweiten Boykottkampagnen, Schulstreiks, Demonstrationen, im Zusammenspiel mit Embargos der internationalen Staatengemeinschaft. In immer mehr Ländern schütteln Bürger das Joch jahrzehntelanger Diktaturen ab: in Südamerika und auf dem Balkan, in Zentralasien und auf dem Dach der Welt, in der Karibik und in Schwarzafrika. Jetzt Tunesien und Ägypten - und Chinas Regime lässt aus Angst, der Funke der Freiheit könnte auch in ihrem Land einen Flächenbrand entfachen, Kritiker und Journalisten verhaften.

 

Das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels paraphrasierend, ließe sich sagen: Es geht ein Gespenst um die Welt. Das Gespenst der Zivilgesellschaft! Als am 15. Februar 2003 mehr als fünfzehn Millionen Menschen in 600 Städten der Welt gegen den drohenden Irakkrieg auf die Straßen gingen, schrieb die New York Times sogar über die "Geburt einer neuen Weltmacht".

 

Tatsächlich hat sich das politische Gefüge der Welt zutiefst verändert, seit in jüngster Zeit Bürger ihre Macht entdeckt haben. "Zur Zeit ringen drei Weltbilder miteinander", sagt der philippinische Soziologe, Umweltaktivist und Träger des Alternativen Nobelpreises, Nicanor Perlas (Interview S. 26): "Das der Globalisierungseliten ist machthungrig und hat nur wenig Interesse am Vorteil anderer. Die Fundamentalisten haben Sorge um den Verlust traditioneller Werte und sind an der Vergangenheit orientiert. Aber an dritter Stelle gibt es das Weltbild, das sich in den letzten 15 Jahren in der globalen Zivilgesellschaft entwickelt hat. Sie sagt: Lasst uns die Herausforderungen annehmen und herausfinden, welche traditionellen Werte zukunftsfähig sind." Der amerikanische Sachbuchautor Paul Hawken nannte diesen Impuls in einem Buchtitel "Blessed Unrest"- Gesegnete Unruhe. Titel der deutschen Ausgabe: "Wir sind der Wandel: Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist - und kaum einer es bemerkt."

 

Weltweit zählt man heute etwa zehn Millionen "Nicht-Regierungs-Organisationen" (NGOs). Das können lokale Initiativen für eine Umgehungsstraße sein, lose Protestnetzwerke, aber auch internationale Organisationen wie Greenpeace, Amnesty International oder das Rote Kreuz. Die globale Zivilgesellschaft ist mehr als nur "öko"- oder "friedensbewegt" und weit mehr als die Summe ihrer Teile. Sie gestaltet Sozialpolitik, verhindert Kriege, verwirklicht Menschenrechte, baut Städte nachhaltig um oder leistet den Umbau zu einer grünen Landwirtschaft. Dabei erreicht sie oft mehr als gewählte Regierungen. Oder stößt diese sogar vom Thron.

 

Potentaten verteidigen sich und ihre Pfründe mit Knüppeln, Wasserwerfern und Präzisionsgewehren ihrer Sicherheitsapparate. Die Macht ihrer zivilen Gegenspieler scheint dagegen unsichtbar, aber unbesiegbar: Es sind andere Werte, die sie antreiben - Freiheitsdurst, der Wunsch nach persönlicher Entfaltung, Gerechtigkeit, kultureller Identität und Bewahrung der Schöpfung - einer Liebe zum Leben, die auch die härteste Betondecke durchbrechen kann. So auch beim ägyptischen Aufstand ohne Führer und Gesicht, ohne Ideologie oder fundamentalistische Religiosität: "Wir wollen leben wie ihr!", riefen die Aktivisten westlichen Journalisten immer wieder zu ...

Quelle:

Natur + Kosmos 2011

Geseko von Lübke 2011

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