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:: Harald Vieth und sein Freund, der Baum
Darf man bei den heutigen Mehrfachkrisen ein solch beschauliches, schön bebildertes Buch wie dieses schreiben? „Wieso Krisen?“, werden manche fragen. Doch sie sind da, die Mehrfachkrisen: Finanz-, Wirtschafts-, Rohstoff-, Ernährungs-, Wasser-, Umwelt- und Klimakrise. Auch Durchwursteln und Beschönigungen lassen die Krise nicht verschwinden. Ein unbequemes Vorwort von Harald Vieth zu seinem Buch "Hamburger Sehenswürdigkeiten: Baume"
Die Fakten sind auch für Laien eindeutig. Ein „Weiter so!“ darf es unter keinen Umständen geben. Zwei Beispiele:
- Die unsinnige Wachstumsideologie: Wenn es jährlich 2–3 % exponentielles Wachstum gäbe, wäre damit auch ein immer größer werdender Rohstoff- verbrauch, höhere Umweltbelastung durch Boden- und Luftverschmutzung, mehr Müll aller Art, Verkehrsstaus, Stress etc. gegeben. Wie soll die Welt dann in zwanzig oder dreißig Jahren aussehen? Technische Innovationen können die negative Entwicklung zwar abmildern. Die Gesamttendenz aber bleibt. Ein kontinuierliches exponentielles Wachstum führt wahrscheinlich mittel- oder langfristig zur Selbstzerstörung der Menschheit.
- Wenn allein China und Indien – ganz abgesehen von den vielen anderen Ländern – einen ähnlichen Lebensstandard wie die westlichen Industriestaaten hätten, würde der ganze Planet schnellstens aus den Fugen geraten.
Gegenwärtig heißt es, dass der Planet Erde insgesamt zu etwa 110 % genutzt – besser gesagt übernutzt – wird. Die westlichen Industriestaaten, also auch wir, frönen einem Lebensstil, als ob wir nicht eine einzige, sondern sechs (!) Erden hätten. Wir leben von der Substanz. Dieser Lebensstil basiert auf Konsumismus, Verschwendung und gnadenloser Ausbeutung der Rohstoffe.
Fazit: Ein radikales Umdenken ist unumgänglich. Diese Neu-Besinnung erfordert mehr Veränderungswillen und Anpassungsfähigkeit als etwa zu Beginn der industriellen Revolution. Denn es geht letztlich um die Überlebensfähigkeit der Menschheit. Heutzutage nichts oder zu wenig zu tun gegen den Klimawandel endet mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Katastrophe. Folglich: Vorbeugen tut not – und ist letztlich billiger!
Große Worte! Pathetisch! Panikmache! Spinnerei! – Ich höre in Gedanken schon diese Aufschreie. Also Fakten: Die Endlichkeit der Ressourcen dieser Erde ist am Horizont bereits zu erkennen. Der wichtigste Rohstoff, Erdöl, das Schmieröl der gesamten Weltwirtschaft, hat seinen „Peak“ – also die Höchstförderung – bereits erreicht oder wird ihn in wenigen Jahren erreicht haben. Bei anderen Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Wasser zeichnen sich für die kommenden Jahre und Jahrzehnte ebenfalls Knappheiten ab. Eine Milliarde Menschen hungern schon jetzt oder leben ganz dicht am Existenzminimum. Auf der anderen Seite steht grenzenlose Verschwendung: So heißt es, dass z.B. in den USA 40 % der Nahrungsmittel im Müll landen (Klaus-Werner Lobo).
Die wenigen Beispiele zeigen die Problematik der Situation. Hinzu kommt der Klimawandel. Dieser ist leider sehr real und schreitet schneller voran, als noch vor zwanzig Jahren berechnet. Bei den dringenden und ernsthaften Überlegungen, wie ihm zu begegnen sei, sollte man sich nicht von den wenigen „Klimaskeptikern“ beirren lassen. Diese „Klimawandel-Verleugner“ führen einzelne Falschangaben wie z.B. zur Gletscherschmelze im Himalaja als Beweis für die unseriöse Arbeit des gesamten IPPC (UN-Klimarat) an.
Einige meinen gar, der extrem kalte Winter 2009/10 in Europa und den USA stützten die Argumente der Verleugner. Ganz im Gegenteil: Experten wie Mojib Latif und Hermann Ott weisen auf die globale Situation hin. Den besonders niedrigen Temperaturen in Europa und den USA stehen zur gleichen Zeit besonders hohe in anderen Weltregionen gegenüber. Der Januar 2010 war weltweit der wärmste seit 32 Jahren.
Zu bedenken ist ferner, dass weltweit agierende Öl-, Atom- und Kohlekonzerne mit enormen Geldbeträgen eine verantwortungslose Lobbyarbeit betreiben, den Klimawandel abstreiten oder beschönigen, um ihre einträglichen Geschäfte weiter betreiben zu können. Dazu gehört auch, dass viel Geld für sogenannte wissenschaftliche Gutachten an bestimmte Klimaforscher fließt, die im Sinne dieser Konzerne arbeiten.
Es ist keine Übertreibung: Die Menschheit sitzt auf der Titanic mit Kurs auf den Eisberg. Allzu viel Zeit zur radikalen Kursänderung bleibt nicht. Anstatt diese schnellstens in die Wege zu leiten, werden an Bord vergleichsweise Nichtigkeiten und kleine Veränderungen an Symptomen durchgeführt: Hier und dort wird etwas ausgebessert und lackiert, einige Rettungsboote instand gesetzt. Aber sonst heißt es: Volldampf voraus!
Da mag das eine oder andere Besatzungsmitglied schwere Bedenken äußern und bei dem einen oder anderen kleinen Computer das rote Lämpchen „Achtung, Gefahr!“ aufleuchten – der verhängnisvolle Kurs bleibt im Wesentlichen unverändert.
Aber kehren wir zunächst vor der eigenen Haustür: Zusätzlich müssen wir hier von einer sozialen Krise sprechen. Durch die neoliberale Devise „Der Markt wird es richten“ ist die Gesellschaft in eine ungerechte soziale Schieflage geraten: Die Reichen werden steuerlich gehätschelt und werden immer reicher, die Umverteilung von unten nach oben schreitet voran, die Kinderarmut nimmt zu, für Millionen arbeitswillige Menschen gibt es keine Arbeits- plätze, unsinnige Privatisierungen führen zur Verarmung der öffentlichen Hand, im Bildungsbereich fehlen wesentliche Fortschritte, und der Staat macht immer größere Schulden.
Über Klima-, Umwelt-, Naturschutz wird viel geredet, aber viel zu wenig getan, denn Kohlekraftwerke werden weiter gebaut, Atommeiler länger betrieben, spritfressende Autos erlaubt. So verwundert es nicht, dass Deutschland keineswegs „Vorreiter“ im Klimaschutz ist: Im Klimaschutzindex rutschte es auf Rang sieben (Germanwatch); weltweit ist es der sechstgrößte Klimakiller (K. Naidoo/Greenpeace).
Zu Zeiten der Großen Koalition wären theoretisch Gesetze für eine nach- haltige Entwicklung möglich gewesen. Die Chance wurde vertan. Stattdessen wurden kontraproduktive Dinge beschlossen wie die Abwrackprämie. Gegenwärtig wird es nur noch schlimmer: „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“, Steuergeschenke für Hoteliers etc..
Anstelle von Innovation und Nachhaltigkeit haben wir Ideenlosigkeit und soziale Kälte. All das läuft in eine völlig falsche Richtung.
Verstehen Sie mich recht: Selbstverständlich maße ich mir nicht an, irgend- welche Patentrezepte vorzulegen. Da die erforderliche Umstrukturierung so tiefgreifend sein muss, kann man sie nicht kurzfristig durchführen. Man muss sie jedoch jetzt erst einmal denken und dann schnell mit den ersten Schritten beginnen.
Nach meiner Überzeugung muss das „Neue Denken“ in folgende Richtung gehen:
- In einer gerechten Gesellschaft lebt man länger, besser, glücklicher, und
- zwar auch die Reichen! (Kate Pickett) Mehr Gerechtigkeit kann leicht erreicht werden durch höhere Steuern für die Vermögenden. Inzwischen haben die deutschen reichsten 10 % der Bevölkerung das gigantische Vermögen von zirka vier Billionen Euro angesammelt (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung).
- Einsichtige Millionäre mit Gerechtigkeitssinn wie Peter Krämer und die Gruppe von über vierzig Vermögenden der „Initiative Vermögensabgabe“ haben vorgerechnet, wie der Staat deutlich über 100 Milliarden Euro sofort und dann jährlich bedeutende Milliardenbeträge einnehmen kann – ohne dass die Vermögenden auf ein luxuriöses Leben verzichten müssten. Solche Beträge müssten dringend in die Bildung, Forschung und zukunftsträchtige Innovationen investiert werden.
- Es muss Schluss sein mit der ständigen Politfaselei von der „Vollbeschäftigung“. Diese ist bei der gegenwärtigen Organisation unserer Gesellschaft völlig ausgeschlossen. Vorangetrieben werden müssen Mindestlohn, kürzere bzw. eine andere Aufteilung der Arbeitszeiten, Ausbau der Humandienstleistungen und ein Grundeinkommen anstelle des Murkses um Hartz XY. ● Die Finanzwirtschaft muss streng kontrolliert werden. Es ist unverantwortlich, dass z.B. Spekulanten gegen Staaten wie Großbritannien und Griechenland oder gegen die Währung Euro spekulieren und Hedgefonds riesige Landgebiete in Afrika von egoistischen Potentaten aufkaufen.
- Umgehend Einhalt geboten werden muss auch dem Raubbau an der Natur, der Vernichtung von Biotopen, dem Flächenfraß durch immer mehr Bauaktivitäten sowie der Versiegelung des Bodens.
- Um mehr Klimagerechtigkeit und die wichtigen Klimaziele zu erreichen, ist eine schnelle Neuorganisation der Energiewirtschaft einzuleiten. Dringende Maßnahmen hierfür sind:
- Ganz schneller Ausstieg aus der Atomwirtschaft: Bei längeren Laufzeiten wird der Normalbetrieb immer gefährlicher durch Versprödung des Materials. Weiterhin ungeklärt ist eine sichere Endlagerung. Atomenergie ist auch keinesfalls klimafreundlich, wenn man die Gesamterzeugung beginnend mit der Förderung des Urans berücksichtigt. Außerdem ist sie nicht flexibel und behindert massiv die Entwicklung von Alternativenergien. Kurz gesagt: Es ist eine gefährliche Krückentechnologie.
- Kein Bau von neuen Kohlekraftwerken – schon gar nicht auf Braunkohlenbasis, denn sie sind Umweltkiller. Die von einigen Energieversorgern angepriesene unterirdische CO2(CCS)-Speicherung ist ein Irrweg. Sie ist noch lange nicht ausgereift, sehr energieintensiv, erfordert teure Überland-Rohrleitungen. Vor allem: Niemand weiß, ob das CO2 lange in der Erde gespeichert werden kann, oder ob es in die Umwelt entweichen wird. Welch eine Verantwortungslosigkeit gegenüber kommenden Generationen: Sie erben unsichere Atomendlager und dann noch CO2-Speicher – vom Euro-Schuldenberg ganz abgesehen!
- Massive Förderung von Energieeffizienz: Gebäudedämmung, Austausch alter Elektrogeräte und Heizungen.
- Konsequenter und umfangreicher Ausbau der Alternativenergie. Besonders die Sonnenenergie scheint vielversprechend mit sehr großem Potenzial zu sein.
- Kategorisch abzulehnen sind angebliche „Alternativenergien“ aus Palmöl, Yatropha, Mais etc. Sie haben eine verheerende Klimabilanz und sind absolut kontraproduktiv. Sie zerstören Urwälder bzw. fruchtbaren Boden, der für die Nahrungsmittelerzeugung nicht mehr zur Verfügung steht, und vernichten die Existenz von zahllosen Urwaldbewohnern und Kleinbauern.
- Nachdem die entwickelten Industriestaaten – also auch wir – in den letzten Jahrzehnten kräftig Raubbau an der Natur getrieben, die Meere über- fischt und zusammen mit der Luft weltweit verdreckt haben, müssen wir nun einen anderen Lebensstil entwickeln und gegenüber ärmeren Ländern Vorleistungen erbringen: Durch deutliche Reduzierung unseres Schadstoffausstoßes (nicht nur auf dem Papier und in hehren Erklärungen!) und durch kostenlose oder mindestens sehr preiswerte Lieferung von Umwelttechnologien.
- Damit sollten wir beginnen in und mit der EU und nicht nach dem bisherigen Prinzip handeln: „Hannemann, geh Du voran!“
- Schon gar nicht können wir von Ländern wie China und Indien verlangen, dass sie Vorleistungen erbringen müssen. Ihnen obliegt die gigantische Aufgabe, für über zwei Milliarden Menschen ein halbwegs menschenwürdiges Existenzminimum zu schaffen.
- Erst wenn die genannten Länder und viele andere in ähnlicher Lage sehen, dass wir rigorose Klimaschutzmaßnahmen ergreifen, besteht Aussicht, dass auch sie zur Zusammenarbeit bereit sind.
- Der nächste Schritt muss sein, eine neue Weltordnung oder -Organisation, einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag über eine internationale Klima-Politik zu schaffen. Trotz gewisser Fehlschläge bei der UNO wird es wohl nur in ihrem Rahmen möglich sein.
- Die Politik muss endlich klare und wirklich nachhaltige gesetzliche Rahmenbedingungen vorgeben. Leider gibt es auch bei uns nur eine ganz geringe Zahl von Politikern/Politikerinnen (gefühlte 5 % – höchstens), die z.B. über den Klimawandel Klartext reden. Die große Mehrzahl predigt unkritisch und unzeitgemäß „Wachstum und weiter so!“.
- Da fühlt man sich an die Zeilen von Christian Morgenstern erinnert:
- „Lügen, Lügen! gebt uns Lügen! Ach die Wahrheit ist so roh! Wahrheit macht uns kein Vergnügen, Lügen machen fett und froh!“
- Da die gegenwärtige Politikergeneration in Denkkategorien des vergangenen Jahrhunderts gefangen ist und/oder aus den unterschiedlichsten Gründen die Wahrheit nicht öffentlich verkünden mag, liegt es an der „Basis“, an den Wählern/ Wählerinnen, „von unten“ aktiv zu werden, sich zu vernetzen und neue Politiker/-innen zu wählen. Diese müssen die schmerzliche Wahrheit sagen, dass „wir uns auf der Titanic befinden“ und daher ein radikales Umdenken mit entsprechenden Maßnahmen unumgänglich ist. Gelingt das nicht, dann drohen irgendwann Ökodiktatur und bei fortschreitendem Klimawandel Millionen von Klimaflüchtlingen.
- Auch der Einzelne muss umdenken. Da das Wort „Verzicht“ nicht wohl- gelitten ist, ersetzen wir es durch „Ein- und Beschränkungen“. Es ist sehr gut möglich, dass es in der Post-Wachstums-Gesellschaft zu einer „neuen Bescheidenheit kommen wird mit z.B. Verzicht auf Fernreisen, Kauf von Produkten aus der Region, mehr Pflege und Reparaturen sowie längerer Nutzung von Erzeugnissen“ (Volkswirt N. Paech).
- Über persönliche Einsparmöglichkeiten und Beiträge zum Klima- und Umweltschutz finden sich zahlreiche Tipps im Internet oder in meinem Buch „Klimawandel mal anders. Was tun?“. Auch der Autor ist keineswegs ein „Klimamönch“, aber wir alle können schon mit einigen ein- fachen Schrittchen beginnen: Weniger im Auto und Flugzeug unterwegs sein, weniger/kein Fleisch essen, anstatt google www.ecosia.org benutzen, grundsätzlich keine Plastiktüten annehmen ...
- Zufriedenheit und Glück sind nicht in erster Linie an immer mehr und neue materielle Dinge gebunden. Wenn ein bestimmtes Grundeinkommen erreicht ist, steigt der durchschnittliche Glückspegel nicht mehr an. Millionäre sind durchaus nicht glücklicher als Arme. In vielen armen Ländern begegnet uns mehr Lebensfreude und Lebensglück als etwa in dem reicheren Deutschland, das lt. World Values Survey nur auf Platz 30 der Glücklichkeitsskala steht. Eine andere Gesellschaftsorganisation mit weniger materiellen Gütern hat auch viel Positives zu bieten wie z.B. ein „Weniger“ an Arbeitsstress, Hektik, Mobbing, Verkehrsstaus, Dreck, Entfremdung von anderen Menschen ...
Wenn Sie an diesen existentiellen Fragen interessiert sind, kann ich Ihnen dringend das Buch mit dem passenden Titel „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (Cl. Leggewie, H. Welzer) und die „Sonnenseite“ von Franz und Bigi Alt empfehlen. Auf dieser Seite erscheinen jede Woche die neuesten Forschungsergebnisse und Buchtitel zu den Themen Alternativenergie, Umwelt- und Klimaschutz etc. Sie können die Sonnenseite kostenlos bestellen: www.sonnenseite.com, rechts unten „Newsletter bestellen“.
Auf die eingangs gestellte Frage antworte ich: Aber ja, man darf und sollte dieses Buch schreiben, und zwar nicht nur wegen der Wichtigkeit von Bäumen insbesondere in Zeiten des Klimawandels. Wir können angesichts der geschilderten Dramatik nicht mit hängenden Schultern und Leichenbittermiene herumschleichen. Lebensfreude ist wichtig! Außerdem gibt sie uns Kraft für weitere Aktivitäten.
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