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:: BERLINALE: Eine Lehrstunde über den Iran

Beifall rauschte auf im Festival-Kino. Ein paar hundert Journalisten hatten zwei Stunden kaum einen Laut von sich gegeben, um keine Minute von "Die Trennung" von Asghar Farhadi zu verpassen.

Nur eine Handvoll Menschen treten in dieser schmerzhaft nahen Beobachtung eines Kampfes auf, eines Kampfes um eines heranwachsendes Kind, das die Mutter behalten will und der Vater auch. Es ist ein modernes Zerren um die Tochter, kein Arm wird ausgerenkt, kein Bein verdreht, Vater Nader und Mutter Simin überbieten sich fast darin, die Entscheidung der Tochter zu überlassen. Es ist der iranische Mittelstand, mit der hübsch eingerichteten Wohnung, dem neuen Auto und dem Akzent auf Bildung und Ausbildung, der uns im Film begegnet.

 

Ursprünglich wollten Simin und Nader gemeinsam den Iran verlassen, ein Land, in dem zumindest sie für ihre Tochter Termeh keine Zukunft sieht. Doch Nader entscheidet sich plötzlich anders, er will bleiben, um seinen dementen Vater zu pflegen. Deshalb braucht sie die Scheidung, denn dann bekommt sie vielleicht das Sorgerecht. Als sie ihr erstes Ziel verfehlt, der Richter verwirft die Scheidung, zieht sie aus der gemeinsamen Wohnung aus. Termeh entscheidet sich für den Vater, will die Mutter aber zurück haben.

 

In das Leben der drei tritt eine andere Facette des Iran, in Gestalt einer noch jungen Frau, die den Vater pflegen soll. Sie kommt aus einer unteren Schicht, ihre tiefe Gläubigkeit äußert sich nicht nur im Chador, dem Schleier für den ganzen Körper, sondern auch in der Angst vor dem Männerleib: Als sie den kranken Vater waschen, ihn also unbedeckt sehen müsste, versichert sie sich erst bei einem geistlichen Berater, ob es denn auch keine Sünde sei, wenn sie dem alten Mann in seiner Not hülfe. In der pflegenden Frau und ihrem Mann treffen wir auf jene Schicht im Iran, der den Teil des Wahlsieges von Ahmadinedschad repräsentiert, der nicht durch Manipulation zustande gekommen ist: Die kleinen Leute mit der übergroßen Ehre, denen der Schwur auf den Koran ein wirklich heiliger Eid ist, und die in ihrer schlechten Lage nichts zu verlieren haben als ihr Wort.

 

Als Nader die Pflegekraft nach einem Streit aus der Wohnung drängt und sie auf der Treppe so stürzt, dass sie ihr ungeborenes Kind verliert, beginnt seine Tochter an der Redlichkeit des Vaters zu zweifeln: Er, den die Sorge um die Tochter und deren kranken Großvater treibt, verstrickt sich in ein Gespinst von kleinen Lügen, mit denen er sich im Recht glaubt. Und während die Tochter noch in Solidarität zu ihrem Vater verharrt, beginnt die Mutter den berechtigten Zweifel an Nader als Hebel für den Kampf um die Tochter zu nutzen.

 

Auf dem Weg zu einer Lösung, zu einem Urteil darüber, wer denn recht hat, gibt es eine beklemmende Lehrstunde über den heutigen Iran, über dessen schwer verständliche Religiosität, dessen dörflich-einfache Rechtsprechung und über die sonderbare Doppelrolle der Frauen. Zwar sind sie öffentlich nahezu unsichtbar, haben aber ihren Männern gegenüber eine durchaus eigene, eigenwillige Haltung, deren Kraft auch unter dem Chador sichtbar wird. Kamera und Regie lassen keinen Zweifel, dass das iranische Kino über große kreative Reserven verfügt. Und einer der sehr geschätzten Journalisten-Kollegen sagte in das Abklingen des Beifalls hinein: "Ich habe den goldenen Bären gesehen."

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