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:: Die neue Lust am Gärtnern
Eigenes Obst und Gemüse zu erzeugen, ist wieder in – wenn auch auf andere Art als früher. Selbstversorgung hat nichts Spießiges mehr, im Gegenteil: Die neue Gartenbewegung ist bunt und multikulturell.
Ein Ruck geht durch Deutschland. Spaten werden in die Erde gerammt, Samen im Boden versenkt. Die Scholle bricht auf. Schrebergärten erleben einen Ansturm wie noch nie, Gartenbücher boomen und Zeitschriften über das idyllische Landleben schießen wie Pilze aus dem Boden.
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In Hamburg fordern die schwarze und die grüne Fraktion gemeinsam "mehr interkulturelle Gärten und Cityfarming". In München verwandelt die Stadtverwaltung landwirtschaftliche Fläche in "Krautgärten", auf denen Pächter den Sommer über Gemüse anbauen können. In Berlin besetzen Aktivisten brachliegende Grundstücke und schaffen auf ihnen Gemeinschaftsgärten. In Dessau gibt die Stadt Flächen frei, die die Bürger selbst gestalten können, und sieht in der "urbanen Landwirtschaft" die Zukunft der Stadt. Und in der hessischen Provinz geschieht Unerhörtes: Die Supermarktkette Tegut trotzt jeder herkömmlichen kaufmännischen Logik und ermuntert ihre Kunden dazu, sich ihr Gemüse selbst zu ziehen, statt es zu kaufen - und stellt ihnen dazu gegen geringe Pacht Parzellen zur Verfügung.
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Was ist da bloß los? Verwandeln sich die stolzen Exportweltmeister und Beste-Autos-der-Welt-Hersteller jetzt in ein Volk von Kleinbauern und Selbstversorgern? "Es ist jedenfalls eine extrem spannende Entwicklung", findet Christa Müller, Vorsitzende der Stiftung Interkultur, einem der zentralen Knoten im Netzwerk der neuen Gartenbewegung. Die Soziologin meint durchaus, "dass man hier von einer Renaissance der Selbstversorgung sprechen kann".
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Allerdings, fügt sie hinzu, eine einfache Rückbesinnung auf überkommene Traditionen sei es nicht, was hier geschehe: "Das ist keine Rückkehr zu irgendwas, da entstehen ganz kreative neue Formen." In der Tat, es kann einem fast der Kopf schwirren angesichts der vielen neuen Gartentypen und Bewirtschaftungsmodelle, die da entstanden sind: Nachbarschaftsgärten, Internationale Gärten, Kiez- und Quartiersgärten, Hartz IV- und Tafel-Gärten; Stadtlandwirtschaft, Grabeland, Cityfarming, Mobile Landwirtschaft, Urbane Subsistenz ...
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Die Vielfalt der Konzepte erinnert ihrerseits an einen großen Garten; einen, in dem gepflegte Beete und üppig tragende Obststräucher ebenso ihren Platz haben wie exotische Blüten - und wo es ganz hinten noch ein Eckchen gibt, in dem alles einfach vor sich hin wuchert, wild und ungebändigt. Das Phänomen ist bei weitem nicht auf Deutschland beschränkt. Berühmt wurden in letzter Zeit die Bienen von Paris, die mitten in der Stadt genügend Nahrung finden und hervorragenden Honig produzieren. In Großbritannien gibt es schon länger die "City Farms"; auch in den USA und Kanada verbreitet sich zunehmend die Idee, in der Stadt Lebensmittel anzubauen.
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Hauptstadt der urbanen Landwirtschaft ist nach wie vor New York: Dort entstanden in den 70er Jahren die ersten Gemeinschaftsgärten, die "Community Gardens", die oft eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe, Sozialprojekt und Kunstaktion darstellten und lange eher als regionales Phänomen wahrgenommen wurden. Doch spätestens seit Michelle Obama im Weißen Haus medienwirksam einen Biogarten betreibt, ist die Botschaft (nicht nur) an die Kids klar: In der Erde buddeln und Gemüse pflanzen ist cool. Und in New York gibt es inzwischen 800 Community Gardens.
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Gemeinsam ist all den Konzepten eines: Es entsteht ein neuer Blick aufs Gärtnern und auf die Selbstversorgung - der die soziale und politische Perspektive stets mit einbezieht. "Modernität bedeutete ja bisher immer, dass man sich nicht selbst versorgen muss", sagt Christa Müller, "sondern dass man das delegiert. An die Bauern, an die Supermärkte, an die Lebensmittelindustrie. Und das hat ja auch eine Weile ganz gut geklappt. Aber jetzt spüren immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergeht." ...
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