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:: Futter für den Regenwurm
Es ist gut 20 Jahre her, dass schon Kindern das sperrige Thema Kreislaufwirtschaft nahegebracht wurde. Unzählige Schulen in Stadt und Land haben kleine Gärten angelegt, in dem Zweit- oder Viertklässler mithelfen konnten, um das Werden und Vergehen in der Natur hautnah zu erleben. Editorial von Dr. Horst Hamm in natur+kosmos
In Projektwochen haben sie sich um Blumenbeete gekümmert, Kohl und Kräuter gepflanzt und in liebevoll gezimmerten Brettergestellen Komposthaufen eingerichtet. Um dort verblühte Tulpen und Narzissen, von Schnecken zerfressene Kohlblätter oder welke Kräuter zu deponieren. Die Kinder haben gelernt, dass die Regenwürmer zu den fleißigen Erdarbeitern gehören, die den Kreislauf in Gang halten - und dass alles, was von den verschiedenen Arten der Lumbricidae wieder zu Erde verwandelt wird, letztendlich gut ist, alles andere aber mehr oder minder Abfall. Plastiktüten, Coladosen, Schallplatten, Hemden und Hosen - alles, was den Regenwürmern nicht bekömmlich ist, fiel aus dem Kreislauf heraus und musste zur Deponie. Es war die Zeit, da Umweltschützer gegen Müllverbrennungsanlagen Sturm liefen und der Jutebeutel zum Symbol der richtigen Einkaufsgesinnung aufstieg. Konsum an sich wurde zum Problemfall. Zumindest aus der Sicht von Umweltschützern. Verbrauchte er doch Rohstoffe und Energie. Mein persönliches Kaufverhalten ist bis heute davon geprägt. Und noch immer lässt sich in den Lernzielen für Grundschüler nachlesen: "Die Schüler sollen lernen, wie man Abfall vermeidet."
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Das könnte sich sehr bald ändern. Der Chemiker Michael Braungart wirbt für Materialien und Produkte, die sich in einen unendlichen Kreislauf einfügen - ganz nach dem Vorbild der Natur. Kleider und Stoffe zum Beispiel werden nicht etwa mit ein bisschen weniger Chemie hergestellt, damit sie ein bisschen weniger schädlich sind als die Berge von Textilien, die jeder von uns in seinem Schrank hat. Nein: Sie kommen ganz ohne schädliche Chemikalien aus und landen am Ende ihres Produktlebens einfach in der Komposttonne. Abgetragene Hemden und Hosen werden zu Nährstoffen für Millionen kleiner Lebewesen wie den Regenwürmern. Und im technischen Bereich gibt es erste Werkstücke, die derart leicht zerlegbar sind, dass sich ihre Einzelteile in einen industriellen Kreislauf einfügen und zu immer wieder neuen Produkten verarbeitet werden können. Müll und Abfall im heutigen Sinn gehören damit der Vergangenheit an.
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Bürostühle, die in dieses Schema passen, gibt es bereits. Aber der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Das alte Handy ist in naher Zukunft vielleicht kein Elektroschrott mehr, sondern Nährstoff für das neue. Illegale Deponien in Nigeria oder in China könnten damit der Vergangenheit angehören. Vom Auto über den Fernseher bis zum Kühlschrank und zur Sofagarnitur - alles befindet sich womöglich schon bald in einem Kreislauf. Man stelle sich das einmal vor: eine Welt ohne Müll. Ohne Verbrennungsanlagen und Rohstoffengpässe. Denn wir verbrauchen dann nichts mehr, sondern nutzen alles immer wieder neu. Michael Braungart spricht bereits von der "nächsten industriellen Revolution". Lesen Sie dazu unsere Titelgeschichte oder besuchen Sie vom 12. bis zum 14. November die Nutec, die neue Fachmesse für zukunftsfähige Erzeugnisse, die von Chemie-Professor Braungart und seinem Team entwickelt wurde. Dort präsentieren Unternehmen aus aller Welt Produkte, die zum Shoppen animieren und mit denen sich vielleicht sogar die Welt verbessern lässt. In jedem Fall erwarten die Regenwürmer ganz neue Arbeitsfelder - mit T-Shirts, Teppichböden und BHs als Futter.
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