Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes forsa halten 97 Prozent der Befragten die Nutzung und den Ausbau Erneuerbarer Energien für wichtig oder sehr wichtig. © irena.org
|
:: So ist unsere ERDE noch zu retten
HÖRZU Zukunftsreport 1/3: In der ersten Folge unserer neuen dreiteiligen Serie beschreibt Umwelt-Experte Franz Alt, wie wir Alternative Energien nutzen können.
Anna Holzamer macht sich Sorgen um ihre Zukunft. Das hat die 19-jähÂrige Abiturientin auch ganz laut ausÂgesprochen: Als sie ein Praktikum beim Umweltschutzverband BUND absolÂvierte, wurde sie in die Talkshow von MaybÂritt Illner eingeladen und von der ModeratoÂrin gefragt, was sie vom 50-Milliarden-KonÂjunkturpaket der Bundesregierung halte. AnÂna Holzamer sagte, dass diese Schulden die Zukunft ihrer Generation belasten, und wollÂte von den anwesenden Politiker wissen, wie sie diese Schulden und den Klimawandel geÂgenüber künftigen Generationen verantworÂten könnten? Die AbituÂrientin hatte sehr präziÂse gefragt –erhielt in der Sendung abe nur ausÂweichende Antworten.
Â
Wir wollen in diesem HÖRZU-Zukunftsreport Antworten auf die FraÂgen der jungen GeneraÂtion von heute finden: Wo sind die ArbeitsÂplätze von morgen? Wie sieht die Welt durch den Klimawandel im Jahr 2050 aus? Gibt es auch in Zukunft ausreichend alternative Energien? Können wir ohne Öl und Benzin noch Auto fahren? Haben wir auch morgen noch genug Nahrung und Wasser?
Â
Wenn wir auf diese Fragen der Jugend keine Antworten finden, könnte der soziale Frieden in Deutschland und Europa schneller vergeÂhen als die Eisberge in der Arktis schmelzen. Noch leben wir in einem System kollektiver Verantwortungslosigkeit gegenüber unseren Kindern und Enkeln. Wenn es am Tag, an dem Sie diese Zeilen leÂsen, eine sozial und ökologisch realistische Tagesschau gäbe, dann müssten meine HamÂburger Kollegen heute Abend unter anderem darüber berichten, dass wir auch heute wieder viele Tiere und Pflanzen ausgerottet, tonnenÂweise fruchtbaren Boden vernichtet und jeÂde Menge Treibhausgase in die Luft geblasen haben (siehe Kasten Seite 10). Dasselbe maÂchen wir morgen und übermorgen, jeden Tag der nächsten Woche und des nächsten JahÂres. An einem Tag verbrennen wir heute an Kohle, Gas und Öl, was die Natur in einer MilÂlion Tagen mühsam angesammelt hat. Wir verbrennen und verbrauchen die Zukunft unÂserer Kinder und Enkelkinder.
Â
Deshalb wird es global immer wärmer, desÂhalb schmelzen die Gletscher und steigt der Meeresspiegel, deshalb nehmen die Stürme zu, und immer mehr Menschen müssen als Klimaflüchtlinge ihre Heimatländer verlasÂsen. Die UNO schätzt, dass bis 2020 etwa 200 Millionen Menschen als Umweltflüchtlinge über unseren Planeten irren werden. Schon heute ist es global wärmer als je zuvor in den letzten 450.000 Jahren. Doch bis 2100 könnÂte es nochmal um vier bis acht Grad wärmer werden, prophezeien die Wissenschaftler – wenn wir alles verbrennen, was heute noch im Boden ist. Sind wir noch zu retten? Kann Anna Holzamer und ihre Generation noch auf eine gute Zukunft hoffen?
Â
Viele Eltern-Generationen wünschten bisÂher: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir“. Ist solch ein Elternwunsch heute überhaupt noch realistisch? Oder müsÂsen die jungen Leute erst eine „68-er RevoluÂtion“ anzetteln, bis die heute VerantwortliÂchen endlich aufwachen? Schließlich haben wir diese Welt nicht von unseren Eltern geÂerbt, sondern sie von unÂseren Kindern geliehen. Und nun wollen wir ihnen als Heimat ein überhitztes Treibhaus hinterlassen? Im Treibhaus lebt es sich nicht gut. Doch noch imÂmer gilt der Satz: Wir wisÂsen zwar schon lange, was wir tun, doch wir tun immer noch nicht, was wir wissen.
Â
Noch haben wir jedoch die Chance, wenigsÂtens das Schlimmste zu verhindern. Darum soll es in diesem Zukunftsreport gehen. Die Rettungsmaßnahmen kommen zwar langÂsam, aber sie kommen. Darüber wird freilich deutlich weniger berichtet als über die spekÂtakulären Katastrophen. Das Fällen eines Baumes hat eben schon immer mehr Lärm gemacht als das Wachsen eines Baumes. FälÂlen geht plötzlich und laut, aber Wachsen geht leise und langsam und weniger spektaÂkulär. Doch wo Gefahr ist, wächst ja bekannt bekanntÂlich das Rettende auch.
Â
Die alles entscheidende Frage für die Zukunft des Lebens ist die EnergiefraÂge. Ohne Energie gibt es kein Leben, keinen Fortschritt, keinen WohlÂstand und keine Überwindung des Hungers. Doch die heutigen Energiequellen gehen in den nächsten Jahrzehnten allesamt zu Ende. Hinzu kommt, dass Kohle, Gas und Öl den Treibhauseffekt verursachen, AtomkraftwerÂke gefährlich sind und niemand weiß, was mit den nuklearen Abfällen geschehen soll. Also brauchen wir so rasch wie möglich den hundertprozentigen Umstieg auf erneuerbaÂre, umweltfreundliche, ewig vorhandene und dazu noch preiswerte Energiequellen.
Â
Bei diesem dringend notwendigen Umstieg gab es in den letzten Jahren größere FortÂschritte, als allgemein bekannt ist. Wir JourÂnalisten haben über diese positiven EntwickÂlungen bisher einfach zu wenig berichtet. Kaum jemandem ist beispielsweise bewusst, dass das Bundesland Schleswig-Holstein schon in absehbarer Zeit mehr Ökostrom produzieren wird, als alle seine Bürger zuÂsammen verbrauchen. Kaum jemadn weiß, dass es schon so genannte „grüne Städte“ gibt, deren Stadtwerke bereits heute ausÂschließlich erneuerbare Strom im Angebot haben (siehe auch Infokasten unten).
Â
Ich weiß, worüber ich schreibe. Denn wir haÂben seit 18 Jahren zwei Solaranlagen auf unÂserem Hausdach in Baden-Baden. Eine proÂduziert Wärme mit der Sonne und die andeÂre Solarstrom. Auf einem Altbau aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts gewinÂnen wir damit doppelt so viel Strom wie eine durchschnittliche deutsche Familie verÂbraucht. Und ich kann Ihnen versichern, dass uns die Sonne in diesen 18 Jahren noch nie eine Rechnung geschickt hat. Für die nächsÂten Wochen ist zusätzlich eine Pellet-Anlage bestellt – Holzpellets sind gespeicherte SonÂnenenergie. Wir sind dann komplett enerÂgieautonom und nutzen zur Strom- und WärÂmegewinnung ausschließlich umweltfreundÂliche Energie ohne Treibhausgase zu produÂzieren. Und die Sonne wird noch etwa fünf Milliarden Jahre die Energie zur Verfügung stellen, die alle Menschen auf dieser Erde insÂgesamt benötigen.
Â
Eigentlich gibt es gar kein Energieproblem, wenn wir uns nur ein klein wenig intelligenÂter verhalten würden als bisher. Denn die Sonne schickt uns jeder Sekunde unseres Hierseins 10.000-mal mehr Energie als zurÂzeit alle Menschen verbrauchen. Die Lösung des Energieproblems steht am Himmel. WaÂrum aber stehen die meisten deutschen DäÂcher noch völlig ungenutzt in der Gegend heÂrum? Warum mehmen wir das Angebot von oben so wenig an? Warum holen wir Öl aus Arabien, Gas aus Sibirien und Uran aus AusÂtralien, aber die heimische Sonne, den heiÂmischen Wind, die heimische Erdwärme, die heimische Wasserkraft und die heimische Bioenergie nutzen wir kaum?
Â
Der Freiburger Solararchitekt Rolf Disch hat bereits 60 Häuser gebaut, die allein mit SoÂlaranlagen doppelt so viel Strom produzieren wie die Bewohner benötigen. Das ist für jeÂden umsetzbar: Jedes Haus kann in Zukunft seinen Energie selbst organisieren. Millionen Hausbesitzer, Landwirte, Handwerker und der Mittelstand sind die Träger der künftigen umweltfreundlichen, autarken EnergieverÂsorgung. Der hundertprozentige Umstieg auf Erneuerbare Energie wird in Deutschland zu einer Million neuer Arbeitsplätze führen und in der Europäischen Union sogar zu fünf MilÂlionen Stellen. Das hat eine Berechnung der Europäischen Kommission in Brüssel ergeÂben. Neue Energie bedeutet viele neue ArÂbeitsplätze. Worauf warten wir als o noch?
Â
Uns stehen alle Möglichkeiten offen: Eine Studie der Universität Osnabrück hat beiÂspielsweise ergeben, dass sich Städte wie OsÂnabrück oder Münster ihren Privatstrom zu 72 Prozent über die Sonne besorgen können. Die meisten deutschen Dörfer erreichen soÂgar einen Wert von 100 Prozent, weil es auf dem Land mehr Dachflächen gibt als in StädÂten. Die ersten Kommunen stellen SolarkaÂtaster ins Internet, über die Bürger sich inforÂmieren können, ob ihr Hausdach für SolarÂenergie geeignet ist oder nicht.
Â
Deutschland ist erneuerbar. Europa ist erÂneuerbar. Die Welt ist erneuerbar. Es gibt kein einziges Land auf dieser Erde, das sich nicht zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie verÂsorgen kann. Darum: Bürger, zur Sonne, zur Freiheit! Anna Holzamer kann noch hoffen. Wenn wir schnell handeln. Jetzt!
Â
HÖRZU Zukunftsreport: So ist unsere ERDE noch zu retten 1/3
HÖRZU Zukunftsreport: Stadt von Morgen 2/3
HÖRZU Zukunftsreport: Arbeitgeber Umwelt 3/3
|
















