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:: Atomenergie ist unbeherrschbar
Die Häufung von Störfällen und Pannen in deutschen Atomkraftwerken macht deutlich: Die Nutzung der Atomenergie zur Stromgewinnung ist mit unbeherrschbaren Risiken behaftet. Deutsche Reaktoren gehören nicht, wie die Energiekonzerne gern behaupten, zu den sichersten und modernsten der Welt. Vielmehr sind die Atommeiler technisch veraltet und die Betriebsführung ist fehlerbehaftet. Sie entsprechen nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik und sind völlig unzureichend gegen Einwirkungen von Außen geschützt. Ein Konzept zur Stilllegung der 17 Atomkraftwerke in Deutschlandinnerhalb der 17. Wahlperiode. Von Hans-Kurt Hill
Ein scheinbar sicherer Betrieb kann von RWE, E.On, Vattenfall Europe und EnBW nur durch das VerÂtuschen und Herunterspielen von Gefahren vorÂgetäuscht werden. Jeder weitere Tag, den ein deutscher Atommeiler läuft, erhöht die Gefahr des Austritts von Radioaktivität bis hin zur Kernschmelze – mit unabsehbaren Folgen für Mensch und Umwelt. Deshalb sollte die unverÂzügliche und unumkehrbare Stilllegung aller Atomkraftwerke in Deutschland durchgesetzt werden.
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Grund für den Weiterbetrieb ist der enorme Profit, den die Konzerne mit den abgeÂschriebenen Altanlagen einfahren. Jedes Jahr, das die 17 Reaktoren am Netz bleiben, bedeuÂtet ein Zusatzgewinn von mindestens sieben MilliÂarden Euro. Jedes weitere Atomstromjahr bedeutet auch: Die Energieversorger sichern ihre kartellartiÂge Stellung auf dem Strommarkt. Und: Erzeugung und Netze bleiben behäbig, unflexibel und störanÂfällig. Der Ausbau einer dezentralen Versorgung, basierend auf effizienten und erneuerbaren Energientechniken wird ausgebremst. Deshalb gilt: wo Profite Einzelner derart vor die gesellschaftliche Verantwortung gestellt werden, muss der Staat die Notbremse ziehen.
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Auch die Frage der Entsorgung des anfallenden Strahlenmülls ist nach wie vor völlig ungeklärt. Der Standort Gorleben ist zur Endlagerung von Brennstäben, die über hunderttausende von Jahren strahlen, nicht geeignet. Die skandalösen Vorgänge im Salzstock Asse, der von der Atomwirtschaft illegal als Atomlager missbraucht wurde, zeigen die Skrupellosigkeit der Atombefürworter im Umgang mit radioaktiven Stoffen. Bisher ist nicht einmal ein ergebnisoffenes Verfahren zur AufsuÂchung eines Endlagers unter Einbeziehung der Öffentlichkeit eingeleitet worden. Derweil tickt in oberirdischen Zwischenlagern eine täglich wachÂsende nukleare Fracht als Zeitbombe. Auch hier gilt: Nur ein unverzüglicher Atomausstieg verrinÂgert die Gefahr.
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Beschäftigungspolitisch ist das Festhalten an der uranbefeuerten Stromerzeugung ein Desaster. In der herkömmlichen Energiewirtschaft ist die Zahl der Arbeitsplätze seit 1998 – dem Jahr der StromÂmarkt-Liberalisierung – um ein Drittel eingebroÂchen. Das ist ein Rückgang um 106.000 Stellen. Allein im Stromsektor ist innerhalb von zehn Jahren ein Beschäftigungsrückgang um fast 25 % zu verzeichnen, obwohl die Stromerzeugung im gleichen Zeitraum um 15 % zulegte. Dem gegenüÂber schafft die Branche der Erneuerbaren Energien jährlich 30.000 neue Stellen. Bereits jetzt arbeiten in dem schnell wachsenden Wirtschaftszweig
280.000 Menschen. Bis 2020 können noch einmal 300.000 hinzukommen – sofern die ZukunftsenerÂgien nicht politisch ausgebremst werden. Je schnelÂler wir aus der Risikotechnologie Atomkraft ausÂsteigen, desto eher entstehen zukunftssichere Arbeitsplätze.
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Atomausstieg unverzüglich durchsetzen
Deutschland kann innerhalb der nächsten WahlpeÂriode vollständig aus der Atomenergie aussteigen. Die Pannen-Meiler Krümmel und Brunsbüttel solÂlen nicht wieder ans Netz gehen. Bereits 2010 könÂnen die dann sechs ältesten und gefährlichsten Atomkraftwerke stillgelegt werden. Ab 2011 folÂgen jährlich drei weitere Anlagen. Damit ist ein Wiedereinstieg in die Risikotechnik nach 2013 ausgeschlossen. Gleichzeitig können in den nächÂsten vier Jahren bis zu 120.000 neue Energie- Arbeitsplätze geschaffen und die gesteckten KliÂmaschutzziele erreicht werden.
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Die bisherige Vereinbarung zum Ausstieg aus der Atomenergie, der so genannte Atomkonsens, ist bereits jetzt von den Energiekonzernen einseitig gebrochen worden. Die Abschaltung der ältesten und gefährlichsten Atommeiler wurde bereits um zwei Jahre verzögert. Offen fordern die Atom- Bosse eine Verdoppelung der Laufzeiten auf 60 Jahre und damit eine Aufkündigung des besteÂhenden Vertrags. Das jetzige Atomgesetz muss daher durch ein Atom-Ausstiegsgesetz ersetzt werÂden. Bis zur Abschaltung ist der Betrieb der AtomÂkraftwerke unter staatliche Kontrolle zu stellen. Die Ausstiegskosten sind vollständig den privatÂwirtschaftlichen Betreibern anzuhaften. Den EnerÂgiekonzernen wird mit dem unverzüglichen AtomÂausstieg Gelegenheit gegeben, die Energiewende aktiv mit zu gestalten. Im Zweifel werden die AnlaÂgen jedoch zur Erfüllung der öffentlichen InteresÂsen teilweise oder vollständig enteignet. Die EntÂeignung nach Art. 14 Grundgesetz ist verfassungsÂgemäß, da Allgemeinwohlbelange im Vordergrund stehen. Entschädigungen müssen nicht gezahlt werden, da die Atomanlagen im Wesentlichen nur durch staatliches Zutun, wie massive Subventionen und Markt verzerrende Vorrangregelungen, errichÂtet werden konnten. Darüber hinaus verursacht die privatwirtschaftliche Atomenergienutzung auch in die Zukunft gerichtet noch erhebliche gesellschaftÂliche Kosten.
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Die Abschaltung der Atomkraftwerke in DeutschÂland kann zügig und geregelt erfolgen. Zunächst ist sicherzustellen, dass der Pannen-Reaktor Krümmel nicht wieder in Betrieb geht. Die Anlage liefert schon seit Mitte 2007 keinen Strom mehr und ist für die Energieversorgung ohne Bedeutung. Auch das für Dezember 2009 geplante Wiederanfahren von Brunsbüttel soll untersagt werden. Im April 2010 werden die Atommeiler Neckarwestheim und Biblis A vereinbarungsgemäß vom Netz genomÂmen. Es folgen in der zweiten Jahreshälfte Isar 1, Philippsburg 1, Unterweser und Biblis B. In den Folgejahren werden die übrigen Anlagen in DreierÂgruppen stufenweise abgeschaltet. 2011: GrafenÂrheinfeld, Gundremmingen B und C; 2012: PhilÂippsburg 2, Grohnde, Brockdorf und schließlich 2013: Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2. Die Anlagen erreichen im jeweiligen Abschaltjahr noch höchstens drei Viertel der Jahresleistung.
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Trotz schneller Reaktorabschaltung kann der Inlandsbedarf an Strom zu jeder Zeit gedeckt werÂden. Im Jahr 2008 stellte der deutsche KraftwerkÂspark 639 Terrawattstunden (TWh) bzw. Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie bereit. AbzügÂlich der erheblichen Exporte von 23 TWh verblieb hierzulande ein Erzeugungsbedarf von 616 TWh. Derzeit sinkt die Stromnachfrage aufgrund der Konjunkturflaute. Für die kommenden Jahre soll eine zunehmende Stromnachfrage durch VerbesseÂrungen bei der Energieeffizienz aufgefangen werÂden. Der unverzügliche Atomausstieg kann in den Jahren 2012 bis 2014 einen vorübergehend gerinÂgen Stromimport erforderlich machen. Dieser liegt dann aber deutlich unter den derzeit erheblichen Überschüssen, die die deutsche Energiewirtschaft ins Ausland abgibt. Durch rechtzeitig vereinbarte Strommengenverträge kann der Bedarf jederzeit sichergestellt werden.
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Indem Energie künftig klüger genutzt wird, sinkt der tatsächliche Strombedarf bis 2020 um rund 30 TWh. Die Wirtschaftsleistung je erforderlicher Kilowattstunde nimmt also zu. Um das Erreichen der Effizienzziele sicherzustellen, soll ein EnergieÂeffizienzgesetz zügig verabschiedet werden. Es muss Hersteller verpflichten, nur die effizientesten Geräten und Maschinen auf den Markt zubringen und laufend Verbesserungen zu erzielen. Die InÂdustrie muss als Gegenleistung für Entlastungen bei der Energiesteuer den Stromverbrauch erhebÂlich senken. Für Verbraucherinnen und VerbrauÂcher soll sich Energiesparen deutlicher lohnen.
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Die Herausforderung besteht darin, innerhalb von vier Jahren rund 140 TWh risikobehafteten AtomÂstrom oder 23 % der Erzeugungsmenge durch nachhaltige Energiequellen zu ersetzen. Das KonÂzept zum unverzüglichen Atomausstieg sieht gleichzeitig eine Minderung des KlimagasausstoÂßes bei der Stromerzeugung um 50 % bis 2020 gegenüber dem Basisjahr 1990 vor. Dazu muss der kohlebefeuerte Kraftwerkspark deutlich zurückgeÂdrängt werden. Im Bereich der Braunkohle sollten keine neuen Tagebaue in Betrieb gehen und Umsiedlungen ausgeschlossen werden. Die verÂbleibenden Kohlemengen führen zu einem AuslauÂfen der bestehenden Kraftwerke bis 2050. Dadurch erfolgen ein gleichmäßiger Rückgang der BraunÂkohleverstromung ohne soziale Härten und ein geregelter Übergang zu effizienten und erneuerbaÂren Energieträgern.
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Im Bereich der Steinkohleverstromung ist ein Zubauverbot nach 2012 erforderlich, um ein Erreichen der Klimaschutzziele sicherzustellen. Der bestehende Kraftwerkspark geht demnach ebenÂfalls bis 2050 kontinuierlich auf Null. Dabei müsÂsen noch einige bereits genehmigte und in Bau befindliche Anlagen berücksichtigt werden. Eine Verschärfung des Bundesemissionsschutzgesetzes (BImSchG) soll jedoch sicherstellen, dass beÂsonders ineffiziente und klimaschädliche KohleÂkraftwerke auch vorzeitig abgeschaltet werden können. Insgesamt halbiert sich der Anteil von Kohlestrom im elektrischen Energiemix bis 2020 auf knapp ein Viertel.
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Der konsequente Rückbau des fossil-atomaren Kraftwerksparks erfordert einen schnellen Ausbau hocheffizienter Erdgas-Kraftwerke, die gleichzeiÂtig Strom und Wärme erzeugen, und Erneuerbarer Energien. Beim künftigen Mehreinsatz von Erdgas in Kraftwerken sinkt dennoch der GesamtverÂbrauch in Deutschland. Das gelingt durch EnergieÂeinsparungen im Wärmebereich. Allein die besteÂhenden gesetzlichen Rahmen reichen dabei aus, um mittels Gebäudedämmung, verbesserter HeizÂtechnik und den Einsatz von Erneuerbaren EnerÂgien im Wärmebereich den erdgasbefeuerten Kraftwerkspark um 50 % zu vergrößern. Erdgas liefert dann im Jahr 2020 knapp ein Viertel des erforderlichen Stroms. Beim gezielten Ausbau der Fernwärme werden weitere Einzelheizungen in Privathaushalten und Gewerbebetrieben ersetzt und der Erdgasbedarf geht deutlich unter das heutiÂge Niveau zurück. Dabei überwiegen die KostenÂvorteile durch Energieeinsparungen gegenüber den erforderlichen Investitionen um 20 %.
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Zur Sicherstellung dieser Entwicklung soll u.a. das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärÂmeG) auf den Gebäudebestand ausgeweitet und mit höheren Pflichtzielen versehen werden. Auch die Aufstockung des CO2-GebäudesanierungsÂprogramms ist sinnvoll. Zum schnellen Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) ist ein KWKÂErgänzungsgesetz auf den Weg zu bringen, um Hemmnisse in der bisherigen Förderpolitik abÂzubauen.
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Das Wachstum der Erneuerbaren Energien wird maßgeblich von der Leistungsfähigkeit der BranÂche und von den politischen Rahmenbedingungen bestimmt. Eine Begrenzung der Ausbauleistung, wie es CDU/CSU und FDP vorsehen, ist deshalb eine klare Richtungsbestimmung gegen Innovation und Beschäftigung im Energiesektor. Aktuelle Gutachten belegen, dass der Anteil Erneuerbarer Energien in Deutschland deutlich schneller wächst, als von allen bisherigen Prognosen vorhergesagt. Bereits 2020 kann das breite Angebot von Wind, Wasser, Solarenergie, Biomasse und Erdwärme fast die Hälfte der erforderlichen Strommenge liefern. Der Anteil kann in zehn Jahren auf 278 TWh oder rund die Hälfte des inländischen Erzeugungsbedarfs steigen. Ein EEG-ErgänzungsÂgesetz sichert dieses Wachstum ab.
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In diesem breit und dezentral aufgestellten EnerÂgiemix kann der CO2-Ausstoß im StromerzeuÂgungssektor bis 2020 gegenüber 2007 um 40 % gesenkt werden. Zuzüglich der bisher geleisteten Emissionssenkungen halbiert sich die KlimagasbeÂlastung damit gegenüber dem Basisjahr 1990. Der derzeitige Zubau großer Kohlekraftwerke führt ab 2012 zunächst zu einem Wiederanstieg des enerÂgiebedingten CO2-Ausstoßes. Hier zeigt sich: Nur eine schnelle Energiewende kann die VerschlechÂterung bei den Klimagasen wieder auffangen.
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Gleichzeitig bleibt die Grundlastfähigkeit der Stromversorgung bestehen. Liefen die 17 AtomÂkraftwerke in den vergangenen Jahren im Schnitt an 6.740 Stunden im Jahr mit voller Auslastung, beträgt allein der Volllast-Mix aus WindenerÂgie und schnell regelbaren Erdgaskraftwerken 6.800 Stunden im Jahr. Hinzu kommen Biomasse- und Wasserkraftwerke, die durchgängig Grundlast liefern. Pumpwasserspeicher, deren Kapazität derzeit deutlich ausgebaut wird, liefern in SekundenÂschnelle Strom, um unerwartete Spitzenlasten zu decken. Hinzu kommt Solarstrom, der sich im SaiÂson- und Tagesrhythmus mit der Windenergie optiÂmal ergänzt.
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Der unverzügliche Atomausstieg führt nicht zu einer Stromteuerung. Der Strompreis wird an der Energiebörse durch das jeweils teuerste Kraftwerk bestimmt, das zugeschaltet werden muss, um die tägliche Stromnachfrage zu decken. Billig erzeugÂter Atom- und Kohlestrom führt also lediglich zu hohen Gewinnen bei den Energiekonzernen. Bereits vor 2020 werden die Strombereitstellungskosten Erneuerbarer Energien unter dem dann zu erwartenden Großhandelspreis liegen. Darüber hinaus senkt ihr schnell wachsender Anteil die Importnachfrage bei den fossilen Energieträgern, die künftig die eigentlichen Preistreiber darstellen werden. Die konsequente Energiewende bei einem schnellen Atomausstieg zahlt sich daher für die Verbraucherinnen und Verbraucher aus.
ist energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Ein Quellenverzeichnis zum Artikel kann bei EUROSOLAR oder beim Autor angefordert werden.
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