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:: „Der Spiegel“ verbreitet Legenden vom harmlosen Atom

Mit der Veröffentlichung des Artikels „Legenden vom bösen Atom“ von Matthias Schulz in „Der Spiegel“ vom 19. November 2007 betätigt sich das in Hamburg produzierte Nachrichtenmagazin unkommentiert als Verbreiter von Legenden vom angeblich harmlosen Atom. Kommentar von Dr. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V..
Der Autor dieses Spiegel-Artikels stützt sich auf alte, längst widerlegte Zahlen sowie auf Aussagen des Münchner Strahlenbiologen Professor Dr. Al­brecht Kellerer. Dieser ist als ausgewiesener Befür­worter der Atomenergie bekannt und hatte die ge­sundheitlichen Folgen von Tschernobyl bereits 1990 bestritten, als diese wissenschaftlich noch überhaupt nicht abgeschätzt waren.
 
Der Artikel von Matthias Schulz enthält zu viele irre­führende Angaben:
Im „Spiegel“ wird behauptet, die Umweltverseuchung durch die sibirische Atomwaffen­schmiede Majak habe weniger Strahlenopfer gefordert als erwartet. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Das EU­-Forschungsprojekt „Soul“ (Southern Urals Radiation Risk Research) hat nicht ge­ringere, sondern seinem Leiter Dr. Peter Jacob vom GSF-For­schungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München zufolge etwa 4mal höhere Strahlenschäden in der Umgebung der russi­schen Atomwaffenschmiede Majak festgestellt als nach dem Risikomodell, das der deutschen Strahlenschutzver­ordnung zugrunde liegt, zu erwarten wären. Das bedeutet nicht Entwarnung für Majak, sondern anstehendes Nach­denken über erneut zu ver­schärfende deutsche Strahlen­grenzwerte.

Wer in der russi­schen Obrigkeit hat wohl ein Interesse daran, eine Jahr­zehntelang erfolgreich vor der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit verschwie­gene Katastrophe jetzt ehrlich aufzuklären? Majak gehörte zu den geheimsten Orten in der UdSSR, alles war geheim, wurde getarnt, Sträflinge aus dem GULAG wurden einge­setzt, wo es am Gefährlichsten war.

Im „Spiegel“ heißt es zu Hiro­shima und Nagasaki, „die be­rüchtigte Strahlenkrankheit – jenes schleichende Leiden, das ab sechs Gray Dosis zum sicheren Tod führt“ sei nach den Atombombenabwürfen im August 1945 kaum aufgetre­ten. Unter den Überlebenden in Hiroshima und Nagasaki gab es tatsächlich später „nur“ einige hundert Todesfälle, die man als Spätfolgen der Strahlung einordnen kann. Diesen tragischen Bereich als Beispiel für Legendenbildung zu missbrauchen, verschlägt einem die Sprache. Jedes Schulkind kann erklären, dass die überwiegende Mehrzahl der Opfer verdampfte, ver­brannte oder zerquetscht wur­de, bevor sie an der Strahlen­krankheit sterben konnten.

Obwohl die Daten von Hiro­shima und Nagasaki erhebli­che Mängel aufweisen (so ließ man zum Beispiel erst fünf Jahre nach der Bombardierung die Datenerfassung einsetzen und nahm als statistische Ver­gleichsgruppe strahlenbelaste­te Personen) tragen sie bis heute wesentlich zur Ermitt­lung des Strahlenrisikos bei. In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass das Risiko, nach Strahlenbelastung an Krebs zu sterben, wieder und wieder nach oben korrigiert werden musste. Zusätzlich zu den Krebsfällen nehmen seit einigen Jahren auch verschie­dene andere Erkrankungen strahlenbedingt zu.

Die Toten von Tschernobyl – Schulz nennt 47 Liquidatoren, 9 Schilddrüsenkrebskinder und irgendwann mal 4000 Tote insgesamt – derart zu be­schreiben, ignoriert die Er­gebnisse eines langjährigen Streits um die Wahrheit. Bis heute gibt es „die Wahrheit“ über Tschernobyl nicht, weil jene, die sie formulieren könnten, daran kein Interesse haben. Wenn etwa die ukrai­nische Katastrophenministerin berichtet, dass mehr als 17.000 Familien in ihrem Land eine Rente bekommen, weil die Väter infolge ihres Liquidato­reneinsatzes ums Leben ka­men, so wiegt das schwerer, als die gebetsmühlenartig wie­derholte sowjetrussische Aus­sage von 30, 31 oder 47 ge­storbenen Liquidatoren.

Die Schilddrüsenkrebserkrankung als harmlos, weil gut operabel hinzustellen, beweist weitere Ahnungslosigkeit im Detail. Die Kinder, denen die Schild­drüse entfernt werden musste, sind lebenslang auf Tabletten angewiesen, die die fehlenden Schilddrüsenhormone erset­zen. Sie müssen in kurzen Ab­ständen zur Nachsorge. Vielen Familien fehlt schon für die Reise zum Arzt das Geld. Was in Deutschland lösbar scheint, bleibt in den desolaten Regio­nen um Tschernobyl ein le­bensgefährliches Unterfangen. Bei der Weltgesundheitsorga­nisation (WHO) geht man da­von aus, dass alleine in dem weißrussischen Gebiet Gomel mehr als 50.000 der damals dort lebenden Kinder im Laufe ihres Lebens Schilddrü­senkrebs bekommen. Auch für Erwachsene gibt es das Schilddrüsenkrebsproblem.

Die irgendwann „insgesamt 4000 Toten“ im „Spiegel“ stammen aus einer Presseer­klärung der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) anlässlich des Tschernobylfo­rums im Herbst 2005 in Wien. In dem Bericht der WHO für dieses Forum findet man aber nicht 4.000, sondern 8.930 Tote. Liest man auch noch die hierfür angegebene wissen­schaftliche Originalquelle, fin­det man bei Elisabeth Cardis (vom International Agency for Research on Cancer in Lyon) 9.785 bis 22.160 zusätzliche Krebs- und Leukämietote an­gegeben. Dabei ging es jedoch nur um die Tschernobylregion selbst.
 
Die IAEA musste die kompromittierende Presseer­klärung mit den 4.000 Tschernobyltoten aus dem Internet zurückziehen, ein einmaliger Vorgang. 2006 legte Frau Cardis in einer im Internatio­nal Journal of Cancer veröf­fentlichten internationalen Ge­meinschaftsstudie nach. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es bisher sogar in Europa nach Tschernobyl 1.000 zusätzliche Schilddrüsenkrebsfälle und 4.000 andere Krebsfälle gab. Bis zum Jahre 2065 rechnet sie mit zusätzlich 3.400 bis 72.000 Schilddrüsenkrebser­krankungen und 11.000 bis 59.000 anderen Krebsfällen, von denen 6.700 bis 38.000 tödlich ausgehen werden. Michail Malko aus dem In­stitut für Energie- und Kern­forschung in Sosny (Weißrussland) kommt auf tödlich ausgehende Erkrankungen in­folge von Tschernobyl in der Größenordnung von weltweit 180.000. Seine Abschätzung ist durchaus verträglich mit der von Elisabeth Cardis. Er hält Tschernobyl bezüglich des Ausmaßes der Katastro­phe für vergleichbar mit dem Tsunami in 2004 und der Bombardierung von Hiroshi­ma und Nagasaki.
 
Die wissenschaftlichen Aka­demien in Russland, Weißrussland und Ukraine kamen auch zu anderen Ergebnissen als die IAEA. Sie protestierten scharf gegen die Aussagen der IAEA, wurden aber einfach vom Westen überrollt. Der Kronzeuge von Matthias Schulz – Albrecht Kellerer, Universität München – kam bereits Anfang 1990 für das Rote Kreuz zu folgender Mei­nung über die Folgen von Tschernobyl und zwar vor je­der wissenschaftlichen Analy­se: „Ein besonderes Problem sind die Befürchtungen be­züglich Störungen der Schild­drüsenfunktion, (...). Da nun Schilddrüsentests viel häufi­ger durchgeführt werden, fin­det man auch weit häufiger Störungen. Diese werden den Strahlenexpositionen zuge­schrieben, obwohl trotz der hohen Dosen durch Radiojod keine pathologischen Verän­derungen oder Funktionsstö­rungen zu erwarten sind.“
 
In der Fachzeitschrift Atomwirt­schaft schrieb er 1993: „... ra­dioaktive Freisetzungen von Kernreaktoren sind weder Ri­siko noch Bedrohung. (...) Wer neben einem seiner Mit­menschen steht, erhält durch dessen natürliche Radioakti­vität mehr Strahlenexposition als durch den Reaktor in ein paar Kilometer Entfernung.“ Wir sind gespannt auf die in Kürze vorliegende Studie des Mainzer Kinderkrebsregisters zu Krebserkrankungen bei Kindern in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke.
 
In Zusammenhang mit dem früheren sowjetisch-deutschen Uranbergbaubetrieb WISMUT in Sachsen und Thüringen schreibt Matthias Schulz im „Spiegel“: „Durch Strahlen­spätschäden, vornehmlich Lungenkrebs, gab es bislang 1221 Tote.“ Tatsächlich wur­den bei WISMUT-Kumpeln bisher etwa 8.600 Krebser­krankungen als arbeitsbedingt anerkannt, vorwiegend Lun­genkrebs. Die Heilungschan­cen für Lungenkrebs sind ex­trem gering.

Noch immer kommen Jahr für Jahr 150 bis 200 neue Krebsfälle dazu. Die Dunkelziffer für Krebserkran­kungen außerhalb der Lunge ist hoch, weil die Anerken­nung als Berufskrankheit so restriktiv gehandhabt wird, dass viele Krebskranke darauf verzichten, einen Antrag zu stellen.
Quelle:
Dr. Sebastian Pflugbeil 2007
Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.
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