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:: ZUKUNFT ERDE - Teil 23: Wasser in Not – Wege einer neuen Wasserpolitik

Wasser ist Leben. Ohne Essen können wir bis zu 70 Tagen überleben, aber ohne Wasser höchstens 70 Stunden. "Ohne Wasser ist kein Heil" schrieb Goethe im Faust II. Heute schleicht sich die Wasserkatastrophe von Süd nach Nord. Am Tag, an dem Sie diese Zeilen lesen, sterben 25.000 Menschen an Wassermangel. Die meisten Hungerkatastrophen sind Wasserkatastrophen.
Auch im wasserreichen Mitteleuropa steuern wir auf einen Wassernotstand zu. Unser Wasser wird benutzt, verschmutzt, verschwendet. Gifte im Wasser, Chemiemüll, Düngemittel und Luftverschmutzung verseuchen unser wichtigstes Überlebensmittel. 
  • Die deutsche Industrie verbraucht jährlich 16 Milliarden Kubikmeter Wasser.
  • Die  Landwirtschaft verseucht Grund- und Oberflächenwasser mit Pestiziden und Düngemitteln.
  • Jeder von uns verbraucht heute achtmal soviel Wasser wie seine Großeltern vor 80 Jahren.
  •  Wasser wird weltweit bald zur knappsten natürlichen Ressource. Wir werden Kriege ums Wasser erleben - sie drohen in Nahost und Afrika, aber auch auf dem indischen Subkontinent und im nachkommunistischen China. Öl können wir ersetzen durch Sonne, Wind und Biomasseenergie. Wasser aber bleibt unersetzlich – wir können es nicht vermehren.
Vor 100 Jahren musste das Wasser einmal gefiltert werden. Heute setzen wir, um das verschmutzte Wasser wieder zu reinigen, zunehmend auf Großtechnologie und auf die Chemie. In Deutschland sind zur Zeit acht chemische Behandlungsstufen notwendig, damit das Wasser wieder trinkbar wird. Wasser wirt gechlort, gefiltert und bestrahlt.
 
Benzol, Xylol, Toulol: Aus den Papier- und Chemiefabriken fließen täglich 230 Tonnen schädliche Kohlenstoffverbindungen in den Rhein und ins Trinkwasser. Chlor ist Bleichmittel für Papier. Die Abwässer der Papierwerke vergiften Flüsse und Meere.
 
Gülle, Herbizide, Insektizide: Damit vergiften Landwirte das Wasser - Nitrate und Ammoniak werden vom Wind in die Wälder und aufs Meer getragen. Allein der Ostsee muten die Anrainerstaaten jährlich über eine Million Tonnen Stickstoff und fast 80.000 Tonnen Phosphat zu.
 
Die Washingtoner Zoologin und Toxikologin Thea Colborn weist darauf hin, dass Chemikalien im Wasser Fruchtbarkeitsstörungen nicht nur bei Fischen und Vögeln, sondern auch bei Menschen hervorrufen: "Leider entdecken wir gerade, dass einige dieser Schadstoffe die Gebärmutter durchdringen können. Sie sind also präsent, während das Baby im Bauch der Mutter heranwächst".

Es handle sich dabei nicht mehr um Einzelfälle, sondern um "ein globales Problem. Viele Chemikalien, die wir in  der Vergangenheit verwendet haben, liegen da draußen in der Natur noch lange, sehr lange herum. Sie sammeln sich im Gewebe von Tieren und Menschen an, bei jedem einzelnen, vom Nordpol bis zum Südpol, von Ost bis West. Und zu dieser Grundbelastung kommen neue Schadstoffeinflüsse hinzu, das addiert sich immer weiter, " analysiert Frau Colborn. Weltweit haben sich die Zahl der Spermien bei Männern in den letzten 50 Jahren etwa halbiert. Viele Tiere in Seen, Flüssen und Meeren haben schon heute keinen Nachwuchs mehr. Vielleicht müssen wir Menschen die biblische Botschaft "Wachset und mehret euch" bald aktualisieren durch den Zusatz: "...solange ihr noch könnt".
 
Die dramatisch abnehmende Fruchtbarkeit von Mensch und Tier ist noch eine weitgehend unbeachtete und wenig erforschte Konsequenz der globalen Umweltzerstörung - eine tickende Zeitbombe.
 
Seit 1900 ist die Weltbevölkerung von 1,6 auf über sechs Milliarden Menschen angewachsen - doch die Wasservorräte sind gleich geblieben. Heute verbraucht jeder und jede von uns in Deutschland pro Tag 120 Liter Wasser. Wasser, das so rein ist, dass man es trinken kann. Aber fürs Kochen und Trinken brauchen wir nur drei Liter pro Tag. 40 Liter Trinkwasser spülen wir täglich pro Kopf die Toilette hinunter, 52 Liter Trinkwasser brauchen wir fürs Baden und Duschen, fürs Waschen und Spülen nochmals 25 Liter Trinkwasser. Amerikaner verbrauchen pro Tag durchschnittlich sogar 400 Liter Wasser, auch sie das meiste für Toilettenspülung und Autowaschen.
 
Sind wir noch zu retten? Ich will die Frage mit Hilfe von zwei Wasser-Szenarien für das Jahr 2015 und das Jahr 2030 beantworten.
 
 
WASSER  2015
Eine Vision für die Zukunft: Wenn der neue Bundestag und die neue Bundesregierung ein Wasserspargesetz beschließen, das Bauherren vorschreibt, sparsame Armaturen zu installieren, private Nachrüstungen wie Sparduschen, Wasserspartoiletten, Wasserspar-Waschmaschinen und Wasserspar-Spülmaschinen fördert und Großverbrauchern einen Wasserpfennig abverlangt, dann werden wir bald nur noch halb soviel Wasser verbrauchen wie heute.
 
Jedes Jahr würde so pro Kopf 25.000 Liter Wasser gespart. In zehn Jahren also 250.000 Liter. Das wären bei einer vierköpfigen Familie eine Million Liter Wasserersparnis ohne Komfort-Einschränkung.
 
In wenigen Jahren können Grauwasserfilter im großen Stil das Wasser aus Dusche und Waschmaschine wieder reinigen. In jedem Mietshaus können Grauwasserfilter eingebaut werden. Statt Trinkwasser fließt dann Grauwasser durch die Toilette. Auch Regenwasser kann fürs WC genutzt werden. Wir machen in unserem Haus in Baden-Baden die Erfahrung, dass durch das Nutzen von Regenwasser viel Geld gespart werden kann.
 
Die Industrie wird - durch politische Bestimmungen - lernen, Wasser zu recyceln. Gebrauchtes Wasser kann zehn- und mehrmals verwendet werden. Wir brauchen Wasserkreisläufe sowie es die Bahn AG im ICE 3 bei der Toilettenspülung schon heute vormacht. Die Landwirtschaft könnte - mit heute verfügbarer Technik - ihren Wasserverbrauch halbieren, die Industrie gar um 90 % senken. Abwasser muss als Ressource erkannt werden, die sich produktiv einsetzen lässt. Wir müssen die törichte Unterscheidung zwischen Wasser und Abwasser aufheben. Es gibt nur  ein  Wasser. 
 
Die Chemiewerke werden in zehn Jahren nur noch Stoffe einsetzen, die sie in ihren Klärwerken abbauen können. Chlor ist in unserem Zukunftsmodell verboten. Durch Kreislaufsysteme wird der Wasserverbrauch bei der Produktion eines  Kilogramm Papier auf ein Zehntel gegenüber heute reduziert. Das Kühlwasser der Großkraftwerke darf keine Schwermetalle mehr enthalten. Dezentrale und umweltfreundliche Energieformen sorgen dafür, dass die wasserschluckenden Großkraftwerke überflüssig werden.
 
 
WASSER  2030
In der Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts wird Gülle nicht mehr wie früher verspritzt, sondern direkt über dünne Schläuche In die Böden eingebracht. Somit kann der Wind das giftige Ammoniak nicht mehr auf Meere und Wälder tragen. Nitrat kann nicht mehr in Boden und Grundwasser gelangen, wenn der Dünger sparsam dosiert wird. Den Dünger liefern übrigens in 30 Jahren nicht mehr die Chemiekonzerne, sondern die eigenen Kühe.
 
Die chemische Industrie produziert heute 116.000 verschiedene Chemikalien, deren langfristige Auswirkungen auf Wasser und Böden wir zum großen Teil noch gar nicht kennen. Eine Wasserschutzpolitik wird bis 2030 dafür sorgen, dass nur noch Stoffe produziert werden dürfen, die biologisch abbaubar sind oder in die Produktion neu integriert werden können. Wasserkreisläufe müssen sich schließen. Die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft wird nicht zuletzt davon abhängen, ob sie lernt, in Kreisläufen zu produzieren.
 
Wenn diese alternative Wasserpolitik konsequent umgesetzt wird, dann ist die Wasserwende bis zum Jahr 2030 vollendet.
 
Ein neues Verhältnis zum Wasser ist nicht nur aus ökologischen und ökonomischen Gründen nötig, sondern Voraussetzung für Sicherheit und Frieden in einer begrenzten Welt. Eine Illusion? Nein, eine realisierbare Vision. Alle technischen Mittel dazu sind vorhanden. Was fehlt, ist ein neues Wasserbewusstsein von unten und eine entsprechend verantwortbare neue Wasserpolitik von oben. Die Münchner Stadtwerke haben bewiesen, dass es geht und wie es geht. Noch vor 12 Jahren musste die Hälfte des Münchner Trinkwassers aus solchen Tiefen geholt werden, wo das Wasser nur langsam fließt und sich deshalb nur alle 1.000 Jahre wieder reinigt. Verantwortlich für das chemisch stark belastete Oberflächentrinkwasser war die Chemielandwirtschaft. Die Stadtwerke haben vielen Bauern im Münchner Umfeld finanzielle Anreize für den Umstieg auf Biolandwirtschaft geboten.
 
Jetzt wirtschaften überwiegend Biobauern ohne Kunstdünger und Pestizide. Die Qualität des Trinkwassers hat sich entschieden verbessert. Und die Stadtwerke, zu Recht mit dem Wasserpreis der Hundertwasser-Stiftung ausgezeichnet, sparen auch noch Geld. Denn die chemische Reinigung des Münchner Trinkwassers war teurer als die Finanzhilfe für die Biobauern.
 
Früheren Kulturen war das Wasser heilig. Und heiliges Wasser war sauberes Wasser. Wasser ist mehr als H2O. Diese neue, uralte Erkenntnis ist die Basis einer neuen Wasserethik.
 
Das Rezept heißt sparen, schützen, sanieren. Es geht um das Wasser des Lebens.
 
Das nächste Thema:
Teil 24: Wasser wird bald kostbarer als Gold
Quelle:
Franz Alt 2005
Umweltserie in der "tz" München
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