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:: ZUKUNFT ERDE - Teil 35: Der Dalai Lama und seine buddhistische Ökologie

Als ich mein Buch „Der ökologische Jesus – Vertrauen in die Schöpfung“ veröffentlicht hatte und es dem Dalai Lama schenkte, meinte der Papst des Ostens: „Ihr nächstes Buch sollten Sie über den ökologischen Buddha schreiben. Buddha war so sehr ökologisch orientiert wie Jesus.“
Eugen Drewermann, christlicher Theologe, Kirchenkritiker und Psychotherapeut sagt, dass ihn schon als Jugendlicher mit 17 Jahren die konsequente Gewaltlosigkeit des Buddhismus sehr fasziniert habe. Die katholische Kirche argumentierte vor 50 Jahren noch so: Kein Katholik darf sich dem Wehrdienst verweigern. Und so wurden alle jungen Katholiken trainiert fürs Töten. Drewermann: „Ich wusste damals, dass ich niemals lernen werde, auf Befehl Menschen zu töten, niemals.“
 
„Du sollst nicht töten“ galt für Drewermann selbstverständlich auch gegenüber den Tieren. Er erzählt: „Ich sehe das noch heute vor mir: in der Vorweihnachtszeit waren in meiner kleinen Stadt Hasen und Rebhühner aufgehängt mit blutigen Köpfen, sehr appetitlich. Und ich dachte mir, das kann nicht sein, das will ich nicht. Und es gab keinen katholischen Theologen, keinen Pastor, mit dem ich darüber auch nur hätte reden können. Mein Kaplan sagte mir: Schmeckt doch gut. Blutwurst, Mensch, Blutwurst!“
 
Weil der junge Drewermann nicht verstehen konnte, wie Menschen im Namen der Religion und im Namen Gottes Menschen oder Tiere töten können, kam ihm der Buddhismus zu Hilfe. Heute sagt er: „Ich war mit 17 Buddhist, ohne es zu wissen. Ich brauchte den Buddha, ich brauchte ihn in dieser Zeit mehr als Jesus.“ Auch ich weiß heute, dass Jesus und Buddha wunderbar zusammenpassen. So sieht es auch der Dalai Lama, der in seinen Reden oft Jesus zitiert.
 
21 mal habe ich in den letzten Jahren den Dalai Lama getroffen. Er war Gast in meiner letzten Fernsehsendung und sagte den starken Satz: „Ohne Menschen ginge es der Erde besser.“
 
Jesus ist wie Buddha ein universaler ökologischer Lehrmeister. Ein tiefes Verstehen des ökologischen Jesus wird revolutionäre Folgen haben. Diese ganze Serie handelt von der Heiligkeit der Schöpfung, das heißt von Heil-Sein und Wieder-Heil-Werden der Natur. Die heilige, das heißt unbeschädigte Schöpfung: das sind Schweine ohne Schweinepest, Rinder ohne Rinderwahn, Menschen ohne umweltbedingte Allergien und ohne Hautkrebs durch das Ozonloch. Heilige Schöpfung: Das ist reines Wasser und saubere Luft, gesunde Wale und wirklicher Wald. Und ganz aktuell: Vögel ohne Vogelgrippe.
 
Jesu’s und Buddha’s Programm wollen zum Frieden und zur Gerechtigkeit befreien: Zum inneren und äußeren Frieden, zum Frieden mit uns selbst, zum Frieden mit unseren Mitgeschöpfen, zum Frieden mit der Natur. Buddha und Jesus, die beiden großen Seelenverwandten, vertrauten den Gesetzen der Natur, weil sie in den Naturgesetzen die Lebensgesetze erkannten.
 
Je intensiver wir uns heute mit der Natur beschäftigen, desto deutlicher erkennen wir ihre enorme Intelligenz. Jesus war ein großer und unvergesslicher Heiler, weil er selbst heil geworden war. Er lebte im Gleichgewicht zwischen Herz und Verstand, zwischen weiblicher und männlicher Energie. Deshalb spreche ich von Jesus als dem "ersten neuen Mann"*. Ohne Gleichgewicht zwischen Herz und Hirn werden wir krank. Ein Vogel kann nicht mit einem, sondern nur mit zwei Flügeln fliegen. Jesus lehrt Wege zum Gleichgewicht - auch zum Gleichgewicht zwischen Ökologie und Ökonomie. Er erkannte, wie bis heute kaum jemand, die Heilkraft der psychischen Energie.
 
Ähnlich wie Buddha zeigt Jesus den Weg des ökologischen Erwachens, des ökologischen Bewsstwerdens und des ökologischen Tuns. Jesus redet und handelt in der Überzeugung: wer Menschen Vertrauen zu sich selbst schenkt, verzehnfacht ihre Kraft und ihren Mut, ihre Heilkraft, aber auch ihre gesellschaftliche und politische Kraft. Wer dies versteht, danach lebt und handelt, wird nie wieder die ewig - alte, verlogene Ausrede parat haben: "Ich kann ja doch nichts ändern". Im Gegenteil. In der Spur des ökologischen Jesus’ und Buddha’s lernen wir zu fragen: wer soll denn überhaupt etwas ändern, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt? Und wo, wenn nicht hier?

Der Dalai Lama interpretiert sowohl den ökologischen Buddha wie auch den ökologischen Jesus, wenn er sagt: "Die ursprüngliche Natur nicht nur des Menschen, sondern aller empfindsamen Lebewesen, ist Güte."
 
Weil wir bislang weder Buddha noch Jesus richtig zugehört haben, können wir zwar auf den Mond fliegen und auf dem Mars Spuren von Leben suchen, aber unsere Gefühlswelt wird noch weitgehend von den Gesetzen der Steinzeit regiert. Wir sind in der materiellen Entwicklung Weltmeister geworden, aber in unserer psychischen Entwicklung infantil geblieben. Von Jesus und Buddha können wir lernen: Je mehr Vertrauen wir schenken, desto mehr Vertrauen bekommen wir geschenkt. Die Jesus-Strategie bedeutet: Das Verfeinern unserer Emotionen, das Vertiefen unserer Intuitionen und das Schärfen unseres Gewissens. Diese Jesus-Strategie ist nicht sentimental, sie ist intelligent. Eine Leiter zum Himmel führt über mehr Feingefühl gegenüber den Gefühlen Anderer.
 
 
Hans Küngs „Weltethos“ basiert auf der Erkenntnis:
Kein Weltfrieden ohne Frieden zwischen den Religionen.
 
Der Dalai Lama ergänzt diese These noch durch seine buddhistische Erkenntnis:
Kein Weltfrieden ohne Frieden mit der Natur
 
 
Weltweit nennt der prominente Buddhist die heutige ökologische Weltkrise „den Dritten Weltkrieg gegen die Natur“. Wohl auch deshalb gilt der Dalai Lama heute auf der ganzen Welt als der weiseste Mensch unserer Zeit.
 
Der Dalai Lama beklagt nicht nur den „kulturellen Völkermord Tibets“ durch die Chinesen, sondern auch die ökologische Zerstörung seiner Heimat Tibet durch die chinesische Besatzungsmacht:
 
In Tibet haben bis vor wenigen Jahren Waldrodungen stattgefunden, die zum großen Kahlschlag geführt haben. An vielen Orten Tibets wird Raubbau an Bodenschätzen betrieben. Außerdem werden heute  in Tibet chemische Anlagen gebaut, aus denen die chinesischen Arbeiter das Wasser nicht trinken dürfen. Das Wasser gelangt jedoch in die Flüsse, und die tibetische Bevölkerung hat gar keine andere Wahl, als es zu trinken.
 
Wir haben Informationen, dass in vielen Gegenden Tibets inzwischen nuklearer Abfall gelagert wird. Sicher ist auch, dass es an einigen Orten Tibets Atomwaffen gibt. Atomanlagen haben natürlich einen negativen
Einfluss auf die Umwelt. Ich habe auch Informationen darüber, dass die frühere deutsche Bundesregierung Anfang der 90-iger Jahre versucht hat, Atommüll in Tibet lagern zu können.
 
Diese ökologischen Probleme sind deshalb so gravierend, weil Tibet ein Hochland ist. Wenn hier Schaden entsteht, dann ist es sehr schwierig, diesen Schaden jemals wieder zu beheben. Die großen Flüsse Asiens haben ihren Ursprung in Tibet. Und wenn hier eine Verschmutzung stattfindet, dann kann dies Auswirkungen auf viele Nachbarländer haben.
 
Der Papst des Ostens ist ein äußerst sensibler Ökologe. Er hält die ökologische Krise für das größte Problem unserer Zeit. Bei unserem letzten Fernsehgespräch sagte er:
 
Treibhauseffekt, Wasserknappheit, Artensterben, Waldrodungen, chemisierte Landwirtschaft! Wenn wir so weitermachen, hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln eine einzige Wüste. Wir sind dabei, und selbst auszurotten. Aber noch haben wir eine Chance, uns zu ändern (lacht laut und lange). Aber niemand weiß, ob wir die Chance wirklich nutzen (lacht weiter). 
 
Dabei haben wir doch alle ein großes Ziel: Die Bewahrung der Schöpfung. Religiös ist, wer mitarbeitet, an der Bewahrung der Schöpfung. Der gemeinsame Weg aller Religionen heißt: Mehr Achtsamkeit gegenüber  allem  Leben, auch gegenüber Tieren und Pflanzen.
 
Sein Lachen und sein Lächeln sind sein Markenzeichen. Woher nimmt er seine Kraft und seinen Humor, frage ich ihn. Als praktizierender Mönch bin ich ein zufriedener Mensch und ein glücklicher Mensch. Es gibt einen Weg zum Glück. Und zweitens: Trotz vieler Rückschläge und trotz vieler Probleme auf der Welt, sehe ich auch viele Fortschritte in der Phase meines jetzigen Lebens. Darüber freue ich mich.
 
Es bringt einfach nichts, wenn man sich ärgert. Nicht einmal über seine Feinde soll man sich ärgern. Es ist intelligenter, seine Feinde zu lieben. Das sagt auch Jesus in der Bergpredigt - eine tiefe Weisheit. Von seinen Feinden kann man besonders viel lernen (lacht!). 
 
 
Mit diesem 35. Teil unserer Umweltserie geht diese Reihe zu Ende. Beim ersten Teil haben wir uns gefragt: sind wir noch zu retten?
 
Meine heutige Antwort: Ich glaube auch in diesem Frühling an den nächsten Frühling, weil ich Vertrauen habe in die wunderbare Schöpfung. Ich weiß allerdings auch: Wir müssen vieles ändern, damit es auch noch in 1000 Jahren nach einem Herbst und Winter immer wieder einen Frühling gibt.
 
Der griechische Politiker Perikles wusste schon vor 2500 Jahren: "Es kommt nicht darauf an, die Zukunft zu kennen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein."


Das nächste Thema:
Teil 36: Umweltschutz schafft Arbeitsplätze
Quelle:
Franz Alt 2006
Umweltserie in der "tz" München
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