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04.04.2018

Ehemalige Getreidemühle erzeugt grünen Strom

Die Stümpelsche Mühle in Paderborn ist ein richtiges Energie-Kraftwerk. Auf dem Dach fangen Photovoltaik- und Solarthermieanlagen die Energie der Sonne ein, die Energie des Wassers treibt das alte Mühlrad an.

Der so erzeugte Strom wird von der „Biohaus-Stiftung für Umwelt und Gerechtigkeit“ genutzt, die ihren Sitz in der alten Mühle hat. Damit betankt Gründer Willi Ernst zum Beispiel das Elektro-Auto der Stiftung. Der CO2-freie Strom wird ab diesem Frühjahr auch genutzt, um mithilfe einer eigenen Wärmepumpe zu heizen und Wasser zu erwärmen.

Nutzung regenerativer Ressourcen hat Tradition

Einen Beitrag für die Energiewende leisten – das ist wichtiger Bestandteil des BiohausKonzepts. Schließlich hat die Nutzung regenerativer Ressourcen an der Stümpelschen Mühle eine lange Tradition. „1810 ist die Mühle gebaut worden. Seitdem leistet sie hier wertvolle Arbeit für die Gesellschaft, für die Menschen. Das tut sie heute mit dem Strom, den das Wasserrad erzeugt. Das ist natürlich klasse“, sagt Ernst.
 
Nachdem das alte Holzrad durch eines aus Eisen ersetzt worden war, wurde das Mühlrad im Sommer 2014 reaktiviert. Doch die Freude darüber währte nicht lange: Nachbarn klagten über die Klappergeräusche, so dass das Rad im Winter wieder stillgelegt wurde. Seitdem erarbeiteten die Beteiligten eine Lösung, die Anwohner und Biohaus-Stiftung zufriedenstellt und den Interessenkonflikt entschärft hat.

Zunächst wurde das Mühlrad nachts abgeschaltet und eine Schallschutz-Einhausung installiert, die  den Blick auf das Wasserrad offen lässt. Zur verbesserten Anströmung wurde auch die Zahl der Schaufeln von 24 auf 36 erhöht – bei gleichzeitigem Einbau einer Laufbremse von vier Umdrehungen pro Minute. Gemeinsam mit der Versuchsanstalt und Prüfstelle für Umwelttechnik und Wasserbau der Universität Kassel konnte dann aber eine optisch unauffälligere, innovative Lösung gefunden werden.

Borstentechnologie optimiert Strömung

Der Wasserbau-Ingenieur Dr. Reinhard Hassinger entwickelte mit seinem Team Borstenelemente für die Schaufeln des Wasserrads. „Wir wenden diese Technologie schon seit 18 Jahren an, weil sie sich in vielen Projekten bewährt hat“, erzählt der Ingenieur und erklärt: „Die Borsten verlangsamen die Strömung so stark, dass eine Geräuschentstehung unterbunden wird.“ Die Herausforderung sei gewesen, nicht weniger Wasser über das Rad laufen lassen zu können. „Sonst hätten wir ja die Wirkung verändert und das Ziel verfehlt, mit dem Rad weiterhin Energie zu erzeugen.“ Hassinger zeigt sich zufrieden: „Ich finde es eine schöne Sache, dass wir mit der Borstentechnologie eine traditionelle Art der Energiegewinnung mit den heutigen Wohnansprüchen der Anwohner, die es in früheren Jahrhunderten so ja gar nicht gab, in Einklang bringen können.“

Seit dem Einbau der Maßnahme zeigt der Probebetrieb „absolut positive“ Erfolge, wie Willi Ernst berichtet. Die Borstenelemente lassen das tieffrequente Stampfgeräusch komplett verschwinden und steigern darüber hinaus sogar leicht die Leistung. Ernst ergänzt: „Die Anwohner sind superglücklich; eine Frau hat sich überschwänglich bedankt, schließlich wollte auch sie das Rad gern laufen sehen.“

Wasserrad ist Vorbild für andere Standorte

Ein unabhängiges Bielefelder Akustikbüro erarbeitete im vergangenen Jahr ein Gutachten, aufgrund dessen die Denkmalschutzbehörde dem Einbau und Betrieb der Borstenelemente nun zugestimmt hat. Die Einhausung kann jetzt nach und nach zurückgebaut werden. „Bei mir haben sich schon Leute aus dem Sauerland und aus Süddeutschland mit ähnlichen Problemen gemeldet, die unsere vorbildliche Lösung übernehmen möchten“, erzählt Willi Ernst stolz.
 
Denn der Aufwand mit dem Wasserrad lohnt sich doppelt. Das zeigt einerseits ein Blick auf die Zahlen: Mit knapp 150 Kilowattstunden Strom pro Tag erzeugt das Rad mehr Strom, als von der Biohaus-Stiftung verbraucht wird. Der überschüssige Strom wird deshalb ins öffentliche Netz eingespeist und versorgt so sogar die Nachbarschaft. Andererseits trägt Willi Ernst mit seinem Engagement dazu bei, die Stümpelsche Mühle als historisches Zeugnis des Industriezeitalters zu erhalten. Damit macht Ernst vor, wie Denkmalschutz und Energiewende, Bewahren und Erneuern beispielhaft Hand in Hand gehen.

Hintergrund

Die Stümpelsche Mühle liegt am Zusammenfluss der sechs Paderquellen am Fuße des Paderborner Doms. Schon ihr Namensgeber, Müller Stümpel, nutzte mithilfe der Mühle die Energie des Wassers, das jahrhundertelang als Industrie-, Lösch-, Trink-, Bade- und Waschwasser genutzt wurde. In den 1970er Jahren wurde der Betrieb eingestellt. Danach stand die alte Mühle mehr als 16 Jahre lang leer. Die Paderborner „Biohaus-Stiftung für Umwelt und Gerechtigkeit“ mietete die Gebäudeanlage schließlich und investierte mehr als eine Million Euro in das historische Ensemble. Die Stümpelsche Mühle wurde zum Stiftungszentrum umgebaut, in dem heute Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende und Flüchtlinge leben. In Nordrhein-Westfalen gibt es mehr als 420 aktive Wasserkraft-Standorte. Die Experten der EnergieAgentur.NRW geben Initialberatungen zum ökologisch verträglichen Ausbau der Wasserkraft und unterstützen bei der Reaktivierung von Wasserrädern. 


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Quelle   EnergieAgentur.NRW 2018

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