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28.04.2018

Der Energieträger

Franz Alt ist Journalist geworden, um etwas zu bewegen. Im Juli feiert der passionierte Weltverbesserer seinen Achtzigsten. Für ihn kein Grund, an so etwas wie Ruhestand zu denken. Ein Beitrag aus der Zeitschrift „natürlich gesund und munter“.

Der Ausdruck „phänomenal“ scheint bei diesem Mann alles andere als übertrieben. Franz Alt – Fernsehgesicht, Friedensapostel und unermüdlicher Vorkämpfer für die Nutzung alternativer Energie – wird in wenigen Wochen 80 Jahre. Und ist kein bisschen müde. Er reist (mit der Bahn!) durch die Republik und hält mehr als hundert Vorträge im Jahr, macht Lobbyarbeit für die Energiewende bei Politikern und Konzernen. Wir treffen ihn nach einem einstündigen, frei gehaltenen Referat über die Segnungen der Sonnenkraft vor Bauphysikern und Ingenieuren. Er war der letzte Redner, es ist Freitagabend, aber mit derselben Lebendigkeit, die sein fachkundiges Publikum inspiriert hat, stürzt Franz Alt sich ins Interview. Ein Journalist, dem es nie gereicht hat, Nachrichten zu vermelden, der stattdessen selbst etwas verändern wollte, zieht auch Kritik auf sich. Zu stören scheint ihn das nicht.

natürlich gesund und munter: Herr Alt, im vergangenen Jahr ist Ihre „Anleitung zum Glücklichsein“ erschienen.
Kurz vor Ihrem 80. Geburtstag drängt sich die Frage auf: Sind sie ein glücklicher Mensch?
Franz Alt: Zum Glück muss man nicht immer glücklich sein. Immer nur lächeln, das kann nicht der Sinn unseres Lebens sein. Ich denke, dass jeder Mensch eine Aufgabe zu erfüllen hat. Und dass wir lernen sollen bis zum letzten Atemzug. Das macht das Leben spannend und gibt ihm einen tiefen Sinn – und lässt einen auch hoffen, dass all das, was man geschaffen hat, nicht umsonst war. Das alles zusammen verstehe ich unter Glück. Glück ist sinnerfülltes Leben.

Wann haben Sie Ihren Lebenssinn gefunden?
Es hat gedauert, es gab viele Kurven. Ich bin in einem liberalen, katholischen badischen Elternhaus aufgewachsen: Die Mutter war sehr fromm, der Vater recht liberal, beide waren tolerant. Als mein Vater während des zweiten Weltkriegs Soldat war, bin ich mit meiner Mutter allein aufgewachsen. Da hat natürlich ein Elternteil gefehlt, trotzdem habe ich so eine Art Urvertrauen gelernt – von meiner Mutter. Selbst in den schlimmsten Bombennächten, im Keller bei den Luftangriffen, hatte ich in ihrer Nähe immer das Gefühl, ich bin behütet. Ich habe das später immer wieder neu erfahren: dass wir in Gottes Hand nie verloren sind. Das hat mich getragen, mein ganzes Leben lang.

Wie kam es, dass Sie auf der Suche nach Ihrem Lebenssinn mit einer radikalen Kehrtwende vom Anhänger der Atomkraft zum engagierten Atomgegner und Befürworter der Solarenergie wurden?
Ich bin ja Sohn eines Kohlehändlers, ich komme praktisch aus der alten Energiewirtschaft. Mit 17, 18 Jahren habe ich, um ein bisschen Geld zu verdienen, in meinem badischen Heimatdorf den Leuten Kohlen in den Keller gebracht. Ja, ich habe lange gedacht, die Atomenergie ist so eine Art Perpetuum mobile. Aufgewacht bin ich erst durch Tschernobyl. Ich habe immer einen „auf den Deckel“ gebraucht, um aufzuwachen. Das war in meinem Verhältnis zur Politik so, in meinem Privatleben und in meinem Journalistenleben. Ich habe acht Arbeitsgerichtsprozesse geführt, um im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so arbeiten zu können, wie ich es vor meinem Gewissen verantworten konnte. Ich habe damals – noch als braves CDU-Mitglied – offene Briefe im „Spiegel“ an Kanzler Kohl gegen den Radikalenerlass geschrieben. In der Frage der atomaren Nachrüstung bin ich durch die Friedensbewegung aufgewacht und habe Helmut Kohl deutlich gesagt: „Sie sind der Vorsitzende einer Partei mit einem ,C‘ im Namen, wie wollen sie denn Atombomben verantworten? Jesus und Atombomben, Herr Bundeskanzler, das geht nicht.“

Aufwachen durch Ereignisse – gab es auch Menschen, die Sie wachgerüttelt haben?
Allerdings, zum Beispiel Helmut Gollwitzer. Ich dachte immer, der ist so ein Linker, mit dem habe ich als CDU-Mitglied überhaupt nichts gemeinsam. Aber in der Frage der Nachrüstung und dann auch in theologischen Fragen habe ich mich diesen sehr kritischen Kirchenleuten und Theologen immer mehr genähert. Ich habe dann vieles infrage gestellt, was ich ein paar Jahre vorher noch für absolut richtig gehalten habe. Michail Gorbatschow hat mich als Politiker tief beeindruckt, weil er aus dem Wettrüsten ausgestiegen ist. Der hat wirklich die Bergpredigt gelebt – ein Kommunist!

Sie hatten auch lange ein gutes Verhältnis zu Helmut Kohl. Aber das hat sich dann geändert …
Als ich Helmut Kohl zum ersten Mal traf, war ich Kreisvorsitzender in der Jungen Union in Karlsruhe, und er war bereits der – sehr junge, sehr progressive – Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Beim ersten Treffen sagte er: „Alt, wir müssen aus der CDU eine Frauenpartei machen.“ Ich dachte: Toll, endlich wacht einer auf, ein CDU-Mann auf der Höhe der Zeit! Aber ausgetreten aus der CDU bin ich auch wegen seiner Politik. Als ich gemerkt habe, der ist ja gar nicht lernfähig, der bleibt stehen in ganz alten Positionen. Seine Vision für Europa hieß: Nie wieder Krieg. Aber dann darf ich nicht atomar aufrüsten. Das ist die Militarismus-Falle: der altrömische Grundsatz, „wenn du Frieden willst, musst du den Krieg vorbereiten“. Ja, so machen wir Politik seit Tausenden von Jahren. Ergebnis: immer Krieg.

Was ist die Alternative?
Wir müssen anders denken: Wenn du Frieden willst, musst du den Frieden vorbereiten. Das heißt, du musst in deinem Innersten den Frieden wollen. Ich habe lange am See Genezareth meditiert über die Frage, was Jesus mit Feindesliebe gemeint hat. Jesus sagt, nicht im offiziellen Evangelium, sondern im apokryphen Jakobusevangelium: „Dein Feind, er ist wie du“. Aber wenn ich genauso bin wie mein Feind – was ist denn das Böse in mir? Ich muss mich fragen: Wie kann ich den Teufelskreis durchbrechen, wie kann ich mich entfeinden?

Entfeinden?
Beim Meditieren über Jesus und seine Bergpredigt ist mir klar geworden, dass du bei dir selber anfangen musst, wenn du eine Feindschaft beenden willst. Wenn du den anderen zum Nachdenken bringen willst, musst du selber das tun, was du von ihm erwartest. Das sagt schon Gandhi: Sei die Veränderung, die du erwartest! 

Wie kam es, dass Sie mit Ihrer starken theologischen Verankerung später den Buddhismus entdeckten und heute zusammen mit dem Dalai Lama formulieren „Ethik ist wichtiger als Religion“?
Die Brücke nach Asien hat meine Frau geschlagen. Sie wusste schon als Kind, sie muss nach Tibet. Ich hatte keine Ahnung, wo Tibet ist und was der Dalai Lama ist. Als ich für die ARD in China drehte, sind wir hingeflogen, und in Tibet hat meine Frau heimlich einen Film gedreht, mit einer acht Millimeter Kamera. Sie hat die chinesischen Aufpasser abgeschüttelt und mit den Tibetern direkt gesprochen. Dieser Film wurde, bevor der Dalai Lama Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal nach Deutschland kam, sozusagen zur Begrüßung in der ARD ausgestrahlt. Als der Dalai Lama ankam, ließ er mich fragen, ob ich ihm diesen Film privat in seinem Hotel im Taunus vorführen könnte. Da habe ich gesagt: „Grundsätzlich ja, aber nur heute Abend, denn morgen früh wird unser nächstes Kind geboren, und da will ich dabei sein.“ Der Gynäkologe meiner Frau meinte: „Wenn Sie in der Nacht noch zurückfahren, dann garantiere ich ihnen, dass Sie bei der Geburt dabei sind.“

Und Sie haben dem Dalai Lama den Film gezeigt ...
Der Mann hatte hinterher Tränen in den Augen, weil dies das erste filmische Dokument über die wirkliche Situation in Tibet war. Er hat mich in den Arm genommen, gesagt, wir sollten Freunde werden, ich will auch unbedingt Ihre Frau kennenlernen. So begann unsere Freundschaft. Seitdem haben wir uns 36 Mal getroffen und gemeinsam vier Bücher publiziert.

Was war damals nach Ihrem Studium der Grund, nicht in die Politik zu gehen oder an der Universität zu bleiben, sondern Journalist zu werden?
Ich traf beim Südwestfunk Günter Gaus und diskutierte mit ihm über Journalismus, und nach einer halben Stunde sagte er, Sie können gleich dableiben, Sie sind ein geborener Journalist. Nach einem halben Jahr wusste ich, das ist mein Ding. Ich hatte immer wieder Angebote von verschiedenen Parteien, in die Politik zu gehen, aber das war nie eine Versuchung. Im Journalismus kannst du aufklären, da kannst du was bewegen. Allerdings musst du kämpfen, das war mir klar. Ich habe immer die Öffentlichkeit eingeschaltet. Ich kann spielen mit dem Instrument Öffentlichkeit. Das hat meine Vorgesetzten oft zum Verzweifeln gebracht.

Mit 80 Jahren sind Sie voller Energie, woher nehmen sie diese unbändige Lebenskraft?
Indem ich erneuerbar bleibe, von innen und von oben. Ich lebe nach dem Motto: Zapfe die spirituellen Quellen an, die jeder Mensch hat! Ich bin fast jeden Tag unterwegs, diskutiere mit meiner Frau, unseren Kindern, mit vielen Menschen. Man muss sich öffnen. Das Glück, dass der Beruf mir diese Türen geöffnet hat, gibt mir Energie. Dass ich bei den richtigen Leuten angedockt habe, die was machen, die die Welt bewegen und verbessern wollen.

Zum Beispiel mit ihrer Botschaft der Energiewende. Sind Sie optimistisch, dass Sie das schaffen?
Ich bin kein Prophet, Journalisten sollten vorsichtig mit Vorhersagen sein, aber ich sehe große Fortschritte an vielen Punkten. Verändern durch Meditieren gehört auch dazu, aber die Vorstellung, dass die Welt sich ganz allein durch Meditation verändert, ist ziemlich albern. Ohne Kampf verändert sich nichts auf der Welt. Man muss immer gucken, dass man von seinen Feinden etwas lernt, immer weiter denken als die Gestrigen. So werden wir es schaffen.

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Quelle   Ein Beitrag aus der Zeitschrift „natürlich gesund und munter“ | Ausgabe 3/18 (Mai/Juni) | Das Gespräch führte Dr. Frieder Stein

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