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05.04.2017

Deutschland – Land der Pendler

Jede und jeder spürt es: Immer mehr Pendler, immer mehr Autos auf den Straßen, immer mehr gestresste Arbeitnehmer, immer schlechtere Luft. Die ersten deutschen Großstädte diskutieren ein Fahrverbot für ältere Dieselautos. Ein Kommentar von Franz Alt

Städte wie Stuttgart, Hamburg, Frankfurt/Main, Köln oder Berlin ziehen immer mehr Pendler an. 60% aller deutschen Arbeitnehmer in Deutschland pendeln von ihrem Wohnort zu ihrem Arbeitsplatz in einem anderen Ort. Und die meisten Pendler fahren mit einem PKW zur Arbeit - durchschnittlich 17 Kilometer am Tag – zweimal.

In Frankfurt/Main ist die Zahl der Pendler allein in den Jahren 2014 und 2015 um 25.000 gestiegen. Doch in derselben Zeit wurden in der Mainmetropole nur 6.300 neue Wohnungen gebaut – hat die Süddeutsche Zeitung recherchiert.  Etwa 350.000 Frankfurter Arbeitnehmer wohnen außerhalb der Stadt.

Nicht nur diese Zahl stieg seit dem Jahr 2.000 um 14% an, sondern auch die Anzahl der gefahrenen Kilometer. Manche haben bis zu zweimal zwei Stunden Fahrzeit - täglich. Die Zahl der Wochenendpendler hat sich seit 1991 sogar verdreifacht.

Und in den Dörfern? Immer weniger Tante-Emma-Läden, immer weniger Bäckereien, immer weniger Metzgereien, immer weniger Sparkassen. Das heißt, dass immer mehr Dörfler zum Einkaufen in die Stadt fahren müssen oder zum Supermarkt am nächsten Stadtrand.

Hinzu kommt, dass die Zahl der LKW auf unseren Straßen einen Höchststand erreicht hat, auch weil die Bahn ihren Güterverkehr sträflich vernachlässigt und permanent abgebaut hat.

Kein Wunder also, dass unter den drei Säulen der Energiewende – der Stromwende, der Wärmewende und der Verkehrswende – die Verkehrswende bisher am wenigsten Treibhausgase eingespart hat – genauer gesagt: gar keine.

Deutsche PKW fahren zwar etwas energieeffizienter als noch 1990, aber es fahren eben viel mehr Autos auf unseren Straßen als noch 1990.

In allen deutschen Metropolen steigen die Pendlerzahlen - hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung soeben errechnet. Wie aber kann die Zahl der Pendler wieder sinken?

Wir brauchen dafür eine Politik der kurzen Wege. Das heißt: Die Arbeitsplätze wieder zu den Menschen bringen, und nicht immer mehr Menschen über immer größere Entfernung an ihre Arbeitsplätze. Auch das ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Gesundheit.

Denn immer mehr Kilometer zur Arbeit bedeuten Stress, weniger Freizeit und schlechtere Gesundheit. Stress erhöht das Risiko für einen Burnout. Lange Arbeitswege belasten die Psyche.

Immerhin werden zurzeit mehr Wohnungen gebaut als in den letzten 18 Jahren – vor allem Mehrfamilienhäuser in Ballungsräumen. Das ist ein erster Schritt. Aber bis zu einer spürbaren Entlastung wird es Jahre dauern.

Der Nachteil: Wenn viele Wohnungen gebaut werden, steigen die Grundstückspreise, sodass auch viele Arbeitnehmer sich eine Wohnung in der Stadt nicht leisten können.

In Frankfurt/Main kostet zum Beispiel der Quadratmeterpreis einer Wohnung im Schnitt um die 4.000 Euro – 50% mehr als noch vor fünf Jahren.

Also müssen die Städte mehr Sozialwohnungen anbieten. Eine zweite Hoffnung ist, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt mehr Home-Office ermöglicht und die meisten, wenn auch nicht alle, Fahrten zur Arbeit überflüssig macht. Gelegentlich müssen sich die Mitarbeiter auch sehen.

Eine dritte Möglichkeit ist der starke und attraktive Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Heute fahren etwa 80% der Arbeitnehmer mit dem Auto zu Arbeit und nur 20% mit dem ÖPNV.

Die Politik sollte sich zum Ziel setzen, diese Zahlen bis 2030 auf 50:50 zu verändern und bis 2050 auf etwa 20:80 zugunsten des öffentlichen Verkehrs. Beim ÖPNV habe ich 70mal mehr Sicherheit als im PKW – ein ganz entscheidender Vorteil, der meist übersehen wird. Wer weniger Tote und Verletzte auf den Straßen will, muss sich für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs engagieren.

Der Umstieg aufs Fahrrad hat schon Millionen Auto-Kilometer in Städten wie Münster, Osnabrück, Heidelberg oder Freiburg eingespart. Schon mittelfristig wird eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik um eine CO2-Steuer und/oder um Straßenbenutzungsgebühren oder um eine stärkere steuerliche Entlastung von E-Fahrzeugen nicht herumkommen. Eine weitere Möglichkeit ist die Abschaffung der Pendler-Pauschale. Damit wird belohnt, wer pendelt – noch. Wie lange noch?

Notwendig ist also eine Verkehrspolitik, die menschenfreundlich ist und nicht autofreundlich.

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Quelle   FRANZ ALT 2017

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