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05.01.2019

Frohbotschaft statt Drohbotschaft 

Wenn die Kirche des Westens wieder lebendig werden will, muss sie auf die urworte ihres Heilands hören – und der sprach aramäisch. Eine Neujahrspredigt von Franz Alt

Liebe Bischöfinnen und Bischöfe, lieber Papst Franziskus,

Nach meinen Jesus-Vorträgen werde ich oft gefragt: „Sind Sie eigentlich katholisch oder evangelisch?“ Wenn ich dann sage: „Ich bin Jesuaner“, erlebe ich ungläubiges Staunen. Zur Begründung füge ich hinzu: „Der wunderbare junge Mann aus Nazareth ist mein Vorbild, nicht das, was Theologen 2.000 Jahre lang aus ihm gemacht haben. Die wirkliche Reformation kommt weder aus Wittenberg noch aus Rom, sondern aus Nazareth“.

Was hat der historische Jesus aus Nazareth, der Aramäisch sprach, wirklich gesagt und getan? Was davon ist für uns heute relevant? Warum waren die Menschen damals „verrückt“ nach Jesus – wie Matthäus schreibt – und warum werden die Kirchen heute immer leerer? Warum ist die Bibel das meist gekaufte Buch der Welt, der Bestseller aller Bestseller, wird aber kaum noch gelesen?

Nach meinem Theologie-Studium wurden mir die liberale Theologie von Hans Küng, die politische Theologie von Johann Baptist Metz, die tiefenpsychologische Theologie von Eugen Drewermann sowie die feministische Theologie von Hanna Wolff, Christa Mulack und Dorothee Sölle wichtiger als die Kirchen-Theologie.

Aber erst 2012 lernte ich die Schriften des Theologen Günther Schwarz kennen, ein evangelischer Pastor, der 50 Jahre lang jeden Tag Aramäisch gelernt hatte, um Jesus in seiner Muttersprache besser zu verstehen. Vieles, was dieser Theologe in seiner aus dem Griechischen übersetzten Bibel las, konnte er weder verstehen noch glauben. Über seinen „aramäischen“ Jesus publizierte er 20 Bücher und über 100 wissenschaftliche Aufsätze und kam so dem Ur-Jesus auf die Spur. Seine Erkenntnis: Mehr als 50% aller Jesusworte, die uns aus dem Griechischen überliefert sind,  sind falsch übersetzt oder bewusst gefälscht. Zum Trost der „Spiegel“-Kollegen in diesen Tagen: Jesus ist das größere Opfer von Fake-News.

Günther Schwarz, 2009 gestorben, erkannte: Wenn die Worte nicht stimmen, ist die ganze Botschaft falsch. Und dann ist Religion so lahmgelegt wie wir das in unserer Zeit im christlichen Abendland erleben. Als Quelle benutzte der Jesus-Forscher Günther Schwarz syrisch-aramäische Manuskripte der Evangelien,  die „Peshitta“. Außerdem wusste er, dass alle Propheten der damaligen Zeit zu ihren Schülern in poetischer Vers-Form sprachen, damit diese das Gesagte besser behalten und weitergeben konnten. Also übersetzte er alle überlieferten Jesus-Texte zurück  in aramäische Vers-Form, poetisch.

Ein überzeugendes Beispiel, das inzwischen auch Papst Franziskus zum Umdenken brachte: Die kirchenoffizielle Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ führt zu einem jesusfremden Gottesbild. Hier wird Gott fatalerweise mit Satan, dem Versucher, verwechselt. Der Vater Jesu (aramäisch: Abba) ist doch kein Zyniker und kein Sadist, der uns „versuchen“ will. Und dennoch wird diese absurde Bitte seit Jahrhunderten milliardenfach ohne jeden Sinn und Verstand nachgeplappert. Das Gottesbild einer Religion ist ja keine Nebenfrage, es ist die Hauptfrage. Im herkömmlichen Vaterunser haben wir ein erbärmliches Gottesbild.  In seinem soeben erschienen Buch „Vaterunser“ meint auch Papst Franziskus: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott uns versucht“. Günther Schwarz hat diese Bitte aus dem Aramäischen so übersetzt: „Lass uns retten aus unserer Versuchung“ - das macht ebenso Sinn wie der neue Franziskus-Vorschlag: „Und lass uns nicht allein in der Versuchung“.

Ein zweites Beispiel: In Matthäus 10,34 sagt Jesus: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen. sondern das Schwert“. Das soll der Pazifist der Bergpredigt tatsächlich gesagt haben? So steht es in etwa 4,5 Milliarden Bibeln der Welt. Dieser himmelschreiende Unsinn heißt rückübersetzt aus dem Aramäischen: „Ich bin nicht gekommen, um Kompromisse zu machen, sondern um Streitgespräche zu führen“. Auch das passt zum wirklichen Jesus. Seine Bergpredigt ist doch kein beliebiger Heimatroman, sondern eine Anleitung zur Gewaltfreiheit und zur Feindesliebe.

Das kirchenoffizielle Neue Testament ist aus dem Griechischen übersetzt, aber Jesus sprach Aramäisch. Der Unterschied zwischen Jesu Muttersprache und dem Griechischen damals ist etwa so wie heute der Unterschied zwischen Deutsch und Arabisch.

In seinen Aramäisch-Studien kommt Günther Schwarz zu diesem erschütternden Ergebnis: „Was die Christen glauben, Jesus lehrte es nicht! Und was Jesus lehrte, die Christen wissen es nicht.“ Auch ich habe für mein Theologie-Studium das Latein-, Griechisch- und  Hebräisch-Abitur gebraucht, aber nicht das Aramäisch-Abitur.

Im Johannes-Evangelium sagt Jesus in seiner Muttersprache: „Wenn ihr bei meinen Worten beharren würdet, so würdet ihr in Wahrheit meine Schüler, und ihr würdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit würde euch frei machen“. Solange die Kirchen nicht zu diesem aramäischen Jesus zurückfinden, finden sie nicht zur Einheit. Sie werden ewig um Worte streiten. Nur an der Quelle eines Flusses gibt es reines, trinkbares, kostbares, sauberes Wasser. Die gemeinsame Quelle ist der aramäische Jesus.

Jahr für Jahr treten in Deutschland eine halbe Million Christen aus den Kirchen aus. Wenn es Kirchen in Zukunft überhaupt noch geben soll, dann nur, wenn sie sich an der Quelle orientieren. Das Ergebnis der Lebensarbeit von Günther Schwarz ist faszinierend, häufig irritierend, aber immer erfrischend wie die Fresken von Michelangelo in der Sixtinische Kapelle nach ihrer Restauration.

Die leerer werdenden Kirchen hängen zusammen mit der „griechischen Lehre“ über Jesus. Günther Schwarz hat vor 20 und 30 Jahren seine Bücher und wissenschaftlichen Erkenntnisse über den aramäischen Jesus an alle deutschen Bischöfinnen und Bischöfe geschickt. Reaktion: Null. Das macht mich als Journalist und Jesus-Freund wütend, aber nicht sprachlos. Deshalb meine drei neuen Jesus-Bücher über den aramäischen Jesus. Ich mache darin – orientiert an den Aramäisch-Rückübersetzungen von Günther Schwarz - den Versuch, aus der bisherigen Drohbotschaft die ursprüngliche Frohbotschaft des Nazareners zu rekonstruieren. Das ist kein Anspruch auf Unfehlbarkeit, aber verbunden mit der Bitte an Euch Bischöfe und an den Papst, das Neue Testament endlich von Aramäisch-Gelehrten rückübersetzen zu lassen. Die Reaktion meiner Leser: Etwa 600 haben mir geschrieben. Das meist gebrauchte Wort heißt „Befreiung“. Ein 75-jähriger katholischer Pfarrer: „Ich war praktisch Atheist, jetzt kann ich wieder glauben“. Er habe das Buch in seiner Pfarrei oft verschenkt. Auf Facebook lese ich: „Dieser aramäische Jesus öffnet uns den Himmel“. Ein Unternehmer wollte wissen: „Was kostet es, wenn ich das Neue Testament ins Aramäische rückübersetzen lasse? Meine Antwort: „Dem Bodenpersonal Jesu fehlt es vor allem an Jesus-Vertrauen, nicht an Geld“.

Für eine Rückübersetzung der gesamten Bibel hat Günther Schwarz wertvolle und kostbare Vorarbeit geleistet. Die heutige, gewaltbesessene und umweltvergessene Welt, braucht eine Jesus-Renaissance. Für mich ist Jesus – vielleicht neben Buddha - der einzigartigste Mensch der Weltgeschichte. Dieser aramäische Jesus kennt nur e i n e  Religion: Ein gutes menschliches Herz. Er hat bestimmt nicht gesagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis, getrennt nach Konfessionen“. Über die Frage, ob Protestanten an der katholischen Kommunion teilnehmen dürfen, würde er wohl Lachkrämpfe kriegen, dann aber wütend werden und vielleicht sogar zur Peitsche greifen wie er das schon mal vor 2.000 Jahren getan hat.

Der wunderbare junge Mann aus Nazareth träumte vom Reich Gottes („Dein Reich komme“), aber es kam die real existierende, jesusferne Kirche. Die heutigen Kirchen verwalten weitgehend griechische Asche. Das Feuer des aramäischen Ur-Jesus haben  sie verdrängt und vergessen. So haben die großen Männerkirchen den Frauenfreund Jesus  - und damit die Frauen – klein gemacht. Dabei waren die Frauen seiner Zeit verrückt nach diesem ersten neuen Mann. Aus seiner Gefährtin und Vertrauten Maria Magdalena haben die Kirchenmänner eine Prostituierte gemacht. Erst Papst Franziskus sagte: „Maria Magdalena war die Apostelin der Apostel“. Eine steile Kariere. Bis heute sind die Kirchen von Frauen getragen, aber von Männern dominiert. Wahrscheinlich liegt hier die Ursache ihrer Angst vor dem frauenfreundlichen, aramäischen Jesus.

Für diesen Jesus ist Gott die Liebe in Person. Es ist bemerkenswert, dass Jesus seinen Abba kein einziges Mal als strafend, rächend, richtend, zürnend oder verdammend beschreibt. Das Göttlichste an Gott ist die Liebe. Das Weibliche schwingt in Jesu Gottesbild immer mit. Deshalb braucht die Welt  eine jesuanische Revolution im Geiste des aramäischen Jesus.

Liebe Bischöfinnen und Bischöfe, es muss eine neue Übersetzung her, die das geistige Erbe Jesu wiederherstellt.

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Jesus und die Sexualität

In der aramäischen Rückübersetzung sagt Jesus zu einem Mann, der mit seinen sexuellen Problemen zu ihm kam: „Du sollst dich nicht vor der Geschlechtlichkeit fürchten! Du sollst aber auch nicht darauf brennen. Sooft du dich vor ihr fürchten wirst, wird sie dich beherrschen; sooft du aber darauf brennen wirst, wird sie dich verschlingen!“ (aus dem apogryphen Philippus-Evangelium 62).

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Jesus und die Wiedergeburt

„Amen! Amen! Ich sage euch: Wenn ihr nicht wiederholt geboren werdet, so könnt ihr nicht wieder eingelassen werden in das Königtum Gottes“ ( Joh 3,3 in der aramäischen Rückübersetzung)

Wenn Jesus zweimal Amen sagt, will er etwas besonders betonen. Amen hat im Aramäischen den Sinn, einem Wort Kraft zu verleihen. Nach G. Schwarz hat Jesus im Aramäischen achtmal von Wiedergeburt gesprochen. Doch für die heutigen Kirchen spielt diese zentrale Botschaft Jesu keine Rolle. Sie haben die frühen Wiedergeburtstexte nicht ins offizielle Neue Testament aufgenommen.  Wem vertrauen wir mehr: Den Kirchen oder Jesus? Wiedergeburt heißt, dass es keinen Tod gibt, sondern Verwandlung, Reinkarnation und immer eine zweite Chance. Habt keine Angst, ich habe den Tod überwunden: Das ganz große Thema von Jesus. Menschen, die von Wiedergeburt überzeugt sind, werden sich schon aus egoistischen Gründen ökologisch verhalten. Sie kommen ja wieder auf diesen Planeten.

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Jesus und die Jungfrauengeburt

Das Aramäische ist eine alte semitische Sprache, die Hauptsprache im gesamten Nahen 0sten zwischen 200 v. Chr. und 800 n. Chr. Eine klare Antwort auf die wunderliche Jungfrauen-Geburt Jesu gibt eines der ältesten altsyrischen Evangelien. Das Altsyrische ist dem Aramäischen verwandt. Dort ist der Stammbaum Jesu bei Mt 1,16 so beschrieben: „…Jakob zeugte Josef; Josef, dem die Jungfrau Maria verlobt war, zeugt Jeschua (Jesus)…

Danach ist Josef der leibliche Vater Jesu. Das Wort „Jungfrau“ ist im Aramäischen identisch mit „junge Frau“. Nach Markus  6, 3  hatte Jesus vier Brüder und mehrere Schwestern. Eine Mutter mit so vielen Kindern eine Jungfrau?

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Jesus und das Papsttum

„Dies ist er, mein Sohn, mein Einzigartiger. Er, an dem mein Selbst Wohlgefallen hat. Gehorcht ihm!- Denn er ist der Fels, auf diesen Felsen werde ich meinen Tempel bauen… Ihm werde ich die Schlüssel geben zur Himmelsherrschaft.  Wem er zuschließen wird – ihm soll zugeschlossen sein. Und wem er aufschließen wird – ihm soll aufgeschlossen sein“. (Mt 17, 1-6 auf Aramäisch,  ein Gottes-Wort auf dem Berg Tabor an Jesus)

Aus dem Himmels-Wort an Jesus haben spätere Theologen ein Jesus-Wort an Petrus gemacht. Das Papsttum beruht auf einer Fälschung. Auch Papst Franziskus sagte am 22. Februar 2018, dass nicht Petrus der „Fels“ sei, sondern Jesus.

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Jesus und sein Freund Judas

„Einer von euch wird mich übergeben“ (Jh 13,21 in der aramäischen Rückübersetzung)

In der kirchenoffiziellen Übersetzung steht „Einer von euch wird mich verraten“.  Ein angebliches Wort Jesu an den angeblichen Verräter. Die aramäische Rückübersetzung macht klar, dass Judas Jesus nicht verraten, sondern übergeben hat. Und zwar im Auftrag und in Absprache mit Jesus. In den vier offiziellen Evangelien kommt „paradidomai“ 59mal vor, es heißt übergeben oder überantworten. Aber nur im Zusammenhang mit Judas wird es mit „verraten“ übersetzt. Das ist verräterisch. Judas wurde so zum schimpflichsten Verräter der Weltgeschichte abgestempelt und der Judas-Kuss in der gesamten Welt-Literatur zum Verräter-Kuss. 

Falsche oder gefälschte Übersetzungen können grauenhaftes Unheil anrichten – bis zum Holocaust und bis zu Auschwitz. Für Christen waren Judas und „die Juden“ häufig identisch. Dabei hat nicht Judas Jesus verraten, sondern Petrus, und zwar gleich mehrmals als der Hahn krähte.

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Jesu Vaterunser aus dem Aramäischen

Abba!

Deine Ge­gen­wart – lass ge­hei­ligt wer­den!

Deine Herr­schaft – lass sich aus­brei­ten!

Deinen Willen – lass ge­sche­hen!

Lass geben un­s Nah­rung!

Lass ver­ge­ben uns un­se­re Sün­den!

Lass ret­ten uns aus un­se­rer Ver­su­chung.

Amen.

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Quelle   Franz Alt 2019 | Erstveröffentlichung in der ZEIT Nr. 2 am 3. Januar 2019

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