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20.09.2017

Gorbatschow fordert Gipfeltreffen zwischen Putin und Trump

Michail Gorbatschow erhielt in Moskau den „Löwenherz-Preis“ der Stiftung „Human Projects“ für seine Verdienste um Frieden und Versöhnung.

Die Laudatio auf den Preisträger hielt Franz Alt, der zusammen mit Michail Gorbatschow in diesem Jahr das Buch „Nie wieder Krieg – Kommt endlich zur Vernunft“ geschrieben hat. Das Buch wurde sofort Spiegel-Bestseller und ist inzwischen als E-Book in acht Sprachen erschienen.

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Laudatio auf Michail Gorbatschow, Moskau, 19. September 2019

Lieber Michail Gorbatschow, lieber Herr Botschafter von Fritsch, liebe Kollegen! Liebe Mitarbeiter der Gorbatschow-Stiftung

Es war im Juni 1997. In der Frankfurter Paulskirche erhielt Michail Gorbatschow den „Preis für planetarisches Bewusstsein“. Die launige Laudatio hielt Peter Ustinov. Einen Satz von ihm habe ich noch in guter Erinnerung: „Wir ehren heute den mutigsten und bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts“. Am nächsten Morgen kamen Raissa und Michail Gorbatschow zu mir ins Fernsehstudio zu einem Interview. Herr Gorbatschow, Sie sahen den Titel meiner damaligen Sendereihe und sagten „Hier bin ich richtig“. Die Reihe hieß „QUERDENKER“.

Ich erinnere mich noch an meine erste Frage an Sie: „Woher nahmen Sie eigentlich die Kraft für Ihre gefährliche Politik von „Glasnost“ und „Perestroika“ und für Ihre noch gefährlichere Politik der atomaren Abrüstung“? Diese Politik war für Sie ganz persönlich lebensgefährlich. Sie riskierten Ihr Leben für Ihre politischen Überzeugungen. Woher also diese außergewöhnliche Kraft und dieser Mut? Sie deuteten auf Ihre Frau, die hinter der Kamera stand und uns zuhörte. Und Sie sagten: „Hier steht meine Kraft“.

Die Gorbatschows waren das politische Liebespaar des 20. Jahrhunderts. Mich hat Ihre Antwort nicht überrascht. Damals in der Paulskirche saß ich direkt hinter Ihnen und Ihrer Frau und konnte sie ganz indiskret beobachten. Wenn eine Frau und ein Mann sich so gut verstehen wie Sie und Raissa, dann ist eins und eins immer mehr als zwei.

Als ich Sie vor knapp einem Jahr in Ihrer Stiftung wieder traf, erinnerten Sie in Ihrem ersten Satz an Raissa, 16 Jahre nach ihrem Tod.

Wie lässt sich Ustinows damalige Aussage begründen, Sie seien der „mutigste und bedeutendste Politiker des 20. Jahrhunderts“? Es war Michail Gorbatschow, der die größte Bedrohung der gesamten Menschheit überwunden hat – einen möglichen Atomkrieg in Europa. Sie hatten den Mut zum ersten Abrüstungs-Schritt. Vielleicht wären wir ohne diesen Mut heute nicht mehr hier. Wir wissen, dass wir einige mal nur Glück hatten. Jahrzehnte lang spielte die Welt atomares Roulette. Erst durch Ihre Politik konnte der Wahnsinn beendet werden. Im Geiste des großen Pazifisten Jesus von Nazareth war Ihre Politik praktizierte Bergpredigt, praktizierte Feindesliebe.

Feindesliebe heißt ja nicht: Lass dir alles bieten. Kluge Feindesliebe heißt: Sei klüger als Dein Feind. Habe als Erster den Mut zum ersten Schritt in eine andere Richtung. Leider gilt heute noch immer der altrömische Grundsatz: „Wer Frieden will, muss den Krieg vorbereiten“. Unser gesunder Menschenverstand weiß es freilich besser: Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.

Jetzt beginnt gerade wieder ein neues atomares Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Donald Trump hat schon im Wahlkampf gesagt „Wozu haben wir eigentlich Atomwaffen, wenn wir sie nicht einsetzen“? Als erste Amtshandlung hat er dann die sogenannte „Modernisierung meines Atomarsenals“ angekündigt und die Rüstungsausgaben, ohnehin die höchsten der Welt, noch mal um 10% erhöht.

Und Putin hat reagiert wie gewohnt. Und dann kam noch der Nordkoreaner Kim hinzu. Nirgendwo – weit und breit kein Gorbatschow, nirgendwo der Mut zum ersten Schritt in eine andere Richtung. Nirgendwo Neues Denken und schon gar kein Neues Handeln.

In Ihrem „Appell an die Menschheit“ sagen Sie: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen“.

Gibt es dennoch Grund zur Hoffnung?

Am Freitag, den 7. Juni 2017, haben die Vereinten Nationen in New York ein historisches Abkommen beschlossen: Atomwaffen sind ab jetzt international verboten. Der Vertrag zum Verbot von Atomwaffen wurde um 10.50 Uhr Ortszeit verabschiedet.

Ohne Ihre Abrüstungspolitik in den Achtzigern, Herr Gorbatschow,  wäre dieses historische Abkommen nicht zustande gekommen.

Sie haben als erster Weltpolitiker 1995 in Reykjavik eine atomwaffenfreie Welt proklamiert, erst Barack Obama hat diese Vision erneut aufgenommen, aber heute nehmen die Spannungen zwischen den USA und Russland und zwischen den USA und Nordkorea wieder zu. Die Vision einer atomwaffenfreien Welt ist verblasst.

Dennoch ist der UNO-Vertrag ein großer Fortschritt. Die größte Herausforderung, nämlich die Einbeziehung der Atommächte, bleibt bestehen. In sechs Tagen, am 20 September, soll der Vertrag in New York in Anwesenheit der Außenminister in der UNO feierlich zur Unterschrift freigegeben werden. Notwendig sind 50 Ratifizierungen, damit der Vertrag 90 Tage später in Kraft tritt. Ein historischer Schritt in Richtung Ihrer Friedenspolitik, Michail Gorbatschow.

Wir stehen heute vor zwei großen Weltkrisen: Die zweite Krise neben der erneuten Gefahr eines Atomkriegs, ist der Dritte Weltkrieg, den wir schon heute gegen die Natur führen. Die Klimaerhitzung ist die Überlebensfrage der Menschheit. Ich will als Fernsehjournalist mal für den heutigen Tag eine ökologisch realistische Nachrichtensendung formulieren. Sie müsste etwa so lauten:

Auch heute wieder haben wir weltweit

  • 150 Tier- und Pflanzenarten ein für allemal ausgerottet
  • 50.000 Hektar Wüste zusätzlich produziert
  • 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden verloren und
  • 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen

Das kann unser Planet auf Dauer nicht aushalten. Sind wir noch zu retten? Das Zeitfenster, das uns bleibt, ist noch  etwa 20 Jahre offen, sagen die Wissenschaftler, 20 Jahre, in denen wir den hundertprozentigen Umstieg auf erneuerbare Energien schaffen können und müssen. Das ist ehrgeizig, aber machbar. Wir haben weltweit seit dem Jahr 2.000 den Solarstrom immerhin verhundertfacht und den Windstrom verdreizehnfacht. Wir hatten in Deutschland im Jahr 2.000 etwa vier Prozent Ökostrom und wir sind heute bei 35% sauberem Strom. Durch das Montreal-Abkommen 1987 wurde weltweit das FCKW verboten und die geschädigte Ozonschicht erholt sich wieder. Es ist einfach nicht wahr, dass wir nichts ändern können.

Michail Gorbatschow hat durch seine Politik bewiesen, dass Probleme, die Menschen geschaffen haben, auch von Menschen gelöst werden können. Abrüstung ist möglich. Frieden ist möglich. Klimaschutz ist möglich.

Das „atomare Gleichgewicht des Schreckens“ haben Sie in ein Gleichgewicht der Vernunft transformiert. Das ist heute wieder  der Auftrag unserer Zeit. Wenn das Ihnen gelang, zusammen mit Präsident Bush, der kein geborener Friedenspräsident war, warum sollte dann Abrüstung und Entspannung heute nicht gelingen? Sie waren d a s Vorbild für gelungene Abrüstung und haben deshalb Millionen Menschen Hoffnung vermittelt, Mut gemacht und vielleicht sogar das Leben gerettet. Michail Gorbatschow hat die Welt zum Besseren verändert.

Ihr „Appell an die Welt - Nie wieder Krieg – kommt endlich zur Vernunft“ ist ein Weckruf, von nationalstaatlichem Denken und von nationalem Egoismus  endlich Abschied zu nehmen und das „Gemeinsame Haus Europa“ zu bauen. Das heißt nach dem Motto zu handeln: Wenn es dem Nachbarn nicht gut geht, dann geht es auch uns nicht gut“. Und Russland ist unser Nachbar in Europa, weil Russland zu Europa gehört.

Nicht „America first“, sondern „The Panet first“, nicht „Make America great again“, sondern „Make all people great again“. Europa braucht jetzt in Zeiten neuer Spannungen eine neue Entspannungspolitik. Europa hat gerade jetzt die Chance, das große Friedensprojekt der Welt zu werden.

In Ihrem neuen „Appell an die Welt“ sagen Sie: Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg der Menschheitsgeschichte, weil es danach niemand mehr gäbe, der noch einen Krieg führen könnte. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten, weiterverfolgen, das ist unsere Pflicht…Ein weiterer Imperativ unserer globalisierten Welt lautet: Politik und Ethik müssen vereint werden“.

Im Zeitalter der Globalisierung brauchen wir eine „globale Perestroika“ und eine „Globale Glasnost“ und „globales Neues Denken und Handeln“. Für Ihre Visionen, Ihre Inspirationen und für Ihre vorbildlich mutige Politik  und für Ihren neuen  „Appell an die Welt“ danken wir Ihnen von ganzem Herzen und dafür erhalten Sie heute den großen Löwenherz-Preis einer kleinen deutschen Nichtregierungsorganisation. Dieser Preis geht eigentlich an Raissa Gorbatschowa und Michail Gorbatschow. Herzlichen Glückwunsch.

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Gorbatschow sagte in seiner Dankesrede: „Dieser Preis ist ein Beweis für die deutsch-russische Freundschaft zwischen den Völkern“. Um eine neue Spaltung oder gar Kriege zwischen Russland und der NATO zu verhindern forderte der Friedensnobelpreisträger die Regierungen der USA und Russlands zu einem sofortigen Gipfeltreffen auf. Auch vor 30 Jahren habe sein Treffen mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan die atomare Abrüstung erst möglich gemacht. Es bestehe heute die erneute Gefahr eines atomaren Wettrüstens. Erst wenn Spitzenpolitiker sich persönlich treffen und kennenlernen entsteht Vertrauen und damit die Voraussetzung für Abrüstung. „Ich weiß wovon ich rede“, sagte der frühere Präsident der Sowjetunion.

Am 12. November 2017 erhalten Dr. Eugen Drewermann und Dr. Franz Alt den Löwenherz-Preis in Leonberg. Der Theologe Drewermann erhält den Löwenherz-Preis für sein Bemühen um die Erneuerung des Christentums und Franz Alt für seinen weltweiten Kampf gegen den Klimawandel

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Quelle   Sonnenseite 2017

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