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21.10.2017

Landwirtschaft reformieren – Agrarwende jetzt!

Singende Vögel – zirpende Grillen – farbenprächtige Schmetterlinge? Das war einmal. Ganz Deutschland leidet unter Artensterben. Die Natur braucht 30.000 Jahre um eine neue Spezies zu schaffen, aber wir rotten pro Tag global 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Ein Kommentar von Franz Alt

Dabei wissen wir: Ohne Tiere und ohne Pflanzen keine Menschen. Wir alle stehen auf den Schultern unserer älteren Geschwister im Tier- und Pflanzenreich. Mit dem dramatischen Artensterben sind wir die erste Generation, die Gott voll ins Handwerk pfuscht.

Schon 1962 schrieb die US-Schriftstellerin Rachel Carson in ihrem Öko-Bestseller „Der stumme Frühling“: über allem „liegt der Schatten des Todes“ und vernimmt nur noch “Schweigen über Feldern, Sumpf und Wald“.

Inzwischen wurde aus dem stummen Frühling auch ein stummer Sommer und Herbst. Nicht nur in den Getreidegürteln der USA, sondern auch in den Sojafeldern Brasiliens und in den Feldern der Monokulturen Europas.

In diesen Tagen wurde auch wissenschaftlich belegt, was Tier- und Umweltschützer schon lange vermuten: Auch in Deutschland geht die Zahl der Insektenarten dramatisch zurück, um 75% in den letzten 25 Jahren.

Wenn es Insekten schlecht geht, geht es der Natur insgesamt schlecht. So steht es in einer Studie der renommierten Fachzeitschrift Plos One.

Insekten bestäuben 80% der Wildpflanzen in Deutschland und 60% der Vögel benötigen sie als Futter. Die Studie liefere den Beleg dafür, „dass der Artenschwund wirklich ein großflächiges Problem ist“, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum in Halle über die Studie der holländischen Universität Nijmegen. Schon frühere Studien belegen den starken Rückgang von Bienen, Käfern und Schmetterlingen.

Die Untersuchungsorte repräsentieren ganz unterschiedliche Lebensräume wie Heidelandschaften, Gras- oder Brachflächen.

Der Klimawandel allein kann die rasante Geschwindigkeit des Artensterbens nicht erklären. Eine größere Rolle spielt die Intensivlandwirtschaft mit ihrem großen Pestizid- und Düngemitteleinsatz. Darüber sind sich die Forscher einig. 94% der untersuchten Flächen waren von Intensivlandwirtschaft umgeben.

Wie immer reagiert der Deutsche Bauernverband im Abwehr-Ritual. Es verbieten sich voreilige Schlüsse – es müsse erst mal weiter untersucht werden. So ähnlich reagierte früher die Zigarettenindustrie, wenn ihr wissenschaftliche Studien über die Gesundheitsgefahren des Rauchens nicht ins Geschäftsfeld passten oder heute die Zuckerindustrie.

„Weitere Studien sind nötig“, sagt auch die Landwirtschaftökologin Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg. Warten aber könnte für viele Insektenarten zu spät sein.

Freilich ist die Landwirtschaft nicht allein für das Artensterben verantwortlich. Wissenschaftler nennen als weitere Treiber des Insektensterbens: Zersiedlung, Klimawandel, Landschaftfragmentierung, Infrastrukturmaßnahmen.

Manche Autofahrer mögen ja denken „Ist doch ganz praktisch, wenn meine Scheiben nicht immer von zermatschten Insekten verklebt sind. Und warum müssen Insekten denn unbedingt geschützt werden. Eisbären sind doch viel niedlicher!“.

 Insekten sind aber nötig, damit Ökosysteme überhaupt funktionieren. Ohne Insekten finden Eidechsen, Vögel und Frösche nicht genug zu fressen. Und eine Welt ohne Schmetterlinge ist viel weniger schön und weniger bunt.

Politisch heißt das: Ohne eine Einschränkung der chemischen Spritzereien wird es nicht gehen. Mehr Öko-Landwirtschaft wäre doch ein schönes Thema für die jetzt begonnenen Koalitionsgespräche in Berlin. Grüne Politiker, bitte übernehmen Sie! Euer Thema: Agrarwende jetzt!

  • Wissenschaftler bestätigen dramatisches Insektensterben - 27 Jahre wurden Schutzgebiete untersucht – die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als 75 Prozent weniger Biomasse bei Fluginsekten. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob die Insektenwelt in Schwierigkeiten steckt, sondern wie das Insektensterben zu stoppen ist.

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Quelle   Franz Alt 2017

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