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10.12.2017

Was Jesus wirklich gesagt hat

Das Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat - eine Auferweckung“ von Franz Alt hat zu einer lebhaften Debatte geführt. Der Papst hat sich zu Wort gemeldet, die EKD sowie Margot Käßmann und Franz Alt heute in einer Titelgeschichte der „Bild am Sonntag“.

BamS: Stim­men Sie Papst Fran­zis­kus in sei­ner Kri­tik am Va­te­run­ser zu?

Franz Alt: Un­be­dingt. Das, was der Papst jetzt ge­sagt hat, ist nicht we­ni­ger als eine geis­ti­ge Re­vo­lu­ti­on. Zum Glück haben wir kei­nen Dog­ma­ti­ker als Papst, son­dern einen sehr mu­ti­gen Men­schen, dem ich meine letz­ten Bü­cher über Jesus ge­wid­met habe. Ich bin über­zeugt, dass die Hälf­te der Je­sus­wor­te, so wie sie in un­se­ren Bi­beln ste­hen, falsch über­setzt oder gar be­wuss­te Fäl­schun­gen sind.

Wie kom­men Sie dar­auf?

Franz Alt: Es hilft, sich klar zu ma­chen wie das Neue Tes­ta­ment, das das Wir­ken Jesu be­schreibt und das auch das Va­te­run­ser ent­hält, ent­stan­den ist. Jesus sprach Ara­mä­isch. Über zwei Ge­ne­ra­tio­nen wur­den seine Worte nur münd­lich wei­ter­ge­ge­ben. Dann erst kamen Leute, die sein Leben auf­ge­schrie­ben haben. Al­ler­dings auf Grie­chisch. Vor 2000 Jah­ren war das Ara­mä­i­sche so weit von der Bi­bel­spra­che Grie­chisch ent­fernt, wie heute das Ara­bi­sche vom Deut­schen. Erst aus der grie­chi­schen Ver­si­on wurde die Bibel in alle Spra­chen über­setzt.

Was be­deu­tet das?

Franz Alt: Stel­len Sie sich eine ara­bi­sche Er­zäh­lung vor, die zu­nächst nur von Mund zu Mund über­tra­gen wird, dann auf Deutsch auf­ge­schrie­ben wird und schließ­lich, nach Jahr­hun­der­ten, ins Chi­ne­si­sche über­setzt wird. So weit un­ge­fähr ist un­se­re Bibel von Jesus ent­fernt.

Wie aber soll man sonst wis­sen was Jesus ge­sagt hat?

Franz Alt: Der 2009 ver­stor­be­ne deut­sche Je­sus-For­scher Gün­ther Schwarz hat über 40 Jahre daran ge­ar­bei­tet, den grie­chi­schen Bi­bel­text ins Ara­mä­i­sche zu­rück zu über­set­zen. Seine Ein­sicht war, dass die Je­sus-Er­zäh­lung ur­sprüng­lich in Vers­form er­zählt wurde. Nur so war es da­mals mög­lich, einen Text münd­lich wei­ter zu geben, ohne dass er sich groß ver­än­dert. Schwarz schloss, dass nur die Sätze in der Bibel ori­gi­nal von Jesus sein konn­te, die sich in eine ara­mä­i­sche Vers­form zu­rück über­tra­gen lie­ßen. Das Va­te­run­ser, das er so re­kon­stru­iert hat, kommt dem Ur-Je­sus viel näher und hört sich ganz an­ders an als das was wir ken­nen.

Wie lau­tet es?

Abba!

Deine Ge­gen­wart – lass ge­hei­ligt wer­den!

Deine Herr­schaft – lass sich aus­brei­ten!

Dein Wille – lass ge­sche­hen!

Lass geben un­se­re Nah­rung!

Lass ver­ge­ben uns un­se­re Sün­den!

Lass ret­ten uns aus un­se­rer Ver­su­chung.

Amen.

Franz Alt: Das ist wun­der­ba­re ara­mä­i­sche Poe­sie. Ein Mus­ter­ge­bet von Jesus, ohne Bla­bla, ohne ein Wort zu viel oder ein Wort zu wenig. Abba heißt wört­lich über­setzt ‘Papi‘ – die zärt­lichs­te An­re­de eines Kin­des für sei­nen Vater.

Die Zeile mit der Ver­su­chung ist auch hier an­ders als in der be­kann­ten Ver­si­on.

Franz Alt: Genau. Der lie­ben­de Vater, von dem Jesus immer sprach, ist doch kein Zy­ni­ker, der uns in Ver­su­chung füh­ren möch­te! Er will uns ret­ten.

Es gibt aber Bi­bel­stel­len, in denen Gott die Men­schen sehr wohl in Ver­su­chung führt. Eva mit dem Apfel am Baum im Gar­ten Eden. Abra­ham, der sei­nen Sohn Isaak op­fern soll.

Franz Alt: Rich­tig, das ist das alte Got­tes­bild im Alten Tes­ta­ment. Der war ein Gott der Stra­fe, der Rache, sogar des Krie­ges. Damit hat Jesus auf­ge­räumt. Er hat etwas völ­lig Neues ge­bracht. Im letz­ten Buch des Neuen Tes­ta­ments, in der Of­fen­ba­rung des Jo­han­nes sagt Jesus ‘Siehe, ich mache alles neu‘ Jesus sprach vom Gott der Liebe, des Frie­dens, der Ge­rech­tig­keit, Abba, mein und unser aller Papi! Jesus ver­kün­de­te eine frohe Bot­schaft, keine dro­hen­de Bot­schaft.

Vie­len Gläu­bi­gen gibt es aber Si­cher­heit, das Va­te­run­ser so zu beten wie schon ihre Groß­el­tern und deren Groß­el­tern.

Franz Alt: Das mag stim­men. Jesus war aber an­ders. Ein Re­bell. Kei­ner, der alles über­nom­men hätte, nur weil es immer so war. Im Ge­gen­teil.

Fran­zis­kus‘ Be­grün­dung: Es sei „nicht Gott, der den Men­schen in die Ver­su­chung stürzt, um dann zu­zu­se­hen, wie er fällt“. „Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft, so­fort wie­der auf­zu­ste­hen. Wer dich in Ver­su­chung führt, ist Satan“, so der Papst.

Aber es heißt die Bibel sei Got­tes­wort.

Franz Alt: Die Bibel ist Men­schen­wort über die Er­fah­rung von Gott.

Auch das Glau­bens­be­kennt­nis ist eine Grund­säu­le für viele Chris­ten. Wa­ckelt die auch?

Franz Alt: Da ste­hen auch Sätze drin, die Jesus heute nie­mals mit­be­ten würde. Etwa ‚Ich glau­be an die hei­li­ge ka­tho­li­sche Kir­che.“ Er hat doch nicht beim Abend­mahl ge­sagt: ‚Tut dies zu mei­nem Ge­dächt­nis. Aber bitte nach Kon­fes­sio­nen ge­trennt.’ Er sprach vom ‘neuen Bund‘. Auch die Stel­le im Glau­bens­be­kennt­nis ‘ge­bo­ren von der Jung­frau Maria‘ ist ein Irr­tum.

Warum?

Franz Alt: Maria war keine Jung­frau, sie war nur schlicht eine ‚junge Frau‘. Im Ara­mä­i­schen gibt es das Wort Jung­frau gar nicht. Jesus kam auf bio­lo­gi­schem Wege in Welt. Er hatte wahr­schein­lich auch fünf oder sechs Ge­schwis­ter. Indem Theo­lo­gen sol­che Glau­bens­sät­ze be­schüt­zen, ma­chen sie es kri­ti­schen Men­schen heute sehr schwer zu glau­ben.

Ist Jesus nicht viel­leicht doch von ges­tern?

Franz Alt: Nein! Jesus hat uns noch immer viel zu sagen. Jeden Tag er­schei­nen im Schnitt drei Bü­cher über Jesus. Aber wenn die Worte nicht stim­men, dann ist die ganze Bot­schaft falsch. Kein Wun­der, dass den Kir­chen die Men­schen fort lau­fen. Gut, dass der Papst re­agiert hat. Vor kur­zem hat er auch ge­sagt: „Ich bin nicht un­fehl­bar – das ist nur Gott“. So ein Satz war lange lange un­denk­bar. Ich hoffe, wir fin­den mit Fran­zis­kus zum ur­sprüng­li­chen Jesus zu­rück.

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Quelle   BILD am SONNTAG | Das Interview führte Volker Weinl 2017 | Die "BILD am SONNTAG" bekommen Sie an jedem Kiosk oder online hier | Auch mit einer Stellungnahme dazu von Margot Käßmann.

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