Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

17.07.2018

Wie wird München fit für die Zukunft?

Öko-Visionär Franz Alt wird 80 - in der neuen tz-Serie macht er Mut, neue Wege zu gehen.

Die Geringschätzung der Zukunft ist das größte Problem der Gegenwart. Deutschland ist gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Deshalb möchte ich in drei Beiträgen, die in der Münchner "tz" erscheinen, „Lust auf Zukunft“ vermitteln. So der Titel meines neuen Buches

Zu Recht sagt die Bundeskanzlerin: „Der Klimawandel und die Energiewende sind  die Überlebensfragen der Menscheit“. Jedes Problem, das Menschen geschaffen haben, ist  auch von Menschen lösbar. Das Feuer der Innovation brennt überall auf unserem Planeten – auch in München. Für Bayerns Hauptstadt gibt es Hoffungszeichen für eine noch rechtzeitige Energiewende.

Die Stadtwerke München produzierten 2017 bereits mehr Ökostrom in eigenen Anlagen als alle Haushalte sowie U-Bahnen und Tram-Bahnen in München benötigen. Bis 2040 soll München die erste deutsche Großstadt werden, in der Fernwärme zu 100% aus regenerativen Energien, vor allem Geothermie, gewonnen wird.

Kurz vor seinem Tod traf ich in München den Groß-Schauspieler Larry Hagman, bekannt als Öl-Bösewicht JR in der Serie Dallas. Eingeladen hatte uns die Industrie- und Handelskammer zu einer Werbetour „Sonne für Bayern“. Bei einem gemeinsamen Interview meinte JR: „Forget oil. Solar ist the energy of  the 21.Century“. Die Sonne, so argumentierten wir, schickt uns 15.000mal mehr Energie als die gesamte Menschheit heute verbraucht. Sie scheint auch in München auf jedes Dach. Und: Sie schickt uns keine Rechnung.  Ähnlich die Windenergie. Es sei leicht möglich, München, Deutschland und Europa in zwei Jahrzehnten zu 100% mit erneuerbarer Energie zu versorgen.

 Damals gab es noch diesen Haupteinwand: Erneuerbare Energien sind doch sehr teuer. Das Argument ist längst wiederlegt: In den meisten Ländern der Welt sind Sonnen- und  Windstrom inzwischen die preiswertesten Energiequellen. In Afrika und Chile wird bereits heute Solarstorm für 2,5 Cent je Kilowattstunde (KWh) produziert. Und das ist noch lange nicht das Ende. Das wurde soeben auf der „Intersolar“ in München, der weltgrößten Solarmesse, eindrucksvoll bestätigt.

In Marokko beziehen bereits 240.000 Menschen  Solarstrom vom größten Solarkraftwerk der Welt für 2,5 Cent je KWh. Jetzt hat Ägyptens Regierung angekündigt, ein Solarkraftwerk zu bauen, das zehnmal größer ist als das in Marokko. Und kurz danach hat der Kronprinz von Saudi-Arabien auf einer Pressekonferenz erklärt, dass sein Land ein noch weit  größeres Solarkraftwerk mit einer Leistung von 200 Gigawatt errichten werde. Dieses Sonnenkraftwerk in der  saudischen Wüste wird 80 Atomkraftwerke ersetzen. E i n Solarkraftwerk ersetzt in wenigen Jahren 80 Atomkraftwerke. Und die Kilowattstunde Strom kostet dann etwa einen Cent. Das ist der Durchbruch ins Solarzeitalter.

Afrika und die Sonne! Welch eine Chance! Wir können dafür sorgen, dass auf unserem Nachbarkontinent bald kein Kind mehr verhungern muss, und die Flüchtlingsströme noch gestoppt werden. Unsere heutigen Probleme sind lösbar.

Alle Bürger können von der Energiewende profitieren, auch die sozial Schwachen. Ein Beispiel: Niederbergkirchen – ein bayerisches Dorf beweist, dass Solarstrom auch Sozialstrom sein kann. Niederbergkirchen ist ein schmucker Ort mit etwa 1200 Einwohnern - 60 Kilometer östlich von München. Solche Orte gibt es viele in Bayern. Aber Niederbergkirchen hat etwas ganz Besonderes. Hier wird bereits mehr Solarstrom erzeugt, als alle Einwohner verbrauchen.

Bislang herrschte das Vorurteil, dass Solarstromanlagen etwas für Reiche seien. Hunderte Bürger sind in Niederbergkirchen an Bürgersolaranlagen beteiligt, das Außergewöhnliche aber ist: Zu ihnen gehören nicht nur die Begüterten, sondern auch die sozial Schwachen wie Bauern, Hartz-IV-Empfänger, alleinerziehende Mütter und arme Rentner.

Viele von ihnen haben keinen Euro eigenes Geld einbezahlt, sind aber trotzdem Beteiligte, mit Gewinn.  Die örtliche Sparkasse hat ihre Beteiligung durch Kredite zwischen 3.000 und 30.000 Euro finanziert, sodass auch die sozial Schwachen mit der Sonne Geld verdienen können. Die Hälfte der Einspeise-Vergütung kassiert die Bank, die andere Hälfte alle Beteiligten. Das Projekt ist somit ökologisch, aber auch sozial. Niederbergkirchen kann überall werden.

Die Kraft des Wassers

Die Stadtwerke München betreiben bis heute zehn Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung. Noch immer fließt hierzulande viel Wasserkraft ungenutzt den Bach hinunter. 2018 werden knapp vier Prozent des Stromverbrauchs aus Wasser gewonnen. Im Jahr 1900 Jahren wurden in Deutschland zehnmal mehr kleine Wasserkraftwerke betrieben als heute: Damals 80.000, heute knapp 8.000. Die Stromkonzerne haben die kleine Wasserkraft verdrängt.

Die Kraft aus der Erde: 99% unserer Erdmasse sind im Innern mindestens 1000 Grad heiß. Unter der Erde ist viel Energie gespeichert. Je tiefer, desto mehr. Und weil das auch in Unterhaching so gut und preiswert funktioniert, wird es jetzt in weiteren 16 Regionen Bayerns geplant. Die Geothermische Vereinigung Deutschlands schätzt, dass ein Viertel des deutschen Stromverbrauchs künftig aus der Tiefe gewonnen werden kann.

Keine Energiewende ohne Verkehrswende!

In München stand 2017 jede Autofahrerin und jeder Fahrer 51 Stunden im Stau. Ohne einen Preis für die Straßennutzung wird sich daran nichts ändern. Wir müssen auch den Verkehr neu denken. Deutschlands Ruf als Auto-Land würde gewinnen, wenn ein solcher Preis – abhängig von Ort und Zeit -  für alle gewinnbringend umgesetzt würde.

Bayerns Hauptstadt wirbt seit 2011 offensiv und mit ordentlich kommunalem Geld für eine neue Fahrradkultur. 1995 fuhren nur sechs Prozent der Münchner mit dem Fahrrad, heute fast dreimal so viele. Die „Radl-Hauptstadt-Kampagne“ hat bereits Hunderttausende zusätzlich aufs Fahrrad gebracht. Freude, Genuss und Vergnügen stehen im Mittelpunkt des Werbens fürs Fahrrad – da wurde wohl etwas von der Autowerbung abgeschaut.

Die neue ICE-Vorzeigestrecke München-Berlin hat beinahe jeden zweiten Autofahrer zwischen den beiden Millionenstädten auf die Schiene gebracht. Das bedeutet mehr Lebensqualität, weil mehr Sicherheit und bessere Luft. Autofahren ist heilbar. Es gibt immer Alternativen!

Der nächste Beitrag von Franz Alt: Wie wird die Welt fit für die Zukunft?

Die drei Teile in der "tz":

Zurück zur Übersicht

Das könnte sie auch interessieren