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13.06.2013

Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft

Das Ende aller liebgewordenen Illusionen: 1986 und 2011. Vom Ende der deutschen Atomenergietechnik. Zu einem Buch von Radkau/Hahn von Rupert Neudeck

Einen der schönsten Sätze hat Kurt Tucholsky für dieses einzigartige, dicke und materialreiche Buch geliefert: „Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ‚Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!’ Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre falsch machen“.

Das wirkt wie auf die Situation der deutschen Atompolitik gemünzt, wobei man  auch die 20 Jahre noch auf 30, ja 40 strecken kann. Und es ist in der Tat so, dass man lesen kaum noch begreifen kann, wie es nicht nur in der CDU und der FDP, sondern in großen teilen der SPD unwidersprochen eine Atomeuphorie gab.

Das Buch erzeugt eine innere recollectio beim Leser, ein Innehalten. Nachdem wir Tschernobyl und Fukushima erlebt haben, wirkt manches aus den frühen Stadien der deutschen Atomwirtschaft, auch der europäischen, noch grotesker, geisterhafter und leichtfertiger als wir das noch in grober Erinnerung hatten. Es gab 1956 einen deutschen Atomminister mit Namen Franz Josef Strauß. Niemand weiß genau, aus den Akten und den einschlägigen Biographien ist nicht zu ermitteln, weshalb wir dieses Ministerium überhaupt damals bekamen, obwohl es noch nichts an Kernreaktoren Planungen oder ähnlichem gab.

Man vermutet, dass Strauss unersättlich war und eigentlich das Verteidigungsministerium anstrebte. Jedenfalls war ihm das Bundesministerium für besondere Aufgaben, das er kurz besaß, nicht eigentlich zuzumuten. Er hätte auch lieber ein Luftfahrtministerium als Komplement zum Verteidigungsressort gehabt. Es begann aber eben ein – wie der Autor es als Kapitel selbst beschreibt – „Weltweiter Wettlauf als permanente Zwangsvorstellung der Atompolitik“. Strauß war klug und arbeitete sich natürlich in die Materie schnell hinein. Er hielt dafür, dass der zehnjährige Rückstand der Deutschen ein Vorteil sein könnte: „Verlorene Zeit – gewonnenes Geld“, unter diesem Rubrum fasste er die Erfahrungen zusammen, die er bei einer Amerikareise machen durfte.

Aber der kapitalistische Kernkraftwerks-Wettlauf war eingeläutet. In einem von Strauß und dem Atomwissenschaftler Otto Hahn eingeleiteten Buch: „Wir werden durch Atome leben“ von 1956 heißt es: „Überall in der Welt weiß man heute, dass kein Land in den nächsten Jahrzehnten als industrielle Großmacht bestehen kann, wenn es ihm nicht gelingt, die Verwendung von Atomenergie in großem Stil zu entwickeln.“

Es begann der Wettlauf bei der Beschleunigung der Brüterentwicklung. Experten erklärten die deutsche Entwicklung sowohl auf dem Gebiet der Wasserreaktoren als auch auf dem Gebiet der sog. fortgeschrittenen Reaktoren und Brüter müsse unter dem Gesichtspunkt des Wettbewerbs der deutschen Industrie auf dem Weltmarkt mit der amerikanischen Industrie gesehen werden“.

1966 – am 5. Oktober – wurde der erste US-Brutreaktor „Enrico Fermi“ bei Detroit nach einem schweren Unfall stillgestellt. Die USA gaben Ende der 60er Jahre zu erkennen, dass sie den Europäern den Vorrang beim Bau von Brüterprototypen ließen.

Radkau spricht gar von einer Psychose in dem nur „eingebildeten Wettlauf, die zu einer verfrühten Festlegung auf den Natriumbrüter führte, „dessen Sicherheitsprobleme die Brüterentwicklung nach der Investition von Milliardensummen erst recht in die Krise brachte“.

Es ging natürlich immer auch schon um die Bombe. Hiroshima blieb lange Zeit der einzige sichtbare Beweis dafür, dass es die Atomenergie wirklich gab. Zwar hatten die Deutschen bei der Aufnahme in die NATO auf die Eigenproduktion atomarer Waffen verzichtet. Aber „Urananreicherung und Wiederaufarbeitung sind nicht nur die Schlüsseltechnologien der Brennstoffkreislaufes ziviler Kernkraftwerke, sondern waren und blieben auch die Schlüsseltechnologien der Bombenherstellung“, wie wir jetzt durch die jahrelangen Verhandlungen mit dem Iran wissen. Bei Adenauer wurde deutlich, wie bei Strauß, dass das für ihn euphorische „Atomzeitalter“-Visionen a la Dwight S. Eisenhower keine Bedeutung hatten und nur der militärische Wert der Kerntechnik real war. Wie eben auch für seinen Counterpart auf der anderen Seite des Rhein: in Paris.

Schon im zweiten Kapitel bestätigen Radkau/Hahn: Gerade dann, wenn sich die bundesdeutsche Kernenergieentwicklung nicht an den Erfordernisse der innerdeutschen Stromversorgung, sondern an den künftigen Absatzmöglichkeiten in Dritte Welt Staaten wie Brasilien, Indien und Iran orientierte, kam für sie nur eine waffentechnisch nutzbare Reaktorstrategie in Frage. Das hing auch an Adenauer, der bis zum Ende seiner Regierungszeit an den Fragen der zivilen Kerntechnik uninteressiert blieb. Interessiert blieb er aber an der Bombe.

Am 27 Juni 1957 brachte der Bundeskanzler Adenauer durch eigene Intervention das erste Atomgesetz zu Fall, weil es auf friedliche Zwecke begrenzt war! Im Herbst 1960 beteiligte sich Adenauer noch kurz vor seinem Tode hysterisch, wie Radkau/ Hahn schrieben, an der Kampagne gegen den „Atomwaffensperrvertrag“. All das deute darauf hin, dass für den ersten Bundeskanzler die Atomtechnik eine militärische Angelegenheit blieb.

Das Buch ist eine gewaltige wissenschaftliche Leistung. Es beginnt mit dem Kapitel über das Atomprojekt des Zweiten Weltkriegs bis zum „friedlichen Atom“, das zweite behandelt das „friedliche Atom“ als Vision und Spekulation. Das dritte stellt den ungeplanten Siegeszug des Leichtwasserreaktors vor, gleichzeitig das wachsende Staatsengagement und die zunehmenden Subventionen für die Kernkraft und die Energiewirtschaft. Das war so leichtfertig und großkotzig, dass man mit den Autoren sagen kann, der Atomkomplex war eine “Vorhut jener Kräfte, die in die wachsende Staatsverschuldung führten“. Im Atomministerium sah man die Notwendigkeit einer Sonderbehandlung der Atomkraft. Verteidigungsminister Strauss tönte später, das Atomministerium sei schuld, wenn der Bundeshaushalt sich am Rande des Defizits bewege.

Das vierte Kapitel geht zum ersten Mal auf die die Öffentlichkeit verunsichernden Fragen der Reaktorsicherheit und der Risiken der Atomtechnik ein. Es behandelt auch in einem großen Unterkapitel die Entstehung der Anti-Atomkraft-Bewegung und in einem Exkurs auch die Geschichte der Kernenergie in der DDR. Das Kapitel Fünf schlussendlich geht den Wegen nach vom „schleichenden zum offenen Niedergang der Atomtechnik“. Es resümiert die Reaktorkatastrophe 1986 in Tschernobyl, referiert die Atompolitik von Willy Brandt bis Helmut Kohl, um 2011 auf die Atomkatastrophe von Fukushima 2011 zu kommen. Am Schluss steht dann der Ausstieg aus der Atomenergie: „Der Weg zur Energie der Zukunft“.

Das Buch hat zwei Vorworte, um die Qualität dieser Zusammenarbeit eines veritablen Historikers mit einem Physiker (Lothar Hahn) noch mal auszuschreiten. Radkau schreibt spitz, diese Geschichte der Atomenergie würde sich als Tragödie, als Komödie, aber mühelos auch als Tatort-Kriminalgeschichte schildern lassen. Als Radkau seine erste Arbeit, die Habilitationsschrift über die Kerntechnik 1973/74 schrieb, empörte sich einer aus der Atombranche: Ein Historiker habe in seinem Revier nichts zu suchen, die Arbeit des Historikers gehe um die Vergangenheit, die „Kernenergie sei dagegen die Zukunft“.

Wenn man die Skandale die fehlenden Informationen über Störfälle und Risiken zusammenfassen würde, dann hätte er eine Kriminalgeschichte verfassen müssen.

Der Autor lässt uns aufatmend erkennen, dass es nach 1990 leichter ist, mit der Abkehr von der Atomkraft. Die erneuerbaren Energien begannen zu boomen. Ein großes Stück Enthüllung bedeutet es für den Leser, die magische Profit-Anziehungskraft der Bombe nachzufühlen.

Radkau berichtet von einem Gespräch, das er mit dem damaligen Atomminister Balke führte. Er habe Balke gefragt, warum der Schah von Persien, als der Herrscher eines Öllandes sich für die Kernenergie interessiere. Balke: Dem sei es nur um die Bombe gegangen. Radkau: Ob es denn schwer sei, die Atombombe zu bauen, wenn man die zivile Kerntechnik habe. Balke: „Oh nein, das sie nicht schwer!“

Etwas nostalgisch meint der Historiker, auch Prozesse des Unterganges hätten ihren eigenen Reiz. Er kann sich nicht verkneifen, den Titel wenigstens des größten Geschichtswerkes über den Niedergang des Römisches Reiches zu zitieren: „History of the decline and fall of the Roman Empire“ von Edward Gibbons (1776-1788). Und die Mahnung bleibt auch nach über 400 Seiten: Bei der Aufklärung der Nukleargeschichte sei noch viel zu tun.

Auch die Entwicklung erneuerbarer Energie dürfe sich nicht planlos verheddern. Im Zeichen des „Zauberwortes“ Nachhaltigkeit habe es zu viele „verwirrende Zeitspiele“ gegeben.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013