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27.06.2013

Es geht einem ans Herz - Eine Studie über den Zustand der Weltmeere 2013

Früher gab es Welt-Karten, die noch unerforschte Meeresgebiete auf lateinisch mare incognitum (Unbekanntes Meer) nannten. Heute führt uns die Fahrt über die Meere wieder über unerforschte Meeresgebiete. Von Rupert Neudeck.

Denn es bestehe die Gefahr, dass die Meere wegen der starken Beeinträchtigungen, über die uns das Buch in soliden gewaltig detailreichen Kapiteln Auskunft gibt, nicht mehr die ökologischen Prozesse aufrechterhalten können, die wir für selbstverständlich halten. Die Weltbevölkerung ist explosionsartig gewachsen, 1880 waren 1,4 Mrd Münder zu ernähren. Heute sind es sieben Milliarden, in den nächsten 40 Jahren werden noch mal 2,1 Mrd hinzukommen.

Der Druck auf die Produktion von Fischproteinen wird unerträglich weitergehen. „Wenn wir die Fischerei wie bisher weiter betreiben, darf man bezweifeln, dass die Fangmengen dieser Tiere (z.B. Krill und Quallenfischerei) einen Ausgleich für die Spitzenmengen schaffen werden, die in der 1980er Jahren üblich waren“. Eine Milliarde Menschen, zumeist in den Entwicklungsländern, sind auf Meerestiere als wichtige Lieferanten für tierisches Protein angewiesen.

Der Stil des Buches ist berückend und eindrucksvoll, in dem uns der Meeresbiologe Callum Roberts seine Erkenntnisse in 22 prall gefüllten informativen Kapiteln weitergibt. Es ist die bewegende Stimme eines Menschen, der über unsere Umwelt und Natur-Veränderungen „traurig“ sein kann: Am Ende des 14 Kapitels heißt es: „Zuzusehen, wie das Meer immer mehr an Schönheit und wilder Energie verliert, macht mich traurig“. Die Kaltwasserkorallenriffe in der Nordsee seien bereits in den 1990er Jahren, als man sie überhaupt entdeckt habe, schon zur Hälfte durch Fischereischiffe zerstört gewesen.

Die Tiefwasserriffe vor Miami bestehen heute schon aus Geröll, und in ihren von Fischernetzen verwüsteten Ruinen wohnen nur noch winzige Fische und Würmer. Der Autor meint und dieses geht an den Leser über; der Zerfall der ungezähmten Natur betreffe nicht nur die Ästhetik. Er untergrabe die Fähigkeit der Ozeane, für die Bedürfnisse und das Wohlergehen der Menschen zu sorgen.

Warnungen davor, mit den Reichtümern der Weltmeere pfleglicher und sparsamer umzugehen und nicht besinnungslos die Fischerei zu mechanisieren, gab es schon seit 1843. Das Buch zitiert den britischen Chirurg und Naturforscher John Bellamy, der damals schon gegen das Schleppnetz protestierte: Ziehe man das Schleppnetz mit „Gewalt über beträchtliche Flächen des Meeresbodens hinweg, reißt es wahllos eine Fülle niederer Lebewesen ab, welche dort zu Hause sind, und daneben bringe es Zerstörung für eine Vielzahl von kleineren Fische“, die wie man sehen kann, die festgelegte Nahrung jener essbaren Arten sind, „die für den Verzehr durch Menschen gesucht werden“.

Callum Roberts scheut sich nicht, für die Zukunft von „Verzweifelung“ zu reden, die er bei Betrachtung der Zerstörungen empfinde: Brechen die Fischbestände, wie er prognostiziert, in den Entwicklungsländern zusammen, sei Verzweifelung angesagt. Es gibt Länder wie die Philippinen, die zu 70 Prozent auf das tierische Protein der Meere und der Meerestiere angewiesen sind.

In den letzten Jahren hat das Bevölkerungswachstum die Nachfrage weit über die Kapazität des Meeres ansteigen lassen. Die Folge: Der Kreislauf der Überfischung. Die dramatischste Form sei das „pa-aling“ in den Philippinen. Eine Gruppe von 10 bis 15 Männern taucht bis zu 40 Meter Tiefe und nimmt ein großes Netzknäuel mit. Die Fischer entfalten unter Wasser das Netz zu einer Kuppel von der Größe einer Dorfkirche. Die Gruppe schwimmt am Ende des Netzes entlang und wirft Steine auf den Boden, um die Fische in das Netz zu treiben. Roberts: Ein solcher Tauchgandie betroffene Stelle der Hälfte ihrer Fische und hinterlasse ein zertrümmertes Riff.

Das ist das Buch eines Naturforschers mit Herz. Er nimmt uns mit in eine unbekannte Welt, in der durch die Vermüllung der Welt unendlich gelitten wird. Gelitten wird auch durch unsere hyperthrophen Lärmbelastungen, durch Schiffe, U-Boote, NATO.  12996 kam es am Golf von Kyparissia im Westen Griechenlands zu einer ungewöhnlichen Massenstrandung von Meeressäugern namens Cuvier Schnabelwal. Wenn mehrere Wale gleichzeitig stranden, kommen sie am gleichen Ort an die Küste. Dieses Mal, so der Autor, strandeten sie getrennt, „und zwar entlang eines 40 km langen Küstenabschnitts. Verletzungen und andere Anzeichen von Gewalteinwirkung wurden an diesen toten Tieren“ nicht festgestellt. Der Magen der meisten Wale war aber voller Tintenfische.

Das ließ vermuten, dass sie kurz vorher noch gefressen hatten. Für den Kollegen Biologen Alexandros Frantzis (Universität  von Athen) war ein Forschungsschiff der NATO schuld. Dieses Schiff hatte in diesem Golf von Kyparissia genau zur Todeszeit der Wale ein Marine Sonarsystem getestet. Das System solle mit lauten, niederfrequenten Geräuschen ultraleise U-Boote aufspüren. Die Wale wurden unmittelbar durch die Geräusche geschädigt oder sie hatten dermaßen die Orientierung verloren, dass sie unabsichtlich an die Strände schwammen.

Nirgends ist die Umweltvermüllung größer als die mit Plastik.Plastik gibt es erst seit dem zweiten Weltkrieg als Wachstumsfaktor. Was das Gewicht angeht, macht Plastik ‚nur’ ein Zehntel unseres Mülls aus, was das Volumen angeht, ist es wesentlich größer. Ein Drittel aller Kunststoffe wird zu Wegwerfverpackungen gearbeitet, die ein mal benutzt und dann weggeworfen und in den Müll geworfen werden. Die Plastikabfälle gehen in Müllkippen, aber ein großer Teil gerät in die größte Müllkippe aller Zeiten: In die Weltmeere.  Dazu gibt es noch Unfälle, wie das Kentern des Containerschiffes 1992 aus China mit Badespielzeug für Kinder. Alles Plastikspielzeug ging in die Weltmeere. Rund 29.000 Enten, Schildkröten, Frösche aus Plastik, Der Meeresforscher Curtis Ebbesmeyer konnte mit Hilfe der Plastiktiere die großen Meeresströmungen verfolgen.

Das Kapitel Über das Plastikzeitalter macht deutlich, wie die Meeresvegetation und Fisch- Tierwelt in den Weltmeeren unter dem Plastik unerträglich leidet. „Die Ozeane ersticken am Plastik, und das werde auch dann über Jahrhunderte so bleiben, wenn wir von heute an keine Kunststoffgegenstände mehr wegwerfen“. Als ob die Sprache jetzt uns nur noch durch Anthropomorphismen erreicht: Ein totes Albatrosküken von der Insel Midway im Pazifik hatte ein Stück Plastik gefressen, in das eine Seriennummer gepresst war. Dieses Stück konnte man zu einem Bomber der US-Airforce zurückverfolgen, der 1944 ins Meer gestürzt war. Die in den Weltmeeren vagabundierende Plastikmenge wächst exponentiell an, 2008 war die Produktion bei weltweit 260 Mio Tonnen Kunststoffe, mit einem Wachstum von jährlich 8 Prozent.

Das ist ein Buch, das uns an die Hand nimmt und nicht nur sachgerecht und ausgenüchtert statistische Wegmarken und Zahlen mitteilt, sondern schon in der Sprache uns darauf aufmerksam macht, wie die um uns und mit uns lebende und atmende Flora, Faune, Tierwelt, Fische, Wale unglaublich leiden können. Was invasive Arten, die auch vom Schiffsverkehr mitgeschleppt und ausgesetzt werden, anrichten, macht das Buch in einem der längsten Kapitel deutlich: „Fremde, Eindringliche und die Vereinheitlichung des Lebendigen“.

Der Autor und Biologe erwähnt zwei Algenarten, die sich im Mittelmeer angesiedelt haben. Die Caluerpa racemosa. Sechs Monate nach ihrem Eintreffen hat sie die Vorherrschaft übernommen und unterschiedslos alle Seegraswiesen, Seetangarten, Schwämme  und andere Lebewesen, die am Meeresboden wie angeklebt hängen, vernichtet. Diese Alge und die Caulerpa taxifolia haben innerhalb weniger Jahrzehnte (aus Australien kommend() Beziehungen zwischen den Pflanzen und Tieren im Mittelmeer vernichtet, die sich über Zehntausende von Jahren hinweg ausgebildet hatten. Manche dieser Eindringlinge benehmen sich wie „geschickte Opportunisten“.

Der Autor kann uns vermitteln, wie man zu bestimmten Spezies eine menschliche Emotion entwickelt. Zur Lieblingsspeise der Seesterne gehören die Eier von Gefleckten Handfischen, die in Nestern am Meeresboden abgelegt werden. In freier Wildbahn gibt es vielleicht nur noch einige hundert Gefleckte Handfische. Auch wenn alle Arten ein Existenzrecht haben, schreibt der Autor mit innerer Bewegung, „bricht einem der Verlust einer so liebenswürdigen Spezies ganz besonders das Herz“.

Zwar bezeichnet sich der Autor als Optimist, ist aber zum Schluss des Buches dennoch zu Tode erschrocken. Er überschreibt das auch indikativisch: „Vorbereitung auf das Schlimmste“ ohne Fragezeichen. Die vielen Menschen, die 9 Milliarden werden nicht bereit sein, für einen Dollar am Tag von der Hand in den Mund zu leben. Eine der Millenniumsziele die zu Anfang 2000 beschrieben wurden, war das Ende von Armut und Hunger. Wenn die Welt - schreibt Callum Roberts - schon heute die Ressourcen verbraucht, die bei einer nachhaltigen Wirtschaftsweise eineinhalb Planeten entsprächen, wie viel wird sie dann bei einer um 30 bis 60 Prozent größeren Bevölkerung konsumieren. Roberts: „Solche Befürchtungen ängstigen mich zu Tode“. Wenn wir nur so weitermachen wie bisher, stehen wir vor einer düsteren Zukunft. Und doch bleibt er Optimist. Es muss nicht so kommen, obwohl wir in diese Richtung schlafwandeln.

Vom Zustand der Meere ausgehend fragt sich der Autor: Wie können wir zu einer Lebensweise übergehen, ohne die Natur zu zerstören und uns selbst zu vernichten? Es sollte uns gelingen, das Bevölkerungswachstum unter Kontrolle zu bringen, saubere Energie zu nutzen, Emissionen zu reduzieren und alle Formen der Verschmutzung zu verringern. Mit welchen Folgen unseres Tuns wir uns konfrontieren müssen, zeigt das Beispiel der Inupiat Jäger vor der Nordküste Alaskas. Die fanden dort vor wenigen Jahren einen Grönlandwal. Als sie das Tier aufschnitten, fanden sie in der Schulter eine eiserne Harpunenspitze des Typs, der seit mehr als 100 Jahren nicht mehr benutzt wird. Dieser Wal war 130 Jahre alt.

Manche der Kapitel dieses Buches sind in ihrer Wucht fast entmutigend. Aber ganz zum Ende von über 500 Seiten macht sich und uns der Autor Mut. Mittlerweile hätten viele Menschen erkannt, welchen Einfluss unser Handeln auf und unter dem Meer hat. „Nie zuvor sind mir so viel Energie und Entschlossenheit begegnet die Probleme anzugehen – im ärmlichsten Dorf ebenso wie in den Sälen der UN“. Das sei der Grund, weshalb er optimistisch bleibe. Der Leser wird es ihm danken. „Wir können Seite an Seite mit der wilden Natur leben. Die Alternative wäre unser Untergang“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013