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11.07.2013

Der geplünderte Planet

Ein neuer Bericht an den Club of Rome, ein Bericht, der sich der globalen Ressourcenfrage widmet – mit dramatischen Erkenntnissen und in drastischen Worten. Eine Rezension von Udo E. Simonis.

Die Ausplünderung des Planeten Erde ist seit langem im Gange – und sie schreitet munter fort. Ugo Bardi will mit seinem Buch einen Überblick geben über den historischen, den derzeitigen und den zukünftigen Rohstoffabbau - und den Zusammenhang herstellen zu dessen Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Natur. Er erzählt die Geschichte des Bergbaus, schildert die Auswirkungen auf das globale Ökosystem und skizziert die Entwicklungen, die dazu führen werden, dass die Wirtschaft in Zukunft immer weniger Materialien zur Verfügung haben wird.

Schon die Kolonialgeschichte war voller Beispiele von Ressourcenkonflikten, von Plünderung, Gewalt und Übervorteilung. Konflikte nehmen zu und werden heftiger, wenn die Ressourcen knapper werden oder die Zahl der Nachfrager steigt. Wir sind ganz offensichtlich in einer neuen Phase der Konfliktverschärfung angelangt – im Zeitalter schwindender Ressourcen, wie es im Untertitel des Buches heißt.

Bei vielen nicht-erneuerbaren Ressourcen ist die maximale Extraktion (peak) überschritten, steht unmittelbar bevor oder ist bereits in absolute Knappheit übergegangen, während die Nutzung erneuerbarer Ressourcen vielfach überzogen wurde (wie bei den Fischbeständen), erst noch aufgebaut werden muss (wie bei der Energieversorgung) oder zu neuartigen Konflikten führt (wie bei der Flächennutzung). Der Wettbewerb um Ressourcen wird weiter zunehmen: die Weltbevölkerung nimmt jährlich um 80 Millionen Menschen zu, dynamische Länder tauchen auf dem Weltmarkt auf und unternehmen vielfältige Anstrengungen, diesen Wettbewerb um Ressourcen zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Wenn Wettbewerb entsteht, kommt es gelegentlich aber auch zu neuen Ideen und Konzepten. „Steigerung der Ressourceneffizienz“ und „Erhöhung der Materialproduktivität“ wurden zu Leitideen. Bei den erneuerbaren Ressourcen wurde Schonung zum Thema, bei den nicht- erneuerbaren Ressourcen steht Recycling seit geraumer Zeit oben an – neuerdings gar in Dimensionen, für die es im Deutschen noch gar keine Begriffe gibt, wie „urban mining“ und „waste mining“.

Bardi setzt sich ausführlich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Substitution von knapper werdenden Ressourcen auseinander, während die Wiederverwertung und Wiederverwendung der Abfälle (die Gewinnung von Sekundärrohstoffen) eher unterbelichtet bleibt; der Begriff „urban mining“ taucht nur an einer Stelle des Buches auf.

Ansonsten aber ist das Buch zeitlich umfassend und inhaltlich wie konzeptionell voll spannender Ideen. Eigentlich sind es zwei Bücher: der Haupttext von Bardi, der von 16 Kurzstudien externer Experten aufgelockert und ergänzt wird. In diesen „Ausblicken“ geht es darum, die Ressourcenverknappung anhand von Beispielen zu beleuchten: von Öl über Kupfer, Lithium, Phosphor bis hin zu den Seltenen Erden. Es sind keine Prognosen, eher kritische Hinweise über das, was ist und was in Zukunft kommen kann.

Während der Haupttext in Bezug auf die Bewertung des Ressourcenproblems eher moderat daherkommt, finden sich in einigen dieser Ausblicke auch radikale Positionen: „Die Entwicklung der Bergbauindustrie wird getrieben durch ein Finanzsystem, in dem nur der monetäre Profit zählt, und durch eine kompromisslose industrielle Politik, in der nur die eigenen Zielsetzungen von Bedeutung sind… Alle Befürchtungen über mögliche Auswirkungen auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit werden ignoriert“ (S.21). Und: „Die Politik ist zu einem Erfüllungsgehilfen der Interessengruppen geworden, denen jede Vision für das Wohl des Planeten fehlt“ (S.25).

Bisher ist in der Tat noch kein internationales Abkommen beschlossen worden, das die weltweite Ausbeutung der Rohstoffe quantitativ begrenzt oder qualitativ steuert. Und ob die Zivilgesellschaft die Bedeutung der neuen Phase der Ressourcenausbeutung in ihrer vollen Tragweite schon erkannt hat, wird angezweifelt.

So stimmt es denn tröstlich, wenn Ugo Bardi noch einmal an die Studie Grenzen des Wachstums von 1972 (den ersten Bericht an den Club of Rome) und an deren Aufruf zum Handeln erinnert. Er selbst beschreibt die heutige Aufgabe so: „Wir müssen der Zerstörung des Ökosystems und dem Schwinden der Mineralvorräte mit höherer Effizienz in allen Bereichen der Industrie begegnen – mit dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Ressourcen und der Entwicklung effektiver Recyclingverfahren“ (S. 15 f.).

Ob das Zeitalter schwindender Ressourcen nicht aber auch reichlich Anlass zu einem Aufruf für mehr Suffizienz in Wirtschaft und Gesellschaft gibt, überlässt er einer externen Autorin im letzten der 16 Ausblicke. Dort heißt es: „Daher müssen wir Wege finden, Wohlstand mit möglichst wenig Rohstoffinput zu realisieren. Ein wichtiger Schritt dahin wäre, den Verbrauch zu reduzieren und die einmal geförderten Rohstoffe so gut wie nur möglich wiederzuverwenden“ (S.301).

Das Buch ist der inzwischen 33. Bericht an den Club of Rome. Er wurde von fünf Übersetzerinnen in Windeseile ins Deutsche übertragen und erschien noch vor der englischen Originalausgabe. Mit dieser zusammen wird das Buch hoffentlich die ihm gebührende Leserschaft finden – und dabei helfen, der weiteren Plünderung des Planeten Grenzen zu setzen oder Einhalt zu gebieten.

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Quelle   :: Udo E. Simonis 2012 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik amWissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Kurator der Deutschen Umweltstiftung