Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

01.08.2013

Apartheid und ethnische Säuerung in Palästina

Ein nicht politisch-korrektes  Buch über Israel und Palästina. Eine Studie über zionistischen Siedlerkolonialismus in Wort und Tat. Von Rupert Neudeck

Über die Palästina Frage scheint schon alles gesagt zu sein, schreibt der Verlag in einem Klappentext und man möchte dem Recht geben. An Literatur zu diesem völlig unaufgeräumten Feld scheint es nicht zu mangeln. Aber das Buch sticht durch ein Selbstbewusstsein auf, das ich in der bisherigen Literatur vermisse. Es fehlen dieser 1963 geborenen Autorin und Kennerin der Sprachen und Kulturen der Region alle Scheuklappen, die der normale deutsche Journalist, Wissenschaftler, Politiker, Autor immer erst aufsetzen muss, um dann einige mutige Äußerungen in akrobatischen Begründungen abzulegen.

Petra Wild hält sich gar nicht bei der Berührung von Sprach- und Semantiktabus auf, sie hat den Kopf frei und kann noch das wahrnehmen, was sie erlebt und sieht.

Sie nennt die Besatzung einfach Besatzung und nicht „Besatzung“, sie nennt die palästinensischen Politiker, die von Oslo an und weiterhin mit Israel ein gutes und privilegiertes Auskommen pflegen, Kollaborateure und nicht „Kollaborateure“. Sie nennt die Mauer - Mauer und nicht wie unser damaliger Außenminister Joschka Fischer - den „Sicherheitszaun“. Das allein ist schon ein Fortschritt und wirkt bei der Lektüre erfrischend.

Sie habe ursprünglich vorgehabt, ein Buch über die israelische Apartheidpolitik und die Ein-Staats-Lösung zu schreiben. Sie hat dann aber durch ihre Studien in Jerusalem, Beirut, Damaskus und Berlin herausgefunden, dass die israelische Politik sich nicht wie in Südafrika auf Apartheid im Sinne von zwei Toiletten statt einer beschränkt. Sie analysiert ethnische Vertreibung, also das Verschwinden der Palästinenser-Toilette.

Und sie zitiert auch immer gleich den israelischen Forscher, auf den sie sich wissenschaftlich berufen kann. Mosche Machover lehnt den Namen Apartheidpolitik für das, was in der Westbank und im Gaza Streifen passiert, als Verharmlosung ab. Israel habe kein Interesse an der Ausbeutung der Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung, es will sich dieser Bevölkerung entledigen. Die Fülle der Schikanen, die Myriaden bürokratischer Behinderungen, die Einschränkungen und die Demütigungen sind so vielfältig, dass man sich wundert, dass die Palästinenser noch nicht alle von dort verschwunden sind. Petra Wild kommt stracks zu der einzigen Begriffsformel, die das erklärt, was vor unseren Augen geschieht.

Und was wir Deutsche, auch deutsche Korrespondenten und deutsche Politiker bei unseren zahllosen Besuchen uns immer noch nicht trauen, mit eigenen Augen  wahrzunehmen und dann zu beschreiben: Es herrscht „Siedler-Kolonialismus“. Dieser Kolonialismus strebt danach, die einheimische Bevölkerung durch eine eingewanderte Siedlerbevölkerung vollständig zu ersetzen. „Die Grenzen werden stets weiter nach vorne verschoben und die einheimische Bevölkerung auf stets enger werdenden Flächen zusammengedrängt“.

Das ist natürlich für unsere deutschen Verhältnisse eine Sensation. Sie beschreibt unter Aufwand aller eindeutigen Quellen den Ursprung des Konfliktes, der schon damals durch Siedlerkolonialismus und ethnische Säuberung 1947/48 bestimmt war.

Die Autorin beschreibt die gläserne Mauer als „die Segregation und den Ausschluss der Palästinenser innerhalb der Grünen Linien“. In einem weiteren Kapitel geht sie auf die dramatische Vertreibung ein, am Beispiel des Landraubs und der Zerstörung der einheimischen Kultur innerhalb der Grünen Linie am Beispiel des Naqab/Begev.

Ein Kapitel widmet die unerschrockene Autorin dem Rassismus in der jüdisch-israelischen Bevölkerung, eine weiteres der Kolonialpolitik in den besetzten Gebieten vor und nach dem Oslo-Abkommen.

Im Jordantal sind schon Tatsachen geschaffen worden. Palästinenser haben nur noch zu 6 % des Landes im Jordantal Zugang. Arabischen Bauern wird regelmäßig Vieh gestohlen und Soldaten verhängen aus haarsträubenden Anlässen hohe Bußgelder. Checkpoint Watch, die israelische Menschenrechtsgruppe, berichtete, dass ein Schäfer 136 Euro (umgerechnet) Bußgeld zahlen sollte, weil sich eine seiner Ziegen auf „unmarkiertem Gebiet“ bewegt hatte.

Bewundernswert und aufklärend ist auch die ungeschminkte und nicht frisierte Sprache der Autorin. Sie benennt die Schwerpunkte der israelischen „Häuserzerstörungspolitik“. Im Jordantal wurden seit 2006 mehr Häuser zerstört als irgendwo sonst in der Westbank. Jeff Halper, der Chef des Komitees gegen Hauszerstörung wird zitiert: „Der Zweck [der Zerstörungen] ist, Palästinenser in kleine Enklaven im Land zu zwingen und ihnen letztlich das Leben so schwer zu machen, dass sie weggehen.“

Wasserraub ist ein fester Bestandteil der israelischen Kolonialpolitik. Palästinenser müssen in einigen Gebieten mit 20 Liter pro Tag und Kopf auskommen. Zwischen 2009 und 2011 wurden 44 Zisternen und Regenauffangbecken in der Zone C zerstört.

Das Land wird immer erst entweder als Naturreservat oder militärischer Übungsplatz erklärt. Das bedeutet, wie die Erfahrung von Jahrzehnten zeigt: Das ist dann nur eine Zwischennutzung, bevor das Land an zionistische Siedler geht.

Der Kolonialismus hat manchmal eine hässliche religiöse Fratze: Religiös-zionistische Siedler rufen regelmäßig zur ethnischen Säuberung und manchmal zum Völkermord auf. Der Vorsitzende des Regionalrates der Siedler in Shomron, Gershon Mesika,  fordert bei einem der Besuche in den Siedlungen die Führung Israels auf, sich ein Beispiel an Josua zu nehmen: „Schneidet jedem die Hand ab, der diese gegen einen Juden erhebt. Unsere Führer müssen von Josuas Stärke und entschiedenere Vorgehensweise lernen“.

Die Autorin hält sich auch nicht bei der Vergeblichkeit auf, dass Israel den anderen Staat Palästina durch die Siedlungen und den fortgesetzten Siedlungsbau unmöglich macht. Der eine Staat Israel sei natürlich von dem Bewusstsein geprägt, dass – wie Uri Avnery sagt – 99,9 Prozent der jüdischen Israeli einen Staat mit einer robusten jüdischen Mehrheit wollen. Eine erfolgreiche Boykottkampagne wird diese Position nicht an einem Tag ändern. Aber sie wird klar machen: Solche Positionen sind im 21. Jahrhundert nicht akzeptabel.

Der Staat, so analysiert die Autorin, stecke in der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Die Autorin gibt zu bedenken, dass die Dynamik des antikolonialen Kampfes letztlich den Sieg davontragen wird.

Wie urteilskräftig das Buch ist, geht aus allen  232 Textseiten hervor. Der Staat Israel stecke in der schlimmsten Krise seiner Geschichte. Diese Krise erstrecke sich auf alle Ebenen: die militärische, die außenpolitische und die Innenpolitisch-. Sie zeige sich am stärksten im Verlust der jüdischen Bevölkerungsmehrheit, der Unfähigkeit, militärische Siege zu erringen und der immer stärker werdenden internationalen Solidaritätsbewegung.

Die Vergeblichkeit ist gegeben mit der Behauptung: „Israelische Militärs und Politiker werden nicht müde zu verkünden, die Araber verstünden nur die Sprache der Gewalt“. Der stellvertretende Verteidigungsminister Matan Vilna drohte der Bevölkerung des Gaza Streifens vor dem Krieg 2008 mit einer Schoa (das hebräische Wort für Holocaust).

Der damalige Außenminister Liebermann riet während des Gaza Krieges, den Gazastreifen so zu behandeln wie die USA am Ende des 2. Weltkrieges Japan behandelt haben. Das wurde als Aufforderung zur Anwendung der Atombombe verstanden. Ein lesenswertes Buch.

Zurück zur Übersicht

Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013