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23.08.2013

Zigeuner - Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

Ein fröhlich-mutiges Buch, das ein Ziel hat: Unterstützung der Zigeuner. Von Rupert Neudeck

Dem Buch eilt schon ein großer guter Ruf voraus. Und Rolf Bauerdick bestätigt diesen Ruf auf den ersten Seiten und die Spannung, die das im besten Sinne nonkonformistische Buch enthält, verlässt den Leser nicht bis zur allerletzten Seite. Im Vorwort kommen die Positionen die der Autor bei seinem Thema vertritt, stellvertretend zum Ausdruck. Selbstkritik und Kritik. Er beschreibt eine Begegnung mit einer Roma-Sippe im Osten Bulgariens. Sie waren Holzschneider, und exportierten das Holz an Aufkäufer nach Arabien. Abends rührten die Frauen bereits in den dampfenden Kesseln.

Bauerdick fragt den Sippenchef, was es zu essen gäbe. Der sagt: Schlangen. „Wir fangen sie zwischen den Sträuchern, ziehen ihnen die Haut ab und rösten sie über dem Holzfeuer.“ Toll, notiert der rasende Reporter in sein Notizbuch: „Holzschneider grillen Schlangen“.

Jemand fragte: Was hat euer Reporter aufgeschrieben?

„Dass Ihr Schlangen esst!“

Die Männer bogen sich vor Lachen, die Frauen fassten sich entsetzt an den Kopf. Dann bekam er autoritativ zu hören: „Kein Roma käme im Traum darauf, eine Schlange zu essen. Schlangen sind ein Tabu“. Der Sippenchef sagt zu ihm: „Ihr Schreiberlinge glaubt jeden Blödsinn, den man euch erzählt.“

Und ebenfalls im Vorwort sagt der Autor einen Satz, der sensationell wäre, würde er auch in der Politik und der Gesellschaft beherzigt. Auch er habe unendliche Male die Lebensweise der Roma gerechtfertigt, als Ausdruck von Jahrhunderten Ablehnung und Feindschaft. Aber, es gäbe auch eine andere Wahrheit. Nach vielen Begegnungen in über 20 Jahren erinnert sich der Autor kaum eines Roma, der für die Misere, in der sich sein Volk bewegt, ein Stück Verantwortung bei sich selber gesucht, geschweige denn gefunden hätte.

Drittens deutet sich schon im Titel an. Bauerdick denkt nicht daran, den ganzen autoritativ daherkommenden Semantik- und Nomenklatur-Unsinn mitzumachen, den manche - zumal im Zentralrat der Roma und Sinti – für die Heilung oder Lösung des Problems halten. Im achten Kapitel beschreibt er den hanebüchenen Unsinn, der mit solchen Konstruktionen und Worthülsen betrieben wird, die zur Vermeidung des Wortes „Zigeuner“ betrieben wird. Bauerdick hat gute Zeugen unter denen, die er selbst befragt und denen er begegnet ist. Auch andere Zeitzeugen stimmen ihm bei. Also kann er Herta Müller zitieren. Sie sei mit dem Wort Roma nach Rumänien gefahren, habe es benutzt und sei überall auf Unverständnis gestoßen. Das Wort sei scheinheilig, habe man ihr gesagt, „Wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt“.

Der Autor ist seinen Gegnern, auch den akademischen Schreibtischschreibern um Längen überlegen. Der Antiziganismus als Verdacht und Realität wird, wenn es ihn denn nicht so klar und effektiv gibt, auch noch aus den verschwiegenen und unerhörten Ecken geholt. So wie man in Deutschland, wo es so wenig Antisemitismus gibt, dass das Land zum beliebtesten Urlaubsort für israelische Juden in Europa geworden ist, auch immer noch Antisemitismus erfindet, den es als solchen gar nicht mehr gibt. Den nach dem Krieg in Deutschland sehr populären Werner Bergengruen outen sie als einen der schlimmsten Verbreiter von Anti-Ziganismus –Klischees. Seine Erzählung „Die Zigeuner und das Wiesel“ spüren sie auf, eine Novelle, die so tut, als habe es das „Dritte Reich“ nicht gegeben. Nun kann der Autor aber belegen, dass diese Erzählung nicht 1950 sondern schon 1927 erschienen ist, „womit die absurde Behauptung, Bergengrün schreibe, als habe es das 3. Reich nicht gegeben, wieder stimmig ist“.

Das Buch überzeugt, weil der Autor die Verhältnisse an allen Brennpunkten des Zigeunerlebens in Europa selbst kennt, er kennt die Personen, er kennt diejenigen, die in der Dortmunder Nordstadt den Ansturm der versklavten Frauen erlebt haben,

das Porträt der Radka Inkova (Namen natürlich geändert), die er in der Dortmunder Nordstadt kennenlernt, liest man mit großer trauriger Bewegung. Radka wurde in Stolipinovo geboren, in eine Familie mit zwölf Kindern. Die Eltern schickten sie nicht zur Schule, verheirateten sie nach ziganem Recht als sie zwölf Jahre alt waren. Der Mann schlug sie jeden Tag, da verließ sie ihn, geriet in die Fänge von Arslan P. Der lockte sie nach Dortmund.

„Es würde in ihrem Leben egal sein, ob sie ja sagte oder nein, ob sie nickte oder widersprach. In letzter Konsequenz liefen ein Ja oder ein Nein auf dasselbe hinaus. Sie war das Eigentum eines anderen“. Der Mann schlägt sie später krankenhausreif. Sie wird ermutigt, ihn anzuzeigen. Aber sie muss die Macht der Furcht überwinden, das ist wahnsinnig schwer.

Die einzelnen Länderkapitel sind so genau, so gründlich recherchiert, da fehlt kein Name, alles ist belegt. Und es ist der Kampf eines Reporters darum, dass man diesem Volk nur helfen kann, wenn man es mag und liebt. Alle unsere theologischen und religiösen Vorstellungen werfen diese Menschen über den Haufen. Wir fühlen uns lesend dauernd ertappt. Es werden hier handwerkliche und kunstgewerbliche Traditionen vernichtet, die aber kein Aufsehen machen, obwohl sie auch zu unserer Öko-Zivilisation als Reichtum gehören sollten. Der Autor dementiert keines der wirklich großen Probleme, die eine Stadtgemeinde wie Duisburg oder Köln oder Dortmund haben, wenn sie von vielen  Roma und anderen Stämmen und Clans heimgesucht werden. Dass sie nicht arbeiten und in den Tag hinein leben, sei gewiß ein Problem, auch dass sie auf die staatliche und andere Fürsorge spekulieren und immer neue Kinder zur Welt bringen.

Das eigentliche Drama, so der Autor in diesem spannenden Buch sei, dass viele Zigeuner gegen den „Schmerz ihrer Entwurzelung immun geworden sind, als sei ihnen die stete Entwürdigung zu ihrer zweiten Natur geworden“. An dieser Stelle zitiert er das kurze Gedicht des Roma Menschenrechtlers Rajko Djuric: „Oh mein Vater / Du ohne Grab / wir ohne Haus / dass wir vom Winde verweht werden / und der Welt Müll sind.“ Dem Autor ist keine Assoziation zu gewagt. So zitiert er die Rosa Sztojka  am Stadtrand von Kalocsa in Ungarn. Sie schenkt ihm, der gekommen war, weil er nicht geglaubt hatte, dass sie verrückt geworden sei, ihren Rosenkranz, damit der ihn, den Autor des Buches beschütze. Das erinnert an die Mahnung des Evangeliums: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“

Es sind gelungene Miniaturen des Lebens von Zigeunern, deren Kultur im Zuge der alles überwuchernden globalisierenden Technologie zugrunde geht. Auch von einzelnen, die immer wieder bereit sind gegen die Verleumdungen und Verunglimpfungen zu arbeiten wie jene Abgeordnete des Europäischen Parlamentes, Viktoria Mohacsi Oder der Istvan Forgacs, von dem Alice Bota jüngst ähnlich in der ZEIT (28.2.13) berichtet. .

Ganz eindeutig hat sich das vereinte Europa nicht gut vorbereitet auf dieses grenzenlose Wandervolk. Die Hoffnung, dass durch die Aufnahme von Rumänien und Bulgarien 2007 in die Europäische Union sich die Lage der Zigeuner verbessern würde, erfüllte sich nicht.

Das Buch ist auch ein mutiger Kampf gegen den Alleinvertretungsanspruch des Zentralrats und ihrer Führungselite. Der erklärt, wo er geht und steht, die Sinti und Roma hätten sich selbst niemals Zigeuner genannt. Das bezweifelt niemand, weil niemand dem Zentralrats- Vorsitzenden zu widersprechen wagt. Es gab schon kurz nach dem Krieg 1958 ein „Komitee deutscher Zigeuner“ in München, 1968 gründete der Roma Rudolf Karway eine „Internationale Zigeunerrechtskommission“.

1982 protestierten nach der Wahl von Romani Rose Zigeuner aus ganz Deutschland gegen den Vertretungsanspruch des Zentralrats. „Wir wollen auch dieses makabre Geschrei vom Holocaust und der Diskriminierung nicht über uns ergehen lassen“, und: „Wir wollen keine Feindschaft“ zu den deutschen Mitbürgern.

Das Buch ist unerschöpflich. Es behandelt weit mehr als das Zigeunerproblem in den Köpfen von Millionen politisch korrekt tickender Deutscher. Die Zigeuner – so fasst das an einer Stelle der Autor zusammen - beschämen uns. Die Großzügigkeit der Zigeuner sei uns suspekt. „Vielleicht können wir den Zigeunern nicht verzeihen, dass sie uns das ‚Dritte Reich’ vergeben haben. Oder dass sie es schlichtweg nicht interessiert, wie deutsche Gerichte ihre Schuldgeschichte bewältigen. Bauerdick: „Das akzeptieren wir nicht. Deshalb würden wir lieber jenen Funktionären glauben,  die so denken und fühlen wie wir“.

Der Autor liest eine Reportage in dem berühmten US-Magazin National Geographic „Roma- Die Außenseiter“ von Peter Godwin. Obwohl er und seine Dolmetscher in einem rumänischen Dorf niedergeschlagen und ausgeraubt wurden, blieb er fair gegen die Roma. Dann aber macht eine Antiziganismus-Forscherin kein Hehl aus ihrer Ignoranz und hält dafür, dass diese Reportage die „Offerte zum Genozid an Roma und Sinti“ sei. Bauerdick kann nur mit dem Kopf schütteln. Der Vater des Autors Godwin heißt eigentlich Kazimierz Jerzy Goldfarb und war polnischer Jude.

Vor dem Beginn des 2. Weltkrieges wurde er vor den Nazis in Sicherheit gebracht. Er emigrierte unter dem Namen George Godwin nach Rhodesien, wo sein Sohn Peter in Zimbabwe unter Mugabe später bittere Erfahrungen als Polizist und Rechtsanwalt machte. Er wurde dort von Mugabe zur unerwünschten Person erklärt und musste schon wieder seine Heimat verlassen. Er bewies in seiner Reportage großes menschliches Gespür. Aber die „Gesellschaft für Antiziganismusforschung“ kommt daher und erklärt ihn für den Vorbereiter eines Genozids an den Zigeunern, die man in der Forschung natürlich so nicht nennen darf.

Ein wichtiges Buch für uns Deutsche. Das betrifft unser verquältes Verhältnis zu den Zigeunern und unser schlechtes Gewissen zu Israel, das wir auch mit dem Verschenken von U-Booten und weiteren leckeren Waffen gern salvieren und heilen möchten.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013