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24.10.2013

Osama bin Laden schläft bei den Fischen

Wie ein afghanisches Kind von Schleusern nach Deutschland gebracht wird und hier Professor an einer Universität wird. Von Rupert Neudeck

Das ist ein ganz wunderbares Buch und es kann unsere Köpfe wieder zurechtbiegen, die durch Sarrazin und andere Schmierfinken beschädigt und gestört wurden. da ist ein Muslim und Philosoph dabei das ganze Panorama seines Glaubens aufzudecken, mit schwungvollem Optimismus und Tiefgang, dass einem manchmal die Luft wegbleibt. Im Unterschied zu dem eben erwähnte Thilo Sarrazin, sagt er auf der Schlussgeraden dieses eindrucksvollen Buches, sehe er die Kinder und Jugendlichen nicht als Problem fälle. „Vielmehr ärgere ich mich dass nicht gesehen wird, welcher Reichtum sie für unsere Gesellschaft hier sein können.“ Und er entfaltet selbstsicher den Reichtum, keine These hier ohne klare einleuchtende Begründung. Diese Kinder seien Wanderer zwischen den Welten, „sie wachsen mit einer inneren Empfindung für zwei Kulturen auf“.

Viel mehr noch: „Sie sind Schätze“. Aber der Autor weiß, wie stark diese Kinder auch aufgesogen werden, wie auch die Kinder von (uns) christlichen Eltern durch die säkularisierte Glitzerwelt, die an allen Schulwegen, Bildschirme, Internet-Website für die Heranwachsenden abgezogen werden. Der „natürliche Zugang zu der Religion, zur Muttersprache, zur Geschichte und Kultur der Eltern“ wird den Kindern 2013 nur bruchstückhaft vermittelt.

Der Autor beglaubigt das: Sein dreijähriger Sohn habe ihn am Geburtstag des Propheten Muhammad gefragt, „wer genau Muhammad sei“? Da steht ein muslimischer (wie christlicher bei ähnlicher Frage zu Christus) Vater erst mal im Hemd. Was sollte er sagen? Etwa dass er der Gesandte Gottes sei?

Ihm sei nichts Besseres eingefallen, schreibt der Autor, „als ihm zu sagen, dass Muhammad der beste Freund von Gott sei“. Aber dann geht es bei den Kindern ja weiter: Sie haben ja das spezifische Kinder-Menschenrecht: zu fragen. „ich kann weder mich noch meinen dreijährigen Sohn in den Glauben versetzen. Wenn er mich anblickt, sieht er nicht meinen Glauben, aber er kann den Gläubigen sehen, der ich bin.“

Es geht noch eine Zeit lang so wunderbar klar weiter. Der Prozess der Aufklärung nimmt einen anderen Weg. Es seien nämlich die Kinder, die mit ihren Fragen ihre Eltern aufklären, weil „sie mit ihren einfachen und wahrhaftigen Fragen ihre gläubigen Mutter und ihren gläubigen Vater zur Erklärung nötigen“.

Die Eltern können oft diese Warum-Fragen nicht gut beantworten, weil wir keine Kindersprache haben für diese Themen. Deshalb hat der Autor gemeinsam mit einem Buchhändler in Freiburg im April 2009 einen Verlag für Kinder und Jugendliche gegründet. Mit einer besonderen Vorliebe für Vergessene und Minderheiten. Nicht nur die Muslime seien das. Jede Form d er Andersartigkeit sollte beachtet werden. So schrieb die Kinderbuchautorin Nadia Doukali das erste Buch in diesem Verlag; ein einfühlsames Märchen über krebskranke Kinder.

Originell und weit gefasst ist ín diesem Buch eigentlich alles, der Autor ist ein Liebhaber der besonders schwierigen deutschen Sprache von Martin Heidegger und Friedrich Wilhelm Hegel, Zwischendurch sei seinen Freunden bewusst geworden, dass er „heideggert“. Er kennt sich in der deutschen Literatur aus, wie ein muslimischer Marcel Reich-Ranicki.

Er schreibt ungeschminkt und ohne Umschweife, so ist ja schon d er Titel ein Dollpunkt: „Osama bin Laden schläft bei den Fischen“, damit nimmt er Bezug auf die ängstlichen USA, die nicht wussten, wohin sie ihren ermordeten Osama werfen sollten, und da haben sie ihn nicht in den Grand Canyon geworfen, sondern in den Ozean. Der Untertitel noch aufreizender:„Warum ich gerne Muslim bin und wieso Marlon Brando damit viel zu tun hat“

Der erste Teil enthüllt eine Realität, die auch bisher kaum einer so klar und direkt beschrieben hat. Der Autor ist ein Afghane, dessen Vater es 1992 nicht mehr in der Hauptstadt der Afghanen aushält und der sich mit einigem Geld auf den Weg ins Exil macht, oder ins Asyl. Die Lage in Kabul wurde grässlich, weil die vielen Mujadheddin Gruppen um die Macht schossen und kämpften und dabei ganz Kabul zerstörten. Was die sowjetischen Invasionstruppen nicht geschafft hatten, das schafften jetzt die verrückten Mujahed-Gruppen, die Kabul ganz auslöschten. Was für ein furchtbares menschenunwürdiges Leben das des Asylbewerbers ist, der auf allen Flughäfen und Flugzeugplätzen von Schleuserbanden abhängig ist, das macht dieses Buch sehr genau deutlich.

Es sollte eine Pflicht-Lektüre sein, die ersten drei Kapitel für einen Abgeordneten in Berlin, bevor er sich wieder mal so hemdsärmelig wie unser Bundesinnenminister über die Wirtschaftsflüchtlinge auslässt, die unsere Sozialsysteme aushöhlen. Diese Familie hat Furchtbares auszuhalten und zu erleiden, ehe sie im Oktober 1993 in Schwalbach, einem Auffanglager (Hessen) für Asylbewerber landen. „Um ins Lager eingelassen zu werden, müssen die Flüchtlinge vorschriftsmäßig an der Pforte sagen, dass sie um Asyl bitten“. Der erste Satz, den der junge Autor damals lernte und den Hunderttausende in der Welt von ihren Schleusern und Schleppern beigebracht kriegen: „Ich bitte um Asyl“.

Dieses Lager - so schreibt der Autor - hatte mit dem Deutschland nichts zu tun, von dem sein Vater erzählt hatte, der an der deutschen Schule in Kabul unterrichtet hatte. Die Menschen im Lager wirkten nicht glücklich. „Aber wir hatten das erhebende Gefühl, endlich offiziell in Deutschland zu sein“. Man folgte dem Rat des Schleusers, ihm vor dem Eintritt ins Lager die gefälschten Pässe zurückzusenden. Im Lager Schwalbach konnte sich die Familie des Autors dann nicht ausweisen. Um Ungereimtheiten in den Interviews zu vermeiden, stimmten die Eltern mit den Kindern die Fluchtgeschichte ab.

Der Asylantrag wurde abgelehnt. Der kleine Ahmad Milad Karimi aber war schon auf der Berufsschule gelandet, lernte Elektrotechnik, regte aber seinen Berufsschullehrer mit der Heidegger Frage im gebrochenen Deutsch nach dem „Wesen der Technik“ auf.

Das Buch ist eine wunderbare Lektüre für Menschen, die noch vernünftig religiös sein wollen, ob Muslime, Christen, Jude. Die Fanatiker verkehren die Polyphonie des Koran zur Monotonie. Die Behauptung, man wisse absolut sicher, was im Koran steht, so dass man damit sogar Attentate rechtfertigen kann, sei genuin nicht islamisch. Denn man kann sein menschliches Wissen nicht als absolutes neben das Wissen Gottes stellen, das würde bedeuten, „neben Gott selbst Gott zu spielen“. Das sei die Eigenart der Fundamentalisten. „Sie spielen Gott auf Erden. So vergehen sie sich nicht nur an jeder Menschenrechtskonvention, sondern sie wenden sich auch gegen die Bedingungen ihrer eigenen Religion.“

Habe ich genug verraten von diesem sensationellen Buch? Am Schluss enthüllt er noch etwas von sich selbst. Wie könne man die Welt mit den Augen afghanischer Kinder entziffern?, fragt er sich. „Kinder haben keinen militärischen Blick, doch afghanische Kinder leben auf der Flucht, vor allem auf der Flucht vor dem Tod“. Er vergleicht die Politik-Geschichten immer mit der Filmtrilogie Der Pate und der Serie „Die Sopranos“ und da spielt dann auch Marlon Brando eine Rolle. Und am Schluss zitiert der Autor Berthold Brecht: „Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie auch untereinander Kriege führen“. Aber mehr sollte ich nicht verraten.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013