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28.11.2013

Theodor Heuss

Ein Buch über „Papa Heuss“. Und ein großes Erkenntnis und Lesevergnügen. Von Rupert Neudeck

Es ist dieses Buch neben vielen anderen Qualitäten auch ein Lesevergnügen. Die etwas Älteren, die noch die Zeit der beginnenden Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre miterlebt haben, werden gar nicht genug bekommen, weil der Autor wirklich in alle Archivtürme hineingestiegen ist. Er bietet uns ein Sittenbild der damaligen beginnenden neuen deutschen Staatlichkeit in ihren führenden Akteuren, dass man gar nicht genug haben kann. Man bekommt als Leser ja auch genug. Es sind eng bedruckte 531 reine Textseiten, dazu ellenlange Anmerkungsapparate, die dann das Ganze auf 640 Seiten summieren.

Das erste Drittel ist dem Theodor Heuss im Reichstag gewidmet, dem Politiker und Schriftsteller – jedenfalls immer ein homme de lettres, wie die Franzosen sagen, als Parteipolitiker der damaligen Liberalen.

Ein ganz eigenes Kapitel gilt der Abhängigkeit vom Pilgervater der deutschen Liberalen Friedrich Naumann, aber eine, die mit selbstverständlicher Kritik zusammengeht. „Auf Schlingerkurs, gelassenes Scheitern und geschärftes Profil“ notiert der Autor schon in der Weimarer Zeit. Immer bis in die Zeit des Bundespräsidenten war Heuss wütend über die „ekelhafte Monopolisierung der Worte Vaterland und Nation durch die Rechte“. 1931 hat Heuss in erstaunlichem Tempo ein Buch über „Hitlers Weg“ in der Deutschen Verlagsanstalt geschrieben und herausgebracht, das sein größter publizistischer Erfolg wurde.

Radkau macht aufmerksam, dass es zwei Lektüren gab und gibt: Der damalige Leser konnte es als Warnung lesen, oder als Anleitung zur Gelassenheit mit „Blick darauf, dass das Phänomen Hitler mit gewisser Logik seiner Zeit entsprach“. Das Bleibende an Theodor Heuss war seine unbedingte Ablehnung des Antisemitismus. Damals hieß es bei ihm: Die Zerstörung jüdischer Friedhöfe beschmutzt uns alle. Wir tragen einen Fleck an uns herum, seit in Deutschland solches, feig und ehrfurchtslos möglich wurde“. Goebbels nahm das Buch ernster als er öffentlich zugab: Im „Tagebuch“ heißt es am 25. Januar 1932 zu der Heuss-Veröffentlichung: „Nicht ganz dumm. Weiss sehr viel von uns. Nutzt das etwas gemein aus“.

Aber es wird im Lektüre Gedächtnis als das Buch über die beiden Dioskuren (Heuss/Adenauer) bleiben, die so verschieden waren, aber auf ihre je eigene Weise diese Bundesrepublik Deutschland bestimmt haben. Das Überraschende der Recherchen, sie haben sich besser verstanden, als es der äußere Augenschein wahrnahm. Das machen z.B. kombinierte Heuss-Adenauer-Anekdoten oder Witze deutlich, schon aus der Frühzeit des Bundestages. In einer Debatte vom August 1949 rief ein Abgeordneter: “Herr Heuss ist ein liebenswürdiges Fossil aus der Weimarer Zeit“ in den Plenarsaal. „Und was ist Adenauer?“ wurde er prompt gefragt. Aber ehe er noch eine Antwort geben konnte, stand der Alte aus Rhöndorf auf und meinte: „Es ist mir gänzlich neu, meine Herren, dass sie mich für liebenswürdig halten.“

Der MdB als Zwischenrufer soll der spätere Kanzler Kurt Georg Kiesinger gewesen sein. Eine zweite beschreibt das Zeitkolorit noch schöner. Theodor Heuss haderte 1959 auf einem Empfang, kurz vor Ende seiner Amtszeit, mit den Pressefotografen, denen er androhte, er werde sie hinauswerfen, wenn sie sein „Häusle in Stuttgart ‚schießen’ sollen“. Ich will nicht, sagte er zu dem neben ihm stehenden Adenauer, „dass das Häusle auf dem Killesberg ein Wallfahrtsort wird“. Dagegen scherzte Adenauer: „Warum nicht? Sie haben doch immer schon was von einem Heiligen gehabt?“ „Sehen Sie“, konterte Heuss - “in diesen Verdacht werden Sie nie kommen!“

Das Buch bietet eine zeitgeschichtliche Übung, sich 2013 zu fragen, wohin diese jetzt wiedervereinigte Bundesrepublik gegangen ist, nachdem zwei so überragende Persönlichkeiten ihr die Richtung wiesen. Was fasziniert, ist der pure Gegensatz des Phänotyps von Theodor Heuss gegen Konrad Adenauer. Heuss ist mit allen aus der Wissenschaft, den Künsten, der Architektur, ja auch der Industrie, der Medien noch aus der Weimarer Zeit und dem halben Untergrund in der Nazizeit liiert. Er hatte als Präsident eine überragende Fähigkeit, durch rhetorische Brillanz und die Gabe zu glänzen, gegensätzliche Neigungen und Tendenzen immer wieder zu vereinigen, die uns Deutschen in dieser Zeit gut getan haben.

Gesine Schwan hat das so ausgedrückt: Heuss habe als „Papa Heuss“ neben Adenauer eher eine bundesdeutsche Mutterrolle wahrgenommen, eine Mutter, der man mit Sorgen aller Art kommen konnte. Man suche in der Weimarer Zeit aber auch in der Folgezeit nach Adenauer und Heuss vergeblich nach einem so idealen Duo. Weder Hindenburg und Brüning noch Ebert und Stresemann, aber auch später nicht Heinemann und Willy Brandt haben eine ähnlich kreative Konstellation gebildet wie Heuss und Adenauer. Brandt ging dem Gespräch mit Heinemann wo immer möglich aus dem Weg.

Es war noch die Zeit der alten guten Dampfpost, das heißt es gab keine Alternative: Neben dem Festnetztelefon gab es nur die Briefe. Heuss war ein genialer Briefeschreiber. Er reagierte mit mehreren Sekretärinnen auf Briefe, die in Zahlen von 40 bis 60.000 pro Jahr bei ihm eingingen.

Heuss war kein Parteisoldat. Adenauer hatte sich etwas bewahrt, was ihn hart und unversöhnlich machte. So kam der als Kanzler weder zur Beerdigung von Kurt Schumacher noch von Ernst Reuter. Warum? Das waren eben Sozis und damit nach Adenauers Version ein „Unglück für Deutschland“. Heuss hatte unter der Kategorie der alten SPD-Leute mehr politische Freunde als in der FDP. Besonders mit Carlo Schmid war er aus alten Tagen sehr verbunden.

Wenige Male verrannte sich der damalige Präsident, so bei seinem unermüdlichen Bemühen, eine neue Deutschland-Hymne zu kreieren. Da war er in seinem panischen Bemühen ganz stur. Er wollte vermeiden, dass weinselige und aufgeputschte Menschenmassen wieder mal „Deutschland, Deutschland über alles“ brüllen. Wahrscheinlich hatte er auch Recht, kurzfristig, denn nach dem „Wunder von Bern“, dem Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz, dem Sieg über Ungarn 1954 wurde in ganz vielen Städten, Dörfern, Restaurants, wo die Fernseher standen, die die privaten Haushalte noch nicht besaßen, die erste Strophe gebrüllt, frenetisch. Das konnte der auf Stil und Anstand bestehende deutsche Bundespräsident nicht ertragen.

Selten hat ein Bundespräsident wie selbstverständliche die schöne repräsentative Rolle so gut gegenüber einem starken Bundeskanzler ausgefüllt wie dieser Theodor Heuss. An jedem Beispiel, das Radkau in einer wunderbaren und auf äußerste spannenden Detailliebe beschreibt, wird das deutlich. Der Präsident war deshalb natürlich auch im Zweifelsfall beliebter als der Kanzler, der die Richtlinien der Politik bestimmen musste. Heuss hat sich von aller Vertriebenen Romantik ferngehalten. Gut, auch Radkau beschreibt, dass die Westler Adenauer und Heuss es auch leichter hatten, sie waren – wie man nach der Wiedervereinigung gesagt hätte – Wessis. Aber Heuss hatte ein untrügliches Gefühl für den Anstand, den wir haben müssten, um nicht auf der „Rückgewinnung“ der Heimatgebiete zu bestehen.

Er erlebt die typische Geschichte um die Wiedereingliederung der Saar, die Bonner Regierung musste erst auf die Saar verzichten, damit man das Referendum für die Wiedereingliederung gewinnen konnte. Bei seiner ersten Rede im Saarland wagt sich Heuss zu pathetischen Formulierungen heraus, die ihm sonst nicht eingefallen sind: „Das Volk steht im Gesetz der Ewigkeit, der Staat im Gesetze wechselvoller Geschichte. In diesem Vorgang des 23. Oktober 1955 ist das Ewige über das Gegenwärtige Herr geworden“.

Die bis heute nicht ganz aufgeklärte Geschichte des mutmaßlichen Widerstandskämpfers und ersten Präsidenten des deutschen Nachrichtendienstes Otto John überstehen Adenauer und Heuss gemeinsam.

Auch gelingt dem Autor der Ausgriff auf den privaten, ja geradezu den Liebhaber Theodor Heuss, der nach dem Tode seiner Frau Elly Heuss-Knapp noch mal den erotischen Reizen der US-amerikanischen Briefpartnerin Toni Stolper erliegt, die auch noch fast die zweite First Lady in der Villa Hammerschmid geworden wäre, diese Rolle aber dann doch nicht besetzt hat. Sie war allerdings gegen den Wein und Zigarrenkonsum des Papa Heuss sehr allergisch.

Heuss mochte das Wort vom Wirtschaftswunder nicht, aber er war ein lebendiger und bildlicher Zeuge für das Wunder. Er wurde dick. 1950 bekam Heuss ein Gedicht von einem Bürger zugesandt: „Warnung. Unserem Herrn Bundespräsidenten in aufrichtiger Verehrung zugesandt“. Und dann hieß es: „Warum wird unser Theodor/ in letzter Zeit so dick?/ Er hat doch keinen Wettstreit vor/ mit Ost-Kollegen Pieck?“

Heuss hatte etwas gegen alle Doktrinen und doktrinären Verbote. Auf Briefe seines sog. Kollegen der sog. DDR,. Pieck, gab er artig und vornehm Antworten. Er war gegen die Hallstein-Doktrin. Er war dagegen, dass wir das wichtige Tito Jugoslawien 1957 gleich bestrafen, nachdem Belgrad die Beziehungen zur DDR aufgenommen hatte. Er machte daraus aber nicht eine Affäre. Die Richtlinien der Politik bestimmte er nicht und wollte er nicht bestimmen.

An manchen Stellen sind die Fotos, die das Buch aufweist, von einer sprechenden Qualität. So wenn man die beiden alten Adenauer und Heuss im Gespräch beobachtet, auf dem Bürgenstock in der Schweiz am 21. Juli 1950.

Schön, wie der Autor nach diesem opus magnum noch die Produktionsbedingungen reflektiert. Ursprünglich wollte der Autor das Buch unter dem Titel „Entkrampfung der Deutschen“ herausbringen. Aber er führte einen Mail-Wechsel mit dem ihm aus Zeiten des Atomkonfliktes befreundeten Reinhard Ueberhorst. Ueberhorst war mit dem Lektor einer Meinung, der Autor musste nachgeben.

Das Buch scheut sich nicht, bis zu Ende die Beziehungskiste zwischen Heuss und Toni Stolper auszuloten. Nach der Begegnung am 9. Mai 1955 in Bad Kissingen beginnt für sie eine neue Ära. Zehn Jahre und einen Tag nach dem 8. Mai 1945. Dabei hatten sie sich schon im Sommer 1918 kennengelernt. Es hatte eine Zuneigung auf den ersten Blick bestanden. Er schließt fast neckisch: Psychologen mögen bezweifeln, dass es so was gäbe, dass eine latente Liebe nach 37 Jahren zu einer erotischen Beziehung wird. Aber – so resümiert er zu recht – diese Heuss Lebensgeschichte spottet so mancher Theorie.

Ganz unkonventionell schließt der Autor – unerlaubt gleichsam für einen Historiker - mit einer selbsterlebten Anekdote. Für den Autor waren die Heuss Recherchen mit Treppen verbunden: Mit den 190 Stufen zur Stuttgarter Heuss Stiftung und den 360 verwitterten Stufen des „Hasenpfades“. Als er nach den letzten Recherchen herabstieg und sich ins Hotelbett legte, träumte er, jetzt sei der Hasenpfad wegen Baufälligkeit gesperrt. Da vernahm er den Rednerbass von Heuss: „Jetzt weiß ich, dass Sigmund Freud nicht umsonst gelebt hat“.

Der Traum, so Radkau am Ende seines wunderbaren Heussporträts, war nicht schwer zu deuten: „Abschied von Heuss!“

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013