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12.12.2013

Arbeitsfrei - Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen

Menschliche Kreativität ersetzbarer als angenommen. Zu einer Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. Von Rupert Neudeck

Das ist ein bewegend aufklärerisches Buch

Es nagt an unseren Vorurteilen, die wir – zumal wenn wir aus dem – wie Tucholsky sagt – JEESTIJEn kommen, ganz schön fest in beiden Händen halten. Das Buch zeigt uns mit erhebenden aber auch bekümmert machenden Beschreibungen, wie weit wir von der durchtechnisierten Maschinenwelt in allen Lebensbereichen abhängig sind. Und wenn wir ehrlich sind, deren Zusammenbruch nicht mal (alp-)träumen dürfen. Die beiden Autoren sind auf keiner Seite ideologisch fixiert, das macht die Lektüre angenehm.

Der erste Teil enthält neun geballte Kapitel vom Bauern zum Brot, der zweite Teil des Buches gibt einen Ausblick in die Zukunft der Arbeit. Allein die Überschriften der einzelnen Kapitel deuten an, was uns noch bevorsteht. Die Zeitungen und die Berichte von den Automessen sind voll von Geschichten über Autos, die keinen Fahrer mehr brauchen, sondern nur noch einen Passagier oder einen, der sich auf die Lehrerkonferenz in der Schule vorbereitet. Das weitere Kapitel geht über die Fernsteuerung bis zur Autonomie, also auch in die Waffenbereiche: Telepräsenz und Drohnen. Das dritte singt die Zukunftsmusik, dass Roboter – Roboter bauen. Das allerletzte Kapitel widmet sich dem Alptraum der „Automatisierung des Geistes.“

Im Ersten Teil (Kapitel über die Mühlenärzte) beschrieben die Autoren einen Monopolisten in der sowohl hochspezialisierten wie traditionellen Welt der Getreideverarbeitung. In den Schweizer Bergen haben sie die Firma Bühler besucht, die seit 150 Jahren im Geschäft ist. Es sind zwei vernünftige und menschheitsrettende Absichten, die die Mitarbeiter mitteilen: Einmal geht es den Innovationen des Schweizer Maschinenkonzerns um die Steigerung der  Nahrungsproduktion, um die weiter wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Aktuell gehe es z.B. darum, „das Getreidekorn durch die Kombination von präziserer Einstellung der Mahlstuhlwalzen, genaueres Sieben und verfeinerte Analysemethode noch gezielter in seine Bestandteile zu zerlegen“. So lassen sich auch Teile von Getreide, die bisher nur als Futter getaugt haben, mittlerweile für menschliche Energie nutzen.

Die zweite große Absicht der Belegschaft von Bühler AG: die Sicherheit der Lebensmittel vor Verunreinigungen. Im Kapitel über die Brotbäcker wenden sich die Autoren unseren manchmal archaischen Vorstellungen zu, denn „die Kultur des Brotbackens ist uralt. Es gab sie schon in der Zeit der Pharaonen. Wohl dem Land, das noch Klein- und Großbäckereien nebeneinander kennt. In den kleinen Bäckereien wird das regional hergestellte Mehl, oft auch eine vorgefertigte Mehlmischung in Säcken ausgeliefert. In Großbäckereien kommt das Mehl im Tanklastzug an, dessen Ladung in Silos geblasen und von dort per Rohleitung in die eigentliche Bäckerei transportiert wird. Das Biobrotsegment beschreiben die Autoren als eine Parallelwelt zur sonstigen Backindustrie.

Die Berliner Bäckerei Märkisch Landbrot stellt z.B. ausschließlich Bioprodukte her mit dem aufwendigsten Biolabel, dem Demeter Gütesiegel. Die Demeter-zertifizierten Biobauern bekommen das Dreifache des üblichen Marktpreises für konventionelles Getreide. Und sie stellen immer noch mehr Menschen an, bei Märkisch Landbrot sind es 20 Bäcker, siebenundzwanzig weitere Angestellt kümmern sich um Zutateneinkauf und Brotverkauf.

Überall sind wenige und immer weniger Menschen da, die die Arbeit machen. Aber es geht nie ohne Menschen, in manchen Bereichen sind sie dann wiederum ganz wichtig. Bei der Druckerei von Zeitungen, Zeitschriften usw. ist ein großer traditioneller Berufszweig verloren gegangen. In dem Geburtstagsartikel für den frühverstorbenen Albert Camus spielen die Versammlungen der Drucker bei der französischen Widerstandszeitung Combat eine große Rolle. Schriftsteller erzählen noch von der längst vergangenen Zeit, als noch der Bleisatz gegossen und der Geruch von Blei und Druckerschwärze in der Luft der großen Druckereien lag. Wie von einer Pionierepoche der Zeitungen, die durch die totale Computerisierung vorbei ist.

Das eindrucksvollste und mächtigste Kapitel ist die Beschreibung der Erdölraffinerie. Man kann ja das Rohöl nicht einfach in den Tank des Autors gießen, sondern muss den Organismus erst mal in seine Bestandteile zerlegen, damit aus Rohöl Benzin, Diesel, Schmierstoffe, Heizöl gemacht werden kann. In der Raffinerie, die das Buch beschreibt, werden pro Tag ca. 60.000 Tonnen Rohöl verarbeitet, das sind 750 Liter in der Sekunde. Das Buch besticht durch genaue Kenntnis der Produktionskreisläufe und durch wenig Ideologie. Die beiden wichtigsten Prozesse in einer Erdölraffinerie seien die Destillation und das Cracking.

Die Destillation gleicht der Schnapsbrennerei, nur um etliches größer: Das Rohöl wird auf 350 Grad Celsius erhitzt. Aus dem Öl steigen die flüchtigen Bestandteile als Dampfgemisch aus den verschiedenen Kohlewasserstoffen nach oben. Das Cracking bedeutet das Zerlegen der Kohlenwasserstoffe. Dabei entsteht eine gewaltige Bandbreite von Stoffen, die aus dem Erdöl destilliert oder gecrackt werden. Das feste Bitumen z.B., auf dem unsere Autos über die Straßen rollen, das wachsartige Paraffin und sonstige Schmierstoffe.

Im zweiten Teil sind die Autoren unbarmherzig in der Vermittlung von Realität. Sogar menschliche Kreativität, die man bisher als unersetzbar durch Algorithmen gesehen hatte, ist sie nicht. Das Buch nennt das Beispiel der Firma Narrative Sciences. Diese Firma hat ihre Software Geschichten erzählen lassen. Es geht dabei weniger um Märchen, sondern um Quartalsberichte von Unternehmen wie auch Sportberichterstattung.

Mitleidslos schreiben die Autoren in dem Schlusskapitel: Wenn Software mit Software handele und Verträge anbahne, sei der Mensch, „der vielleicht auf der anderen Seite noch einen Menschen erwartet, irgendwann kein adäquater Mitspieler mehr“. Die Autoren sind in gewisser Weise auf Grund ihrer realistischen Betrachtung gnadenlos: Wer nämlich meine, sein Arbeitsplatz sei zukunftssicher, weil er Denkleistungen erfordere, die nicht ohne weiteres von einem Computer übernommen werden können, „befinde sich möglicherweise in einem großen Irrtum“. Die Ablösung  Hirntätigkeit durch Software und Algorithmen haben das Potential, die Arbeits- und Lebenswelt noch viel stärker zu verändern als sie durch die Automatisierung der Produktion bereits gegeben sei.

Die Beschreibungen der Autoren sind unbestechlich, doch manchmal fragt man sich: Was würde Jürgen Habermas dazu sagen? Oder: Was hätte Heidegger dazu gesagt? Der Leser kommt ins Grübeln, so wenn er erfährt, dass mit dem DaVinci Operationsroboter pro Chirurg mehr Operationen als ohne Roboter angesetzt werden, da das System ein „ermüdungsärmeres“ Operieren erlaubt. Hier wie bei anderen Stellen der Automatisierungswelle führt dies die Techniker nicht dazu, „dass die Arbeitsbelastung für den hochqualifizierten Menschen sinkt“. Vielmehr werde es möglich, die „Ressource Menschen“ effektiver auszulasten.

Bei den Automatisierungsversuchen, die in den Autofabriken mit dem Auto ohne Piloten und Chauffeur gemacht werden, geht es ja auch um solch banale Fragen wie Wer ist verantwortlich, wenn ein solches automatisch fahrendes Fahrzeug eben doch einen Unfall verursacht, „ohne dass ein Chauffeur überwachend eingegriffen hat. Sei dann die Software des Herstellers schuld“? oder trifft den Fahrer eine Teilschuld? Oder können mangelhaft gearbeitete Sensorien verantwortlich gemacht werden?

Allein mit der Statistik sind die Fragen nicht zu lösen, die sich für ein – nehmt alles doch in allem – menschliches Zusammenleben stellen. Die Autoren halten sich da zurück. Sie gehen nicht außerhalb ihrer Kompetenz auf weiterführende Wege der Anthropologie der Ethik des Zusammenlebens und des Rechtstaates. Sie erwähnen aber immerhin, dass es da Probleme geben könne, sondern allerdings nicht dafür, immer gleich fortschrittsfeindlich alles in Bausch und Bogen zu verdammen.

So zitieren sie die Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968, in der es heißt – und die gelte auch weiter für Deutschland, das sie ratifiziert hat: „Jeder Führer muss dauernd sein Fahrzeug beherrschen oder seine Tiere führen können“. Unheimlich wird es dem Leser bei diesem durchaus erkenntnisreichen Buch, wenn er wieder und wieder erfahren muss, dass das Militär zu immer wieder wichtigen Erfindungsschüben geführt hat. Es wurde erst nach Ende des Kalten Krieges bekannt, dass neben dem US-amerikanischen von IBM gelieferten SAGE-Computer auch die UdSSR ein System entwickelt hatte, das im Falle eines US-Angriffs vollautomatisch den atomaren Gegenschlag auslösen sollte, Moskau hatte die USA nicht einmal darüber informiert.

„Durch eine Fehlfunktion hätte das System (genannt ‚Tote Hand’) beinahe von sich aus den Start der sowjetischen Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen Richtung USA ausgelöst. Einzig dem diensthabenden Offizier, der zu der Erkenntnis kam, dass ein unprovozierter amerikanische Atomschlag extrem unwahrscheinlich war, und den automatischen Ablauf des ‚Gegenschlages’ unterbrach, sei es zu verdanken, dass es damals nicht zu der atomaren Katastrophe kam, und wir alle heute noch leben“.

Das ist natürlich auch die Bemerkung, die wir zu der zu großen Fortschrittseuphorie der Autoren festhalten sollten. Der Mensch bleibt sich selbst und der Menschheit die einzige Sicherheitsgarantie, bei allen Risiken, die wir uns ausmalen können. Dieser einzelne Mensch – so sollte man am Ende des Buches auch festhalten - hatte durch das komplexe Computer-und Steuerungssystem unter seinem Kommando buchstäblich die Macht, das enorme Atomwaffenarsenal seines Landes zu befehligen und damit über das Fortbestehen der Menschheit zu entscheiden.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013