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20.12.2013

Geschichte der Welt - 1945 bis heute - die globalisierte Welt

Wie wir es so herrlich weit gebracht haben… Eine Weltgeschichte in ambitionierter Absicht: 1945 bis heute. Von Rupert Neudeck

Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit seiner eigenen Lebenszeit zu vergewissern, oder auch unserer Zeit. Die Zeitmarkierung ist klar gewählt: 1945 bis heute. Die globalisierte Welt, das soll dann der Schlussband der Geschichte der Welt sein. Und ab 1945 ist es wirklich und ohne Frage die immer weiter sich vermehrende globalisierte Welt. Fünf wuchtige Kapitel, die man eigentlich eigene Bücher nennen möchte in einem Band von  fast 1000 Seiten. Fast sagt man sich, wäre es nicht lesbarer geworden, das Buch in fünf Teilen zu publizieren statt es als eines mit diesem unglaublichen Gewicht auszurüsten, das man kaum länger in der Hand halten kann?

Der deutsche Zeithistoriker Wilfried Löth widmet sich den Umwälzungen in den Staat und Machtbeziehungen in der Nachkriegszeit, auch dem Kalten Krieg, der unser Leben bis 1989 nachhaltig bestimmt hat. Thomas W. Zeiler beschreibt die revolutionäre Entfaltung der Weltwirtschaft: „Türen öffnen sich“. Das zentrale Kapitel ist dem „Mensch und der Umwelt im Zeitalter des Anthropozän“ gewidmet. Es geht in gewaltig langen und unerhört detailliert informierten Kapiteln um den Energieverbrauch und die Bevölkerungsentwicklung, das Klima und die biologische Vielfalt.

Auch um die Städte und die Weltwirtschaft und den kalten Krieg und die Umweltkultur. Petra Gödde ist Professorin für Geschichte an der Temple University. Sie hat den interessanten Versuch unternommen, die verschiedenen Kulturen im Zeitalter der Globalisierung zu differenzieren. Die Kulturen des kalten Krieges; die Infragestellung kultureller Normen. Und das Hauptkapitel unserer Tage: Menschenrechte und Globalisierung. Der Herausgeber des Buches (gemeinsam mit Jürgen Osterhammel) Akira Iriye befasst sich mit dem Entstehen einer transnationalen Welt, die aber unter anachronistischen nationalen und ethnischen Zuckungen weiter gärt. Er unterscheidet die „Ebenen des Transnationalismus“ und skizziert das 21. Jahrhundert.

Das Energiekapitel resümiert die Geschichte der Energie, eines Begriffs, den wohl Aristoteles zum ersten Mal benutzt hat, der damit „Bewegung und Arbeit“ umfasste. Physiker der Neuzeit sind gar nicht viel weiter gekommen. Die Geschichte von fossilen Rohstoffen, die zur Energieentwicklung beitragen beginnt eigentlich erst um 1700. Zunächst überholte die Kohle die Biomasse als den wichtigsten Energieträger weltweit. Die Vorherrschaft der Kohle währte rund 75 Jahre.

Um 1965 erst trat das Erdöl die Nachfolge der Kohle an. In unserer Zeit hat das Erdgas eine größere Bedeutung. Die Autoren skizzieren den Weltgebrauch von Energie im Jahre 2009: Das Rohöl hat immer noch mit Abstand die Spitze mit 35 Prozent, gefolgt von der Kohle mit 29 Prozent, dem Erdgas mit 24 Prozent und der Wasserkraft, die nur noch 6 Prozent und der Nuklearenergie die uns nur noch 5 Prozent der Weltenergie gibt.

Das ist der entscheidende Punkt für dieses Weltgeschichtsbuch unserer Zeit: Der dramatisch gewachsene Energieverbrauch unterscheidet unsere Zeit deutlich von allen anderen.

Fossile Energieträger aus der Erdkruste zu gewinnen war immer schon ein schmutziges Geschäft. Das zeigte sich beim Kohlebergbau ganz besonders, der auch noch lange nicht zu Ende ist. In China sei es 2005 durch den Kohleabbau zu einer Landsenkung gekommen, die ein Gebiet von der Größe der Schweiz in Mitleidenschaft zog. Förderrückstände und Abraumhalden verunstalteten die Landschaft um die Bergwerke. Es gab den Untertage- dann den sog. Tagebau. Gegen den Tagebau in Form von „mountain removal“ regte sich in den USA großer Widerstand. Die Gipfel der Appalachen wegzusprengen, hatte weitreichende Folgen für die Umwelt. Ins Gewicht fällt besonders die Vermüllung von Flussläufen und Tälern mit Abraum und Felsgestein, die Wälder unter sich begraben und den Wasserhaushalt massiv verändern.

Das Buch lässt die Phasen der noch lange nicht beendeten Offshore-Ölbohrungen Revue passieren bis hin zu den 40 Prozent der Braunpelikan Population, die 2009 nach Deepwater Horizon „einen ölverklebten Tod“ starben. Ecuador ächzt auch unter der profitträchtigen Ausbeute des Öls, für dessen Ausbeutung aber zwei Drittel des heimischen Amazonasbeckens für die Exploration in von Erdöl und Erdgasvorkommen genommen wurde.

Das Umweltverschmutzung nicht nur etwas total Aktuelles ist, dazu zitieren die Autoren den arabischen Autor Maimonides, der im 12 Jahrhundert zu Recht die Qualität der Luft in Kairo bemängelte, in der damals vor allem Dung und Stroh verbrannt wurde. Fast wurde acht Jahrhunderte später Harold MacMillan gestürzt wegen eines Smogs in London, der in der zweiten Dezemberwoche 1952 insgesamt 12.000 Todesfälle zur Folge hatte. Allein zwischen dem 5. und 9. Dezember 1952 starben 4.700 Menschen. MacMillan wollte damals nur einen Geheimplan machen, so wie die Regierung von Michael Gorbatschow später den GAU-Fall von Tschernobyl am liebsten geheim gehalten hätte.

Das Buch beschreibt die wissenschaftlichen Schwierigkeiten, den anthropogenen Klimawandel festzustellen. Die Genfer Weltklimakonferenz von 1979 war die erste internationale Beratung dieser Art. „Klimatologie“, so schrieben die Autoren, „sollte schon bald in die chaotischen Abläufe des Politikbetriebes geraten“. Immer greifen die Autoren auf die wissenschaftsgeschichtlichen Ursprünge zurück. Wobei es die größten Durchbrüche eben in der Zeit nach 1945 gegeben hat. In den 50er Jahren wurde unter maßgeblicher Mitwirkung der Militärs die erste Forschungsstation der USA zur kontinuierlichen Messung des CO2 Gehalts der Atmosphäre gegründet. Es war das Observatorium auf dem Mauna Loa, dem größten Vulkan auf der Hawai Hauptinsel, auf dem es gebaut wurde. Die Wahl sei auf Hawai gefallen, weil die Messungen nicht durch „Belastungen aus Emissionen nahegelegener Kraftwerke oder Fabriken verfälscht“ werden konnte.

Das Abschmelzen der Gletscher hat schon einige düstere Beobachtungen ausgelöst. Auf eine indirekte Folge der erwärmten Atmosphäre weisen die Autoren hin: das sei die gestiegene Fähigkeit der Luft, Wassertröpfchen aufzunehmen. In trockenen Gegenden kann die wärmere Luft mehr Feuchtigkeit halten, so dass weniger davon gleich als Regen herab fällt. Es gibt mehr Tropenstürme, Hurrikans.

Auch wenn man, wie die Autoren immer vorsichtig formulieren, dem Klimawandel bis 2013 keine spezifischen Wetterphänomene anlasten kann, wie etwa den Hurrikan Katrina (2005) oder die Flutkatastrophe in Pakistan (2010), „so scheinen solche Ereignisse auf lange Sicht doch mit dem Temperaturanstieg zusammenzuhängen“. Sie zitieren ein Wort, das von Leo Trotzki überliefert ist: „Ihr interessiert euch vielleicht nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich für euch“. So ähnlich sei es mit dem Klimawandel und den Menschen in den gefährdeten Regionen: Sie mögen sich vielleicht nicht für den Klimawandel interessieren, aber „umgekehrt werden sie seine Folgen zu spüren bekommen“.

Der zweite Hauptteil beschreibt den Kampf um die „offenen Türen“ der Weltwirtschaft nach 1945, erst mit dem GATT, dann mit der 1995 gegründeten Welthandelsorganisation WTO, der bis 2011 151 Länder beigetreten sind. Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sind immer stark von geopolitischen Überlegungen und Interessen mitbestimmt. Der Autor beleuchtet die verschiedenen internationalen Freihandelszonen, die in verschiedenen atlantischen und pazifischen Regionen entstanden sind. NAFTA war der Versuch, Nordamerika mit Mexiko zu verbünden. Mercosur ist der Gegenentwurf der Staaten Lateinamerikas, die lieber auf eigenen Füßen stehen wollen: Eine Freihandelszone für 341 Millionen Menschen. Das Buch diskutiert gebührend auf die Einführung der ersten Währung, die der Weltleitwährung Dollar Konkurrenz machen konnte: 1999 wurde für große Teile der EU der Euro eingeführt.

Die Zeit, da nach dem Ende des Kalten Krieges die offenen Türen der marktbeherrschenden Wirtschaften zunahmen, gab den Beobachtern Anlass, „über die friedensstiftende Wirkung der Globalisierung in der Weltpolitik nachzudenken“. Gegenseitige ökonomische Interdependenz werde künftig Kriege verhindern, da Staaten kein Interesse daran haben dürfen, durch bewaffnete Konflikte lukrative Handelsbeziehungen mit engen Partnern aufs Spiel zu setzen“. Doch darf nicht vergessen w erden, dass in unserer Zeit die Sucht nach Sicherheit das Streben nach Freiheit und ökonomischem Glück überrundet hat.

Das Buch setzt keine eigenen Signale, es resümiert die vorhandenen. Optimisten würden ihre Hoffnungen auf erneuerbare Energien setzen, die am Markt gegen die fossilen Brennstoffe konkurrenzfähig wurden. Manche halten Methoden des Geo Engineering für möglich. Z.B. durch Spiegelpartikel in der Mesosphäre, um einfallende Sonnenenergie zu reflektieren oder durch das Abscheiden von Kohlendioxid und seien Sequestrierung im Boden oder in unterirdischen Lagerstätten“. Wir wissen es nicht und noch nicht, ob einer dieser Wege auch einen Weg aus der Problematik des Klimawandels weisen kann. Aber, das Buch ist sich sicher: „Das ist vielleicht die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013