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26.12.2013

Der Eiserne Vorhang

Der Eiserne Vorhang: Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. Der Fall der Mauer oder: Wie schafft man es, nicht mehr in der Lüge zu leben? Zu einem gewaltigen Buch von Anne Applebaum. Von Rupert Neudeck

Das Buch macht mit einer Tragödie bekannt, die uns kaum noch bekannt ist.

Wie paranoid das Staats-Partei-Ideologie bestärkte Überwachungsgebäude die Völker in Osteuropa bis nach Nord-Korea bis zu Ende 1989 und von spätestens 1945 an gebeutelt hat. Wenn man Anne Applebaums Buch zu Ende gelesen hat, ist man eher erschüttert. Denn wir bekamen im Verlauf der gelebten Zeit der drei bis vier Jahrzehnte die Wahrheit über diese Verhältnisse ja nur dosiert mitgeteilt.

Ich kann mich natürlich erinnern, dass mir die Verhaftung des Warschauer Kardinals Wyschinski bekannt wurde, auch von der des scharf antikommunistischen Kardinals in Budapest Jozef Mindszenty, aber dass diese Verhaftungen verbunden waren mit den traumatischen Folgen von Folter, hätte ich mir nicht vorstellen können.

Das, was dem Leser des unanständig dicken Buches umtreibt: Wie kann die Hälfte der Menschheit einen solchen Abgrund an Paranoia und Obsessionen aushalten?

Das, so scheint mir, ist wirklich etwas, was man kaum verstehen kann.

Das Buch ist jenen Osteuropäern gewidmet, schreibt die Autorin, die sich weigerten, in der Lüge zu leben. Damit nimmt sie das Diktum, das berühmte von Vaclav Havel auf, der diese Worte kaum pathetisch gemeint hat. Denn es wurde ein unglaublicher Zwang für die Menschen allesamt, auch die des Geistes und der Kultur, in der Lüge zu leben.

Der polnische Kardinal Sapieha war in dieser Zeit der totalen Einschüchterung und Abschreckung zumal der Kirchen und der Gläubigen so erschüttert, dass er eine Erklärung veröffentlichte, niemand solle an die Echtheit irgendwelcher Aussagen oder Geständnisse glauben, falls er verhaftet würde. An der Tagesordnung war natürlich – weil auch Priester Menschen waren und sind und also auch verführbar - die geheime klerikale Kollaboration. Priester und Pastoren standen „unter ständigem Druck, mit der Geheimpolizei zu sprechen, und manche Kooperierten freiwillig um das Interesse der Behörden abzulenken, während sie ihn so wenig wie möglich halfen“. Im Kapitel über die Inneren Feinde bringt die Autorin die irrwitzige Vorstellung heraus, die Feinde noch mal zu kategorisieren.

Die polnische Geheimpolizei erstellte 25 Kategorien von „Feinden“. Dazu gehörte natürlich jedermann, der in der eher westlich angehauchten Heimatarmee gewesen war, alle Sozialdemokraten und alle, die sich sonst bei der Bauernpartei aktiv gezeigt hatten. Im Herbst 1952 nahm die Geheimpolizei zehntausende polnische Bauern fest, die die Abgabequoten für Getreide nicht erfüllt hatten. In Ungarn wurden 1948 bis 1953 rd. 400.000 Bauern aus demselben Grund inhaftiert und 850.000 mussten Geldbußen leisten.

Da jeder Erwachsene eine Vor-Kriegs-Vergangenheit hatte, war die natürlich auch immer zu durchleuchten. Selbst verdiente Kommunisten wie Wladyslaw Gomulka wurden verhört und kamen in Isolationshaft, wurden aber nicht abtrünnig. Von Zeit zu Zeit schrieb er flehentliche Briefe an das ZK: „Ich weiß weder den Grund meiner Festnahme noch den Stand meines Falls, obwohl 11 Monate vergangen sind, seit ich in Isolationshaft gesperrt wurde. Nach Stalins Tod bot Nikita Chruschtschow großzügig zur Herstellung der Gesundheit von Gomulka die Entsendung sowjetischer Ärzte an.

Wer in irgendeiner wie weit auch immer entfernten Beziehung mal zu dem US-Doppelspion Noel Field gestanden hatte, war auch dran. Fields kommunistische Sympathien hielten sowjetische und osteuropäische Staatsanwälte nicht davon ab, die irrwitzigsten Theorien um ihn und seine Familie zu erfinden. Die Freimaurer wie der CVJM und die kirchlichen und säkularen Pfadfinder wurden überall jäh verfolgt aus dem einzigen Grunde, weil man sie nicht zu kontrollieren wusste. Und man musste um des neuen Menschen willen alles kontrollieren, zumal die Einflüsse der Eltern, der Kirchen, der Jugendgruppen, der Schulen.

Das Buch ist in zwei Riesenhauptteile eingeteilt

Teil eins gilt der falschen Morgenröte, die die Menschen nach dem Alptraum der Nationalsozialistischen Juden-, Slawen- und Roma- Vernichtung erlebt hatten. Aber die kamen unweigerlich in eine neue Besatzung. Das alles steigert sich in der Zeit des Hochstalinismus. In dem reaktionäre Feinde hinter jeder Ecke und Hecke lauern. Ein großes Kapitel gilt der Entfaltung und der Schöpfung des „Homo Sovieticus“. Die Autorin macht gar nicht den Versuch, einzelne Nationale Geschichten dabei zu erfinden, sondern hat immer das Ganze des osteuropäischen Blockes im Visier. Die Kapitel sind alle so dicht, dass man nirgendwo darauf kommen würde, sie könnten kürzer sein.

Es sind Kapitel, die wie ganze Bücher in einer epischen Fülle und Dramatik vor uns ausgebreitet werden, dass man zwischen der Anerkennung für die Leistung der Autorin und der Erschütterung über die Hekatomben menschlichen Leids hin und hergerissen ist. Die US-Historikerin begann ihre Karriere als Journalistin 1988 für den „Economist“ in Warschau. An wenigen Stellen erwähnt sie, dass sie nicht nur aus den Quellen der zeitgeschichtlichen Institute und Archive schürft, sondern auch selbst vor Ort war. Sie erwähnt in dem monumentalen Kapitel über die ethnischen Säuberungen in Osteuropa, in Elk in Masuren mal eine Gruppe der Nachkommen der Ukrainer getroffen zu haben, die nicht mehr ukrainisch sprechen konnten. Die polnischen Behörden bestimmten, dass keine Stadt mehr als 10 Prozent ukrainische Bewohner haben dürfe, deshalb hätten sie langsam ihre Sprache und Kultur verloren.

Zu Recht verweist die Autorin auf das dem Exodus der Deutschen nach Westen gleich furchtbare Problem der Rolle der Ukrainer und Polen, die aus der Westukraine vertrieben wurden. Statt Befreiung und Wahrheit gab es neue Mythologien. So entwickelte die polnische Regierung eine Mythologie über die „wiedererlangten Gebiete“, „Zimie odzyskane“, und über die slawischen Könige, die dort im Mittelalter regiert hätten.

Der Schrecken nach dem Grauen der NS-Zeit war gewaltig für die Betroffenen, für die Deutschen, an denen die Polen sich rächten ebenso wie die Ukrainer. Ebenso wie die Mitglieder der polnischen Heimatarmee (Armja Krajowa). Der Glaube damals schon, der Westen würde es der Sowjetunion nie erlauben, das Territorium der Westukraine nicht den Polen zurückzugeben.

Als Zeitzeuge bin ich nur aufgezuckt bei dem Satz. „In Deutschland wurden die Flüchtlinge nur widerwillig aufgenommen“. Das ist ein Satz auf dem Niveau unserer Zeit. Es gab keinen eigenen Kollektiven Willen der Deutschen. Durch Wohnungszwangsbewirtschaftung ging die Aufnahme mehr als gut und beachtlich, wenn man sich die gewaltige Aufgabe vorstellt von bis 12 Mio. Menschen, die untergebracht werden mussten. Wer hatte schon die Kraft, widerwillig zu sein. Die Autorin meint, dank der einflussreichen Vertriebenenverbände sei die Vertreibung der Deutschen zum bekanntesten Fall der ethnischen Säuberungen geworden. Das scheint mir doppelt falsch. Im Grunde hatten die Vertriebenenverbände immer nur eine eingebildete Macht, und zum anderen war die Vertreibung der Deutschen aus allen Ländern Osteuropas auch die gewaltigste Säuberungsbewegung, die man sich vorstellen konnte.

Das Buch macht auch vertraut mit der überraschenden Kraft nationalistischer Gefühle, die den behaupteten Universalismus bei den Kommunisten wie bei den Kirchen und den Gläubigen immer wieder in Frage stellten. Der kommunistische Generalsekretär der CSSR, Gottwald, forderte die Tschechen auf, nicht nur Rache für den vergangenen Krieg an den Deutschen zu nehmen, sondern auch für die Schlacht am Weißen Berg, als die Nation 1620 durch die germanischen Verbündeten des Kaisers besiegt wurden. Es gehe um „die Rückkehr der tschechischen Gebiete zum tschechischen Volk“. Das sagte der prominenteste Vertreter des universalen Kommunismus in Prag.

Alles wurde in den Jahren bis Stalin eingerichtet, der das Paranoide noch einmal gesteigert hatte. Die Vorstellung, dass jemand mit den Feinden in seinem verflossenen Leben mal Berührung gehabt hatte, reichte aus, um ihn ins Gefängnis zu sperren, ja ihn zu vernichten.

Um dieser Vernichtung der 43 Kategorien von Feinden Vorschub zu leisten und sie zu enttarnen, waren auch ganze Lügengespinste tauglich. Man kümmerte sich eben nicht um die Wahrheit, sondern nur die, die der Errichtung des Homo Sovieticus diente und nützte.

Am Beginn zitiert die Autorin den Kronzeugen, der es ja dann selbst nicht nur schaffte, die Zeit anständig zu überwintern, sondern seinem eigenen Geburtsland als Präsident zur Verfügung zu stehen. Vaclav Havel meinte: Der osteuropäische Mensch hätte an alle diese paranoiden Mystifikationen nicht glauben müssen. Aber er musste sich so benehmen, „als ob er an sie glaubt, muss sie zumindest tolerieren oder sich wenigstens mit denen gut stellen, die mit den Mystifikationen operieren.“ Schon deshalb mussten diese Menschen alle in Lüge leben. Haben vielleicht auch einen Knacks bekommen, der umso heftiger auffällt, wenn sie uns sagen, dass sie keinen bekommen haben, und dass alles nicht so schlimm war.

Immer wieder erinnert die Autorin an das Schicksal der Juden in Osteuropa. Im Prisma der Geschichte des Salomon Morel wird vieles erkennbar. Er war nach dem Kriegsende in Polen geblieben und wurde Mitglied der Sicherheitspolizei. Er arbeitete im Gefängnis im Lubliner Schloß, dann in Zgoda. Dort wurde er für seine Brutalität gegenüber den meist deutschen Gefangenen bekannt. Wegen der Lebensbedingungen gab es 1946 eine Typhusepidemie, an der etwa 1800 Gefangene starben. Das Innenministerium machte Morel verantwortlich, stellte ihn unter Hausarrest und kürzte sein Gehalt. Danach stieg er auf bis zum Obersten und Gefängnisdirektor in Kattowice. Anfang der 90er Jahre ging Morel nach Israel.

2005 stellte ein polnischer Staatsanwalt einen Auslieferungsvertrag an den Staat Israel. Da kam ein wütender Brief des israelischen Justizministers: Morel sei kein Kriegsverbrecher sondern ein Kriegsopfer. Morel war eine typische Figur der Epoche, schreibt die Autorin.

„Er war ein Holocaustopfer, ein kommunistischer Verbrecher, ein Mann voll sadistischer Grausamkeit gegenüber Deutschen und Polen.“ Er hatte Interesse nach Israel zu gehen, weil er eine strafrechtliche Verfolgung befürchtete. Seine Lebensgeschichte beweise nichts, so die Autorin, über Juden oder Polen. Sie beweise nur, „wie schwierig es ist, Menschen zu beurteilen, die in den schlimmsten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im am stärksten zerstörten Teil Europas lebten“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2013Grünhelme 2013