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13.02.2014

Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Der Große Krieg - Wie unterschiedlich der Weltkrieg hundert Jahre nach der Katastrophe gesehen wird Von Rupert Neudeck

Der erste, oder – wie man im angelsächsischen Raum sagte - der GROSSE Krieg hat aktuell Konjunktur. Es erscheinen gleich sechs oder – je nach Erscheinungsjahr – sieben Bücher, die sich vornehmen, uns zu beschreiben, in welche Schlacht sich Europa und dann auch die Welt hat hineinziehen lassen. Das Wort von dem britischen Ministerpräsidenten Lloyd George war uns auf der Schule eine Richtschnur. Die europäischen Mächte (wie man damals die Staaten nannte) seien „in den Krieg hineingeschlittert“.

Das klingt nach: Jeder hat ja so recht, keiner oder jeder ist gleich verantwortlich/schuldig.

Der Titel schon ist glänzendes Programm für die These des Buches: „Die Schlafwandler“. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog. Da wird in vielen Kapiteln aufgewiesen, wie „verkrampft“ (das Wort kommt andauernd vor) die Beziehungen der Staaten, der Völker, der Herrscherhäuser, der Dynastien in Europa und der Welt waren. In der Habsburger Monarchie wurde die serbische Kultur immer einseitig gesehen. „Begriffe wie böse Absicht, Hinterlist, Unzuverlässigkeit, Ausweichen, Gewalt und Reizbarkeit“ klangen in den Berichten aus Belgrad auf. Der Autor erwähnt zum Vergleich, wie der Iran-Contra-Skandal während der Präsidentschaft Ronald Reagans in den 80er Jahren eine zeitlang die Feindschaft zwischen dem Iran und den USA verdeckte und verbreitete.

Es ist ein wüstes, kaum zu bewältigendes Politik- und Sittenbild des damaligen Europa und an den Rändern der damals bekannten Welt. Es ist glänzend wie aus einem Guss geschrieben.

Man erfährt, wie die serbische Irredenta den Kampf um Anerkennung immer wieder durchzogen und durchstochen hat. Dieses Bemühen, von dem wir ja noch nicht einmal sicher sind, dass es mit Slobodan Milosevic geendet hat, hat serbische Politik zu einer ständig nicht saturierten gemacht. Die Cetniks hatten Vorläufer, es waren Banden, Bewaffnete und Milizen von Organisationen.  Die Wiederherstellung von Großserbien war schon damals nicht eine Neuerung, sondern der Ausdruck alter historischer Rechte. Vuk Karadzic war der Begründer der vornehm literarisch daherkommenden Nationalistischen Verblödung.

Er war Begründer der serbischen Literatursprache und Autor des berühmten Pamphlets von 1838: „Srbi svi i svuda“ – „Serben alle und überall“. Er ging von fünf Millionen Serben aus, die die serbische Sprache sprachen und eben weit über die engen Grenzen Serbiens bis zur Adriaküste, die Backa, das Temescher Banat, bis Triest und Nordalbanien lebten, oder zumindest dort in Gräbern begraben waren. Freilich – so meinte er - gäbe es in diesen Gebieten noch Menschen „römischen Glaubens, denen es noch schwerfällt sich Serben zu nennen“.

Aber wo genau sollte die Rückeroberung beginnen? Wie aktuell diese Frage ist, wissen wir aus dem Bosnienkrieg 1992 bis 1996. In der Voivodina im Königreich Ungarn? Im osmanischen Kosovo, in Bosnien, das nie Teil von Dusans Reich gewesen war oder auch in Makedonien im Süden?

Es sind herrliche Skizzen über die Balkan - Welt, die noch durch ganz anderes öffentliches Entertainment beherrscht war. So z.B. das kleine Montenegro, das damals die Kulisse einer europaweit die Szene beherrschenden Operette bildete. In Franz Lehars „Die Lustige Witwe“ taucht Montenegro als „Großfürstentum von Pontevedro“ auf. Montenegro war eine raue Landschaft und hatte als kleinster Staat nicht mehr als – 250.000 Einwohner. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch wanderte damals im Sommer ein Jahr vor dem Großen Krieg zu Fuß von Cetinje, der Hauptstadt von Montenegro nach Rijeka und hörte in den Tälern immer Gewehrschüsse. Er fragte sich, ob ein neuer Balkankrieg ausgebrochen sei, erfuhr dann, dass es sich um Jugendliche handelt, die mit russischen Gewehren Fische in den Gebirgsbächen schossen.

Die Welt war damals modern und man kann deshalb über den Großen Krieg unserer Zeit sprechen: Es gab schon das, was wir später öffentliche Meinung nannten. Die Einstellung von Völkern spielte schon eine so große Rolle, dass Clark sagen kann, die fünf Monarchien die es damals bei Ausbruch des Krieges noch gab, spielten nicht mehr eine alles entscheidende Rolle. Die Monarchen mischten sich noch engagiert ein, sie blieben auch ein Unruhefaktor in den internationalen Beziehungen. In den nur teilweise demokratisierten Staaten schuf die Präsenz von Herrschern eine gewisse Ambivalenz. Aber sie waren nicht mehr die einzigen Bestimmer.

Das Buch macht deutlich, welches ‚Trampeltier’ der deutsche Kaiser Wilhelm II. war. Beim berüchtigten „Sprung ins marokkanische Tanger“ blieb der Kaiser zwei Stunden in Tanger, ritt auf einem Pferd unter Missachtung des französischen Konsulats und dem Jubel der Bevölkerung ein, meldete seinen Anspruch an und legte ab zurück nach Deutschland.

Am 4. April 1906 ist Wilhelm II zu Gast bei einem Dinner an der US-Botschaft in Berlin. Beiläufig gibt der Kaiser zum besten, dass seine Bevölkerung, jetzt 60 Millionen Menschen, mehr Raum brauche, auch um die Frage der Ernährung zu klären. „Vielleicht solle man die französische Regierung fragen, ob es ihr etwas ausmachen würde, die Grenze ein wenig nach Westen zu verlegen, um den Überschuss der Deutschen aufzunehmen?“ Als zwei Jahre später die Gerüchte über einen amerikanisch-japanischen Krieg ins Kraut schossen, schickte der Kaiser einen Brief an Roosevelt, in dem er ihm anbot, ein preußisches Armeekorps an der kalifornischen Küste zu stationieren.

Wie weit die nationalistische Verblödung vorangeschritten war, kann man dem Buch in all seinen Kapiteln entnehmen: Das Buch schilderte den Botschafter Frankreichs Paul Cambom in London. Die Botschafter hatten damals ein gewaltiges Selbstwertgefühl und waren sich manchmal nicht sicher, ob sie selbst oder die entsendende Regierung wichtiger waren. Cambon sprach kein Wort englisch. Bei seinen Gesprächen mit dem britischen Außenminister Sir Edward Grey forderte er, dass jede Äußerung ins Französische übersetzt werden müsste, sogar das Wort „Yes“. Er war, wie viele Franzosen, der Meinung, dass Französisch die einzige Sprache sei, mit der man rationale Gedanken ausdrücken könne und lehnte die Gründung französischer Schulen in England ab, weil in GB aufgewachsene Franzosen am Ende tendenziell geistig zurückgeblieben wären.

Überall wird deutlich, wie verhängnisvoll sich auf der Welt auch schon vor hundert Jahren das Wettrüsten entwickelte. Caprivi, der deutsche Reichskanzler, rüstete die deutsche Armee auf 552.000 Soldaten auf und verdoppelte das Militärbudget von 1883 bis 1886. Unter Wilhelm II und dem Admiral Tirpitz begann der ungeheure Unsinn des Wettrüstens mit der deutschen Flotte auf den Weltmeeren.

Was einmal angerichtete Verletzungen in Menschen, also auch Staatsmännern anrichten, kann man in dem Buch nachlesen: Poincare stammte aus Lothringen und hat das Wegstehlen von Elsaß-Lothringen nie verwunden. Letztlich haben dann solche Gefühls-Vorurteile über Krieg und Frieden entschieden. Wettrüsten bestand damals in der Erhöhung der Truppenstärke und der schnelleren Verlegung von Schienen für die Eisenbahnlinien. Der französische General Joseph Joffre bat die Russen darum, sämtliche Eisenbahnlinien zur ostpreußischen Grenze zweispurig auszubauen. Dafür gab es von Frankreich auch Kredite.

Man kann dieses Buch nicht ausloten. Ich empfinde es nicht als Entschuldung der Deutschen, oder  als ein Manifest gegen das Buch von Heinz Fischer. Das ist der Unfug von professionellen Historikern. Es ist ein Buch, das bewegen kann, weil es uns auch heute mit der gleichen Gewissheit sagt: wer auf Wettrüsten und Vorurteile setzt, hat verloren. Wie irrational der deutsche Kaiser damals agierte, zeigen wunderbar beschriebene Episoden. So die – heute würden wir sagen – Gipfelkonferenz zwischen den Zaren und dem Kaiser in Baltischport im Sommer 1912, einem russischen Ostseehafen. Der Kaiser zeigte sich von seiner besten Seite. Der Zar hatte eher Angst vor seinen irrationalen Ausbrüchen und dem Redeschwall. Am zweiten Tag aber rastete der Kaiser aus und kam zu einem Lieblingsthema: Der Gründung eines paneuropäischen Öltrusts. Der imstande gewesen wäre, mit dem US-amerikanischen Konzern Standrad Oil zu konkurrieren. Sie gingen nach dem Mittagessen in brütender Hitze spazieren.

Der Zar wollte das Gespräch des Kaisers mit Kokowzow, dem Ministerpräsidenten beenden. Aber es gelang nicht. Ich erwähne diese Szene, die beweist, wie glänzend und an manchen Stellen bewegend das Buch geschrieben ist. Man stelle – so der Autor – sich diese Szene einmal bildlich vor: Die brennende Sonne auf den steinernen Überresten des alten Forts, der Kaiser Wilhelm II. mit hochrotem Kopf und zitterndem Schnauzbart, während er sich für das Thema begeistert, wild gestikulierend, „ohne Augen für das Unbehagen seiner Gesprächspartner, und hinter ihm der Zar, der verzweifelt versucht, der Tortur ein Ende zu setzen und die Gesellschaft an einen schattigeren Platz zu dirigieren.“

Der dritte Teil enthält die präziseste Schilderung des Attentats von Sarajevo, am 28. Juli 1914, genau dem Tag, der für die geschichts-betrunkenen Serben ja der Veitstag ist, der ihnen die Niederlage auf dem Amselfeld beigebracht hat, aber als Mythos ja auch gleichzeitig den Sieg bedeutete. Der Autor ist ganz sparsam mit zeitgeschichtlichen Parallelen, erwähnt aber den Mord John F. Kennedy 1963 in Dallas als Vergleich. Die Morde an dem Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie waren wie das Attentat auf Kennedy ein Ereignis, „dessen heißes Licht die Menschen und Orte eines Augenblicks erfasste und sie ins Gedächtnis einbrannte“. Der Autor schilderte den Moment an diesem Tage, da Stefan Zweig bei einer Kur in Baden von seinem Buch aufblickte: “Es musste sich etwas ereignet haben“. Es lag nichts Unvermeidliches darin, aber die Mischung von Wettrüsten, Bündnisgeschachere, öffentlicher nationalistischer Meinung führte in die erste große Katastrophe des Jahrhunderts. Die zweite sollte folgen.

Es ist ein Buch, das uns überraschend aktuell erscheint. Es macht uns deutlich, dass wir noch immer nicht vorgestoßen sind zu einer friedlichen Ordnung der Welt mit der Abschaffung der nationalen Armeen und dem Ende der Waffen-Proliferation und Überproduktion.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014