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27.02.2014

Jenseits des Wachstums

Warum wir mit der Erde Frieden schließen müssem. Wie können wir zurückkehren zum Frieden mit der Natur? Zu einem Buch von Vandana Shiva - Rezensions von Rupert Neudeck

Das Buch stellt unsere Wirtschaftweltgesellschaft so hart in Frage, so dass bei Erfüllung der Forderungen der Autoren bei uns die Fetzen fliegen würden. Als der indischen Regierung die Katastrophe bewusst wurde, die sich aus der Entwaldung ergab, hat sie Projekte angekündigt, die aber meistens nicht das einzige Kriterium zum Ziel hatten, die Bewahrung der Natur aufrechtzuerhalten. Die Weltbank bekommt in dem Buch ganz schlechte Noten. Indien bekam 500 Mio US-Dollar Finanzierungshilfe für eine Zeit von 5 Jahren. Diese Summe übertreffe die Investitionen für Afrika bei weitem.

Aber die Weltbank sei nicht am Überleben der Ökosysteme sondern am Wachstum des Marktes interessiert. Es geht um drei großen Investitionen mit entsprechenden Renditen. „Brennholz und Agro-Forstwirtschaft“ (100 Mio. US Dollar), Bodennutzung im Einzugsgebiet im Hochland“ (500 Mio. US D) und Forstwirtschaft für industrielle Zwecke (190 Mio. US-Dollar). Nur 32 Mio. US-Dollar werden für die Erhaltung des Ökosystems zugeteilt. Diese Projekte erfüllen alle keine ökologischen Kriterien.

Zwar mangelt es nicht an großartigen Plänen und Programmen. Z.B. heißt eines programmatisch REDD, Reducing Emissions from Deforestration and Degradation. . In einem sog. Strategiepapier von REDD heißt es: „Der Regenwald verschwindet mit alarmierender Geschwindigkeit. Zwischen 1990 und 2005 wurden durchschnittlich pro Jahr 13 Millionen Hektar Regenwald zerstört, und diese Entwicklung findet hauptsächlich in Entwicklungsländern statt.“

Die Umwandlung von Wald in Ackerland wird ja nicht von den kleinen Landwirten, sondern von den Großkonzernen vorangetrieben. Die Autorin weist zu Recht darauf hin, dass es schon längst emissionsärmere Technologien gebe. Zum Beispiel die biologische Landwirtschaft, die auf Biodiversität beruht, die könnte dreißig Prozent des CO2 in der Atmosphäre binden, wenn man sie überall in allen Kontinenten anwenden würde.

Im zweiten Teil wendet das Buch sich an uns, weil es um einen Skandal geht. Wieso leidet jeder vierte Inder Hunger? Wieso leidet jede dritte Frau in Indien an Blutarmut und Mangelernährung? Warum ist der Hunger in Indien schlimmer geworden, obwohl Indien ein Wirtschaftswachstum von neun Prozent hat?

Vandana Shiva kann es ganz deutlich sagen: Hunger und Mangel sind eingeplant. Dafür wird von einer zweiten Grünen Revolution in Indien und auch einer in Afrika geredet. Das alles basiert auf dem Einsatz von Gentechnik, die nur deshalb eingeführt wird, weil Großkonzerne damit Patente auf Saatgut und Rechte am geistigen Eigentum geltend machen. Das TRIPS-Abkommen wurde von diesen Großagrofirmen mit veranlasst.

Indien habe sich 2005 leider durch Unterschrift seines Premierministers zusammen mit dem von George W Bush verpflichtet, die Nahrungskrise zu benutzen, „Saatgutbestände an Monsanto, Nahrungsmittelbestände an Cargill und Geschäfte des Einzelhandels an Walmart abzutreten“. Aber man kann belegen, dass der international agierende Einzelhandel die Existenzgrundlagen von Bauern, Kleinhändlern und andere des unorganisierten Sektors zerstört. Und dazu führt, dass 50 Prozent der Nahrungsmittel im Abfall landen. Das sei, sagt die Autorin, Hunger nach Plan.

Es ist ein unerhört kenntnisreiches Buch, das alles an Expertise besonders aus dem Kontinent Indien aufbietet, um dem Frieden mit der Natur nahezukommen und die Kriege gegen die Erde aufzugeben. Die Autorin nennt den Krieg im 21. Jahrhundert die Öko-Apartheid. Ohne Natur kann es keine Ökonomie geben, deshalb sollten wir mit ihr pfleglich, haushälterisch und behutsam umgehen.

Sie beschreibt in dem zweiten großen Kapitel den Landraub an verschiedenen einzelnen Beispielen. Am Widerstand der Kewra Farmer. Am Kampf gegen das Kraftwerk in Dadri. Am Kampf gegen POSCO-India. Und den erbitterten Auseinandersetzungen um den indonesischen Chemieriesen in Nadirgam, den Bergbaukrieg in Niyamgiri.

Sie resümiert die Wasserkriege und plädiert für den Wasserfrieden: „Wenn der Ganges lebt, lebt Indien“. Und ebenso den Waldkrieg und den Waldfrieden. Gebieterisch stellt sie die Fragen, die sie ebenso klar beantwortet: Kann die freie Marktwirtschaft Wälder schützen? Die Empirie zu unseren Lebzeiten sagt uns: sie kann nicht!

Ob die Kommerzialisierung des Waldes Grundbedürfnisse decken kann? Das kann sie so wenig wie die industrielle Aufforstung das ökologische Gleichgewicht erhalten kann. Die Vermarktung von Ökosystemdienstleistungen kann auch nicht die Erde retten.

Sie wendet sich mit der allerletzten Heftigkeit gegen die Benutzung der Nahrungsmittel zu Spekulationsobjekten. „Nahrung als Einsatz im globalen Kasino der Finanzmärkte zu verwenden, heißt: Hunger wieder besseres Wissen in kauf zu nehmen“. Die Nahrungskrise und die Hungernsnot hätten dort ihren Ort, wo sich natürlich Ressourcen – Land, Saatgut, Artenvielfalt, Wasser – in Privatbesitz befinden.

Es werde uns immer wieder vorgeleiert, dass die industrielle Landwirtschaft notwendig sei, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Dagegen richtet die Autorin ihre kenntnisreiche Argumentation wie gegen die Behauptung, dass ohne „die Chemikalien der sog. Grünen Revolution und ohne gentechnisch veränderte Organismen die Weltbevölkerung verhungern wird. Uns wurde erzählt, dass freier Handel Lebensmittel günstiger macht“. Dann müsste eigentlich niemand mehr hungern.

2009 habe die Deutsche Bank – so schreibt die Inderin mit einer kontroversen Werbeaktion von sich reden gemacht: „Freuen sie sich über steigende Preise? Alle Welt spricht von Rohstoffen – mit dem Agriculture Euro Fonds haben Sie die Möglichkeit, an der Weiterentwicklung von sieben der wichtigsten Agrarrohstoffe zu partizipieren“.

Immer wieder überrascht, dass nach dem ungeheuerlichen Verbrechen der Entlaubung der Regenwälder in Vietnam durch das Dioxin Agent Orange der Firma Monsanto diese Firma nicht etwa verschwunden ist.

In den zwanzig Jahren, in denen Gentechnik in der Landwirtschaft angewandt wird, haben sich zwei Merkmale dominant ergeben: Herbizidresistenz und Pestizidresistenz. Der Einsatz dieser gentechnisch veränderten Nutzpflanzen hat bisher dazu geführt, dass es in der Landwirtschaft zur Entwicklung von Super-Unkraut und Super-Schädlingen kommen konnte. 2010 entwickelte Monsanto die Maissorte SmartStax mit acht toxischen Genen – und diese Mittel bilden eigenständig sechs Gifte gegen verschiedene Insektenarten und gegen zwei Unkrautvernichtungsmittel.

SmartStax aber war ein Misserfolg. Jetzt zahle Monsanto den US-Bauern, die Smartstax angebaut hätten, 5 US-Dollar Entschädigung pro Hektar. Um für die Probleme mit dem Super-Unkraut zu büßen. Die Autorin betont zu Recht, Monsantos Lösung in diesem Fall sei die Verwendung tödlicher Herbizide wie 2.4-D, ein Bestandteil des chemischen Entlaubungsmittels Agent Orange, das die USA im Vietnamkrieg einsetzten und das zu nicht mehr zu heilenden Gesundheitsschäden führte.

Ganz spitz schreibt die indische Autorin – und man kann im Sinne der Opfer, die es in Vietnam weiter gibt, das verstehen: Monsanto wie andere Konzerne, die Gentechnisch veränderte Organismen vertreiben, sollten sich vielleicht Einsteins Urteil vor Augen führen, „dass die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“.

Sie beschreibt mit voller Drastik die Aufstiege der indischen Oligarchie. Unter den reichsten Männern der Welt auf der Forbes Liste sind in der Spitzengruppe – Inder. Die neoliberale Ideologie hat den Staat und die Regierung fast ganz aus dem Wirtschaftsgeschehen herauskatapultiert. In der sozialistischen Politik von Gandhi und Nehru wurde soziale Gerechtigkeit als wichtigstes Gebot hochgehalten, doch im neuen kapitalistischen Modell gäbe es keinen Platz für die Absicherung des Gemeinwohls. Diese neue Art von Wachstum führt nicht mehr zur Bekämpfung der Armut. Sie führt dazu, dass Lakshmi Mittal mit 31,1 Milliarden Vermögen auf Nr. 6 der Forbes Spitze liegt, Mukesh Ambani auf Platz 9 mit 27 Milliarden US-Dollar.

Mittal lebt natürlich nicht in Indien, er ist nur der reichste Mann Indiens, er lebt in einer Luxusvilla in Londons vornehmem Viertel Kensington. Er besitzt den größten Stahlproduzenten, die Firma Arcelor Mittal, sitzt im Verwaltungsrat von Goldman Sachs und im Exekutivkomitee des Weltstahlverbands. Indien möchte bis 2020 der weltgrößte Stahlproduzent werden mit 200 Mio. Tonnen pro Jahr. Die Folge, diese Stahl- und Bergbaukonzerne müssen Land zerstören. Die Leidtragenden sind die kleinen Bauern, die indigene Bevölkerung und Umwelt. Eisenerzminen und Stahlwerke der Firma ArcelorMittal die in Jharkhand, Orissa, Chhattisgath erbaut werden sollen, stoßen auf den Protest der einheimischen Bevölkerung, die aber arm ist und deshalb keinen Einfluss hat.

Mukesh Ambani hat sich in Mumbai seine Residenz – Antilla genannt – mit 27 Stockwerken gebaut, Symbol der Ungleichheit in der Gesellschaft von nunmehr 1,2 Milliarden Menschen. Das Buch müsste, wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, im Bundestag, in den Landtagen, in allen Verbänden, Parteien und Kirchen diskutiert und meditiert werden. Denn die Autorin schließt mit Forderungen, die für uns alle evident sind, woher auch immer wir kommen.

Unsere Wahrnehmung müsse sich ändern: Wir dürfen die Erde nicht länger als Besitztum von privatwirtschaftlichen Konzernen ansehen. Ressourcen der Erde sind „Allgemeingut, das allen gehört und um das wir uns alle kümmern müssen“. Wie mit einem Hymnus schließt sie: Erd-Rechte seien Menschenrechte, seien Frauenrecht und indigene Rechte. „Erd-Rechte sind die Rechte der Kinder, der Jugend und der zukünftigen Generationen“. Das gilt als Programmsatz auch für eine Gesellschaft, deren Jugend etwas ausgedünnt ist und die demographisch aus dem letzten Loch pfeift.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014