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06.03.2014

Chinas ungebremster Weg zur Weltmacht

Wie es der Umwelt und den Arbeitskräften in vielen Ländern mit den Chinesen nicht gut geht. Von Rupert Neudeck

Das ist das bisher beste und erschreckend klare Buch über Chinas Ausgriff zur Weltmacht unter heimlicher oder offener Missachtung aller sonstiger globaler Werte und Haltungen. Immer schon war diese Haltung an einer Kleinigkeit erkennbar. Wie ein Terrorist agierte die Pekinger Regierung mit Verweigerung ihres Wohlwollens, wenn wieder jemand in irgendeiner westlichen Regierung den Dalai Lama empfangen hatte.

Aber das alleinige Sich- Halten an den Zuwachsraten und das eigene nationale Interesse geht über die Interessen der eigenen Bevölkerung so hemmungslos hinweg wie über die der Weltbevölkerung. Der indische General Kanwal erzählt den Autoren, bei einer Konferenz in Singapur habe ihm ein chinesischer General gesagt: „Brigadegeneral, wenn Sie uns den Dalai Lama ausliefern, können wir Freunde sein!“

Umweltschutz ist sicher eine Lachnummer für die China-Herrscher. Wo immer man auf dieser Welt mit der Armut und Ahnungslosigkeit der Menschen große Geschäfte machen kann, macht man sie, es ist wie in der von Friedrich Engels und Karl Marx damals beschriebenen Zeit des unmenschlichen Manchesterkapitalismus.

Im engeren Umkreis ist der Feind des Nachbarn mein Freund. Deshalb wird das Nachbarland Indiens, Pakistan, mit Waffen fett ausgerüstet und 11.000 chinesische Soldaten sind im pakistanischen Kaschmir stationiert. China hält treu zum Anspruch Pakistans auf sein Kaschmir und betrachtet den indisch verwalteten Teil Kaschmirs als „umstrittenes Gebiet“. China lässt „Indien aus 10.000 Wunden bluten“. Der Präsident Chinas Hu Jintao beschreibt die Freundschaft zwischen China und Pakistan als „höher als die Berge und tiefer als die Ozeane“.

Das heftigste und aggressivste Abkommen, mit dem sich China ein riesengroßes chaotisches Land gefügig gemacht hat, wurde 2008 mit  der Demokratischen Republik Kongo abgeschlossen. Die beiden Autoren schreiben, dass sich China eines der ärmsten und korruptesten Länder ausgesucht habe, um den ehrgeizigsten all der Verträge abzuschließen, den es in vielen Ländern Afrikas schon ratifiziert hat. China verpflichtet sich, im Kongo 6 Mrd US-Dollar für notwendige Verkehrs- und Gesundheitsinfrastruktur zu investieren. Es bekommt als Gegenleistung das Recht auf Ausbeutung der Kupfer- und Kobaltreserven auf drei Jahrzehnte. Aber, so das Buch, die Bevölkerung geht leer aus, es ist das keine Entwicklung, denn alle Rohstoffe, Kupfer, Kobalt u.a. gehen unverarbeitet aus dem Land. So entsteht für die Bevölkerung kein Mehrwert.

Dieses China ist auch in der Lage, sofort in rassistischen Vorstellungen zu denken und zu handeln. Überall in China gibt es Arbeitsagenturen mit Emigrantenjägern, die Arbeiter suchen für die Arbeit im Ausland, hauptsächlich für afrikanische Länder. China lässt zur Entlastung ihres Arbeitsmarktes mittlerweile hunderttausende Chinesen in diesen Ländern arbeiten. Allein in Angola, dem reichen Öl-Land mit völlig verantwortungsloser Regierung, arbeiten 300.000 Chinesen.

Ein Vertreter der Agentur in Chingqing erklärt den Autoren: „Viele Afrikaner sind ziemlich undiszipliniert, um nicht zu sagen faul“. Als die Autoren ihn fragen, ob China überall auf der Welt seine eigenen Arbeiter einsetzen muss, beruft er sich auf das Tempo der Pojektexekution. „Große Infrastrukturprojekte müssen schnell realisiert werden und chinesische Arbeiter können schneller arbeiten“.

Den angeworbenen Chinesen werden manchmal unrealistisch-astronomische Löhne angeboten für ihre Dienste (bis 8000 Euro), wobei es niemand vom Staat kontrolliert, ob diese Löhne auch ausgezahlt werden. Es kann sogar in Ländern Afrikas wie Lateinamerikas das geben, was in China verboten ist: Streiks. In Bezug auf die Rechte der Arbeiter heißt es, die seien abhängig vom Vermögen der Gastländer. „Eigentlich sollten sie den im jeweiligen Land üblichen Rechtsweg gehen. Manche afrikanischen Länder haben jedoch nur ein schwaches Rechtssystem und setzen das Recht nicht durch.“

Kommt es aber mal dazu, dass sich eine afrikanische Regierung durchsetzt zugunsten ihrer eigenen Arbeitskräfte, zieht die chinesische Firma sofort den Schwanz ein und geht auf die Forderungen ein. Das habe ich seinerzeit in Äthiopien erleben können, wo chinesische Straßenbaufirmen mit einer Zahl an einheimischen Arbeitern ihre Projekte exekutieren ließ.

China ist der größte Umweltsünder weltweit. China hat als Regierung und Gesellschaft und regierende Partei bisher nicht mal an den Standards internationaler Umweltregelwerke genippt. Die Autoren zeigen den hemmungslosen Kahlschlag in den sibirischen Wäldern durch chinesische Firmen. Täglich fährt ein Dutzend Lokomotiven mit bis zu 60 Waggons, beladen mit 3000 Kubikmetern Holz, allein über diesen Grenzposten, das Haupttor für russisches Holz in das Nachbarland China. Das macht „im Jahr eine Lieferung von zehn Millionen Kubikmeter kostbares Holz, das entspricht etwa der Größe Islands oder Portugals“. Alles was Verarbeitung ist, wird nicht mehr in Sibirien, sondern in China gemacht. Überall nur Manchesterkapitalismus. Kein Schutz für die Arbeiter. Die Ausrüstung besteht aus Handwerkszeugen und veralteten Maschinen. Es gibt keine Helme, keine Staubschutzmasken oder Absperrungen, die die Angestellten vor der riesigen Säge schützen könnten. „Ein Stolpern oder nur Pech können einem Arbeiter in Sekundenschnelle einen Arm oder ein Bein kosten“.

Die Umwelt wird maltraitiert und niemand opponiert dagegen. Das Rohmaterial fängt an knapp zu werden. Die Leiterin eines russisch-sibirischen Betriebes sagt: „Wir arbeiten hauptsächlich mit Hartholz, doch die Produktion ist dramatisch zurückgegangen. Es gibt keine Reserven mehr. Man müsse annehmen, dass die Motorsägen die Eichenwälder der Region zerstört haben. „Jetzt arbeiten wir nur noch mit Weichholz“.

Von Moskau gibt es keine Einreden. Ebenso wenig von China: „China wird die illegale Holzeinfuhr ins Land nicht stoppen, denn das hätte ernsthafte Auswirkungen für seine Wirtschaft. Man kann nicht erwarten, dass China etwas tut, das seine Wirtschaft bremst“, sagt Yang Xiangjun vom Forest Stewardship Council, die dafür sorgen soll, die legale Herkunft von Holz zu kontrollieren. Das ist aber alles Illusion. „Für die Chinesen ist wirtschaftliche Entwicklung der Zweck, der die Mittel heiligt“.

Auch in Mosambik ist der Holzhandel ganz in den Händen der Chinesen. Zheng hat sich hier ein Anwesen von 7000 qm besorgt. „Ich kaufe das Holz von Chinesen, die im Norden d es Landes leben. Ich weiß nicht, woher das Holz kommt und ob es legal oder illegal gefällt wurde“. Die technischen Geräte stammen alle aus China. Der Leiter des Chinabetriebes betont: „Nichts kommt von hier.“ Er hat mehrere Hunderttausend Dollar hier verdient!

“Die Rechnung für seinen neu gewonnenen Reichtum zahlen die Wälder in Mosambik“: Jeden Monat exportiert Zheng 30 bis 40 Container nach China, jeder mit 18 Tonnen, das sind 7500 Tonnen im Jahr. Eine Mosambikanerin beklagt: Durch die Chinesen sind 25 Prozent der Wälder in den Provinzen Sofala, Zambezia und Nampula verschwunden. In vier bis fünf Jahren wird nichts mehr übrig bleiben. Wenn die Abholzung so weitergehen wird, werden die Hartholzbestände in weniger als zehn Jahren beendet sein.

Das Buch ist bester Journalismus. Die beiden Autoren erlebten ihre Einschnürung in ihren Büros in China, sie mussten endlich wieder richtigen Journalismus machen und das bedeutete, vor Ort zu recherchieren. Sie haben 25 Länder besucht, sind mit 80 Flugzeugen 235.000 km weit geflogen, riskierten ihr Leben auf 15.000 Kilometern auf gefährlichen Pisten und Strassen. Sie berichten, dass das nicht bequem ist, wenn man von Cabinda nach Muanda fliegt und dann nach 400 km Schlaglochpiste in Kinshasa ankommt. Und man endlich in einem  Hotel für 100 US-Dollar landet, das nichts von dem hat, worauf der Westler meint Anspruch zu haben, kein fließendes Wasser, kein Internetzugang. Jede Nacht Kampf gegen die Moskitos.

Man muss sehen, dass die afrikanischen Eliten noch fetter werden dank der Chinesen und dass die Staatschefs geradezu begeistert sind über die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird. China hat den zweiten Afrika Summit organisiert, den ersten im ägyptischen Badeort Scharm el Cheik, den zweiten in Peking.

Was die Autoren nicht berücksichtigen: Wie gut China in die Lücke springt, die das Scheitern der westlichen Entwicklungshilfe geschlagen hat. Den Staaten wurde Geld gegeben, hunderttausende Experten haben sich in 60 Jahren im Entwicklungsdienst dumm und dämlich verdient, aber es blieb an den „grassroots“, bei den Bauern und kleinen Landwirten und der heranwachsenden Stadtbevölkerung wenig hängen. Angetreten, State und Nation-Building zu betreiben, haben wir jetzt auf dem Kontinent mit wenigen Ausnahmen ein Sammelsurium exquisiter korrupter Kleptokratien und mittlerweile zwei Länder, die schon ihren Staat verloren haben: Somalia und die Zentralafrikanische Republik.

Afrika hat mehr Zutrauen zu China als zum Westen. Das Buch zitiert den damaligen nigerianischen Präsidenten Obasanjo, der 2006 beim Besuch des Chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Nigeria sagte: „Und wenn Sie die Welt führen, wollen wir dicht hinter ihnen sein. Wenn Sie auf dem Mond landen, wollen wir nicht zurückgelassen werden.“ Pekings Verführungskunst setzt sich aus einem antikolonialistischen Diskurs und einer chamäleonartigen Diplomatie zusammen.

Das Buch endet mit der Gewissheit, dass China schon seinem totalen Sieg entgegengeht, über die Welt, auch Europa und die USA. Das muss man noch nicht so eindeutig sehen. Die inneren Schwierigkeiten, die China bewältigen muss mit einer nach mehr Rechten gierenden Bevölkerung und mit den Standards in der Ökologie, deren Nicht-Beachtung sich auch für das eigene Land rächen werden, sind da gewaltige retardierende Momente. Die Welt, auch die Medien wissen  noch nicht, wie die innere Entwicklung Chinas sich in 20-30 Jahren ergeben wird.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014