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20.03.2014

Ökologie-Jahrbuch - Ein Buch zum Mutmachen

Ein Buch, das Mut machen und Brücken in die Zukunft bauen soll. Es sind sehr unterschiedliche Beiträge, manche sehr gut, manche etwas sperrig und akademisch. Von Rupert Neudeck

Der erste Teil mahnt unser Europa, weiter voranzugehen und nicht stehenzubleiben auf dem Wege zu einer umweltfreundlichen Politik.

Der zweite Teil, der wohl wichtigste, geht um Strategien für eine solche Politik: Suffízienz sei unentbehrlich für diese Nachhaltigkeits-Politik. Joseph Huber beschreibt, wie Effizienz und Suffizienz nicht ausreichen. Als nämlich klar geworden war, „dass ein verändertes Konsumverhalten eher unwahrscheinlich ist und eine höhere Effizienz vorhandener Produktions- und Verbrauchsketten für sich allein unzureichend sein könnten“, kam als dritte Komponente die Umweltsinnovation an den Tag. Strukturwandel in Form von ökologischer Modernisierung, die die Stoffumsätze der Industriegesellschaft so verändert, dass sie mit Naturprozessen wieder besser verträglich werden kann. Das sei „die Grundidee der metabolischen Konsistenz  durch Ökoinnovation“.

Dazu hat sich Ernst Ullrich von Weizsäcker der Frage gewidmet, wie wichtig Effizienz für diese Politik ist. Zwischen der Erhöhung der Stoffproduktivität und der Erhöhung der Energieproduktivität gäbe es nur selten Synergien. Synergien gäbe es – so sein gutes Beispiel – beim Aluminium. Beim Recycling sei der Energieaufwand pro hergestellter Tonne fast 20 mal kleiner als bei der Herstellung der gleichen Aluminiumsmenge aus Bauxit. Dagegen sei es bei den Seltenen Erden eher umgekehrt: Der Energieaufwand sei für die ganze Sortier- und Trennarbeit deutlich höher als bei der Gewinnung derselben Metallmenge aus Erzen.

Es gibt bisher vier Maßnahmenbündel: Spezifische Effizienzvorschriften (1.); generelle Einsparvorschriften (2.), insbesondere die bis 2014 umzusetzende EU Energieeffizienzrichtlinie, die eine Minderung des Energieverbrauchs um 1,5 % jährlich vorschreibt, die Umweltmanagement-Systeme (3.). Dabei sollen Verbesserungen des Umgangs mit Schadstoffen und Energie erreicht werden, Alles allerdings freiwillig Und die (4.) Umweltbewußte Beschaffung. Wobei der erste große Schwung aus Japan kam mit dem „Green Purchasing Network“.

Der Autor schließt mit dem Wunsch, dass möglichst alle Länder der Erde sich auf ein neues System der Verteuerung des Naturverbrauches einigen und einstellen sollten. In den USA sei man ideologisch dagegen. In der EU sei die Idee eines staatlichen Eingriffs in den Energiepreis nicht anstößig, es gäbe Widerstände von Hauptbetroffenen. Von Weizsäcker erwähnt sein Paradebeispiel Japan. In der Zeit 1975 bis 1990 gingen die Energiepreise in ungewohnte Höhen, gut doppelt so hoch wie in den Konkurrenzländern. Das ergab in Japan einen faszinierenden Innovationsschub. Die fünfte Computergeneration in Japan lehrte Silicon Valley das Fürchten.

Wird es, frage ich mich als Leser immer nur mit Freiwilligkeit gehen können?

Mich fasziniert das Beispiel Ruanda, das strikte jeden Import und jede Produktion von Plastik verbietet und diese Verbote drakonisch umsetzt. Das schadet niemandem im Land wie außerhalb und ist für die Welt ein Gewinn. In dem nächsten Jahrbuch sollte es ein Kapitel über dieses interessante nach vorne stürmende Land in Afrika geben.

Im dritten Teil werden Elemente des guten Lebens vorgestellt: Der Homo socialis auf der Suche nach einem anderen Glück, Gelassenheit, Begrenzung der Wünsche. Der vierte und fünfte Teil gelten den Strategien des Wachsens und Schrumpfens und den Schritten zu einer großen, eindeutigen und allgemein akzeptierten Umweltpolitik.

Auf jeden Fall soll das Buch mehr Mut als Angst machen

Obwohl es sich dabei dann auch etwas vergaloppiert in einzelnen Beiträgen. In dem Kapitel über Stiftungen als ökologische Ratgeber heißt es wie als Fanfare im ersten Satz: „Die Umweltbewegung in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte“. Ob man mit Erfolg und Scheitern überhaupt in diesem Bereich der Politik schon werben kann, würde ich bezweifeln. Auch wirkt es hausbacken, den ERFOLG an den Zahlen der Mitglieder der größten Umweltverbände festzumachen: Greenpeace, WWF, BUND, NABU, die zusammen 1,8 Mio Mitglieder und einen Jahresumsatz von 120 Mio Euro hätten.

Wenn der Leser eine Bitte frei hätte: Weniger akademische Begriffshuberei, weniger Abkürzungen, auf manchen Seiten kumulieren die Begriffsungetüme und Abkürzungen.

Auf zwei Seiten stauen sich die Abkürzungsvehikel: DNK, RNE, CSR, DVFA, ESG, UN PRI, ESG-KOPI, IIRC. Das ist zuviel. Und ich würde auch vermuten, dass ein sparsamerer Gebrauch und Verbrauch des schönen Wortes „nachhaltig“ dem zugute käme, was das Wort bewirken soll. So wie es allein schon in allen Kapitelüberschriften vorkommt, gerät es zum Modewort mit all der damit angesagten Besinnungslosigkeit und Beliebigkeit. Die Politik nutzt schamlos das Wort als Passe-Par-Tout-Wort und hat es längst inflationiert, aber ohne die praktischen Konsequenzen.

Glänzend die sechs Beispiele von Megaprojekten, bei denen die Gegner derselben Recht behielten – im Gegensatz zu den Demonstranten, die in Stuttgart den Untergrundbahnhof verhindern wollten: WAA Wackersdorf wurde beerdigt. Es wird demonstriert gegen die 500 t Atommüll, die dort pro Jahr gelagert und wieder zu Brennstoff für die deutschen AKW’s werden sollten. „WAAhnsinn“ hieß es in Transparenten bei den Demonstrationen.

Im Oktober 1988 stirbt Franz Josef Strauß. Ein halbes Jahr heißt es als Alternative: „Wiederaufbereitung in Frankreich sei billiger.“ Ende Mai 1989 wird der Bau in Wackersdorf eingestellt. Zwei Mrd D-Mark sind vergeudet, eine Milliarde kostet der Rückbau. „Seit Wackersdorf wagt sich die Wirtschaft an kein neues Atomprojekt mehr.“

Nach Fertigstellung des Schnellen Brüters in Kalkar 1985 untersagt die Landesregierung NRW den Betrieb. 1991 verkündet die Bundesregierung das Ende des Brüters. Die Investitionsruine Kalkar kostete umgerechnet 3,6 Mrd Euro. Auch in Wyhl und Mülheim-Kärlich werden für Milliarden DM AKWs gebaut. Wyhl geht nie ans Netz, Mülheim Kärlich wird nach zwei Jahren abgeschaltet.

Das Megaprojekt Transrapid wird ausgebremst. Die schönste Erfindung, seit es Subventionen gibt, hieß es spöttisch. Die verzweifelte Suche nach einer deutschen Strecke endete 2008 in München. Zu den 1,2 Mrd Forschungssubventionen kommen „nur“ 122 Mio Planungs- und Verfahrenskosten für die Münchener Probestrecke hinzu.

In Leipzig sollte im Zuge des Olympia Fiebers 2003 der Bau des City Tunnels beginnen. Die 3,9 km lange Strecke war mit 571 Mio Euro subventioniert. Seither verdoppeln sich die Kosten auf 1 Mrd Euro. Durch den Tunnel wird die überflüssigste S-Bahn der Republik fahren, die ICEs sollen gar nicht durch den Tunnel fahren.

Flughafen Magdeburg-Cochstedt wird verramscht. Die sowjetische Armee hinterläßt einen maroden Luftstützpunkt. Die Pisten von anderen Flughäfen liegen alle im Umkreis von 200 km um Cochstedt herum. Der Umbau hatte 60 Mio verschlungen. 2008 wird der Flughafen an eine Investmentgesellschaft aus Abu Dhabi verkauft, die den Kaufpreis nicht zusammenbekommt: 9 Milliarden Euro. Das Land tritt zurück. Im nächsten Sommer soll geflogen werden, sagt ein dänischer Betreiber, der sich mit nur 1,5 Mio Euro einkauft. Keiner glaubt, dass sich der Flughafen noch einmal materialisiert.

Ein sehr informativer und repräsentativer Überblick über die Themenbereiche, die die Ökologie mittlerweile mit umfasst.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014