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27.03.2014

Der Geschmack von Asche: Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa

Mehr als Zeitgeschichtsschreibung. Zu einem Buch über das Nach-Leben des Totalitarismus in Osteuropa. Von Rupert Neudeck

Das Buch fällt aus allen Kategorien heraus. Es wählt diesen etwas chaotischen Weg, weil man anders nicht an dieses vielfältige unglaubliche, nicht zu beherrschende „Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa“  herankommt. Die Autorin tut immer alles, was eine gute Historikerin auch macht, aber immer noch viel mehr. Und sie lässt den Leser teilhaben an den Arbeitsbedingungen von jemandem, der da zwischen Warschau, Krakau, Wilna, Bratislava, Tel Aviv, Prag und Auschwitz immer hin und herfährt, Zeugen sucht, diese Zeugen findet und beim Auffinden der Gesuchten auch gleich wieder neue findet

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich den Reichtum der vielen Herkünfte, Ethnien, Religionen und die unglaubliche Enttäuschung und die Verzweifelung, die die großen Visionen Faschismus, Kommunismus und Zionismus ausgelöst haben, so hautnah wiedergegeben lese.

Diese Autorin hat den Charme, das Persönliche mit dem Objektiven so zu verknüpfen, damit wir mehr verstehen. Sie hält sich gar nicht dabei auf, dass das zu subjektiv sei und nicht gehe. „Osteuropa ist anders. Es ist Europa, nur in höherem Maße“, das sind Worte, die wie Fanfarenklänge der Erkenntnis am Anfang stehen wie eine Confessio. Sie meint dieses Bekenntnis. Denn die Leiden der beiden großen Kriege waren nirgendwo so nachhaltig drückend und unbeendbar wie in diesem Teil von Europa.

Geschichte könne gnadenlos sein, das glaubt man der Autorin am Ende noch mehr als am Anfang. „Durch eine ihrer Launen gingen hier, als Einfluss und Besatzung Nazideutschlands von der Vorherrschaft der Sowjetunion abgelöst wurden, Zweiter Weltkrieg und Kommunismus ineinander über“. Das ist das Schicksal von Polen, Ost-Polen, der Ukraine. Die Autorin schreibt über geschichtliche Traumata, und zwar so, dass man sie als Leser versteht. Nirgends nur theoretisch. Immer in den Geschichten, die sie in den Nationalarchiven findet, denen sie aber dann auf der Suche nach dem einen oder andere Überlebenden nachgeht. Irgendwie sind wir alle Überlebende des Weltkriegs, der Zerstörung des alten Europa, des Stalinismus und der poststalinistischen Zeit.

Sie gibt noch etwas preis. Erst 1993 ist sie als Studentin auf Osteuropa gestoßen. Sie hatte in der Stanford Universität von diesem wunderbaren Versuch einer Samtenen Revolution gehört, ja sogar von der Erfüllung des Platonischen Mythos, dass Philosophen Könige werden können. Denn dieser Schriftsteller Vaclav Havel wurde „Philosophenpräsident“, der künftig in einer prachtvollen riesengroßen Burg wohnte und Frank Zappa zu einem seiner Berater machte. Sie sei nach Osteuropa gegangen, naiv, weil sie eine Geschichte mit gutem Ende erfahren wollte. Wo die Philosophie an die Macht kam und das Volk sich selbst befreite.

Aber das Verstehen-wollen setzte ganz neue Ziele.

„Wollte ich die Dissidenten verstehen, musste ich ihre Vorgänger, die marxistischen Revisionisten verstehen.“ Und wenn sie die verstehen wollte, wollte sie die Stalinisten der 50er Jahre verstehen. Wenn sie den Stalinismus begreifen wollte, musste sie in den Schacht des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust hineinsteigen.

Sie versucht in den vielen erzählten Geschichten die Attraktionen herauszubekommen, die der Kommunismus, ja auch Stalin und der Stalinismus auf die Menschen hatte. Besonders auf die Juden dieser Länder. Das Buch ist deshalb bedeutender durch die Methode, die es anwendet als rein durch seine Inhalte. Immer, wenn sie an eine Eckfrage kommt, in der Menschen an die Grenzen ihrer Existenz gegangen waren, versucht sie nicht akademisch oder mit Akten daraus zu kommen, sondern indem sie jemanden fragt, der es aus sich oder der Tragödie seiner Familie beantworten kann.

Der Ghetto Aufstand und danach der polnische Nationalaufstand spielen eine gewaltige Rolle. Auch die fast hundertjährigen Zeitzeugen wie ein Marek Edelmann (2009 gestorben) oder ein Wladyslaw Bartoszewski. Sie geht mit dem Israeli Seth, der immer wieder in das Land seiner Vorfahren kommt, durch die Lager Polens. Für Seth war Polen ein riesiger Aschehügel, Asche und Antisemiten. Israel organisiert diese Märsche der Lebenden wie Pilgerfahrten. Seth verabscheute die Polen dafür, dass sie so lebten, als sei ihr Land nicht das, was es ist: ein jüdischer Friedhof.

Der polnische Historiker Jan Gross verleitet sie dazu, in den Archiven des Jüdischen Historischen Instituts zu forschen, dort versenkt sie sich in die Akten des „Zentralkomitees der Juden in Polen“. Im November 1944, bald nach dem Warschauer Aufstand, war das Zentralkomitee in Polen zusammen gekommen, um die Reste des Judentums zu sammeln. Es waren jüdische Kommunisten, Zionisten, Bundisten, Jiddischisten und Diasporanationalisten. Darunter war der marxistische Zionist Adolf Berman – später in der israelischen Regierung: Er glaubte daran, dass das Schlimmste vorüber war und die neue Welt unter Stalin nicht mehr lange auf sich warten ließ. Da dämmerte der Autorin, dass Judentum und Kommunismus aufs Engste miteinander verbunden waren.

Nirgends habe ich bisher die Beschreibung von Jozef W. Stalin so bedrückend gefunden wie in dieser unbeabsichtigten Dämonologie. Überall lugt der große grausame Verbrecher und Schlächter in Osteuropa um die Ecken und Friedhöfe. Wanda Wasilewska taucht immer wieder auf, die es sogar bis zu der Geliebten von Stalin gebracht haben soll. Sie hatte die zweite polnische Division aufgebaut. „Ihre Division war bei der Befreiung von Majdanek beteiligt. Als die eintraf, waren die Öfen noch heiß. Für sie war die Entscheidung klar: der Gulag oder die Gaskammern. Und aus dem Gulag kamen die Leute zurück“. Ein anderer Zeitzeuge sagte ihr in Brooklyn: Die Leute starben in den sowjetischen Lagern, „aber nicht in den Öfen“.

Die Intellektuellen und Schriftsteller gehen scharenweise nach dem Krieg aus dem Land in die Vereinigten Staaten, nach Großbritannien, nach Paris. Sie blättert diese ganze reiche Literatur auf, von noch Lebenden und von schon gestorbenen. Für ganze Generationen wurde das Buch des in Paris exilierten Czeslaw Milosz Programm: „Verführtes Denken“. Er hatte den Kollaborateur einen „Ketman“ genannt. Das „verführte Denken“ hatte polnische Schriftsteller dazu gebracht, mit dem kommunistischen Regime zu kollaborieren, sie waren also alle Ketman. Natürlich ist ein wichtiger Zeuge Adam Michnik, der eben nicht abgehauen ist, sondern als ein unbeugsamer Widerstandskämpfer durchgehalten hat.

Vaclav Havel habe mit „Als ob“ den eine Lüge lebenden Gemüsehändler gemeint und beschrieben. Für Adam Michnik war das Als Ob ein Normativ, ein moralischer Imperativ. Man sollte so leben, als ob man frei wäre, als ob es so etwas wie moralische Verantwortung gäbe. Ich besinne mich, dass ich in der Zeit der heftigsten Unterdrückung noch vor der Solidarnosc ihn besuchte. Ich sollte ihn underground mit einer dort geliehenen Kamera filmen und interviewen. Ich fragte ihn, wo wir das Interviews machen sollten. Er sagte, wir manchen das im dichtesten Verkehr auf der Aleje Jerozolimskie mitten in Warschau zwischen den Passanten. Wir machten das so, als ob es ganz sicher wäre. Ich machte mir als Westler vor Angst beinahe in die Hose. Er sandte ganz klare und eindeutige Signale über den Fernsehfilm in den Westen und nach Deutschland.

Die Autorin war aber nicht Zionistin geworden, sondern wie ihr Freund Seth immer wieder bemerkte: eine „wurzellose Kosmopolitin, und eine Jüdin, die sich selbst hasste“.

Vielleicht kann man so mit dem Rüstzeug des Historikers, mit einer jüdischen Herkunft in den USA über den Ghetto-Aufstand, den Holocaust und den Weltkrieg und den Untergang der Menschheitshoffnung sprechen/schreiben.

Das Kapitel über die Lokomotive der Geschichte wird man mehrmals lesen müssen. Das Kapitel versucht zu erklären, weshalb Menschen in Polen auch dann noch Stalinisten blieben, als ihre Eltern in der Zeit des großen Terrors in Moskau umgebracht worden waren. Es bleibt eines der schmerzhaftesten Themen zwischen Polen und Juden: die Beziehung zwischen Juden und Kommunisten. In Polen gab es das Stereotyp des „Judäo-Bolschewismus“. Die Autorin beschreibt die Familie des Gewährsmannes Staszek: Vater und Großvater waren Stalinisten gewesen. Sein Urgroßvater war Gründervater des polnischen Kommunismus. Und der Kommunismus war die Hoffnung der Menschheit. Es gab eine tiefe Verwandtschaft zwischen Judentum und Marxismus, der Marxismus war eine messianische Hoffnung. „Zu einer Zeit, in der man sich offenbar zwischen Hitler und Stalin entscheiden musste, war Stalin zum Messias geworden.“. Und erst nach 1968 sei ihnen langsam klar geworden, dass Kommunismus und Faschismus einander glichen.

Man erfährt beiläufig, wie die Autorin alle wichtigen Sprachen der Region lernt. Da sagt sie, sie sei gerade aus Warschau in Prag angekommen und verfiel in dem Gespräch mit der Überlebenden von Auschwitz Heda Margolius ins Polnische, vermischte tschechische und polnische Wörter. Die Heda tröstet sie. In „Auschwitz habe sie mit den Polinnen Tschechisch gesprochen und die hätten mit ihr Polnisch gesprochen und jeder habe die anderen verstanden“. Dann wieder berichtet sie, dass sie im Herbst 2008 in Stanford angefangen habe, Jiddisch zu lernen. Also eine fast gestorbene oder genauer ermordete Sprache, die aber für die wenigen, die da noch geblieben sind, von einer unerhörten Bedeutung zu sein schien. Der Klang des Jiddischen machte der Autorin das „Vorkriegs-Warschau besser vorstellbar, als es noch an jeder Ecke zu hören war.“

Ein Buch, das man immer wieder zur Seite legen muss, so dicht und klar sind die Erkenntnisse. Zumal, wenn man abends im Fernsehen sieht, wie eines der betroffenen Völker auf dem Majdan in Kiew versucht, endlich nach Stalin und Hitler und Putin seine eigene Zukunft zu machen und zu erobern.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014