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24.04.2014

Am Anfang war das Korn

War am Anfang  der Roggen oder der Weizen? Zu einer Weltgeschichte der menschlichen Ernährung. Von Rupert Neudeck

Für alle, die sich in der Umweltbewegung und dann auch noch in der Landwirtschaft betätigen wollen, ist das Buch von Hansjörg Küster eine wichtige Lektüre. Schon der Titel gibt uns die Kraft des Arguments: „Im Anfang war das Korn“. So geht der Autor mit der Kenntnis des Biologen, des Forstwirts, des Landwirts, des Wissenschaftlers und des Praktikers durch die Jahrhunderte des Landbaus. Wir lernen die Naturgeschichte vom Korn, von Hülsenfrüchten, von Weizen, Roggen, Erbsen und Linsen, Mais und  Kartoffeln. Man lernt alles über die Abhängigkeit der Naturpflanzen von der Hegung und Kultur.

Es liest sich wie eine spannende Naturgeschichte, die uns immer wieder aufklärt und am Schluss diese Aufklärung auch noch mal zusammenfasst: „Alle Pflanzen und alle Tiere wachsen nach natürlichen Prinzipien. Aber keine Landwirtschaft entspricht der ‚Natur’, sie ist immer eine Form von Kultur“. Agrikultur eben, oder „agriculture“ im Englischen. Menschliches Handeln wurde durch den Anbau von Kulturpflanzen und das Halten von Tieren von Grund auf verändert. Menschen haben im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder neue Nahrungspflanzen entdeckt. Sie haben Pflanzen angebaut, ihr Wachstum gefördert, das Wachstum von anderen Gewächsen zurückgedrängt, die am gleichen Ort oder Acker in die Höhe kamen.

Wir müssen uns daran gewöhnen: Viele ausdauernde Kulturpflanzen wurden veredelt oder gepfropft. Pflanzen wurden und werden durch Züchtung verändert, auch mit Verfahren der sog. Gentechnik, bei der das genetische Material gezielt verändert wird, kann man Lebewesen auf effizienterem Wege als bislang erwünschte Eigenschaften verleihen. Dieses Verfahren ist auf den ersten Blick schwieriger einzuschätzen, auch ist es schwerer, die Grenze zwischen „Erlaubtem“ und „Unerlaubtem“ zu ziehen.

Das Buch bleibt dabei, zu bestimmten ideologischen Prämissen einfach die Fragen als Fragen zu belassen. „Darf man konventionell züchten, die Gentechnik aber nicht anwenden? Das wird sicher eine Debatte auslösen, hoffentlich eine, die sich den Sachverhalten stellt und nicht der Ideologie. Darf man Gentechnik anwenden, wenn man auf diese Weise Pflanzen erhält, die man weniger düngen oder weniger mit Pflanzenschutzmitteln behandeln muss? Alle diese Fragen, sagt der Autor, sind nicht leicht zu beantworten, und je mehr man von der Landwirtschaft weiß, desto schwerer fallen die Antworten.

Jede Form von Landwirtschaft wirkt auf natürliche Prozesse ein (manchmal sogar gegen sie). Ohne Landwirtschaft wäre die kulturelle Entwicklung der Menschheit völlig anders verlaufen. Der Hunger aber kann nicht effizient genug bekämpft werden, wenn man sich ausschließlich auf die heute bekannten natürlichen Zusammenhänge verlässt. Es bedarf einer „kulturellen Verantwortung, die mit der Absicht verbunden ist, natürliche und kulturelle Interdependenzen optimal zu nutzen“.

Das Buch beschreibt die Weltgeschichte der Nahrungsmittel seit den Zeiten der Jäger und Sammler, dann der ersten Ackerbauern. Es beschreibt die Entstehung von Kultururpflanzen an vielen Orten der Welt, zumal an den großen Strömen des Orients wie auch am Mittelmeer. Im Kapitel „Zivilisationen und Barbaren“ beschreibt der Autor, wie zwei Landnutzungssysteme aufeinander stoßen.

Er beschreibt die Sonderformen des mittelalterlichen Kulturpflanzenbaus wie die Globalisierung der Kulturpflanzen.

Da es in vielen Gebieten nicht genügend Winterfutter für die Tiere gab, kam es zu der Form von Transhumanz. Im Sommer hielten sich Tiere und Hirten in der Umgebung von Siedlungen in den Kalkgebieten auf, z.B. auf der Schwäbischen Alp, im Winter zogen sie in schneearme Senken wie beispielsweise die Oberrheinebene.

Man erfährt den Ursprung von Spruchweisheiten. Z.B. von dem „Blauen Montag“. In der Eisenzeit kamen wichtige Färbepflanzen nach Mitteleuropa, der Färberwaid.- Es handelte sich um ein Kreuzblütengewächs mit dem gleichen Inhaltsstoff wie die Indigopflanze, die aus Indien kam. Die Blätter der gelb blühenden Pflanze verfärben sich blau, wenn sie vertrocknen.

Diese Farbe kommt auch zum Vorschein, wenn man die Pflanzen in einem Becken einem Fermentationsprozess unterwirft. Man kann diesen Prozess beschleunigen, wenn man das Erntegut im Fermentationsbecken auch mit Harn bedeckt. Darauf soll sich der Begriff des blauen Montags beziehen. Montag wurden die Menschen nach übermäßigem Alkoholtrinken am Sonntag einbestellt, um den Inhalt des Beckens „blau zu machen“.

Da ist jemand, der das alles, was es auch an Urteilen und Vorurteilen zu gesunder Ernährung gibt, auseinandernehmen kann. So entlarvt er die von unseren Eltern immer wiederholte Behauptung, Spinat, den wir nicht mochten, sei so wertvoll und überlebenswichtig, weil er Eisen enthielte, als Märchen. „Spinatblätter  sind nicht reicher an Eisen als die Blätter anderer Pflanzen“. Spinat kam aus Asien und gelangte wohl durch die Vermittlung der Araber nach Spanien, wo er im 16. Jahrhundert gegessen wurde.

Es sind herrliche Beobachtungen zu der Sprache und den Bezeichnungen, die manche Nahrungspflanzen bei uns bekamen, so der Namen für die „sehr merkwürdige“ Pflanze, die wir Rhabarber nennen. Es sei ein Knöterichgewächs, Verwandter von Knöterich und Sauerampfer. Die Bezeichnung Rhabarber komme wohl daher, dass man die Pflanze ursprünglich als „barbarisch“ ansah. In Deutschland wurde sie erst seit dem 19. jahrhundert angebaut.

Es sind alles bestechend genaue Beschreibungen der Karriere all der Nahrungsmittel, die wir kennen und konsumieren. Die Kultivierung der Gemüse, der Salate und des Obstes nahm weniger, so der Autor, in den Dörfern, als vielmehr in den Klöstern zu. Auch in Schlössern und Herrenhäusern. Die Bauern auf dem Land hielten sich immer an die traditionelle Ernährung, das tun die Kleinbauern in Afrika und Asien bis heute. Man hielt und hält Bauern für wenig innovativ, was den Gemeinspruch rechtfertigt, den es hoch- und plattdeutsch gibt: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht!“

Gewaltig waren für den gedeckten Tisch in Europa die Folgen aus den Eroberungen von Christoph Kolumbus 1492 in Lateinamerika. Kolumbus brachte zwei Genussmittel, die aus Pflanzenteilen gewonnen wurden mit: den Tabak, ein Nachtschattengewächs und den Kakao aus der Familie der Malvengewächse. Vielleicht auch die Kartoffel, die dann später zum wirtschaftlich wohl wichtigsten Produkt aus der Neuen Welt wurde, die man in Europa anbaute und verwendete.

Äußere Faktoren sorgten auch für Veränderungen auf den Märkten. Der Kolonialismus gehört zwar der Vergangenheit an. Aber auch heute werden viele Pflanzen in den ehemaligen Kolonien für die reichen Industrieländer angebaut, der Anbau von Pflanzen für die einheimischen Märkte komme dabei manchmal zu kurz.

Das Buch mündet in die Gebrauchsanleitung: „Die moderne Landwirtschaft und der kritische Verbraucher“. Eine sehr erfrischende antiideologische Lektüre.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014