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28.04.2014

Johannes Lepsius – Eine deutsche Ausnahme

Der Völkermord an den Armeniern, Humanitarismus und Menschenrechte. Der Pilgervater deutscher Menschenrechtsaktivisten. Zu einer späten Würdigung von Pfarrer Johannes Lepsius, dem Anwalt der Armenier. Von Rupert Neudeck

Das schönste Beispiel einer Würdigung dieses bedeutenden Pilgervaters aller deutschen Humanitären bietet Margaret Lavinia Anderson in dem Beitrag mit dem wegweisenden Titel und Fragezeichen: „Helden in Zeiten eines Völkermordes?“ Die Historikerin aus den USA beschreibt drei Helden, die als solche galten und es im Unterschied zu Lepsius nur bedingt waren: Armin T. Wegner, Ernst Jäckh und Henry Morgenthau. Der eine, der es wirklich war, Johannes Lepsius fiel bald der Vergessenheit anheim. Immerhin tauchen die drei Wegner, Jäckh und Morgenthau im großen Brockhaus von 1952 auf.

In der Ausgabe von 2006 findet man immer noch Eintragungen zu Jäckh und Morgenthau aber nicht zu Lepsius. Die Autorin zeichnet Wegner, der in Yad Vaschem wie in Armenien sehr geehrt wurde, als eher feigen Opportunisten. Von seiner Frau trennte er sich, die Jüdin war und im Februar 1936 nach Palästina mit Sohn und Tochter zog. In der Hoffnung, dass er damit wieder Mitglied in der Reichsschrifttumskammer werden könnte, informiert er deren Präsidenten, dass sich seine jüdische Frau von ihm getrennt hätte. Der große Humanist kritisierte nie den italienischen Faschismus, lebte er doch für einige Jahre in Italien. Er war eben wie jemand, der das Unglück hatte, in einer faschistischen Diktatur zu leben und die Kompromisse schloß, die ihm erlaubten, zu leben.

Es soll einen Brief Wegners an Adolf Hitler von 1933 geben. Von diesem Brief wird behauptet, er sei von dem „einzigen Schriftsteller gemacht, der im Nazireich jemals öffentlich seine Stimme gegen die Verfolgung der Juden erhoben hat“. Aber die Autorin ist unerbittlich in ihrer Entmythologisierung des Heldentums von Achim Wegner: Es gibt den Brief so nicht.  Jeder Brief an Hitler, der die Juden verteidigte war ein mutiger Brief. Aber es sei möglich, dass die einzige Person, die den Brief jemals gelesen hat, Wegners jüdische Frau war. Weiter ist sein Eintreten für die Armenier während des Völkermordes auch nicht so heldisch, wie Wegner das in seiner Selbstdarstellung gern hätte. Wegner habe den Armeniern ein heiliges Versprechen gegeben für ihre Versorgung und Rettung zu kämpfen, wenn er nach Hause käme.

Aber nachdem er 1916 zurückgekehrt war, verbrachte er die erste Zeit mit Bemühungen, die osmanische Armee dazu zu bringen, ihm ihre höchste Auszeichnung zu verleihen, den Eisernen Halbmond. Nach eigenem Bekunden hielt sich Wegner zwei Jahre in der Nähe der hungernden und sterbenden Armenier auf. In der Nähe der Lager und Straßen, wo sich die Deportationen und der Völkermord abspielten, hielt sich Wegner nur ein paar Wochen auf. Er lebte also aus zweiter Hand. Er war also nicht der, für den er sich und andere ihn hielten. Es war kein heroischer Wegner, der eine Erinnerungskultur bezeugte, „sondern unsere wachsende Erinnerungskultur, die den heroischen Wegner erst geschaffen hat“.

Es waren noch zwei weitere, nicht so durchsichtige Helden, die keine waren. Der Verleger Ernst Jäckh und der US-Botschafter in Istanbul Henry Morgenthau. Die Autorin bestätigt auch, das Morgenthau ganz und gar nicht der Held war, der gegen den Völkermord kämpfte, sondern ein pragmatischer Diplomat, der die Interessen der osmanischen Führung und der US-Regierung durchaus zu wahren wusste. Am 16-. Juli 1915 übermittelte er der Regierung ein Telegramm, in den es den Satz gibt: „Eine Kampagne der Rassenauslöschung ist im Gange unter dem Vorwand der Vergeltung der Rebellion“. Dieser Satz würde immer zitiert, aber nicht, was unmittelbar in dem Telegramm danach kommt: Morgenthau rät, keinen Aufschrei zu erheben.

„Nichts außer bloßer Gewalt, die die USA offenkundig nicht ausüben können, wäre der Situation angemessen. Proteste ebenso wie Drohungen sind vergeblich und spornen das osmanische Regime vermutlich zu drastischeren Maßnahmen an. Schlage vor, die Krieg führenden Nationen und Missionswerke zu benachrichtigen“. Der deutsche Reichskanzler drückte die Haltung unverdrossen so aus am 17. Dezember 1915: Das einzige Ziel der Reichsregierung sei es, die „Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht“.

Wie wertvoll das Beispiel  von Johannes Lepsius war und ist, macht Manfred Aschke in dem Beitrag über die Gebote der Bergpredigt und der legitimen sozialen Ordnung im Werk von Johannes Lepsius deutlich. Zwei Pfarrer der evangelischen Kirche stritten über diese Fragen der pragmatischen Politik und einer Politik, die an der christlichen Ethik Maß nehmen würde. Friedrich Naumann, der spätere Begründer des „Mitteleuropa“ Konzeptes und Lepsius. 1898 machte Kaiser Wilhelm II eine Reise in den Nahen Osten, auf der ihn Friedrich Naumann begleitete. Naumann versprach sich vom Kaiser eine Verbindung von Weltpolitik und fortschrittlicher Gesellschaftspolitik.

Naumann gab als Kontrapunkt zu Lepsius in einem Artikel das Statement eines deutschen Handwerkers in Konstantinopel unkommentiert wieder: „Ich bin ein Christ und halte die Nächstenliebe für das erste Gebot. Und ich sage, die Türken haben Recht getan, als die die Armenier totschlugen. Anders kann sich der Türke vor den Armeniern nicht schützen, von dem seine Noblesse, Trägheit und Oberflächlichkeit auf das Unverantwortlichste ausgenutzt wird. Der Armenier ist der schlechteste Kerl von der Welt.“ Naumann bot der Türkei den Ausweg, den sie bis heute geht: Es war Notwehr und die armenische Frage in erster Linie eine innertürkische politische Angelegenheit. „Als ein Todeskampf eines alten großen Reiches, das sich nicht ohne letzte blutige Rettungsversuche will töten lassen“.

Phänotypisch sind hier die Positionen gegenübergestellt, die auf dem 11. Evangelischen Kongress am 8. Juli 1900 in Karlsruhe aufeinanderprallten. Der Anspruch Deutschlands auf Weltmacht ruht nach Lepsius in den sittlichen Werten unseres Volkes, in der Tatsache, dass wir Deutschen die erstberufenen Träger des Evangeliums in der gegenwärtigen Kultur sind. „Wenn wir Deutschen unsere Weltmission erfüllen wollen, müssen wir Deutsche und müssen Christen bleiben“.

Naumann hat den Humanitären zugedacht, sie dürfen gleichsam die Opfer unter dem Rad verbinden. „Nur ist zu verlangen, dass die Liebestaten niemals zu politischen Handlungen werden, die unsere deutsche Staatspolitik durchkreuzen“. Wer international sei – das war damals das schlimmste Schimpfwort, der solle die englische Politik und den Armeniern helfen. Wer national sei, der müsse auf Bismarcks Pfaden bleiben.

Wie Johannes Lepsius in jeder Weise eine Ausnahme war, zeigt der Beitrag von Manfred Galius über die Deutschen Protestanten im Ersten Weltkrieg. Kriegspredigten waren ein Gebot der Stunde. Buchstäblich jeder Pfarrer wollte mit dabei sein, den Krieg zu begleiten und mit dabei zu sein. Es wurden Kriegsanleihen in den Kirchen aufgelegt und es wurde dazu aufgefordert. Seit Herbst 1915 stand Pfarrer Ludwig Wessel auf östlichen Kriegsschauplätzen im Einsatz. Die russisch-orthodoxe Kirche im Litauischen Kaunas diente ihm als Garnisonskirche.

Er entwarf ein eigenes „kriegsverwendungsfähiges Kriegsgebet“. Das im Stile des Taufgelöbnisses den Pfarrer mit der Frage zitiert: „Wollt ihr dem Kaiser, unseren Obersten Kriegsherrn, den Schwur der Treue halten bis zum letzten Atemzug aus eurer Brust? Ja, wir wollen es. Wollt ihr mit euren Leibern decken und schützen unser teures Vaterland, Heimat und Herd, Vater und Mutter, Weib und Kind, Braut und Schwester, alles, was deutsch ist? So antwortet und gelobet: Ja, wir wollen es mit Gottes Hilfe!“

Das war nun Ausdruck einer unglaublichen Blasphemie. Das Buch macht uns deutlich, wie wir den Johannes Lepsius vergessen und nicht genügend als Vorbild akzeptiert haben. Am 15. März 1921 wurde Talaat Pascha in der Hardenberg Straße in Berlin erschossen. Der Mörder war der armenische Student Soghomon Tehlirjan. Er hatte Talaat Pascha wochenlang beobachtet und ihn dann mit einer 9-Millimeter Parabellum Pistole in den Hinterkopf geschossen. Es kam zu einem Prozess gegen den Mörder vor dem Landgericht Berlin Moabit in der Turmstraße. Der Prozess endete sensationell mit einem Freispruch. Die Verhandlung war zu einer über die Taten des Opfers geworden. Der Verteidigung war es gelungen, auf eine eingeschränkte Willensfreiheit des Angeklagten zu plädieren. Dieser Prozess hat enorme Wirkungen für die Nachgeborenen gehabt.

Die „New York Times“ schrieb: „die wirkliche Verteidigung des Attentäters war die entsetzliche Vergangenheit von Talaat Pascha, wodurch der Freispruch des Armeniers  von der Anklage des Mords zum Todesurteil für den Türken wurde“. Im Gerichtssaal saß ein junger überzeugter Republikaner, der in Berlin Jura studierte. Robert M.W. Kempner. Er sollte später als verfolgter Jude in die USA emigrieren und wurde bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen der Stellvertreter des US-Chefanklägers Robert Jackson. Der Pistolenschuss von Tehlirjan führte die Welt vor ein völkerrechtliches Dilemma. Im formalen Verlauf konnte der Völkermord an den Armeniern nicht auf die Agenda der Anklage gesetzt werden. Die ganze Verhandlung aber hatte dennoch etwas von einem Völkerrechtstribunal an sich.

Zum ersten Mal in der Rechtsgeschichte kam der Grundsatz zur Anerkennung, „dass grobe Menschenrechtsverletzungen, insbesondere Völkermord, begangen durch eine Regierung, durchaus von fremden Staaten bekämpft werden können und keine unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten eines anderen Staates bedeuten.“ In dem Prozess spielte der deutsche Anwalt Armeniens Lepsius eine große Rolle. Dem Gericht in Berlin wurde Lepsius‘ Dokumentation „Deutschland und Armenien“ mit den Unterlagen der Verteidigung als Beweisstück eingereicht-. Der Prozess kam in seine entscheidende Phase, als Professor Lepsius offizielle türkische Dokumente vorlegte, die bewiesen, dass die Führer der türkischen Regierung in Konstantinopel und besonders Talaat selbst dafür verantwortlich waren, dass die Deportationen zu einem Blutbad wurden“.

Im Gerichtsaal war noch jemand geistig zugegen, der für den entscheidenden Fortschritt in der Geschichte der Menschheit nach 1945 verantwortlich war. Es war Raphael Lemkin. Lemkin hatte als junger Jura-Student im ostpolnischen Lemberg über den Prozess in der Zeitung gelesen. Er schrieb in seiner Autobiographie, dass der Prozess dem Mord an einem unschuldigen Volk eine größere Bedeutung gab als der Tat von Tehlirjan. „Ich hatte zwar noch keine letztlich endgültigen Antworten, aber das sichere Gefühl, dass die Welt ein Gesetz gegen diese Form von rassisch oder religiös begründetem Mord erlassen musste. Und noch einmal wörtlich, als schönste Frucht dessen, was der deutsche Pfarrer Lepsius gesät hatte: „Souveränität kann nicht als ein Recht missverstanden werden, Millionen unschuldiger Menschen umzubringen“.

Lemkin wurde später für die Definition des Begriffs Völkermord verantwortlich. Am 8. Dezember 1948 nahm die Vollversammlung der Vereinten Nationen mit der Resolution 260A auf dieser Grundlage die Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Genozids an. Lemkin arbeitete bis 1939 als Anwalt in Polen. Der Shoah fielen 49 Mitglieder seiner Familie zum Opfer. Er kam immer wieder auf jenen Prozess in Berlin 1921 zurück, den Völkermord an den Armeniern und die dadurch geoffenbarten Mängel im internationalen Recht.

Ein wichtiges Buch, das uns die Erinnerung an einen zu Unrecht vergessenen Mahner und Menschenrechts-Aktivisten wiedergeben kann, wenn wir seine Erinnerung festhalten. Im Kreis der Menschenrechtsgruppen, der Parteien, die dafür noch einen Sinn haben, der Nicht-Regierungsaktivitäten, der deutschen Anwaltsvereine, der christlichen Kirchen, die für ihre Versäumnisse in der Vergangenheit noch Buße tun sollten, um für Johannes Lepsius Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu erreichen.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014