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08.05.2014

Command and Control: Die Atomwaffenarsenale der USA und die Illusion der Sicherheit

Nuklearaufrüstung bis zur Blasphemie. Zu einem nachträglich erschreckenden Buch von Eric Schlosser. Von Rupert Neudeck

Mein Gott, helft uns. Hilfe, wir brauchen Hilfe! Das Buch von Eric Schlosser berichtet von Unfällen mit Nuklearwaffen, dass sich der Leser nie wieder wird sicher fühlen unter dem Schirm einer Atom- oder Nukleardrohung. „Eine rund eineinhalb Kilometer lange Oxidatorwolke stieg von der Abschussanlage auf und trieb auf das Dorf Rock zu wie eine dunkle rotbraune Gewitterwolke. Die Anwohner wussten nicht, um was es sich handelte. Und die Autos auf dem Highway 77 fuhren mitten hindurch. Binnen kurzer Zeit evakuierte die Sicherheitspolizei der Air Force die zweihundert Einwohner von Rock.“ Es kamen gleich einige Menschen um, auch die Fachleute, weil bei der Untersuchung des Unfalls der Grund gefunden wurde für das Leck. In der Oxidatorleitung war ein Filter nicht eingesetzt worden, dessen Haltung, ein kleiner Gummiring noch in der Leitung war. Der Gummiring verkantete sich, so dass das Ventil nicht richtig schloss und der Oxidator ausfließen konnte. Niemand bekannte sich zu dem Fehler.

Später sollte Luftwaffenchef General Curtis Le May eine neue Organisationskultur ohne Fehlertoleranz begründen. Die Mitarbeiter wurden nicht nur für ihr Verhalten verantwortlich gemacht, sondern auch für ein Unglück, dass ihnen ohne ihr Zutun zustieß. „Irren ist menschlich“ und Vergebung entspreche nicht den Richtlinien des SAC. Der Unfall, der im vorletzten Kapitel berichtet wird, hat mit Problemen mit der Titan II Rakete zu tun. Das Pentagon hatte schon 1967 angekündigt, die Titan II nicht mehr zu brauchen und sie 1971 aus dem Verkehr zu ziehen. Doch die Air Force kämpfte Jahr für Jahr um die Titan II. Ihr Sprengkopf hatte die neunfache Sprengkraft einer Minuteman Rakete. Die USA verfügten über 1000 landgestützte Raketen, wobei die 54 Titan II Raketen knapp ein Drittel der gesamten Sprengkraft enthielten. Das Strategische Luftkommando wollte diese Megatonnen nicht aufgeben, bevor nicht neue Waffen im Einsatz waren. Der letzte Teststart einer Titan II fand 1976 statt, weitere waren auf Grund knapper Raketen- und Ersatzteile nicht mehr geplant.

Es gruselt einen zu lesen, welche Weltkriegsoptionen der damalige Sicherheitsberater und Minister der US-Regierung Henry Kissinger entworfen hatte. Er war schon während der Berlin-Krise der Berater der Kennedy-Regierung gewesen. Er wurde damals über den „Single Integrated Operating Plan“ (SIOP) unterrichtet. Nach der kleineren Angriffsoption sollte die Sowjetunion von ca. 2000 Bomben getroffen werden, nach der größeren von mehr als 3000. Damals hielt er diese Pläne für eine Horrorstrategie. Er wunderte sich damals: „Wie man die rationale Entscheidung treffen kann, achtzig Millionen Menschen zu töten?!?“. Bei RAND war ein Computermodell entwickelt, um die Zahl der Toten und Verletzten bei Nuklearangriffen zu schätzen. Das Programm nannte sich sinnigerweise Quick Count.

Ein Bericht machte klar, welche Hindernisse die Opfer solcher Angriffe zu überwinden hätten:Zeit nach dem Angriff bei 1-20 Tagen: Explosion und Hitze und tödlicher Fallout. 2 bis 50 Tage: keine medizinische Versorgung, unzureichende Versorgung mit Essen, Wasser, Unterkunft. Zwei Wochen bis ein Jahr war mit Epidemien und Krankheiten zu rechnen;  bis zu zwei Jahren mit einem ökonomischen Zusammenbruch.

Bei einem Zeitraum von bis zu 20 Jahren waren Spätfolgen durch die nukleare Strahlung angesagt. In einem Zeitraum von bis zu 50 Jahren auch ökologische Folgen. Und für die nächsten zwei und mehr Generationen gibt es sogar genetische Folgen.

Bei einem Treffen im Lagezentrum des Weißen Hauses sagte Kissinger, die Atompolitik in der NATO fordere „unser Vernichten, erst dann werden die Europäer bereit sein, sich selbst zu verteidigen. Es kam damals zu dem Konzept Kissingers eines begrenzten Atomkrieges. Laut einem Bericht des „Weapons System Evaluation Group“ (WSEG)  von 1968 konnte die Sowjetunion mit ihren U-BOOT Raketen innerhalb von 5 bis 8 Minuten nach dem Abschuss mit hoher Wahrscheinlichkeit den „Präsidenten der USA, den Vizepräsidenten und die vierzehn nächsten Nachfolgekandidaten“ töten.

Das Worldwide Military Command and Controll System (WWMCCS) umfasste acht Warnsysteme, 60 Kommunikationsnetzwerke, 100 Kommandozentren, 70.000 Beschäftigte. Von sowjetischen U-Booten abgeschossene Raketen würden in 15 Minuten die Minuteman und Titan II Abschussanlagen im Innern der USA erreichen.

Im großen Kapitel über die Kontrollmechanismen wird noch deutlich, wie enttäuscht viele Politiker waren über die mindere Bedeutung, die die Charta der UNO damals der Verhinderung weiterer Weltkriege und Kriege überhaupt beimaß. Eine der ganz großen Pazifisten, Hamilton Holts, der schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Pläne einer Friedensordnung vertrat, die aber damals noch nicht durchzusetzen waren, hielt dann aber die Zeit nach dem 8. Mai 1945 reif für eine Weltregierung. Weite Teile Europas, Russlands, Chinas und Japans lagen in Trümmern. 70 Mio. Menschen hatten ihr Leben verloren. Die USA waren noch so einmal davongekommen, aber die Nachricht vom Abwurf der Atombomben und den schnellen Sieg über Japan konnte man damals noch nicht richtig einschätzen.

Für Holt waren die real existierende United Nations keine wirkliche Weltregierung, sondern nur ein „weiterer Zusammenschluss souveräner Staaten, der zum Scheitern verurteilt war. Es gab damals eine weltweite Stimmung für diese Weltregierung. Zu den Unterzeichnern von Holts „Aufruf an die Völker der Welt“ zählte der Generaldirektor von Standard Oil in Ohio, der Vorsitzende des nationalen Industrieverbands, zwei US-Senatoren, Albert Einstein u.a: Die UN-Generalversammlung sollte die Befugnis haben, „Massenvernichtungswaffen zu ächten, Inspektionen dieser Waffen durchzuführen und das Völkerrecht notfalls mit militärischer Gewalt durchzusetzen. „Wir halten dies für die minimalen Voraussetzungen einer Weltregierung, die im Atomzeitalter in der Lage sein soll, einen Krieg zu verhindern“.

Nun war die US-Administration noch bis 1947 dabei, zu überlegen, das Know how für die Bombe auch an Sowjetrussland zu geben. Die USA hatten auch enorm abgerüstet. Es waren statt acht nur noch eine Million US-Soldaten unter Waffen. Aber die Gefahren des Kalten Krieges überragten die gemeinsame Bündnispartnerschaft im Sieg über das NS-Deutschland und Hitler. Es kam zu dem Überfall der UdSSR auf die Mandschurei, zur Verzögerung des Abzugs aus dem Iran, zu dem Prager Fenstersturz und der Übernahme der Macht in der CSSR und Polen. In Deutschland standen nur 100.000 US-Soldaten 1,5 Mio. Sowjetsoldaten gegenüber Es kam ganz schnell zu Präventivkriegsplänen. General Orvil Anderson, sprach sich öffentlich für einen Angriff auf die SU aus. „Jesus Christus würde den Einsatz von Atombomben gegen die Sowjetunion billigen“, erklärte er. Es gab merkwürdige Reaktionen damals, als erkennbar wurde, das nach dem Sieg über die Nazis nicht etwas der globale Friede ausbrach, sondern sich eine neue Weltbedrohung abzeichnete. Bertrand Russell – darauf macht das luzid gearbeitete Buch aufmerksam - drängte damals die westlichen Demokratien, die Sowjetunion anzugreifen, bevor sie eine Atombombe bauen könnten. Russel räumte ein, dass ein nuklearer Schlag schrecklich wäre, aber alles sei besser als „Unterwerfung“.

Es kam wie bekannt zu der ersten Atombombe der Sowjets, die am 29. August 1949 im Osten Kasachstans gezündet wurde. Und damit zum Wettlauf der beiden großen Nuklearmächte. Diesen Wettlauf nachzuvollziehen in allen Einzelheiten und Schattierungen ist eine Gruselgeschichte. Es kam zu immer wahnsinnigeren Waffen und Tötungsmaschinen, die Wasserstoffbombe wurde von den US-Wissenschaftlern unter Edward Teller erfunden. Eine dieser Bomben namens MIKE wurde über und auf einer Südseeinsel erprobt: Die Insel gab es danach nicht mehr. Als dem US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower der Film darüber im Januar 1953 vorgeführt wurden, wenige Tage nach seinem Einzug ins Weiße Haus, fand er es entsetzlich. Es kam zu dieser verhängnisvollen Politik des massiven, später dann nach Kennedy des flexiblen  Zurückschlagens. „Massive (flexible) Retaliation“. Im Januar 1954 kündigte Eisenhower vor der Nation an, die USA und ihre Verbündeten würden die Fähigkeit aufrechterhalten, zurückzuschlagen“.

Wenn man das Buch zur Seite legt, ist man ganz benommen von der Fülle furchtbarer Einzelheiten, die alle mit unendlichen Gefahren für die Gesundheit und mit Todesraten verbunden sind, die sich manchmal in der groben Schätzung summieren zu „nur 8,.2 Millionen Toten“ (so bei der Operation Alert, einer großen Testoperation in den USA, wo man bei 165 Mio. Einwohnern n u r von 8,2 Mio. Getöteten und 6,6 Mio. Verwundeten auszugehen hoffte). Was allein die Tests alle hintereinander an Zerstörung und lang nachwirkender Schädigungen von Natur, Wäldern, menschlichem Erbgut bedeuten, ist bis heute nicht auszumachen. Bei Tests aus dem Bikini Atoll im Mai 1956 konnte die Luftwaffe der USA zum ersten Mal eine Wasserstoffbombe aus einem Flugzeug abwerfen. Die 3,8 Megatonnen Bomben wurden mit einer B-52 – dem neuen Langstreckenbomber des Strategischen Luftkommandos - zum Zielort gebracht, der Insel Namu. Das Flugzeug entkam problemlos der Explosion, doch der Bombenschütze hatte auf die falsche Insel gezielt. So dass die Wasserstoffbomben Namu um mehr als sechs Kilometer verfehlte.

Man schämt sich als Mitbürger eines Landes, das mit den USA verbündet ist, dass man diese erdumfassenden, massenmörderischen Testversuche nicht schon früher, viel früher beendet hat. Die Bewohner einer Insel von Ringbrock, die 160 km von der Teststelle lebten, mussten evakuiert werden. Die Insassen eines Fischerbootes Glücklicher Drache, die nur 130 km an die Testecke herankamen, wurden furchtbar zugerichtet. Es ging um die Abwägung von Halbwertszeiten, die man sich menschheitsgeschichtlich nicht vorstellen kann: Zwischen 700 Mio Jahre und 24.000 Jahre Halbwertzeit?!

Das dramatische und ausführlichste Kapitel gehört der Kubakrise, nachträglich allein zu lesen heute ein Alptraum. Während der Kubakrise flog das Strategische Luftkommando SAC 2088 Bereitschaftseinsätze mit 50.000 Stunden Flugzeit. Es passierte kein einziger Unfall wie der bei Amtsbeginn von Kennedy, als bei Goldsboro eine B-52 herunterging mit einer 4-Megatonnen-Bombe, was zu tödlichem Fallout über Washington und New York City drei Tage vor der Antrittsrede von John F. Kennedy hätte führen können. Es gab damals keinen direkten Kommunikationsdraht zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml. Das impulsive Verhalten von Nikita Chruschtschow wurde dadurch erheblich herausgefordert. Beide Seiten standen vor dem Abgrund und entschieden sich, einen Schritt zurück zu tun.

Kennedy hatte dem Kompromiss zugestimmt, die Jupiter Raketen aus der Türkei abzuziehen, aber das sollte geheim bleiben. Wie in der hohen Politik gelogen wird, machte McNamara klar, der in einer Senatsanhörung gefragt wurde, ob man die Jupiter-Raketen im Austausch für die in Kuba abgezogen habe: „Der Präsident hat es kategorisch abgelehnt, dies auch nur in Erwägung zu ziehen“. Eine glatte Lüge. Ein Hinweis auf diese Vereinbarung wurde nach Robert Kennedys Tod auch aus dessen Tagebuch gestrichen.

Wie gesagt, es wird dem Leser viel zugemutet, der über eine Zeit vieles erfährt, in der wir an der gegenseitig gesicherten Vernichtung nur so gerade vorbeigeschrammt sind. Auf dem Höhepunkt der Kubakrise wurden dringende Botschaften des sowjetischen Botschafters Dobrynin in Washington per Hand verschlüsselt und an einen Boten von Western Union übergeben, der per Fahrrad in die Botschaft kam. „Wir in der Botschaft“ sagte der sowjetische Diplomat, „konnten nur beten, dass er die Nachricht unverzüglich in das Büro von Western Union brachte“ und sich nicht unterwegs von einem attraktiven Mädchen aufhalten ließ.

Da wirkt es dann immer blasphemisch, wenn die Organisatoren dieser Vernichtungstests und Fallout Szenarien anfangen die Mitbürger darum zu bitten: „sollten wir alle lieber graben und beten“. Die US Regierung legte sich unterhalb des Weißen Hauses (1000 Meter) einen Bunker von zwanzig Räumen zu, der der Luftexplosion einer Atombombe von 20 Kilotonnen Sprengkraft standhalten konnte. Im südlichen Pensylvanien im Raven Rck Mountains wurde ein noch beeindruckaenderer Bunker in den Granit getrieben. Die Site R Anlage. Es gab dort unterirdische Wasserspeicher, zwei Kraftwerke und es konnte nicht fehlen: „Eine kleine Kapelle“. Das US_Heer war davon ausgegangen, heißt es mitten im Buch, dass das amerikanische Volk einen Nuklearunfall als etwas „Gottgebenes“  hinnehmen werde. Da rührt die Politik der Präsidenten von Harry S. Truman über Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy, Johnson, Nixon bis Barak Obama an Blasphemie.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014