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08.05.2014

"Atomkraft - nein danke!"

Der lange Weg zum Ausstieg. Die Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Den langen Weg hat der Autor fast auf allen Stationen begleitet und zum Teil mitgestaltet. Er kann deshalb von vielen überraschenden Erfahrungen auch im kleinsten Detail erzählen. Wie war das doch bei der Besetzung des Bauplatzes in Wyhl? Konnten denn überhaupt konservative Weinbauern mit Studenten aus Freiburg zusammen arbeiten? Das waren doch Radikale. Durfte man sich gegen die Obrigkeit wenden? Aber würden nicht die eigenen Weinberge durch den Bau eines Kernkraftwerkes (KKW) entwertet werden? Fragen und Schwierigkeiten gleich am Anfang des Widerstandes gegen den AKW-Bau.

Als Mitglied einer Forscherteams der Berghoff-Stiftung fuhr Wolfgang Sternstein im Februar 1975 nach Wyhl. Er traf dort auf eines der großen Themen seines Lebens, das ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat. In seinem 2013 erschienenen Buch “’Atomkraft – nein danke’. Der lange Weg zum Ausstieg“ erzählt er von den Höhen und Tiefen dieses Weges, von erstaunlichen Erfolgen und schweren Niederlagen. Ein Weg der von Wyhl über viele Kampffelder bis nach Gorleben, der „Freien Republik Wendland“ und zu den aktuellen Ausstiegsszenarien führt. Das kann hier nicht nacherzählt werden. Man  muss es selbst lesen.

In diesem langen Kampf der Bürger gegen politische und großindustrielle  Interessen gab es wiederkehrende Problemfelder. Auf die schwierige Kooperation ganz heterogener gesellschaftlicher Gruppierungen hatte ich bereits in Bezug auf Wyhl hingewiesen. Da ging es nicht nur um das jeweilige politische Selbstverständnis, auch sehr unterschiedliche Traditionen und Lebensstile machten zu schaffen.

Ein zweites Thema ist das Verhältnis zu den staatlichen Stellen. Kann man mit ihnen vertrauensvoll verhandeln oder gar kooperieren., oder sind sie als Gegner oder gar als Feinde zu betrachten? Könnte Verhandlungsbereitschaft nicht schon der Anfang zur Aufgabe des Widerstandes sein, also Verrat an der Sache? In diesem Zusammenhang gibt es die interessante Erfahrung, dass auch die Gegenspieler in den Institutionen nicht einheitlich agierten. In ihnen arbeiteten auch Tauben und Falken und suchten nach unterschiedlichen Strategien. Ein wichtiger Hinweis und Anknüpfungspunkt für Veränderung!

Dann drittens der bis heute ungelöste Konflikt zwischen Gewaltfreien und Gewaltbereiten. Schlagworte wie Latschdemo und aktiver Widerstand sind noch geläufig. Können Vereinbarungen zwischen beiden Richtungen des Widerstandes getroffen werden oder versuchen sich die Gewaltbereiten im Prinzip als Trittbrettfahrer, weil sie genau wissen, dass Steine Öffentlichkeit herstellen, wenngleich auch Inhalte dabei verloren gehen.

Viertens versuchten dogmatische Gruppierungen auf lokaler und zentraler  Ebene die Bestimmungshoheit des Widerstandes zu gewinnen, um ihre Ziele und Ideologien anderen überzustülpen. Diese gingen freilich oft weit über den realen Kampf gegen die KKWs hinaus – bis zum ‚Volkskampf’. Das führte zu vielen internen Auseinandersetzungen und schwächte den Widerstand.

Schließlich beschäftigt sich Sternstein mit dem, was er eine „Machtfalle“ nennt, vielleicht könnte man es auch als brain-drain bezeichnen.  Es geht um die Abwanderung von Aktiven aus der Anti-AKW-Bewegung in die politischen Parteien und Institutionen.  Dort sind sie anderen Bedingungen unterworfen und können nicht weiter im gleichen Sinne und mit gleicher Radikalität wie die sozialen Bewegung arbeiten. Dieser Gefahr sind freilich auch andere soziale Bewegungen ausgeliefert. Die Friedensbewegung hat an die Grünen ebenso reichlichen Tribut zahlen müssen.

Sternsteins Buch endet optimistisch: „Die Anti-Atomkraftbewegung gehört damit zu den wenigen erfolgreichen sozialen Bewegungen in der an gescheiterten Emanzipationsversuchen so reichen deutschen Geschichte. Sie hat in einem mehr als 40 Jahre dauernden Kampf ihr Ziel des Ausstiegs aus der Atomkraft und des Einstiegs in ein alternatives Energiekonzept weitgehend erreicht.“

Wer dabei war und wer noch nicht dabei sein konnte, alle können aus diesem analytisch und erzählerisch spannenden Buch viele Einsichten gewinnen, die auch für zukünftige Arbeit und Kämpfe sozialer Bewegungen von Bedeutung sein dürften.

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Quelle   Rezension Andreas Buro 2014Brandes&Apsel Verlag 2014