Ad

Anzeige

Zurück zur Übersicht

15.05.2014

Hybris: Die überforderte Gesellschaft

Hybris – eine Analyse der mangelnden Bescheidenheit und eine „Kunst der Beschränkung“. Zu einem neuen Buch von Meinhard Miegel. Von Rupert Neudeck

Das ist ein erstaunliches Buch, ganz unakademisch geschrieben, das sich nicht auf Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Professoren, Intellektuellen, Meinungsmachern einlässt, sondern den Kampf mit anderen Meinungen getrost den Anmerkungen überlässt. Das Buch wirkt wie ein gründliches Manifest. Das Thema: Wir sollen nicht so weitermachen, sondern einlenken und wieder in jedem sinne des Wortes Natur-gemäßer, Menschen-freundlicher und glücklicher leben. Der Autor ist jemand, der den Mut hat, wie es am Beginn des dritten Teiles steht, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Das ist dann fast wörtlich das wunderbare Zitat von Immanuel Kant auf die Frage: Was ist Aufklärung?  Sapere aude, Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes  ohne Anleitung von außen zu bedienen. Er entdeckt in unserer Zeit nicht mehr einen „Jargon“, sondern eine Ideologie der „Eigentlichkeit“. Er deutet das als den ersten Schritt zur Änderung unserer Verhaltensweisen und Einstellungen. Wir verhalten uns ja immer mehr zweifelnd und mit zunehmend schlechtem Gewissen. „Eigentlich sollte ich weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren, weniger reisen, weniger Energie verbrauchen, weniger dies und jenes und mehr das tun. EIGENTLICH“.

Er plädiert für den antiquierten Begriff und den Inhalt des Begriffs Gemeinsinn. Ein Wort und Inhalt, der nicht mehr voll, sondern verstaubt wirkt. Dabei steht s für eines der wichtigsten menschlichen Potentiale: sich nicht nur um sich selbst und vielleicht noch die nächsten Angehörigen zu kümmern, sondern auch „um das Gemeinwesen, die Allgemeinheit“. Die Kunst der Beschränkung müssen wir erlernen. Am besten ganz früh in der Familie, Kindergarten, Schule. Der mächtige Strom der Gewohnheit zieht uns immer in die entgegengesetzte Richtung. Seit Jahrhunderten werden wir so geprägt: Quantität vor Qualität, „sich nicht beim Bestehenden aufhalten, kein Blick zurück,. Immer weiter raffen, was gerafft werden kann“.

Wir sollten darüber uns klar werden, dass 40 Prozent der Menschheit mit höchstens 1.50 Euro pro Kopf und Tag nicht genug für das materiell Notwendige haben. Viele Millionen sind von der Kulturgemeinschaft der Menschheit ausgeschlossen. „Sie vegetieren“. Er errechnet aus dem Weltsozialprodukt das gegenwärtig bei 72 Billionen US-Dollar oder 55 Billionen Euro liegt, eine durchschnittliche Pro Kopf Leistung von knapp 7700 Pro Jahr oder 450 Euro pro Monat.

Wir leben in einer Gesellschaft, die sich vordergründig zu Werten des christlichen Abendlandes bekennt, aber das ist nur Scheingeplänkel. „Mit religiöser Inbrunst“ tragen wie die Monstranz der Expansion vor uns her. Soll nicht jeder seinen ureigensten Traum vom Glück verwirklichen können, auch wenn dies ein hubraumstarkes Auto ist? Es sei doch auch verantwortlich, solche Autos zu fahren weil sie sicherer sind. Und dann kommt in diesen Kapiteln immer die klare realistische Keule dessen, der diese Gesellschaft in ihren hybriden Wünschen durchschaut hat. Die westlichen Gesellschaften verfügen über kein ethisches Grundkorsett mehr. Reden und Handeln klaffen auseinander. Dabei – so der Spagat – dürfte uns ja nicht entgangen sein, dass es auf gut Lateinisch „pervers“ sei, „in Volkswirtschaften, die längst die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde überschritten haben, weiter Formen von Wachstum zu propagieren und bisherige Trends fortzusetzen“.

Der Vergleich, den Miegel anstellt ist hart, aber er verletzt wie jede Wahrheit: Das sei wie bei einem Onkologen, der „seinen Lungenpatienten – um der Freiheit willen! – das Rauchen empfiehlt“. Das Buch Miegels lebt von der Frömmigkeit der Fragen, wie das Heidegger mal gesagt hat: Warum beschädigen wir unsere und die Lebensgrundlagen aller anderen Menschen, um ein Wachstum zu ermöglichen, das sie gar nicht mehr benötigen? Warum sterben wir eine Globalisierung an, die wir weder beherrschen noch steuern können? Warum häufen wir immer höhere Schuldenberge an, obwohl sie es bereits zu einem möglichen menschheitsgeschichtlich beispiellosen Wohlstand gebracht haben?

Das sind die diagnostischen Fragen des Autors, der sich in seinem ersten Teil aber erst – ähnlich realistisch – der Analyse des Zustands unserer Gesellschaften zuwendet.

Wir rasen unser Leben entlang, als ob wir auf der Flucht vor Besinnung wären. Aber wenn man als Rezensent das so zusammenfasst, klingt es als sei das Buch eine religiös kirchliche Mahnung zur Bescheidenheit und Demut. Nein, das ist es nicht. Es ist der Versuch, überall da die Hybris zu benennen, wo sie uns schon lange im Griff hat und wir das nicht mehr spüren.

Das Fazit, das sich durchträgt: Wir sind im Beschleunigungsrausch. Es gibt nicht nur den einen, es gibt gleich mehrere babylonische Türme, die wir langsam wieder zurückstufen müssen. Bei den Bauten fängt es auch an. Flughäfen, Kongresshallen, Bahnhöfe, oberirdische, unterirdische. Die Frage, wer soll das bezahlen, beantwortet sich immer klar. Wir, die Bürger, die Steuerzahler. Immer kostet das Luxus-Unternehmen das Mehrfache dessen, was ursprünglich angesagt war. Das ist nicht nur beim Limburger Bischof so gewesen, als bei Stuttgart 21, bei dem Schönefelder Flughafen, beim, World Conference Center Bonn, die Elbphilharmonie, die Kölner U-Bahn, der Nürburgring 2009.

Und wir sind mobil „um der Mobilität willen“. 2011 – eine der selten Zahlen, die Miegel in sein Buch einfügt – bildeten sich auf deutschen Autobahnen Staus in einer Gesamtlänge von 450.000 Kilometern. „Das ist weit mehr als die Entfernung von der Erde zum Mond“. Wie einen Utopisten aus längst vergangen Zeiten zitiert er Ludwig Erhard, der 1960 meinte, in der Städteplanung soll der „natürlichen Bewegung des Menschen als Fußgänger ein gleicher Raum gegönnt werden wie dem technischen Verkehr“. Das klingt wie ein Märchen aus uralter Zeit. Anstatt die Natur und den Umweltraum um uns herum zu erhalten, jagen wir der unberührten Natur hinterher. Auf  nach Neapel oder Bhutan, auf die Seychellen oder die Malediven!“ Und wo wir hinkommen, wird es sogleich unwirtlich.

So buchstabiert der Autor die „Türme von Babylon“, und wir fühlen uns als Leser bei jedem Kapitel ertappt. Ob es nun die Schulen sind, die Hochschulen, die Bildung, der Sport, den es als Freude an der Bewegung kaum noch gibt, sondern als Leistungssport mit der Sucht, mit Drogen gezüchtete Gladiatoren zu haben. Weiter geht es mit der Arbeit, die immer weniger eine Lebenserfüllung ist, sondern Erwerbsarbeit, die eben zur Altersicherung dazugehört. Der nächste Babylon Turm: Die Bevölkerung.

„Hätten die Generationen der Großeltern ähnlich gedacht wie ein Großteil der jetzt Zeugungs- und gebärfähigen – viele der heute Lebenden, die ihren Lebensstandard nicht durch Kinder geschmälert sehen wollen, gäbe es gar nicht“.

Die nächsten Türme, die der Autor vor unseren Augen auseinandernimmt: die Schulden, und den Schuldensumpf, den Sozialstaat, den Technischen Fortschritt, Europa und die Globalisierung. Der Autor entwickelt eine Sprache, die nicht literarisch genannt werden kann, die aber sehr genau und mit neuen verständlichen Worten umgeht. Nichts an der „Hybris“- Analyse zeigt sich von der akademischen Unverständlichkeits-Semantik angekränkelt. Der Sozialstaat macht aus uns unmündige Kinder. Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht von Staatlicher Fürsorge oder Kontrolle begleitet wird. „Das Netz ist so dicht, dass das Atmen unter ihm schwerfällt. Der Staat kümmert sich auch um Entlegenes, um die Stärkung elterlicher Kompetenz, die Schaffung von attraktivem Internet Surfen für Kinder zwischen acht und Zwölf Jahren, die Vermittlung von Medienkompetenz.“ Immer dann wenn Bürger eine Sache in die eigenen Hände nehmen w ollen, ruft der „Staat ihnen fröhlich oder griesgrämig entgegen. ’Ich bün al dor!’“

Im zweiten Teil geht es um die verschiedenen Modalitäten von den „Himmel(n)  auf Erden“ im Anschluss an das Zitat von Karl R. Popper. Es ist eines der ganz wenigen, die der Autor im Text hereingenommen hat: „Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden so zu verwirklichen, verführt uns dann, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ Der Dritte Teil gibt die Diagnose. Sie liegt in der „Kunst der Beschränkung“. Der Autor bemerkt mit analytischer Strenge die Ernüchterung, die früher die große Idee von Europa ausübte. Die Mehrzahl der Menschen in unserem Lande bezweifeln, dass ihnen Europa etwas zu bieten hat.

Dass wir in eine Sphäre der Seligen leben, was Wohlstand und Frieden, w as Rechts und Sozialstaat angeht, geben immer noch die meisten zu. Aber es ist ihnen selbstverständlich geworden „Herzensangelegenheiten behandeln Menschen anders“. Es räche sich damit, dass das große Einigungswerk Europas bald nach Beginn und Jean Monnets Montanunion auf die wirtschaftliche Schiene geschoben wurde „und dort bis heute geblieben ist. Seitdem messen die Bürger den Wert Europas weitgehend an dessen wirtschaftlichen Erfolgen“.

Am Ende steht die klare Erkenntnis, der man nach der Lektüre nicht ausweichen kann: wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. Die Völker der frühindustrialisierten Länder haben alles, wonach die große Menschheit strebt. „Was ihnen fehlt, sind Klugheit und vor allem Weisheit.“ Die alte Ideologie sagt uns: Weiterhasten ohne Ziel und Grenzen. Aber wie alle Ideologien ist auch diese am Ende. Kaum einer sei noch bereit, für sie sein Lebensglück oder gar sein Leben zu wagen.

Der Autor ist optimistisch. Noch vor einigen Generationen war mit dieser Haltung nicht zu rechnen. Es ist zugleich ein Manifest für die Neuregelung aller Beziehungen, von Menschen in der Gesellschaft, von uns Menschen zur Natur und zur Erde.

Zurück zur Übersicht

Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014