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29.05.2014

Lernen von China??

Zu einer unzeitgemäßen Zumutung: Die große Mauer in den Köpfen. Das Gute an dem Buch sind die uns bisher nicht so zugänglichen Informationen über die Kette an Demütigungen, die es aus dem Westen, aber auch aus Rußland und Japan gegen China gegeben hat.  - Von Rupert Neudeck.

Ein spannendes Buch, weil es gegen alle Denkschablonen, Vor-Urteile ja selbst Urteile über Chinesen, China, das Reich der Mitte vorgeht. Und das auf eine Art, der man kaum widerstreiten will. Der Autor geht Schritt für Schritt mit Verständnis für beide Seiten vor, er kennt ja nun seine Seite, ist er ja schließlich Chinese, und er ist seit langem Professor in Deutschland und kennt auch deutsche Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten. Aber dem Grundpostulat des Buches kann niemand widersprechen: Wir sollten uns bemühen voneinander zu lernen. Es sei richtig, dass China bislang ohne Übernahme des westlichen Staatsmodells im Sinne einer liberalen Demokratie seine Wirtschaft erfolgreich entwickelt hat. China hat seit 1978 eine atemberaubende Entwicklungsgeschwindigkeit hingelegt.

30 Jahre ununterbrochenes Wachstum auf einem Niveau von zehn Prozent habe es in der Welt noch nicht gegeben. Weder in Europa noch in Amerika noch in Asien und Afrika. Dieses Entwicklungstempo hat sich 2013 nur gering auf 7.8 Prozent ermäßigt. Damit hat China etwas geschafft, was man nicht hoch genug schätzen kann: Die Überwindung der Massenarmut. Die Welt Bank habe diese Entwicklung als eine Leistung für die Menschheit des 21. Jahrhunderts bestätigt. Das Reich der Mitte sei jetzt dabei, den gerade aus der Armut befreiten Menschen einen kleinen Wohlstand (xiaokang) zu sichern. Und dann kommt in dem Buch ein Satz, der beim europäischen Leser zu Missverständnissen führen wird. 650 Millionen Landeinwohner müssen noch von Bauern zu „Nicht-Bauern“ gemacht werden. Da fragt sich der moderne Öko-Europäer: Warum müssen sie?

Haben wir nicht lange schon begriffen, dass wir viel behutsamer mit unserer Landwirtschaft und dem Stand, der sie betreibt, umgehen müssen? Und er zitiert den modernen massiven Urbanisierungsprozess, ohne den es ja in Europa auch nicht gegangen ist – dieses Mal im Land der 1,35 Milliarden Menschen. Damit befinde sich nach Auskunft einiger Experten China noch vor einem kräftigeren Konjunkturaufschwung in der Zukunft.

Das Gute an dem Buch sind die uns bisher nicht so zugänglichen Informationen über die Kette an Demütigungen, die es aus dem Westen, aber auch aus Rußland und Japan gegen China gegeben hat.

1839 verhängt der chinesische Kaiser das Verbot britischer Opiumimporte nach China. Das muss man sich heute auf der Zunge oder im Kopf zergehen lassen. Das bezahlten die Chinesen hart. Der Kaiser Daoguang schickte einen Generalgouverneur als Kommissar mit dem Auftrag nach Guangzhou, den illegalen Opiumhandel zu unterbinden und Vorräte zu vernichten. Zuvor hatte er alle Ausländer freigelassen, die in den Opiumhandel verstrickt waren. Dann richtete er einen Brief an die britische Königin Victoria und rechtfertigte die Vernichtung des Opiums, weil das gesundheitlich schädliche Opium auch in Großbritannien verboten wäre. Daraufhin eroberten britische Truppen Schanghai und Zhenjiang. Um des lieben Friedens willen unterzeichnete die Qing Regierung am 29. August 1842 einen Diktatfrieden, von Palmerston diktiert. Es kam auch noch zu einem zweiten Opiumkrieg 1860. Ein britisch-französisches Korps eroberte Peking und zerstörte den Sommerpalast des Kaisers.

Lord Elgin, Chef der britischen Soldaten, ließ den wegen seiner architektonischen Schönheit berühmten Sommerpalast niederbrennen, nachdem er zuvor von den Französischen geplündert wurde. Auch Rußland nutzte die Schwäche Chinas und zwang den Kaiser zur Abtretung aller Gebiete am linken Ufer des Amur an Rußland. Dazu trat die China Regierung auch das Trans Ussuri Gebiet ab, dessen 600 Meilen lange Küstenlinie von der Mündung des Amur bis zur Nordgrenze Koreas reichte. China verlor damit jeden Zugang zum Ochotskischen Meer, zum Tatarensund und zum Japanischen Meer. Das mandschurische Stammland der in China herrschenden Qing-Dynastie war jetzt von drei Seiten von Rußland umgeben. Rußlands wichtigster Besitz war die er an der Nordgrenze Koreas (heute Nordkoreas) grenzende Hafen, den die Regierung bis heute „Wladiwostok“ Beherrscher des Ostens nannte. Das sind Verletzungen, Demütigungen, ja geradezu historische Entwürdigungen, die sich fest in die geschichtliche Seele der Chinesen eingegraben haben.

Der behutsame Autor schreibt: es sei für die Mehrheit der Chinesen schwer, die Demütigung und den Schmerz zu vergessen, die sie während der europäischen Halbkolonialherrschaft über das Land erlitten haben.

Wir müssen voneinander lernen, obwohl es uns schwer fällt. Wir Europäer kommen von unserem Eurozentrismus nicht richtig weg. Bis heute nicht. Aber auch die Erfolge Chinas führen das Land manchmal darin, wohin es gar nicht unbedingt will. Der Autor zitiert einen Topmanager eines deutschen Unternehmens, Jörg Wuttke; von dem er eine ganz hohe Meinung hat und zitiert ihn: „China wächst Jahr um Jahr um zehn Prozent – und rechts und links bricht die Welt zusammen.“ Durch diese Erfolge sei China in eine führende Rolle gedrängt, die es selbst nicht gesucht hat. Gleichermaßen ergibt sich auch bei den Eliten manchmal auf Grund des neuen Reichtums und der Erfolge so etwas wie Arroganz. Mathias Naß, der Chefkorrespondent der Zeit beschreibt die stellvertretende Außenministerin Fu Ying, die eine der wenigen Spitzen-Beamtinnen ist mit mongolischer Abstammung. Sie will diskutieren, streiten, „in akzentfreiem Englisch kommt sie sofort zur Sache. Was denn mit den Europäern los sei. ‚Sie müssen aufwachen!‘ Die Geschäftsgrundlage habe sich geändert. In der Vergangenheit sei jede beliebige Investition willkommen gewesen.“ Heute seien nur noch smarte Investitionen erwünscht.

China lernt wie verrückt. Im Oktober 2013 zählte man 2,64 Millionen chinesische Bürger, die in den USA, Europa, Australien studiert haben. Allein in Deutschland sind es 25.000 chinesische Studenten.

Die chinesische Lernfähigkeit habe sich stark entwickelt, um den Widerstand innerhalb Chinas gegen die Aneignung westlicher Ideen relativieren zu können. Der Westen aber erachte es nach dem 18. Jahrhundert – also nach Leibniz nicht mehr für nötig von der chinesischen Kultur zu lernen. Die Erfolge der Briten waren Ergebnis des Weltreiches mit 28,49 Mio qkm und 390 Mio Menschen. Im Zuge dieser Expansion wurde China vom Westen durchdrungen. Aber das war kein Erfolg des Lernens, sondern der Waffengewalt.

Deshalb kommt er am Schluß zurück zu Leibniz. Leibniz habe in seiner 1697 verfassten Novissima Sinica schon gefordert dass die westliche Belehrungsgesellschaft in Bezug auf China dringend in einer Lerngemeinschaft verändert werden müsse. Leibniz konnte nicht ahnen, dass das vom ihm bewunderte wissenschaftliche wie ethische Vermögen später den westlichen Waffen nicht gewachsen sein würde. Für den Autor geht es um zwei Lebens-, Denk- und Weltsichts-Weisen. Die grundsätzliche Denkweise der Chinesen bildet sich um das Primat des Kollektiven.

Das sei im Unterschied zum Primat des Individuums der zumindest theoretische Bezugspunkt aller politischen Bestrebungen in China. China und die Chinesen stellen die Menschenrechtsidee nicht infrage, vertreten aber auch die Universalität ihrer konfuzianischen Wertvorstellungen über Menschenpflichten gegen die westliche Idee der Selbstverwirklichung des Ego. Die Chinesen und mit ihnen der Autor sind von der das „egoistische Ich“ überwindenden Kraft der konfuzianischen Humanität überzeugt. „Das Lernen vom Pflichtbewusstsein der Chinesen könnte dem Westen helfen, sein Anspruchsdenken zu relativieren“.

Der bisherige Automatismus klappt nicht für China. Was die neue Mittelklasse anstrebt ist mehr persönliche Freizeit. Mehr Freizeit für ihre Familie und Freunde. Den neuen chinesischen Mittelstand, von dem die Rolle des Vorkämpfers für die Demokratie erwartet wird, so Xuewu Gu, gibt es nicht oder noch nicht“. 81 Prozent der Chefs von Staatsunternehmen verdanken ihren Job der Partei, 56 Prozent aller leitenden Manager werden von der Partei berufen“.

China habe eine einzigartige Fähigkeit: es missioniere nicht. Damit zitiert der Autor auch den US-Auenminister Henry Kissinger. Der habe darauf verwiesen, dass der US-amerikanische Exzeptionalismus missionarisch sei, die chinesische Einzigarbeit hingegen sei kulturell, „China missioniert nicht. Es behauptet nicht, dass seine derzeitigen Institutionen außerhalb Chinas relevant seien“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014