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05.06.2014

Radikal leben

Widerstand darf niemals aufhören! Das Lebensthema von Rupert Neudeck: Radikalität. Sein Lebenswerk: Komitee Cap Anamur / Deutsche Notärzte e.V., Grünhelme e.V. Seine Helden: Menschen, die im Widerstand gegen Missstände ihr Leben riskieren. Seine Botschaft: Die Tugend des Widerstands darf nie verschwinden.

Fünf Fragen an Rupert Neudeck:

Ihr Buch „Radikal leben“ ist eine Streitschrift, die in die Zukunft und die Vergangenheit blickt: Sie machen sich für die „Tugend des Widerstands“ stark und berichten von Ihrer humanitären Arbeit bei dem Komitee Cap Anamur und den Grünhelmen. Warum ist das Thema „Radikalität“ für Sie so wichtig?

Ohne Radikalität und ohne einmal im Leben ein Risiko bewusst einzugehen, werden wir zu menschlichen Schrumpfgermanen, verdörren in dem ordentlichen Karriereweg und sterben irgendwann, ohne je etwas gewagt zu haben. Radikal sein heißt, etwas an der Wurzel anzupacken. Wir erleben unsere soziale, politische und ökonomische Welt in aller Regel als das Gegenteil von radikal. Alles muss uns erstattet, aufwandsentschädigt und bezahlt werden. Wenn ich von Uli Hoeneß’ 28,5 Mio Euro lese, die er unversteuert weggebracht haben soll, dann erschreckt mich der Gedanke: Was kann der reiche Mann mit so viel Geld wollen und weshalb muss er dann noch die Steuer klauen? Ich weiß nur: Mit 28 Mio Euro können die Grünhelme 700 solide neue Schulen in Afghanistan bauen.

Ist „Radikalität“ ein Thema für Menschen, die sich humanitär (etwa beruflich) engagieren oder für jeden Menschen? Kann und sollte man im Alltag radikal sein?

Engagement, auch radikal-humanitäres ist nicht vorbehalten für junge Leute. Ältere können damit ihre Langweile besiegen und den Müßiggang, der im Alter, im Vorruhestand wie im Ruhestand das Los der meisten Mitbürger ist. Wir suchen für diese Arbeit junge Alte und junge Junge. Manchmal sind die jungen Alten jünger als die jungen Jungen!

Der Begriff „Radikalität“ wird häufig negativ gebraucht, besonders im Zusammenhang mit dem Thema „Terrorismus“. Wie grenzen Sie Ihre Vorstellung von den Beispielen für negative Radikalität ab?

Die „radikal-islamischen Taliban“, von denen wir pünktlich jeden Abend in der „Tagesschau“ hören, sind überhaupt nicht radikal und schon gar nicht islamisch, sondern die pervertieren den Islam, sind eine Schande für den Islam. Ich wäre froh, meine Mitchristen, von dem Organisten meiner Kirche bis zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz wären radikal-christlich. Das Identifizieren von Terroristen als Radikale und dann noch als radikale Islamisten, ist der größte Missgriff von Politik und Medien in unseren Tagen.

Sie sind vor allem ein Mann der Taten. Auf die Not anderer Menschen haben Sie nicht allein mit Worten reagiert. Sie haben in Afrika und Kambodscha Minen geräumt und Ende der 70er-Jahre dafür gesorgt, dass über 11 000 Flüchtlinge aus Vietnam gerettet wurden. Das sind große Taten. Können Sie auch Empfehlungen für „kleine Wunder“ machen?

Wenn man zwei Haltungen praktiziert und geradezu pflegt, kann man auf Wunder hoffen: Man muss mittel- und langfristig stur sein können und bei einmal gesetzten Zielen und Aufgaben bleiben. Und man muss eine Haltung praktizieren, die leider auf der Schule und Universität nicht gelehrt und damit auch nicht gelernt wird: Lust an der List zu haben. Wenn man einmal nicht durch die offizielle Tür in den Sudan hineinkommt, dann eben durch die Hintertür. Aus Sarajevo mussten die Bewohner während des furchtbaren Krieges durch einen Tunnel heraus, der unter dem Flughafen lief, durch den man gebückt gehen musste. Wenn man nicht in den Gaza Streifen mit Papieren und Erlaubnis der Israelischen Besatzungsbehörde hineinkommt, dann kann man in Rafah durch den Tunnel dorthin kommen. Listig sein ist die Tugend des humanitären Kämpfers. Man muss ihn sich glücklich vorstellen, wenn er listig arbeitet.

Wer sich engagiert, muss kritisieren können. Wer kritisiert, muss auch loben können. Was halten Sie für lobenswert, wenn Sie an die heutige deutsche Gesellschaft (etwa die Protestbewegungen junger Generationen) denken?

Wir haben eine Bevölkerung, auf die ich mich immer habe verlassen können. Meine deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger haben immer das Geld gespendet, das wir brauchten, um total unabhängig von der Bundes- und den Landesregierungen unsere lebensrettenden Aktionen zu machen. Ich bin ganz zuversichtlich, dass wir weitere Großaktionen hinbekommen, die Regierungen weder machen können noch für die sie einen Sinn haben.

Ich lobe meine Mitbürger für die wunderbare Tatsache, dass die deutschen im europäischen Vergleich die großzügigsten Spendengeber für humanitäre Aktionen sind. Das Geld, das meine Mitbürger dafür geben, ist wertvolleres Geld als alles, was wir sonst ausgeben. Es hilft Menschen aus Lebenskrisen, Katastrophen und Lebensgefahr. Dafür möchte ich mich bei allen Millionen Mitbürgern an dieser Stelle ausdrücklich bedanken.

Ich bin auch dankbar, in einem Staat zu leben, in dem ich vor nichts, vor keiner willkürlichen Verhaftung Angst haben muss. Einen Rechts- und Sozialstaat gibt es außerhalb Europas in so gut wie kaum einem Land.

Mehr über das Projekt Cap Anamur Deutsche Not-Ärzte e.V. und die Grünhelme/green helmets finden Sie hier:

• Cap-Anamur.org

• Grünhelme.de

Kurzvita

Rupert Neudeck, geboren 1939, studierte Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie, bevor er ab 1971 als Journalist arbeitete. 1979 gründete er zusammen mit seiner Frau Christel das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. und 2003 die Organisation Grünhelme e.V., die sich unter anderem für den Bau von Schulen in Afghanistan einsetzt. Rupert Neudeck lebt mit seiner Frau in Troisdorf in Nordrhein-Westfalen.

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Quelle   Gütersloher Verlagshaus / Randomhouse.de  2014