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12.06.2014

Hilfe, unser Essen wird normiert!

Wie uns EU-Bürokraten und Industrie vorschreiben, was wir anbauen und essen sollen. Ein (letzter?) Hilferuf. Was wollen wir demnächst essen? Von Rupert Neudeck

Ein aufregendes Buch, bei dem es im Wortsinn, nicht im übertragenen Sinn um unsere Existenz geht. Der österreichische Biologe Clemens G. Arvay hat die Folgen des Einsatzes von Hybridsaatgut erforscht auf sehr vielen Reisen, in denen er der Produktion der Nahrungsmittel immer wieder sehr nah war. Er hat Forscher aufgesucht, die ihm seine Ergebnisse bestätigen. Die Bäuerinnen und Bauern können mit diesem industriell gefertigten Hybridsaatgut kein eigenes Saatgut gewinnen, sie werden langsam von der Agrarindustrie abhängig.

Die zeitliche Anpassung reißt ab. Die Hybriden können sich auf natürlich Weise nicht mehr weiterentwickeln. Die fortwährende Anpassung der Sorten an sich ändernde Umweltbedingungen reißt einfach ab, nach Jahrtausenden. Dieses stelle eine gravierende Gefahr für die Ernährungssicherheit künftiger Generationen dar. Mit Klimawandel und Erdölknappheit drohen der Menschheit Hungersnöte.

Das sog. Hochleistungssaatgut kann nur unter standardisierten Bedingungen hohe Erträge abwerfen. Dazu ist massiver Einsatz fossiler Brennstoffe nötig, die in Zukunft nicht mehr im gleichen Maße zur Verfügung stehen werden. Viele Pflanzenkulturen werden nur noch in Gewächshäusern und oft sogar ohne Erde gepflegt: Chemikalien, Kunstdünger, Pestizide gehören damit zur modernen Pflanzenproduktion.

Der Autor beharrt darauf, dass wir das Wissen und Können über Jahrhunderte und unzählige Generationen verlieren, wenn wir so weitermachen. Früher befanden sich Züchtung und Erhaltung von Sorten und Pflanzen in den bewährten Händen von Bäuerinnen und Bauern. Dabei habe sich ein immenser Fundus traditionellen Wissens und Könnens angesammelt. Durch das industrielle Hybridsaatgut wird dieser kulturelle Schatz aus unserer bäuerlichen Welt einfach weggeworfen.

Dazu komme, dass zahlreiche Pflanzensorten mit langer Geschichte bereits verschwunden sind und noch viele weitere der Übermacht der Saatgutkonzerne geopfert werden. Das aber ist nicht nur kulturell sondern auch ökologisch nicht zu rechtfertigen. Die Agrokonzerne (MONSANTO uva) sehen in den Lebensmitteln nicht ein globales Erbe der Menschheit. Nahrung und Lebensmittel sind reine Kommerzprodukte und werden zu Mitteln für immer höheren Profit reduziert.

Das Buch macht in immer neuen Anläufen deutlich, wie wenig das Label Ökospinner auf der Stirn solcher Agrobiologen gehört. Es gäbe, sagt der Autor, unterschiedliche Ansichten über die zukünftige Bedeutung alter Landsorten für die moderne Züchtung. Die eine sei die, wonach alte Sorten für die moderne Landwirtschaft keine Bedeutung mehr haben. Der britische Pflanzengenetiker Ben Gable, den das Buch ausführlich interviewt, bezeichnet diese Ansicht als „idiotisch“. Die zweite Ansicht wird von „immer mehr Biologen vertreten, die sagen, dass gerade die samenfesten Landsorten noch eine entscheidende Rolle spielen werden, wenn es darum gehen wird, den durch die Industrie schon produzierten Schaden an den genetischen Ressourcen unserer Kulturpflanzen wieder wettzumachen.

In der DNA alter Sorten sind die Informationen für Resistenzen gegenüber Schädlingen gespeichert. Sie enthalten auch natürliche Inhalt- und Geschmackstoffe.

Als z.B. in den Weizenbaugebieten der USA der Streifenrost - eine Pilzerkrankung - wütete, konnte man der Epidemie nur durch das Einkreuzen einer alten Weizensorte aus der Türkei gegenarbeiten. Die Pflanzen entwickelten daraufhin gegen 50 weiteren Krankheiten Resistenzen. In Asien gab es einen ähnlich aufregenden Fall. Als dort der Reisanbau dem „Rice Grassy Stung Virus“ erlag, wurden am internationalen Reisinstitut in Kalkutta in Indien 6000 Reisproben auf Resistenzen gegen das Virus geprüft. Es handelte sich um eine halbwilde, alte Kultursorte. Sie war der Ausweg aus der Reiskatastrophe.

Der Autor betont, wie aber selbst sog. Ökobauern in die Lage geraten sind, auf Grund des ökonomischen Drucks durch Handel auf Hybridsaatgut zu setzen, obwohl das mit den Grundsätzen und Positionen des Ökolandbaus gar nicht vereinbar sei. Nicht mehr anpassungsfähige und biologisch degenerierte Designersaat gehört nicht zu Ökolandbau.

Es sind Berichte aus der Arbeitswelt, die dem ahnungslosen Konsumenten und Esser den Atem rauben, buchstäblich. Wie die Tomaten werden auch die Gurken Reihe an Reihe auf der Betonfläche aufgestellt und füllen die riesige Produktionshalle. Auch hier fand der Autor „Kein Krümelchen Erde. Die Pflanzen strecken ihre Wurzeln in das streng überwachte Substrat der Grow Bags“. Als der Autor das Gurkenlabor betrat, kam ihm unmittelbar ein beißender Geruch in die Nase. Die Saisonarbeiter schoben auf den Schienen einen Wagen hindurch. Das sind „Dimethomorph, Cyprodinil und Fludioxonil. Das sind drei Gifte. Dimethomorph ist eine Substanz, die in den Aufbau einer Zellwand von Pilzen schädigend eingreift. BASF warnt auf der Gebrauchsanweisung: Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein. Cyprodinil war von dem Agrochemiekonzern Syngenta geliefert. Diese Substanz ist umweltgefährlich. Für den Fall der Einatmung wird empfohlen: „Führen sie die betroffene Person sofort an die frische Luft, wenn nötig sorgen sie für künstliche Beatmung.“

Man muss schon gehörig Chemie- und Physik Kenntnis von der Schule aufwärmen, um sich durch diesen Markt der „genetically modified organisms“(GMO) und die „cytoplasmatische männliche Sterilität“ (CMS) durch zu arbeiten. Die CMS Methode hat sich in der Saatgutindustrie rasant verbreitet. Die biotechnische Forschung bringt viel Geld und Zeit dafür auf. Diese Methode wird auch schon so häufig verwendet, dass Landwirte keinen Überblick mehr haben, welches des von ihnen gekauften Saatguts durch CMS Systeme entwickelt wurde. Selbst bei Biogemüse hat der Autor CMS Hybriden gefunden, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Sogar biozertifizierte Babynahrung wurde schon als CMS positiv getestet. Als Konsument im Supermarkt sollte man beim Kauf von Obst und Gemüse eher davon ausgehen, dass man CMS Hybriden in den Einkaufswagen legt. Arvay: „Die Saatindustrie liebt die CMS Methode und die damit verbundene Übertragung von einer Pflanze auf eine andere.“

In einem vierten Kapitel beschreibt der Autor die Brave New Agroworld. Da gibt es dann eine ganze Menge Anregungen für die, die mit diesem Zug nicht mitfahren wollen. „Widerspenstig ins dritte Jahrtausend: Was Sie tun könnten, um die Sortenvielfalt zu erhalten“. Dazu gibt es Pflanzenporträts: gesundheitsfördernde Pflanzenstoffe auf einen Blick. Der Autor schließt mit dem Adressenverzeichnis und den Saatgut Bezugsquellen, also die Ansprechpartner rund um die Saatgut Souveränität und den Erhalt der Sortenvielfalt.

Das Buch lässt aber nicht ohnmächtig, es entlässt uns „widerspenstig ins dritte Jahrtausend“ und sagt uns, was wir, die Konsumenten, Esser, Genießer tun können, um gegen die Übermacht von Agro- und Chemie-Industrie zu kämpfen. „Kochen sie selbst, so oft es möglich ist.“ Bei Fertiglebensmitteln haben wir keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe, auch nicht auf die Wahl der Pflanzensorten, die in den Nahrungsmitteln verarbeitet sind. Im Idealfall sollten wir Gemüse, Obst und Getreide beim Bauern kaufen, die samenfeste Sorten einsetzen. Verbraucher könnten sogar einen Bauern mit der Produktion alter Sortenspezialitäten beauftragen, die wir ihm dann verlässlich abkaufen. Solche Vorhaben, so schreibt der Autor aus seiner Erfahrung, lassen sich vor allem durch den Zusammenschluss kleinerer Firmen umsetzen. Der Autor bringt sich glaubwürdig auch immer selbst ins Spiel bei seinem Buch: Er persönlich habe sich entschieden, auf den Einkauf im Supermarkt und beim Discounter so weit wie möglich zu verzichten.

Da es immer wieder darum geht, dass wir uns schuldbewusst sagen müssen, wie viel an Nahrungsmitteln wir wegwerfen, wobei parallel 2 Milliarden Menschen hungern, geht es auch um eine Praxis die nicht weiter geduldet werden darf. Die Aussortierung von Obst und Gemüse, die der Norm nicht entspricht. Indem wir die Vielfalt der Farben und Formen wieder nachfragen und auf den Kauf der kosmetisch normierten Ware verzichten, setzten wir auch gegenüber den Bauern Signale. Der Autor erzählt von einer Möhrenernte, bei der es extrem knorrige und verwachsene Möhren gab. Das sei eine alte Sorte gewesen, die fast ausgestorben ist. Aber auch solche Möhren, die in einem extremen Sinn von der Norm abweichen, sind vollwertig. Die orangen Wurzeln schmeckten großartig, waren dick, saftig und außerordentlich süß.

Das Buch enthält einen Reichtum, den der Rezensent nicht entfalten kann. Er erzählt auch die notwendige Geschichte von der krummen Gurke. Das ist nicht eine EU-Geschichte. Der EU-Agrarkommissar kann das aufklären. Der Handel wollte diese geraden Gurken, weil sie einfacher zu verpacken sind. Es gab in der Tat 20 Jahre eine Richtlinie , wonach die Gurken auf 10 Zentimeter Länge maximal einen Zentimeter gekrümmt sein durften. Im Juli 2009 wurde die Richtlinie geändert, die Geschichte über die verrückte EU ist noch nicht ausgeräumt.

„Wenn heute jemand krumme Gurken verkaufen will, kann er das tun. Aussehen von Obst und Gemüse spielt eine große Rolle. Der Handel setzte auf Hochglanzoptik bei Obst und Gemüse. Abermals sind es die Hybriden, die diese Ansprüche eher erfüllen als die traditionellen Sorten. Dann wird von der Werbebranche behauptet, der Konsument kaufe nur makelloses Obst. Der Autor fragt: „Wer hat die Menschen so verwöhnt oder ‚erzogen‘, dass sie gern zu Tomaten, Paprikas oder Auberginen greifen, die wie Plastik aussehen?“ Immerhin werden ihnen kaum Alternativen angeboten, die meisten Konsumenten wissen gar nicht, welche „reichhaltige geschmackliche wie ästhetische Vielfalt ihnen in Supermärkten und bei Discountern vorenthalten wird“.

Bei einem anderen Ortstermin entdeckt er ein Beispiel wie an vielen Stellen der Produktionskette Erzeugnisse, die dem Handel kosmetisch nicht gefallen, aussortiert werden. 2013 bei Behr AG in Niedersachsen besichtigte er eine ausgedehnte Salatplantage, die wie in einem industriellen Fließbandverfahren bearbeitet wird. Das Unternehmen versorgt alle Supermärkte mit Gemüse. In dem Bereich der Anbauflächen werden mehr als 90 Prozent der Salatköpfe als qualitativ ungenügend stehen gelassen oder aussortiert. „Gute 90 Prozent des Eissalates würden die Handelskonzerne nicht annehmen“, Warum? Weil der allergrößte Teil der Köpfe nicht schwer genug ist. Ein solcher Kopf muss 400 Gramm wiegen. Nun kann die Firma wenigstens noch sagen, dass sie den Salat als Gründünger unterpflügt. Also nicht in den Müll wirft. Aber es bleibt eine Blasphemie, würde Heinrich Böll gesagt haben.

Das Einpflügen des Salates kann nur als Ausdruck unseres infernalischen Systems gelten. In dem wir mit Nahrungsmitteln nicht pfleglich umgehen. In Schottland erlebt er, wie regionale Möhren nicht nur 1000 km weit transportiert werden, sondern auch in riesigen Waschanlagen gewaschen werden. Dabei büßen sie ihre Haltbarkeit im Regal ein. In den Bündelungsbetrieben der Supermächte wird die schützende Wachsschicht der Möhren – die sog. Kutikula - aus rein kosmetischen Gründen abgeschliffen. Religiös gesagt: Frevel, wohin man blickt

Das EU-Parlament bekommt noch ein Lob, denn im Februar 2014  hat der Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlamentes die EU Saatgutnovelle mit 37 gegen zwei (!) Stimmen an die Behörde zurück überwiesen. Die Kommission muss jetzt einen ganz neuen Entwurf vorlegen. Das Buch lebt davon, dass der Autor nicht nur Wissenschaftler ist, sondern seine Überzeugungen lebt. Er kann von seinen Reisen und eigenen Erlebnissen erzählen und wirkt glaubwürdig. Man wird sich als Leser gern einigen dieser Imperative und Mahnungen anschließen wollen.

Die populäre TV-Köchin Sarah Wiener schreibt in ihrem engagierten Vorwort: „Eine Tomate aus niederländischen oder spanischen Gewächshäusern hat nichts mehr zu tun mit den unzähligen schmackhaften sonngereiften Tomaten, wie sie früher in unseren Gärten wuchsen“. Das war noch der höchste Genuss, in Tomatenrot zu beißen. All das sei Vergangenheit. „Wir verlieren nach und nach unser Menschenrebe: Die Vielfalt unserer Samen!“

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014