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28.06.2014

Chinas großer Reformer Deng Xiaoping

Nach und neben Mandela, Kennedy, Gorbatschow, aber anders: Deng Xiaoping? Zu einer aufklärenden Biographie. Von Rupert Neudeck

Am 19. Februar 1997 starb Deng Xiaoping, einer der neben Nelson Mandela, John F. Kennedy, Michail Gorbatschow größten und wegeweisenden Politiker der Menschheit unserer Generation. Er ist verantwortlich für die Öffnung der chinesischen sozialistischen Planwirtschaft und deren Liberalisierung seit 1978, für die Aufnahme der Beziehungen zu den USA, für die Reform der Volksbefreiungsarmee. Aber auch für die brutale rücksichtslose Niederschlagung der Volksrevolte auf dem Tiananmen Platz am 3./4. Juni 1989. Diesen Tag begehen viele, die an diesem Ereignis, an dem Massaker mit wahrscheinlich an die 2600 Toten und der nachfolgenden Repression gegen Intellektuelle und Studenten beteiligt waren. An diesen Tagen herrscht die allergrößte Alarmstufe bei Polizei, Geheimdienst und Armee in China.

Ein Schlüsselerlebnis war seine Reise als Chef einer Delegation zu den Vereinten Nationen in New York. Erst drei Jahre vorher war China in die UNO als Volksrepublik China aufgenommen worden. Deng Xiaoping war der erste Vertreter Chinas, der vor der UN-Generalversammlung hielt. Er war damals noch ein aufgeklärter Anhänger von Maos “Theorie der drei Welten“. Die erste Welt seien die beiden imperialistischen Supermächte USA und UdSSR. Zur zweiten Welt zählten die Industriestaaten, die unter dem Einfluss der Supermächte stehen. Jedoch ein Interesse haben, sich von deren Vorherrschaft zu befreien. Die Dritte Welt sind alle Entwicklungsländer, an deren Spitze Mao die Volksrepublik China sah. Die Reise war ein Schlüsselerlebnis für Deng. Denn er war ein halbes Jahrhundert nicht mehr im Ausland gewesen. In den vier Tagen in New York sah er, wie sich die Welt weiter-, und China erheblich zurückentwickelt hatte. Er war schockiert, schreibt sein kundiger Biograph, dem man in jedem Kapitel des Buches ansieht, dass er chinesisch kann und das alles im Original miterleben kann., als jemand, der zwar in Deutschland geboren ist, aber chinesische Wurzeln hat.

Wo kommt der Deng her, wo hat er seine Wurzeln? Er kommt aus dem Dorf Paifang in dem Bezirk Guang’an, 30 km von der 30 Millionen Metropole Chonggqing. Er ist da geboren, hat aber seine Heimat dort nie wieder besucht. Dort ist es nach Auskunft des Biografen immer noch arm,, die 2500 Familien lebten 1997, als Deng starb, immer noch in Höhlen. Zeigt das schon einen Charakterzug Dengs, sich nie um zurückzublicken oder und zurückzugehen, so werden die Lehr- und Wander-Jahre stark durch Paris und Moskau bestimmt. Das Ende des Ersten Weltkriegs lässt die Chinesen empört zurück, denn in den Versailler Verträgen werden die einst deutschen Kolonialniederlassungen an die Japaner gegeben. 1912 war es schon zum Umsturz in China gekommen, statt der Monarchie gab es unter Sun Yatsen eine Republik. Eine Sozialisation erhält er in Frankreich, die andere in dem sowjetisch-bolschewistischen Moskau. Er wird neben 1600 chinesischen Arbeiterstudenten nach Frankreich vermittelt. Es war noch die Zeit, da alle Nicht Europäer für die Europäer die Drecksarbeit machen mussten. Es gab in Frankreich einen großen solidarischen Zusammenhalt unter den chinesischen Studenten.

1921 lernte Deng den 6 Jahre älteren Zhou En Lai in Paris kennen. Zhou führte Deng in die kommunistischen Kreise ein, Ende 1925 beteiligte sich Deng an dem Überfall auf die chinesische Botschaft in Paris. Damit gerieten sie unter Beobachtung der Sicherheitskräfte Frankreichs. Kurz vor einer Verhaftung war er schon via Berlin auf dem Wege nach Moskau.  Später unter Mao zu leben und als kommunistischer Intellektueller neben seiner übermächtigen Führergestalt zu bestehen,. War schwierig. Einige Male war er kurz davor, als Diversant und Abweichler verhört und geschasst zu werden.

Deng ist einen unbeugsamen Weg gegangen und hat China zu der Machtfülle emporgebracht, die es heute schon im Konzert der Großmächte aufweist. Das Plenum des 11. Zentralkomitees der KPCh, das zwischen dem 18. Und 22. Dezember 1978 stattfand, markierte den entscheidenden Beginn für die Reform und Öffnungspolitik. Die Partei hielt den Klassenkampf nicht mehr für das Hauptziel der Politik. Deng erkannte, wie rückständig China war, vor allem in den Bereichen der Ausbildung, Wissenschaft und Technologie. Tausende Studenten ließ er in die Zentren der Weltbildung ausreisen zum Studium, damit sie Fachkenntnisse erlangen, Formen des Managements erlernen. Die Partei hatte Sonderzonen der Wirtschaft eingerichtet, die in einem explodierenden Maße wuchsen. Bisher gab es aber kein umfassendes Rechtssystem. Mit den Weisungen der Partei allein ließen sich nicht Investoren aus dem Westen auf dein Engagement in China ein. „Mit einer solchen Rechtsgarantie für Investitionen trat sich die Partei in Peking sehr schwer. Nach ihrer Logik hatte im Zweifelsfall die Partei zu entscheiden, nicht ein Gericht.“ Am 26. August 1980 beschloss die Partei ein Regelwerk, das für ausländische Investoren in den Sonderwirtschaftszonen gelten sollte.

Shenzhen z.B. hatte 1979, als Deng sich die Macht eroberte, nicht einmal 30.000 Einwohner. Heute ist sie mit 14 Millionen Einwohnern die drittgrößte und am schnellsten wachsende Stadt Chinas. Diese Umwandlung der Wirtschaft von einer sozialistisch-dogmatischen Plan und Kommandowirtschaft zu einer großen Entfaltung und Wachstumsblüte wird für immer mit dem Namen von Deng Xiaoping zusammenhängen. Er steht aber auch für das totale Zusammenschalgen einer sehr reichen intellektuellen Demokratie-bewegung in China, d.h. vielleicht muss man sagen, in den großen Städten, wo es also auch Studenten und Intellektuelle gibt. Es kam zum Bruch mit dem Generalsekretär der Partei Zhao Ziyang. Dieser hatte Sympathien mit den hungerstreikenden Studenten gehabt. Chinas Staatsoberhaupt Deng Xiaoping war in einer unwürdigen Lade.

Man musste die Begrüßungszeremonie für den Empfang des damaligen (noch) sowjetischen Staatspräsidenten Gorbatschow auf den Flughafen (am 15. Mai 1989) verlegen, weil auf dem Tiananmen Platz kein Roter Teppich ausgerollt werden konnte. Die Haltung Dengs radikalisierte sich nach dem Besuch von Deng. Die Studenten wurden immer offensiver mit ihren Forderungen. Premier Peng li sollte mit ihnen sprechen. Das Gespräch mit der Führung der Studenten wurde live vom chinesischen Staatsfernsehen übertragen. Als Peng Li wie ein Apparatschik die Forderungen der Regierung herunterleierte, unterbrach ihn der Führer, der Student Wu’er Kaixi: „Ich weiß, es ist unhöflich von mir, Sie zu unterbrechen. Aber während wir hier sitzen und Höflichkeiten austauschen, sitzen draußen auf dem Platz Menschen und hungern“. Aal dann der Premier ihn kritisierte für die Unhöflichkeit, sagte Wu’er Kaixi noch: „Gnädiger Herr, Sie sind derjenige, der spät kommt. Wir erwarten Sie bereits seit dem, 22. April. Sie sind nicht nur spät, Sie kommen viel zu später“.

Am Tage darauf, am 19. Mai, kam der KPCh Generalsekretär Zhao die Studenten besuchen. Er sagte von vornherein – das geflügelte Wort von Gorbatschow  in Ost-Berlin aufgreifend: „Wir kommen zu spät“.  Und er sagte etwas, was Deng nicht gefallen konnte: „Wie recht ihr doch hattet, uns zu kritisieren. Ich finde, Ihr habt ein Recht dazu“. Er bat die Studenten, den Hungerstreik abzubrechen-. Er wisse um die Sympathie in großen Teilen der Bevölkerung, aber die Führung werde nicht nachgeben. Unter Tränen flehte er sie an, nicht ihr Leben zu riskieren. An diesem Abend begann der Einmarsch von 50.000 Soldaten, dann schwirrten die Gerüchte. Man sprach davon, Deng sei nach Wuhan geflogen, um 200.000 frische Soldaten zu mobilisieren. Aus Dengs Sucht war es allerhöchste Zeit zuzuschlagen. Am 4. Juni sollten in Polen zum ersten Mal seit 40 Jahren freie Wahlen stattfinden. Einen Sturz der Partei fürchtete Deng, und das galt es unter allen Umständen zu verhindern.

Das Buch von Felix Lee ist das erste unter vielen anderen, das nicht wissenschaftlich in chinesischer Begrifflichkeit und Namen ersäuft, sondern einem deutschen Leser genügend klare Informationen gibt, um das Land der Mitte zu begreifen. Vielleicht um auch besser künftig kritisieren zu können. Am Schluß – „Finale Dengs: 1989-1997“ überschrieben – wird die Analyse noch einmal sehr ernst: Die totale Entideologisierung der Gesellschaft habe zu einer Moralkrise der chinesischen Gesellschaft geführt. Auch der Konfuzianismus sei zerstört. Das mache sich überall im Alltag bemerkbar. Behinderte, Kranke und alte Menschen fristen zwischen den glitzernden Fassaden des Wirtschaftswunders ein erbärmliches Dasein. Immer wieder gibt es Schlagzeilen, dass Kinder auf belebter Strasse von Autos überfahren werden und niemand zu Hilfe eilt. Es mangelt an Solidarität, an Werten im sozialen Zusammenleben, allein die Familie gibt noch Halt.

So hat Deng die Volksrepublik in zwei Jahrzehnten in ungeahnte Höhen getrieben. An dieser Stelle wird der Autor bescheiden grundsätzlich. Die Geschichte habe jedoch gezeigt, dass es „nie sinnvoll ist, ein einmal erfolgreiches Konzept bis in alle Ewigkeit fortzuführen. Im Fall von China kann es zu einer Katastrophe führen“. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich kann so nicht bleiben. Heute sei China das Land mit der weltweit größten Einkommensschwere. Direkt nach den USA gebe es in keinem Land so viele Dollar Milliardäre mit luxuriösen Ferraris, Porsches, Maseratis wie in der Volksrepublik. „Auf der anderen Seite leben Millionen von Menschen unter der Armutsgrenze und vagabundieren hungernd durchs Land“.

Ein eindrucksvolles und ernstes Buch, das uns Einblicke über die Weltpolitik der nächsten zwei Jahrzahnte gibt, in dem es in die Zeit nach dem Tode Maos bis zum Tode Deng Xiaopings zurückblickt.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014