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14.07.2014

Gegen die dogmatische Klempnerei in der akademischen Theologie und Kirche

Wie kann jemand, dem die Grundlage seiner Existenz entzogen wird, wütend sein? Dieses Buch von Eugen Drewermann, der ja nun nach Entzug der Lehrerlaubnis und der Suspendierung vom Priesteramt in der Luft hängt, gibt deutlich Anklänge so einer Wut.  Aber es ist eine sublimierte Wut, die sich als solche kaum bemerkbar macht. Von Rupert Neudeck

Das Christentum der „Lehramtsdogmen“ sei wie ein Teleskop, das immer falsch herumgehalten wurde: Statt von der Erde her damit die Sterne zu betrachten, nahm man das Objektiv als Okular und sah sich damit an Gottes Stelle. „Man sah die Erde von den Sternen aus. Man sah nicht Gott, man sah nur alle Menschen“, und ins Winzige verkleinert. Das Christentum und die Nachfolge Jesu seien aber das „Warten auf Erlösung durch eine Gnade, die es inmitten der gesamten Welt nicht gibt“.  Und er fügt wunderbare Beispiele aus der Ökologie hinzu: „Um zu verstehen, wie die Sonne sich in Blumen offenbart, muss man begreifen, was Photosynthese ist: wie physikalische Energie sich wandelt in biochemische Energie“.

Das Christentum begreift er als die Heilung jener Krankheit, die das „Dasein ohne Gott, im Feld der radikalen Gnadenlosigkeit der Welt“ sein müsse. Wenn sich Gott offenbart, dann nicht wegen beamteter Lehrdozenten und angestellter Priester, sondern weil er uns unter den Menschen, in der Gesellschaft und in der Natur die Augen öffnet. „Die Blumen wissen nicht die Sonne, sie wachsen nur in ihr“. Auch wir als Menschen wissen Gott nicht, wenn er sich uns mitteilt; „dafür empfangen wir die Kraft, die Wahrheit, die in uns liegt, zu entfalten, dem Glanz entgegen, der uns von allen Seiten umgibt“.

Viele von uns beklagen den Einflußverlust der religiösen Institutionen und sehen das identisch mit einem Rückgang des Glaubens selber. Doch der Verlust, so Drewermann, scheine nicht so groß, als wie die „Chance ist, die sich daraus ergibt. Endlich könnte die Religion zurückkehren in ihre Freiheit“. Nicht länger – so drückt der Autor seine Wut aus über die, die ihm nicht mehr erlauben, im Rahmen der Kirche zu unterrichten und Geschichten zu erzählen – hält man die Religion „unter den Augen der Aufsichts- und Verwaltungsbeamten von Thron und Altar zu ihrer eigenen Schande als willfährige Gefangene“. In konservativen Kreisen befürchtet man den Verlust der Religion als „Ordnungsfaktor“, der zur Stabilisierung der Eigentumsverhältnisse beiträgt und eine gewisse Planungssicherheit bei wirtschaftlichen und politischen Aktionen verspricht.

So lange spielte Religion die Rolle der Legitimation des Ungeheuerlichen, z.B. des Kolonialismus und der Sklaverei in der Geschichte. Kein Kolonialreich, das nicht von Soldaten militärisch und von Patres missionarisch aufgerichtet worden wäre. „Die einen plünderten, die anderen predigten, die einen stahlen den Besitz der Unterworfenen, die anderen zerstörten ihre Seele“.

Die Diagnose meint Drewermann sehr ernst. Ihm scheint die Zeit vor 50 Jahren noch ganz anders gelaufen zu sein. Die Menschenrechtsbewegung in den USA ging voran mit religiösem Pathos, auch die Friedensbewegung. Nicht zuletzt erblickte die Ökobewegung in dem Erhalt der Umwelt und dem Schutz der Tiere ein Postulat des Schöpfungsglaubens, wenn doch Gott die Vielfalt der Natur ermögliche, dann kann er nicht die Durchsetzung nur einer Spezies, der weißen Menschen gegen den Rest der Welt durchsetzen. Das war vor 50 Jahren und sei Lichtjahre von uns entfernt. Seine Diagnose ist scharf, denn nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kamen nicht die Friedensdividende und die Abrüstung, sondern kam das kapitalistische Wirtschaftssystem zu seiner Vollendung;: Es lehrte mit dem Hunger von Milliarden an der Nahrungsmittelbörse in Chicago zu spekulieren, es militarisierte die Außenpolitik und globalisierte den Krieg als Einrichtung zur Wahrung der Interessen der besitzenden Völker.

Nötig wäre die Religion, schreibt Drewermann, „Doch so, wie nötig, ist sie nicht!“ Der neue Papst wird an mehreren Stellen von Anfang an mit Wohlwollen zitiert. Man glaubt dem Papst Franziskus gern, dass er es mit der Reform der Kirche Roms ehrlich meint.

Immer wieder spricht der Autor mit so etwas wie Verachtung von der akademischen Theologie, die uns die wunderbare Botschaft von Jesus Christus zurecht schneidert oder zimmert. Ja, er spricht von der „Kneifzange des Dogmas“, vom dem „dogmatischen Hobel“. Wie das klingt, wenn der irenische, wunderbar vortragende Drewermann wütend wird, wenn er schreibt? Kann Vernunft tatsächlich ohne Erkenntnisvermögen auskommen?, fragt er. Und weiter: Sollte man auf diese Weise sich gar die drei „Personen“ in Gott als ihrer selbst unbewußt denken müssen? Und gibt die Antwort bündig und kurz: „Natürlich nicht!“ Dann aber bleibe nur, „den dogmatischen Hobel an das Wort ‚Person‘ zu legen – es muss halt so definiert werden, dass es passend zurechtgeschnitten wird“. Und in dem man das Entscheidende bei einer menschlichen Person geradewegs ins Gegenteil verkehrt, damit von den drei „Personen“ in der Gottheit allererst ‚richtig‘ die Rede sein kann.

Dann geht diese sprachliche Wut bei dem vornehmen Drewermann weiter: Die „Schreinerei (oder Klempnerei) der Begriffe geht weiter“. An diesen Seiten im sechsten Hauptteil, wenn es um die eigentliche Gotteslehre, die Glaubensformeln und die Glaubensformen geht, da werden die Anmerkungen immer länger, weil er sich da auf einen nicht mehr zu bändigenden und zu versöhnenden Konflikt mit der Theologie einläßt. Und dann dekretiert er seine eigene Wahrheit. Ein Hauptkriterium christlicher Glaubenssymbole müsste ja darin zu sehen sein, „wieviel an Zuversicht, Freiheit und Menschlichkeit“ sich mit der jeweiligen Deutung verknüpft, die dogmatisch vorgegeben wird. „Die Hülle von Angst und Gewalt jedenfalls beweise durch sich selbst bereits die Falschheit und Unangemessenheit der kirchlichen Glaubenslehre in ihrer tradierten Form“.

Existieren ist nicht Dozieren, heißt es in immer wieder neuen Versuchen, das unwiederbringlich Menschliche und Schöne der Botschaft vor der Klempnerei des Dogmas zu retten. Der entscheidende Gegenpol war Friedrich Wilhelm Hegel, der sich selbst als den würdigen Abschluß der christlichen Theologie mit seiner Ontotheologie begriff. Die entscheidende Kritik an diesem Denken liegt weniger in dem „Panrationalismus“, den die Kirchen ihm vorwerfen, nein, er besteht „in dem intellektualistischen Mißverständnis des Glaubens selbst, dem die akademische Theologie bis heute unterliegt“.

Der Gegenpol – oft zitiert in dem neuen Drewermann-Buch – ist Sören Kierkegaard. Dieser habe heftig protestiert gegen die Vorstellung, man müsse über den Glauben Abrahams und Jesu „hinausgehen“, in dem man Professor der Theologie werde.

Es ist ein wichtiges Buch, weil es für Drewermann noch mal eine Summe darstellt, eine Summe seiner vielfältigen theologischen, psychoanalytischen und psychologischen Forschungen, die er im Bereich des Evangeliums und der christlichen Theologie in noch viel dickeren Büchern angestellt hat. Dieses 541 Seiten starke Buch wirkt da fast schon kurz und kompakt, aber das deutet auch auf eine Schwäche hin. Der Autor müßte einmal in einer Streitschrift auch ohne den umfänglichen Ballast von Anmerkungen und gewaltigem Apparat seine Grundgedanken zur Erneuerung von Kirche und Theologie herunterschreiben, so wie das der unvergessene große Mann des europäischen Widerstandes Stephane Hessel mit „Empört Euch“ getan hatte.

Es ist dennoch eine Brandfackel, denn es ist nicht akademisch-semantisch versaut. Jeder kann es lesen, aber es wird kaum jemand lesen, der nur Interesse hat seinen Glauben besser zu verstehen.

Es enthält alles, oder fast alles, was moderne Christen in dieser Zeit in der Nachfolge Christi bewahrheiten wollen. Interessant, dass auch Drewermann nicht um die Hoffnung herumkommt, die der neue Papst darstellt. Wobei nach Redaktionsschluß für das Buch sich noch ein weiteres Dementi ergeben hat aus Rom vom Papst: Er hat mittlerweile die Mafia in Sizilien und anderswo exkommuniziert. Auf S. 293 geht Drewermann noch davon aus, dass der Vatikan und Papst sich nicht von der Kooperation mit der Mafia verabschieden könnte.

Dennoch ist er wahrscheinlich ganz nahe bei dem neuen Mann in Rom, der auch keine Gelegenheit ausläßt, sich von der Machtfülle zu verabschieden, sowohl im Lebensstil wie im Arbeitsstil, wie in der Betonung, dass die regionalen und kontinentalen Bischofskonferenzen und Synoden natürlich viel besser aufgestellt sind zur Entscheidung bestimmter existentieller Aufgaben, die Christen in unseren Tagen haben. Die Folgerungen Drewermanns sind härter geworden, klarer: Eine Kirche, die sich auf Christus berufe, nur um in wesentlichen Punkten alles anders zu machen als Jesus es gesagt hat, sei keine christliche Kirche. Ja, sie sei überhauptkeine Kirche, sie sei vielmehr ein Machtgebilde, das durch sich selbst der Botschaft des Evangeliums am meisten im Wege stehe.

Noch klarer und verständlicher für alle Gläubigen: Der Vatikanstaat sei ein Gebilde, „das aus vielen Gründen abgeschafft gehört“. Die Geburtsfehler unter Benito Mussolini, einem bekennenden Atheisten, sind so gravierend, dass die Kirche aus eigener Kraft davon wegkommen muss. Dieser Staat als Staat ist ein Ärgernis, denn er versaut die Botschaft. Er wird von 187 Staaten als rechts anerkannt. Drewermann kann wunderbar formulieren: Es sei eben die Frage, ob man mit dem Mann aus Nazaret ‚ „wirklich Staat machen kann“?! 1929 schloß der Duce mit dem Papst die Lateranverträge, die aus einem Staatsvertrag, einem Finanzabkommen und einem Konkordat“ bestehen. Das Konkordat z.B. verpflichtet den italienischen Staat, eine Ehescheidung im Zivilrecht nicht zuzulassen und den katholischen Religionsunterricht verpflichtend zu machen. Damit ergab sich eben auch ganz schnell – Folge der überflüssigen und sinnlosen Staatlichkeit der Nachfolge Christi: das Konkordat zwischen dem deutschen Führer und Adolf Hitler 1933. Im Spanischen Bürgerkrieg verbündete sich der Kirchenstaat mit den Faschisten um Francisco Franco und seine Falange. Und beim Hitler-Angriff auf die Sowjetunion 1941 wurde dieser Angriff als Kreuzzug gegen den Atheismus uminterpretiert.

Zwischendurch habe ich gedacht, hätte Albert Camus einen Gesprächspartner wie Drewermann gehabt, wäre seine Position zur Kirche und zum Glauben doch wohl anders ausgefallen. Er hatte zeit seines Lebens archetypisch mehr den Pater Paneloux kennengelernt, den Jesuiten, der beim Ausbruch der Pest in der nordafrikanischen Stadt Oran in einer Bußpredigt den Gläubigen zu sagen wagt. „Meine Brüder, ihr seid im Unglück, meine Brüder, ihr habt es verdient!“ Es sind sechs große theologische Felsbrocken, die der Autor für uns moderne Christen zu sprengen vorhat. Im ersten Teil geht es um die Kosmologie oder den Schöpfungsglauben gegen die Evolutionslehre. Im zweiten behandelt der Autor die Erlösungslehre mit der unaufgebbaren Frage: Woher das Böse? Der dritte Hauptteil behandelt die Lehre von Jesus Christus. Der vierte Teil widmet sich der Lehre von der Kirche und den Forderungen nach Aufgabe aller Staatlichkeit, um zur Einheit in Freiheit zurückzufinden: „Löscht den Geist nicht aus!“ Der fünfte Teil geht den letzten Dingen nach der Endzeiterwartung und der Frage von Immanuel Kant nach: Was darf ich hoffen? Um dann wie ein einer Apotheose die eigentliche Gotteslehre anzugehen. Wer ist Gott, wenn er dreifaltig einer ist?

Das Großartige: Religion spricht sich eben nicht nur in der Schreinerei der akademischen Theologie, sondern auch und gerade in der Dichtung aus. Am schönsten wirken die Passagen, in denen Drewermann seiner Neigung zu diesem oder jenem Dichter oder Schriftsteller voll Fahrt läßt. So beutet er im besten Sinn die Novelle „Brigitta“ von Adalbert Stifter aus, zitiert er ein wunderschönes Gedicht des arabisch-libanesischen Dichters Simon Yussuf Assaf. In solchen Gedichten und gedichtähnlichen Gebeten erfüllt sich das, was der Autor für die Wendepunkte der Nachfolge Christi hält.

Es hieß: „Teile deinen Besitz (Mk.10.21) /Ich tat es/ Eine Tafel vereinte Freunde und Fremde/Reiche und Arme./Und ich fand mich beschenkt.“ Der Schluß geht unter in dem Zitat eines der schönsten Kirchenlieder, das der Autor in ganzer Länge erst lateinisch, dann deutsch zitiert: „Komm O Geist der Heiligkeit“ oder „Veni Sancte Spiritus“. Und ausdrücklich alles zusammenfassend, was – wie er schreibt  - „ein jeder verstehen kann“ zitiert er das Bekenntnis christlichen Glaubens bei der Weltversammlung im Jahre 1990 in Seoul:

„Ich glaube an Gott, der die Liebe ist und der die Erde allen Menschen geschenkt hat. / Ich glaube nicht an das Recht der Stärkeren,/ an die Stärke der Waffen,/ an die Macht der Unterdrückung./ Ich glaube nicht, dass Kriege unvermeidlich sind,/ dass Friede unerreichbar ist./ Ich glaube nicht, dass leiden umsonst sein muss,/dass Gott die Zerstörung der Erde gewollt hat“.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014