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24.07.2014

Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945

Eine Geschichte zum Zerbersten. Eine jüdische Frau bleibt bis Ende des Krieges untergetaucht. Von Rupert Neudeck

Das ist ein unglaublich wichtiges Buch, das jetzt von dem Sohn der denkwürdigen Marie Jalowicz herausgegeben wurde. Man weiß nicht, ob man es als Glück oder als Nachteil werten darf, dass diese Erinnerungen so spät auftauchen. Aber da sie das Beste, Klarste, Eindeutigste über die Zeit in der Hölle des Nationalsozialismus darstellen, ist der Zeitpunkt gut, denn er ist nicht überlagert und kann nicht überlagert werden von anderen Aktualitäten.

Das Foto auf dem Cover wie im Buch zeigt dieses wunderbar offene Gesicht der Marie Jalowicz, die unglaubliche Durchhaltenerven und schauspielerische Fähigkeiten im Gewusel der Mitläufer, fast-Mitläufer, Halb- und Gar nicht Sympathisanten der Nazis haben musste. Was den Leser auch erfreut, dass es eben auch einfache Menschen gab, meist mit einer Geschichte bei der Kommunistischen Partei, die sich nicht davon abhalten ließen, der bestens geölten Macht-Maschinerie der Nazis durch das Verstecken und Untergetauchtlassen einer Jüdin, eines Judentauchers eben eins auszuwischen.

Die Autorin – die wir nun leider nicht mehr befragen können - erzählt sogar einen ungeheuer makabren Witz unterwegs in ihrem Buch, es sei ein sowjetischer Witz gewesen, sagt sie. „Alle stehen bei einem Fleischer an, aber es trifft kein Fleisch ein. Zuerst werden die Juden weggeschickt. Dann die, die nicht in der Gegend wohnen, dann die, die keine Parteimitglieder sind. Am Ende kommt der Fleischer raus und sagt: ‚Er habe eben einen Anruf bekommen und muss sie leider alle nach Hause schicken, es wird heute kein Fleisch geliefert‘. Murrend ziehen die Leute ab und sagen: ‚Immer werden die Juden bevorzugt‘.“

Nichts ist hier mehr banal in dieser Geschichte. Ich kann dieses Zeugnis eines Menschen, der alles gegeben hat, was ein Mensch unter feindlicher Umgebung geben kann, nur ehrfürchtig begleiten und den Schluss annehmen, den der Sohn im September 2013 in Berlin formuliert, der Sohn, der so heißt wie der eigene Vater, der 1948 der überlebt habenden Marie Jalowicz angetraute Hermann Simon. Die Mutter war der Überzeugung, dass es der Zufall war, der sie hatte überleben lassen. In einem Vortrag an der UNI über die U-Boote hatte sie 1993 gesagt: „Der berechtigte Wunsch des Wissenschaftlers oder ernsthaften Belletristen, Gesetzmäßigkeiten zu ermitteln, verführt zur Vernachlässigung dessen“, das nach Meinung von Marie Jalowicz das Entscheidende war: des Zufalls.

Und der Sohn kann noch authentisch berichten, was der Leser dieses unglaublich intensiven, bis ins Detail überzeugenden eindringlichen Buches schon erfahren hat. Marie Jalowicz konnte an jeder Straßenecke aufgegriffen werden von einem Greifer. Atemberaubend, wie sie beschriebt, dass sie in dem Bau in Berlin, in dem sie die letzten zwei Jahre gelebt hat, den Besuch einer Gestapoeinheit nicht nur überlebte, sondern denen sogar Auskunft gab, die von irgendwem per Denunziation gehört hatte, dass es ein polnisch-ungarisches Ehepaar hier gegeben haben sollte. Sie führt die noch durch die Wohnung, weil ihr bewusst ist, dass sie gar nicht nach so was wie ihr der Untergetauchten suchen. Man nimmt ehrfürchtig auf, wie selbstverständlich die wunderbar widerständige Frau Pessach in einer solchen Geisel-Wohnung feierte, alleine, eine der bewegendsten Szenen in diesem nur bewegenden Buch.

Die Lage wird 1943 immer verzweifelter, sie hat nur eine Wohnung für einige Stunden, blieb allein zurück, verschloss die Türen der Diele, damit sie niemand sehen konnte, trieb dort Gymnastik. Einmal habe sie „Pessach“ gefeiert. „Die Erinnerungen an die Sederfeiern in der Rosenthalerstrasse, an all die Gesichter, die um die große Sedertafel versammelt gewesen waren, verbot ich mir aber. „Ich feierte mein eigenes, modernes Pessach, indem ich immer den Refrain Dajenu sang. Das bedeutete für uns wäre es genug“. Oder, wie sie sich erinnert. „Hättest du nur dieses oder jenes für uns getan, es wäre schon genug gewesen. Mit Dank sei sie die Stationen durchgegangen in Gedanken, die sie schon überlebt hatte. Sie war weiter voller Zuversicht, dass man eine weitere Wohnung für sie finden würde.

Zwischendurch bricht mal die Angst auch in das Geschriebene ein, das die Autorin alle Jahre umfangen haben muss, dass irgendwer von denen, die um sie als Jüdin wusste, denunziert worden wäre. Sie erlebt hintereinander die letzten 24 Monate, sie erlebt den 20. Juli 1944, anfangs so erzählt sie ihrem Sohn, der das dann 1998 alles aufgeschrieben hat, sei sie sehr deprimiert gewesen. Aber sie ist durchaus eine politische Analytikerin, die Offiziere haben Hitler nicht übelgenommen, den Krieg begonnen zu haben, „sie nahmen ihm jetzt nur übel, dass er ihn verlor“. Sie hätten ihn nicht gemocht, weil er ordinär und plebejisch war und weil er nicht derselben alten Adels-Offizierskaste angehört. Sie – die zu einer Lebensleistung gezwungen wurde, die uns bis heute den allerhöchsten Respekt abnötigt – sagte sich: „Wenn es gelänge, den Krieg noch fünf Minuten vor zwölf zu beenden, wäre das ein fauler Kompromiss. „Deutschland sollte vollständig besiegt werden,  in Berlin sollte die Rote Fahne wehen“.

Es gelingen ihr in der Rückschau auf diese nie mehr zu vergessende Zeit Porträts, die man behält, so die von dem emeritierten Einbrecher Erich Klahn. Ein Mann nach dem Geschmack des Evangeliums: „Weißt Du, was die mit den Juden machten?“, fragte der Klahn die untergetauchte Jalowicz. „Die bringen sie weg nach Osten. Weißt Du, was das ist? Das ist Mord“. Der Ex-Verbrecher fing sofort an, nachzudenken, wie er der Jalowicz helfen könnte. Er hätte noch Kontakte zu anderen ehemaligen Einbrechern, aber selbst in diesen Kreisen sei man „heutzutage nicht mehr sicher vor idiotischen braunen Vorurteilen“.

Sie teilte ab Anfang Februar 1945 das Los vieler Menschen in Berlin „und teilte es nicht. Denn im Gegensatz zu den anderen „fürchtete ich mich nicht vor dem Kommenden, sondern ich hoffte darauf. Und diese Hoffnung gab mir Kraft. Aber die Angst hört nicht auf vor jemanden, der die Ausweise kontrolliert. Und die gab es noch in den Luftschutzbunkern. Sie wird ausgebombt, wieder die wahnsinnige Angst, selbst Ende März ist der Krieg noch nicht zu Ende. Sie geht zum ehemaligen Sommerquartier Ihrer Eltern nach Kaulsdorf-Süd, Wuhlheide, dort ist der Schwiegervater von Frau Koch eingezogen, ein überzeugter Nazi. Er war der Meinung, seine Tochter müsse ihn versorgen in dem Haus, das sie sich angeeignet hatten als Arisierer. „Brauner Lump“, dachte sie sich, das hier sei ihr Haus. Im Grunde seid Ihr Arisierer. Sie war hasserfüllt und ungerecht. Sie musste sehr an sich arbeiten, um human zu bleiben. „Denn überleben heißt auch, nicht auf das Niveau des Feindes zu sinken“. Das ist der Satz gegen Ende des Buches, der alles, was jemand aus unserer Generation bei der Lektüre empfindet, zusammenfasst.

Es sind Szenen von unüberbietbarer, sensibel geschilderter grässlicher Grausamkeit. Man kann das nie erfinden. Sie schildert wie in dem Barackenlager, das dem eigenen Haus und der Wiese gegenüberlag,  (meist ukrainische) Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene untergebracht wurden, die furchtbar misshandelt wurden. Die meisten Nachbarn wollen davon aber nichts mithören. „Wie sie dieses Überhören organisierten, erlebte ich einmal direkt mit“. Damals gab es im Radio den Sachlager: „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“. Die Fenster in den Häusern waren geöffnet, und so dröhnte das Lied von allen Seiten aus den Wohnzimmern heraus. Dann aber vernahm man die Schreie der Gemarterten aus dem Barackenlager- und alle Fenster gingen wie auf Verabredung zu. Kein Süßer wollte mehr am Sonntag segeln gehen. So machten das Leute, die später behaupteten, sie hätten von nichts gewusst“.

Ich habe selten Szenen von solcher sprachgewaltigen Überzeugung gefunden, von jemandem der das alles durchlitten hat, man kann am Ende für eine solches Buch nur dankbar sein. Es bringt uns besser zurecht als viele, die wir schon gelesen haben. Es begann nach der Befreiung, „Ozvobodzenie“, eine Art „Niemandszeit“. Ein Wort, das die Autorin und Zeitzeugin erfindet in Anlehnung an das Niemandsland. Sie hat zum ersten Mal keine Angst; sie umarmt den ersten Rote Armee Soldaten, den sie erblickt. Sie war froh, aber auch traurig, von der Hoffnung Abschied zu nehmen, von der sie jahrelang gelebt hatte-. Jetzt gab es die Erfüllung der Hoffnung. Was würde sie ihr bringen?

Sie berichtet, ist ja nicht blind, von der grassierenden Vergewaltigungswut der Rote-Armee-Rekruten. Sie ist auch einmal ‚dran‘. Das alles hat Raum und Platz in der Erzählung, die die Autorin dem eigenen Sohn in die Feder diktiert, wie wir im Buch selbst erfahren. Sie erzählt und erzählt und es werden daraus 77 Tonbänder. Der Sohn, heute Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin „Centrum Judaicum“ und Historiker, hat daraus dieses Buch entstehen lassen, das unwiederbringlich sein wird für die Nachwelt.

Man bekommt als nachgeborener Deutscher, der noch mit einem Kinderbein in diese Zeit hineingetreten ist, einen gehörigen Respekt vor denen, die instinktiv geheilt waren vor den NS-Rasse- und Massenmord-Zumutungen, weil sie kommunistisches Gedankengut aufgesogen hatten. Das vergisst sich nach der Lektüre nicht, auch nicht durch die Verdunkelung dieser Herkunft in der Zeit der düstersten Stalin-Verfolgungen. Marie Jalowicz war nach Auskunft des Sohnes nicht bereit, sich der Zumutung hinzugeben, die Sowjetunion sei das dritte Rom. Sie konnte deshalb auch kritisch sein, behielt aber ihre Grunddankbarkeit für die Anwesenheit links denkender Menschen in dem abgrundtief verseuchten deutschen Volk. Sie war am 15.11 1945 der Kommunistischen Partei beigetreten, nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD auch der SED. Der Sohn bekennt, dass er seiner Mutter nie die Frage gestellt habe, ob sie sich als Kommunistin verstehe. Er weiß aber, dass sie geantwortet hätte: ich bin eine Linke. Dabei gleichzeitig immer Mitglied der jüdischen Gemeinde zu sein und einen koscheren Haushalt zu führen, “ war für sie kein Widerspruch“.

Auch die edlen Menschen sind natürlich nicht frei von Gewinn- und Profitsucht, dem Kalkül, abhängige Menschen auszubeuten usw. Davon redet die Untergetauchte über 350 Seiten dieses Buches. Auch die Gegner eines solchen Systems sind nicht lupenreine gute Menschen, es tauschen auch dabei wiederum alle möglichen krummen Leute auf. Aber sie setzen der Vernichtungsmaschinerie dann eben in diesem einen Fall ein wirkliches Stoppschild entgegen. 1946 wollte Marie Jalowicz unbedingt nach Palästina, nach Erez Israel. Aber die Argumente verfingen nicht bei Hermann Simon, der Palästina am 21. September 1947 verließ und sie in Berlin im März 1948 heiratete.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014