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14.08.2014

Der deutsche Widerstand

Aus den USA kommt eine sehr gründliche und kritische Darstellung des mutigen Widerstandslebens von zwei deutschen ungewöhnlichen Männern. Von Rupert Neudeck.

Dietrich Bonhoeffer, des Pfarrers der Evangelischen Bekennenden Kirche und des Diplomaten und Juristen Hans von Dohnanyi. Beide waren auf  vielfältige Weise verbandelt bei diesem Kampf.

Einmal waren beide verwandt, sie waren Schwäger, zum andere verband sie die unmittelbare Klarheit, dass Widerstand auch gegen staatliche und juristische Regeln von Treue und Amtseid geleistet werden muss, um der Menschen willen, die schon ermordet worden waren und derer, deren Mord man noch verhindern wollte.

Unvergeßlich für mich, dass der Widerständler Graf von Einsiedel  sich auch in den Jahren, da er noch lebte und als ich ihn in München besuchen durfte, physisch litt, als er noch einmal die absolute Tragödie eingestand, die das Scheitern des Attentats für das deutsche Volk und die Menschheit bedeutet hatte: Es hatte vom 20. Juli 1944 bis zum Kapitulationstag am 8. Mai 1945 mehr Tote und Ermordete gegeben als von Kriegsbeginn an bis zum 20.07.1944.

Wertvoll wird dieses Buch durch die Tatsache, wer es geschrieben hat: Elisabeth Siftons Vater war der Theologe Reinhold Niebuhr, der Dietrich Bonhoeffer 1930-1931 in den USA unterrichtet und so etwas wie sein Mentor in Übersee wurde. Niebuhr wurde einer der großen Gestalten in der weltweiten ökumenischen Bewegung. Die Großeltern und Eltern von Autor Fritz Stern waren Freunde-Kollegen von Dr. Karl Bonhoeffer, dem Arzt und Vater von Dietrich B. und auch mit anderen Mitgliedern der Familie Bonhoeffer. Beide Autoren sind zudem mit dem Sohn von Hans von Dohnanyi befreundet, dem früheren Bürgermeister von Hamburg und Staatsminister a.D. Klaus von Dohnanyi.

Es ist also vielleicht das letzte Buch, das über die – noch lebenden - Autoren noch Beziehungen zu den Verwandten und Familien der beiden ermordeten Widerständler hatte.

Der Pastor und Theologe Bonhoeffer scheut sich nicht, den Weg illegaler Beschäftigung und Einflußnahme zu suchen, um das noch Schlimmere zu verhindern. So wird er von der Abwehr unter Admiral Canaris als „uk“ unabkömmlich geführt und kann auch für die Abwehr verschiedene Aufträge übernehmen, von denen der Chef  Canaris sehr wohl weiss. Er geht im Auftrag der Abwehr gemeinsam mit Graf James Moltke im Frühjahr 1942 nach Norwegen und kann Bischoff Bell im Nachbarland Schweden in Stockholm sehen, mit dem Bischof kann er ein Memorandum an die britische Regierung besprechen.

Das Memorandum zeugt von den Blütenträumen des Widerstandes: Man informierte die britische Regierung über die Entschlossenheit des Widerstandes, das Hitler- Regime zu stürzen. Eine neue Regierung nach Hitler würde „jeglicher Angriffspolitik entsagen, die Nürnberger Gesetze aufheben und eine Kooperation bei der internationalen Lösung von jüdischen Problemen anstreben“. Sie würde alle deutschen Truppen aus den besetzten Ländern abziehen, sowie eine wirtschaftliche Verflechtung zwischen den europäischen Nationen unterstützen, „einschließlich eines freien Polens und einer freien tschechischen Nation“.

Das Buch ist das Werk von zwei Historikern, die den Widerstand und seine Aktionen im Gesamt der Weltkriegsgeschichte einordnen können. Die Reaktion der britischen Regierung auf das Memorandum sorge unter Historikern weiter für Kontroversen. Denn Außenminister Anthony Eden wollte sich mit Bischof Bells Anfrage nicht befassen. Noch schlimmer für die Widerständler war die Tatsache, dass US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Churchill bei einer Konferenz in Casablanca im Januar 1943 auf der „bedingungslosen Kapitulation“ Deutschlands bestanden.

Bonhoeffer war der bedingungslose Christ, der sich auf keinen Kompromiß einließ: Noch vor den Nazis bei der Weltwirtschaftskrise 1931 in Deutschland mit sieben Millionen Arbeitslosen fragt sich Bonhoeffer: was die Kirche tun kann? „Ob unsere Kirche noch eine Katastrophe übersteht, ob es dann nicht endgültig vorüber ist, wenn wir nicht sofort ganz anders werden, ganz anders reden, leben?“  Er war ein Pfarrer der Bekennenden Kirche und seinem Gewissen unbedingt verantwortlich. Als nach dem Beginn des Russlandfeldzugs  die beiden einmal zusammensaßen, fragte Dohnanyi Bonhoeffer eines Abends, was er von dem Wort Jesu halte, Matth. 26,52: „Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen?“  Ob das auch für Hitlers Mörder gelte?, will Hans Dohnanyi wissen. Bonhoeffer sagte ja, sie wären von diesem Urteil nicht ausgenommen. Es brauche der Widerstand Menschen, die sich Jesus Christus unterwerfen und bereit seien, sich der Verantwortung für ihr Handeln zu stellen.

Zwei Worte, die sonst in der Wissenschaft und im normalen Sprachgebrauch nichts zu suchen haben, kommen hier öfter vor. Das Wort „Wunder“ kommt im Zusammenhang immer wieder vor, was aufzeigt, wie unglaublich kompliziert und gefährlich die Zusammenkünfte einzelner Verschwörer waren und sie dennoch gelingen konnten. Und das eigentlich blasse Attribut „anständig“, das uns in der Studentenbewegung bestimmt nicht in den Mund gekommen wäre, hat hier eine große Konjunktur. Hans von Dohnanyi wird zitiert mit der eingängigen, aber eben doch sprachlich überraschenden Einfachheit der Confessio: „Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen“. Ein Satz der genauso viel Bewunderung auslöst für die Bescheidenheit mit der er ausgesprochen wird, aber auch ratlos macht, denn dann gab es verdammt wenig anständige Menschen.

Für tiefgläubige und fromme Menschen bedeutet bis heute das unverschämte Glück, mit der sich der Millionenmörder Hitler immer wieder seines Fatum gewiss sein konnte, die Infragestellung des Gottesbeweises. Am 12. März 1942 fliegen Dohnanyi und Canaris gemeinsam nach Smolensk. Dort sollte Hitler eine Truppenparade vornehmen, Im Flugzeug versteckte Dohnanyi eine kleine Bombe, indem er sich auf sie setzte. Bei der Ankunft übergab er sie dem Oberst Henning von Treskow. Der Plan sah vor, dass Tresckow sie in das Flugzeug bringen sollte, das Hitler von Smolensk wieder in sein ostpreußisches Hauptquartier bringen sollte. Eine halbe Stunde nach dem Start sollte die Bombe hochgehen. Am nächsten Nachmittag konnte Oberst Tresckow die Bombe und die Sprengvorrichtig, die als zwei Geschenkflaschen Cointreau getarnt war, an Bord deponieren, und die Maschine flog los. Der Zündmechanismus versagt, wahrscheinlich wegen der extremen Kälte im Flugzeugrumpf, so dass Hitler unverletzt in seinem Hauptquartier erscheinen konnte. Fabian von Schlabrendorff, Oberst Tresckows Adjutant,  gelang es, die Bombe am nächsten Morgen gegen einen echten Triple-Sec einzutauschen.

Man kann das letzte Kapitel nicht lesen, ohne dass dem Leser die Tränen kommen: Trauer über die Menschen, die uns dann nach dem Zusammenbruch beim Wiederaufbau eines Gemeinwesens so wesentlich und nötig gewesen wären; Wut darüber, dass beide ungewöhnlichen  Männer auch noch Tage vor dem Selbstmord Hitlers und der bedingungslosen Kapitulation ermordet wurden. Die alliierten Soldaten waren am 1. April schon in der Nähe von Buchenwald, dem KZ, in das man Bonhoeffer und andere Gefangene der Gestapo noch unsinnigerweise verfrachtet hatte. Die verbrecherische Verblödung der Gestapo und SS ging so weit, am 3. April eine Gruppe von Gefangenen noch auf einem LKW Richtung Flossenburg zu bringen. Dort traf am 8. April in einem Wagenkonvoi weiterer wichtiger Goldfasanen, wie man die Parteioberen damals nannte, der Vertreter der Anklage Huppenkothen ein: Mit allem, was er für den Prozeß und das Urteil brauchte. Man war auf dem Weg in Gebiete, die noch nicht in der Hand der Alliierten waren.

„Aber zuvor mußten noch einige Morde erledigt werden.“ Ein von Nürnberg aus entsandter SS-Richter schlug sich pflichtschuldigst nach Flossenburg durch. Bonhoeffer heilt auf Bitten einiger Gefangener einen kleinen Gottesdienst ab nach dem von ihm geliebten Text aus Jesaja: „Durch seine Wunden sind wir geheilt!“ (Jes. 53.5) Bei dem Standgericht in der Nacht vom 8. auf den 9. April war Huppenkothen wieder der Ankläger. Bonhoeffer, Admiral Canaris, Generalmajor Oster und andere wurden zum Tod verurteilt, das Urteil wurde am nächsten Morgen durch Erhängen durchgeführt.

Walter Huppenkothen, verantwortlich für den gräßlichen Mord in letzter Minute an Bonhoeffer, arbeitete leider nach dem Krieg für die US-Geheimdienste, wie auch der schreckliche Nazi-Jurist Manfred Roeder, sie wurden beim CIC unter den Decknamen Othello und Fidelio geführt, eine weitere Geschmacklosigkeit. Huppenkothen stand drei Mal vor einem bundesdeutschen Gericht. Seine Verteidigung stützte sich darauf, dass er mit der Ermordung des Bonhoeffer nur rechtmäßige Befehle ausgeführt habe. Die Gerichte entschieden zu Huppenkothens Gunsten mit dem Argument, nur diejenigen seien schuldig, die die Befehle erteilt hatten. Ein damals beliebtes Alibi deutscher Justiz.

Christine Dohnanyi fand berührende Worte für den unvorstellbaren Schmerz, den der Mord an ihrem Mann und seinem Schwager Dietrich Bonhoeffer in ihr ausgelöst hatte: „Ich glaube, es ist schöner zu wissen, wofür man stirbt, als eigentlich nicht recht zu wissen, wofür man leben soll“. Hoc meminisse iuvabit, sagten die Lateiner. Es wird uns helfen, uns an diese Worte zu erinnern, wenn wir den Schmerz überwinden wollen, dass uns die allerbesten weggemordet wurden noch vor dem Ende des Krieges.

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Quelle   Rupert Neudeck 2014Grünhelme 2014